Archiv für den Monat August 2013

Chad Harbach – Die Kunst des Feldspiels

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Zehn Jahre schrieb Chad Harbach an diesem mit Vorschusslorbeeren übergossenen und hochdotierten Debutroman. Zehn Jahre, die der Autor offensichtlich gut investiert hat, denn „Die Kunst des Feldspiels“ ist ein sehr schönes Buch geworden.

Im Zentrum des Romans und der Figurenkonstellation steht Henry, ein begnadeter Baseballspieler, der sich nichts weiter wünscht, als Baseball zu spielen. Dies scheint ihm auch zu gelingen – zunächst. Um Henry gruppieren sich Personenpaare, deren Entwicklungen als Figuren maßgeblich durch das plötzliche Versagen von Henrys Talent angestoßen werden: Da ist zum einen der Präsident der Universität, dessen Selbstbild und Lebensorientierung durch Henrys Zimmermitbewohner Owen ins Wanken gerät, und zum anderen dessen Tochter Pella, die sich auf der Suche nach ihrem Weg im Leben in Mike Schwartz, den Entdecker und Förderer Henrys, verliebt. All diese Figuren ringen mit sich selbst und ihren Zweifeln um ihren Platz in der Welt, um ihren persönlichen „amerikanischen Traum“ – so ist „Die Kunst des Feldspiels“ nicht nur ein Sportroman, sondern auch ein Entwicklungsroman.

Geschrieben ist der Roman in einer sehr schönen, fließenden Sprache, so dass als einzige Kritikpunkte die (zugegebenermaßen natürlich vom nicht-amerikanischen Blickpunkt aus beurteilt) letztlich unkritische Zustimmung zum und Einfindung in das amerikanische Leistungssystem („Das hier ist Amerika. Gewinner gewinnen. Und Verlierern verpasst man einen Arschtritt.“, S. 57) sowie die etwas überstarke Konstruiertheit der Figuren bleiben: Die meisten Figuren sind schlicht zu glatt, zu einfach, nicht immer sind die Figuren in ihrem Handeln und Denken realistisch (insb. Pella, die einzig zentrale Frauenfigur). Einzig wirklich als tragisch Figur, die mit ihrer inneren Zerrissenheit und ihren Fehlern tatsächlich zu kämpfen hat, tritt Mike Schwartz auf, die einzig vielschichtige Figur ist Guert Affenlight, der Präsident der Universität, der versucht, mit seinem erschütterten Leben zurechtzukommen. Bei allen anderen Figuren scheinen die Störungen von außen auf sie trotz (oder gerade wegen?) ihrer ständig herbeibeschworenen Attraktivität, Intelligenz, Begabung einzudringen, sie leiden zwar an ihnen, scheinen aber auch keinen direkten Einfluss nehmen zu können, bleiben passiv, haben nicht einmal einen Ursprung für diese Störung in ihrem Innen, die sie verzweifeln lassen würde, und sind eben damit etwas zu glatt, zu makellos. Daraus resultiert der Eindruck, dass der Roman stellenweise zu seicht geraten ist, insbesondere in Bezug auf die emotionale Ausgestaltung der Figuren.

Man beendet das Buch zwar mit einem guten Gefühl (und dem schlechten Gefühl, wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der literarischen Anspielungen dieses Romans als solche erkannt zu haben), vieles hallt auch noch nach, ein wirklich großer Roman ist es aber nicht. Es ist aber trotzdem ein intelligenter, unbedingt lesenswerter Roman, auch für nicht-Sportbegeisterte. Vielleicht einfach ein ziemlich guter Roman, den man mit Gewinn liest. Und das ist doch Grund genug, um ihn zu lesen.

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Kevin Powers – Die Sonne war der ganze Himmel

IMG_0794 Große Katastrophen sind ein interessanter Stoff für Literatur: Warum schreibt ein Autor über etwas, das so schlimm ist, dass es eigentlich nicht in Worte gefasst werden kann? Das Akt des Erzählens wird bei solchen Stoffen zu einem Akt des Ordnens, ein Stück weit zu einem Akt des Bearbeitens, vielleicht sogar des Bewältigens – wenn die Katastrophe überhaupt bewältigt werden kann.

Obwohl Kevin Powers selbst als Soldat im Irak war, ist „Die Sonne war der ganze Himmel“ nicht einfach ein Erfahrungsbericht, es ist ein schmerzvolles Kunstwerk, bei dem auch gar nicht das Entscheidende ist, ob das Erzählte exakt so passiert ist – eben weil es exakt so passiert sein kann und ständig so passiert. Der Roman ist Reflexion auf ein Trauma, es ist der Versuch, weiterzumachen, wenn man das Unerträglichste gesehen und getan hat: Zwei junge amerikanische Soldaten, der 21-jährige John Bartle und der 18-jährige Daniel Murphy, werden gemeinsam mit dem 24-jährigen Sergeant Sterling zum Kriegseinsatz in den Irak geschickt – und nur einer von ihnen kehrt zurück. Nun muss John Bartle in einen Alltag zurückfinden, in den er nicht mehr hineinpasst, in eine Gesellschaft, der er nichts mehr sagen kann, weil er alles Menschliche hinter sich lassen musste, um zu überleben. Wie soll man da zurückfinden in die Normalität?

Den Verlust der menschlichen Normalität und das Ringen darum, diese zumindest im Kleinen wiederzuerlangen strukturiert Powers in kapitelweisen Vor- und Rückblenden, wobei abwechselnd von der Zeit vor bzw. nach dem Einsatz im Irak im Jahr 2004 und von dem Einsatz selbst erzählt wird. Dabei bedient Powers alles Stereotype, die man von einem amerikanischen Kriegsroman erwartet: Männlichkeit, Fluchen, gutaussehende Sanitäterinnen – er psychologisiert sie aber so, dass nichts von Kriegsromantik bleibt, und er verwendet derart gezielt eine poetische, anfangs fast lyrische Sprache, die vor allem eine Aussage des Protagonisten unterstreicht: Dass man das, was im Krieg geschieht, unmöglich in Worte fassen kann. John Bartle kann nach seiner Rückkehr aus dem Irak die Fragen seiner Mutter nicht beantworten und Kevin Powers gehen die Metaphern aus – der Protagonist verliert seine Menschlichkeit, wird zur Kriegsmaschine, und ebenso verliert die Sprache ihre Blumigkeit. Der Krieg hat nichts, was man schönreden könnte – eine Aussage, die der Roman inhaltlich wie sprachlich vermittelt. Die Katastrophe kann nicht bewältigt werden, weil man ihr keinen Sinn geben kann, auch und schon gar nicht im Nachhinein.

Ein berührendes, wichtiges Buch, vielleicht eines der besten, die ich dieses Jahr gelesen habe: uneingeschränkte Empfehlung.

Nicht so tragisch…

… aber doch irgendwie störend ist es, wenn die Covergestaltung eines Buches so wenig ansprechend ist, dass man sich überlegt, es auf Englisch zu lesen, nur damit man dann dieses blöde Cover nicht sehen muss (Hallo, Fischer-Verlag, was hast du dir denn da gedacht? Das Cover sieht aus, als würde es ein neues Werk der Popliteratur mit einer Zielgruppe zwischen 16 und 21 beherbergen).
Aber immerhin und vor allem: Ein neuer Coetzee und ich bin glücklich.

Deutsches Cover:

Englisches Cover:

Florian Illies – 1913

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Manchmal zeigt sich erst im Nachhinein, dass scheinbar ganz Alltägliches von großer Bedeutung war, oder eben nur schlicht nicht das: alltäglich. So erscheint aus heutiger Sicht – durch die Brille der zwei Weltkriege – das Jahr 1913 wie generell die Jahre vor dem ersten Weltkrieg als eine enorme Ballung wichtiger Figuren, historisch-politischer wie kulturhistorischer Ereignisse, es ist der so oft erwähnte „Tanz auf dem Vulkan“. Dass man oft von der Bedeutsamkeit einer Zeit oder eines Ereignisses erst dann erfährt, wenn sie bzw. es schon vergangen ist, und dass eben das Bedeutsame während es geschieht fast alltäglich scheinen mag, ist wohl auch das Schicksal der Personen, die um 1913 gelebt haben und sich mehrheitlich in der Sicherheit weltumspannender wirtschaftlicher Netze wägten. Die Rückübersetzung der heute vielleicht sogar mit Bedeutung und Wertung überladenen Ereignisse und Figuren des Jahres 1913 zurück ins Alltägliche ist das, was „1913“ von Florian Illies leistet, oder leisten möchte. In diesem eher feuilletonistischen Überblick über den „Sommer des Jahrhunderts“ will Illies eher ein lebhaftes Panorama einer Zeit darstellen, als eine historische Analyse der Zeit leisten oder ein tatsächliches „Sachbuch“ über diese Zeit schreiben: Und so trifft der Leser in nach Chronologie entsprechend den Monaten angeordneter Reihenfolge auf die „Großen“ der Zeit und ihre ganz alltäglichen Anekdötchen und Wehwehchen.

Entsprechend des Zieles, das Illies wohl vor Augen hatte, muss man ihm also nicht vorhalten, dass er eben eines nicht leistet: Er liefert eben keine Analyse des Jahres ab, der Leser lernt nicht, historische, auch nur kulturhistorische Zusammenhänge zu verstehen, das Jahr 1913 wird nur in sehr zaghaften Ansätzen in Zusammenhängen verortet. In dem Sinne „lernt“ man nichts über die Zeit (es sei denn, es waren einem bestimmte im Buch vorkommende Figuren unbekannt), was ja nun nicht weiter tragisch ist, da dies eben auch nicht der Intention des Autors entspricht.

Damit hängt auch eng zusammen, dass Illies seinen Blickwinkel stark eingeschränkt hat: Im Zentrum steht Europa, insbesondere Paris, Wien und Berlin, auch Amerika taucht nur ab und an auf, der Blick ist auf die Kunst gerichtet, die politischen Geschehnisse und Figuren der Zeit kommen nur am Rande vor. Auch das sei dem Autor in Hinblick auf die Absicht des Buches nachgesehen.

Und obwohl damit schon gar nicht mehr viel bleibt: „1913“ von Florian Illies ist für mich jetzt schon das am stärksten überbewertete Buch des Jahres. Es ist eine Ansammlung von Anekdoten, die der geneigte Bildungsbürger – ohne durch sie irgendwie an Verständnis für irgendetwas gewonnen zu haben – sich merken und beim Bildungsbürgerschwätzchen im Rahmen des nächsten Arbeitsessens oder bei der nächsten halbbelesenen Festtagsrede zum Besten geben kann. Diese Anekdötchen bringt Illies mit einem nervtötenden augenzwinkernden Schreibstil zu Papier, der mich dazu zwang, das Buch immer wieder zur Seite zu legen. Zudem ist sich Illies nicht zu schade, sich abgegriffener Künstlerklischees (ach, alle irgendwie sozial gestört, und der Rilke, dieses Übersensibelchen, praktisch lebensunfähig, Kafka, herrje, wird einsam bleiben, Künstler eben) und alberner Verweise auf sexuelle Vorlieben zu bedienen (zum Beispiel bei Kokoschka, Trakl, Musil).

Hätte ich Zeit und Lust, würde ich gerne das Buch noch einmal durchgehen, um zu überprüfen, ob mein Eindruck zutrifft, dass bestimmte Personen immer in denselben Konstellationen auftreten. Wie oft beispielsweise Kafka nicht im Zusammenhang mit Felice Bauer genannt wird (ich erinnere mich nur an zwei Stellen: den Kinobesuch und die Stelle mit den Schwestern), wie oft Kokoschka ohne Alma Mahler-Werfel und wie oft Rilke ohne eine seiner Damen oder Schnupfen auftritt. Als hätten eben diese drei in einem ganzen Jahr nichts anderes getan, was erwähnenswert gewesen wäre. Hätte es 1913 schon die BILD gegeben, das Buch von Illies könnte ein Best-of der Leitartikel sein.

„1913“ von Florian Illies bestärkt alle halbgebildeten Klischees über die Zeit und ihre Protagonisten, und so kommt man aus dem Buch schlichtweg dümmer heraus, als man hineingekommen ist. Ob man das ganze wenigstens unterhaltsam findet, hängt wohl damit zusammen, ob man dem Schreibstil etwas abgewinnen kann.

Terézia Mora – Der einzige Mann auf dem Kontinent

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Terezia Mora ist mit „Das Ungeheuer“,  dem „Nachfolgeroman“ zu „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Und das ist doch mal ein Anlass, um über „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ zu reden. Von der Autorin und eben diesem Buch habe ich erstmals 2010 bei der Verleihung des Adelbert-von-Chamisso-Preises erfahren, die Thematik wirkte spontan unglaublich spannend, Sigrid Löffler sang eine Lobeshymne auf das Buch, so einfach ist das: Ich wollte das unbedingt lesen.

Dargestellt wird eine Woche im Leben des Darius Kopp, eine Informatikers und Fachmannes für die Sicherheit von drahtlosen Netzwerken. Darius besteht darauf, zufrieden zu sein, ein schönes Leben zu haben – auch, wenn all seine Kommunikationsversuche über das Internet mit seiner Firma scheitern, auch, wenn er nicht merkt, wie seine Frau ihm entgleitet, weil er sich lieber im Internet von Nachrichten berieseln lässt, auch, wenn sich familiäre und soziale Katastrophen ankündigen, die verdrängt werden, fast lästig scheinen, dem „schönen Leben“ zuliebe.

Gelesen habe ich dann praktisch ein Jahr lang an dem Buch, was kein gutes Zeichen bei mir ist, ich habe immer wieder doch lieber etwas anderes gelesen, musste mich oft zum Weiterlesen durchringen, denn: Darius Kopp, einer dieser stets ungemein geschäftigen Anzug-Handy-Aktenköfferchen-Typen, ist stets bemüht, an seinem Alltag (und auch den nicht-alltäglichen Geschehnissen in diesem) so wenig wie möglich direkt teilhaben zu müssen, was oberflächlich den Eindruck erzeugt, dass nichts passiert. Zudem wird er leider dadurch auch nicht unbedingt eine interessante oder auch nur ansatzweise sympathische Figur, wenn auch sicher eine sehr aktuelle. All das erzeugt ein gewisses Maß an Leere, man will eigentlich gar nicht wissen, wie es weitergeht, weil es dem Leser mit der Zeit fast genauso egal ist wie dem Protagonisten. Aber eben diese Leere ist sicher für dieses Buch dringend notwendig, denn genau darum geht es ja: Oberflächliche Geschäftigkeit, die eigentliche Leere verdeckt, die wiederum das verdrängt, was wichtig wäre. Klug gemacht ist das schon, wenn auch die Verstrickung Darius Kopps in seine privaten (Nicht)Angelegenheiten, die das Buch dominiert, dem Buch die Möglichkeit zu einer tiefergehenden Analyse und Kritik der globalisierten Web 2.0-Gesellschaft nimmt, denn am Ende steht halt doch die Figur Darius Kopp im Zentrum.

„Der einzige Mann auf dem Kontinent“ ist sicher ein kein schlechtes und zudem ein sehr aktuelles Buch, eine Diagnose zur Web 2.0-Zeit und ihrer merkwürdigen Art der Kommunikation, und nebenbei bemerkt ist die sprachliche Gestaltung sehr gelungen. Es bleibt aber die Frage, ob eine gute Idee und eine wirklich sehr schöne Sprache reichen, um ein wirklich gutes Buch daraus zu machen, zumal die Figur Darius Kopp dem Anliegen in gewisser Weise im Wege steht – sowohl was die Dramaturgie des Romans, als auch was die kritische Analyse der Gegenwart betrifft. Ich bezweifle, dass dieses Buch jemanden wirklich zum Nachdenken bringt, kann mir aber vorstellen, dass viele es toll finden, sich der Figur beim Lesen vermeintlich überlegen zu fühlen – und genau das ist das Problem: Das Buch tut dem Leser zu wenig, obwohl es der Thematik entsprechend dem Leser wohl etwas tun müsste.

Und obwohl das Buch mich so gelangweilt hat, würde ich sofort wieder etwas von Terezia Mora lesen, denn sie ist sicherlich eine sehr kluge Autorin, die sehr gut schreiben kann. Ich bin also gespannt auf „Das Ungeheuer“.

Ein Beitrag zum Wagner-Jahr

Walking mit Wagner

Zum Warm-up den „Walkürenritt“, während der abschließenden Ruhephase „Isoldes Liebestod“ – mit Musik geht alles besser, auch das Walken. Und insbesondere in Bezug auf Wagner hat das Woody Allen ja schon vor Jahren festgestellt, der beim Zuhören gleich bis nach Polen walken wollte: „I can’t listen to that much Wagner. I start getting the urge to conquer Poland.“

Christian Kracht – Faserland

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Immer gibt es Krach um Kracht – und einen Euro in die miserable-Wortspiele-Kasse. Dieses Jahr geht es – obwohl „Imperium“ gerade als Taschenbuch erschienen ist – mal wieder um „Faserland“, für Menschen meines Alters, die die Debatten 1995 noch nicht so recht mitverfolgt haben, ist das weniger redundant als wahrscheinlich für den Autor selbst (dem das aber wahrscheinlich ziemlich egal ist). Stein des Anstoßes: „Faserland“ gehört jetzt zum Pflichtkanon für das Deutschabitur in Niedersachsen.

Was genau jetzt wen wieder stört und warum andere sicher wiederum davon gestört fühlen, dass sich irgendwer gestört fühlt, kann man hier oder hier oder hier nachlesen. So oder so: „Faserland“ ist ein sehr gutes Buch und mit Recht „kanonisiert“, falls man auf so etwas Wert legt.

Im Grunde lässt sich dieser kurze Roman in zwei Sätzen zusammenfassen, wie das etwa Torsten Liesegang („New German Pop Literature“ – obwohl ich von der Zugehörigkeit zur „Popliteratur“ nicht überzeugt bin) getan hat: „The protagonist, a boarding-school dropout with an upperclass background presumably in his mid-twenties, recounts his travels from Sylt to Zurich on a senseless and aimless journey. Although the narrator accidentally meets acquaintances or friends here and there, he stays nowhere for long; he constantly finds himself in embarrasing situations that force him to move on, disgusted by the people he meets.“ Der Roman ist also ein Reiseroman – durchquert wird ganz Deutschland, von Sylt bis München, die letzte Reisestation ist dann Zürich in der Schweiz, das Land der Hoffnung für den Protagonisten. Dieser Protagonist scheint alles zu haben, vor allem so viel Geld, dass er anscheinend noch nie arbeiten musste, und doch hat er nichts, keine Heimat, keine Identität, im Buch nicht einmal einen Namen. Überall hat er Bekanntschaften, Freunde hat er nirgends, er scheint nicht so recht hineinzupassen in die Gesellschaft, auf die er voll Verachtung blickt, was nur den Eindruck verstärkt, dass in ihr einen Platz für sich zu finden letztlich Ziel der Sehnsucht wäre. Die Reise durch Deutschland entpuppt sich als eine Reise auf der Suche nach Sinn, Heimat, Schönheit, Identität, einem Weg aus der Einsamkeit – und führt je nachdem, wie man den Schluss lesen will, zum Scheitern oder zum Gelingen. Je nach Lesart des Schlusses kann man den Roman also als (Anti?)Entwicklungsroman lesen, der ganz nebenbei eine ganze Reihe anderer Themen (Dominanz von Marken/Konsum, Bewältigung der deutschen Vergangenheit, Umgang mit Schuld, latente Homosexualität) anreißt und dies alles trotz „Umgangs-“ und „Fäkalsprache“ in einer unglaublich schönen, klaren Sprache. Eine ganze Reihe der Merkmale, die zu den Debatten um „Imperium“ führten, findet sich bereits in „Faserland“. Manches ist überzogen, nicht alles so ganz clever, aber nichts desto trotz:

Wer „Faserland“ nicht gelesen hat, sollte es unbedingt tun. Auf mich wartet in hoffentlich naher Zukunft „Imperium“, das hier schon rumliegt.

Ob „Faserland“ allerdings eine gelungene Lektüre für eine Schulklasse ist, sei dahingestellt – dass Jugendliche unter 20 mit dem Buch etwas anfangen können, bezweifle ich stark, dass die Eltern dieser Jugendlichen die Sprechstunden der Deutschlehrer stürmen, weil in dem Buch ständig Alkohol getrunken und wieder ausgeschieden wird, nehme ich stark an. Dennoch, wenn man wie Heike Schmoll von der FAZ moralisch durchdachtes Verhalten des Protagonisten zum Kriterium für gute Schullektüre ernennen möchte, sollte man zuerst Goethes „Faust“ aus den Lehrplänen streichen. Und wer könnte denn sowas wollen?!