Archiv für den Monat April 2014

Haruki Murakami – Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

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Murakami muss man ja schon fast allein deswegen mögen, weil über ihn schon seit Jahren so schön gestritten wird. Ist das eigentlich Kunst oder ist das Kitsch, ist das jetzt tiefsinnig oder banal, sollte er einen Nobelpreis kriegen oder nicht – da ist doch wenigstens was los in der literarischen Welt.

Sein inzwischen ja auch schon nicht mehr ganz neuer Roman handelt von einem typischen erste-Welt-Problem, nämlich in gewisser Weise von Selbstfindung und der Überwindung spätkindlicher Traumata. Tsukuru Tazaki, die Hauptfigur des Romans, wurde vor etlichen Jahren aus heiterem Himmel aus dem Kreis seiner besten Freunde verstoßen, und seither – ach je – kann er nicht mehr vertrauen und nicht mehr lieben. Und nicht nur das, nein, der Junge hat es wirklich schwer, denn schon immer hat er das Gefühl, nichts Besonderes zu sein. Und selbstverständlich wird er am Ende erkannt haben, dass dem nicht so ist und sein Problem wird er auch gelöst haben und ist das nicht schön, so viel Selbstverwirklichung.

Der Plot ist wirklich unerträglich und man könnte allen Kritikern Murakamis zustimmen, dass das natürlich banaler Kitsch ist – und trotzdem läge man meiner Meinung nach damit sehr weit daneben. Denn Murakami führt diese banale Kiste in einer so stimmungsvollen und vielschichtigen Art und Weise aus, dass das, worum es geht, praktisch nebensächlich wird. Der Roman ist wie ein gordischer Knoten, voller Fäden, die ins Nichts führen und aus denen man sich dann selbst etwas stricken kann, wenn man möchte. Getragen wird dies von einer ruhigen, melancholischen Grundstimmung, der man sich selbst dann nicht entziehen kann, wenn man so ungern irgendwelche Stimmungen in irgendetwas wahrnimmt wie ich.

Das Leben ist eine ziemlich banale Sache, so ist das nun mal. Aber Murakami erzählt banale Dinge so, als ob sie voll tiefer Bedeutung wären – und eben darum ist er nicht Rosamunde Pilcher. Es gibt hier keine einfachen, vorgegebenen Lösungen und Wege, sondern es gibt ein reiches Angebot an Fäden, an denen man ziehen kann, ohne dass man das Gefühl hätte, aus dem Roman schlau zu werden. Und eben deswegen ist es ein Buch, das man mit Gewinn liest und das den Leser noch lange nach der Lektüre begleitet.

Und ob das jetzt Kunst ist oder Kitsch, das zeigt die Zeit.

Barbara Vinken – Angezogen. Das Geheimnis der Mode

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Barbara Vinken durfte ich ja tatsächlich einmal live erleben, bei einem Vortrag über Lacan (glaube ich) von Rex Butler (glaube ich), den sie moderiert hat. Der Vortrag ist mir – wie man so merkt – nicht allzu nachdrücklich in Erinnerung geblieben, weil ich natürlich kein Wort verstanden habe, sondern mich darauf konzentriert habe, an den richtigen Stellen nachdenklich zu schauen und zu nicken, damit keiner merkt, dass in meinem Kopf ein Bär Einrad fährt. Nachdrücklich in Erinnerung ist mir allerdings Frau Vinken selbst geblieben, eine im allerbesten Sinne der Formulierung nahezu grotesk elegante Frau. Wer Frau Vinken einmal gesehen hat, dem ist sofort klar, dass hier jemand über Mode schreibt, die weiß, wovon sie spricht. Kein Mensch würde ein Buch über Mode lesen wollen von jemandem, der zu jeder Gelegenheit Jack Wolfskin-Jacken trägt, weil sie so praktisch sind.

„Angezogen“ stellt die Kulturgeschichte primär der westlichen Mode (es gibt aber auch kurze Seitenblicke auf die östliche Mode) dar und erklärt in der ersten Hälfte des Buches auf kluge wie unterhaltsame Weise, warum Frauen ihre Sexualität modisch nie loswerden, Männer dagegen schon. Die zweite Hälfte des Buches beschäftigt sich vor allem mit neueren Entwicklungen im high fashion-Bereich. Insbesondere der erste Teil des Buches ist wirklich sehr spannend und ich würde mir ehrlich wünschen, dass dieses Buch viele Menschen lesen – insbesondere solche, die meinen, Beschäftigung mit Mode wäre oberflächlich. Denn tatsächlich oberflächlich, und eben dies führt „Angezogen“ klar vor Augen, ist es nur, wenn man sich eben „irgendwas anzieht“ und meint, das hätte keine Bedeutung oder damit wäre man frei von kulturell tradierten Codes. Und oberflächlich ist es auch, denen, die die kulturell tradierten modischen Codes lesen, vorzuhalten, sie würde „ganz oberflächlich“ nur nach dem Urteilen, was sie sehen. „Angezogen“ ist eine aufschlussreiche, unterhaltsam zu lesende Lektüre, die in diesem Zusammenhang nur empfohlen werden kann.

Aber: Dennoch ist die erste Hälfte des Buches, die meines Erachtens die interessantere ist, recht redundant. Das erleichtert zwar das Lesen, wäre aber in diesem Maße dann doch nicht notwendig gewesen – schade ist dies insbesondere deswegen, weil auf den Seiten, die man durch eine Straffung dieser ewigen Wiederholungen hätte gewinnen können, Dinge in den Blick hätten genommen werden können, die das Buch weitgehend außen vor lässt: Seien dies nun modische Subkulturen, ein stärkerer Blick auf die nicht-westliche Mode oder ein stärkerer Blick insbesondere auf neuere Entwicklungen in der Freizeitmode für Männer.
Der zweite Teil des Buches, der sich mit namhaften Designern der letzten Jahre und Jahrzehnte beschäftigt, ist zwar nicht uninteressant, dürfte aber vor allem für wirklich Modebegeisterte von Interesse sein. Dem „Laien“ fehlt es hier zum Nachvollzug häufig an entsprechendem Bildmaterial zu den besprochenen Entwürfen (die in dem Buch vorhandenen Abbildungen decken nicht einen Bruchteil dessen ab, was von der Autorin besprochen wird) – auch wenn dieses Manko wohl eher den Druckkosten als der Autorin anzulasten ist, hätte das Buch durch mehr Bildmaterial doch deutlich gewonnen. Darüber hinaus fällt bei all dieser Ausführlichkeit in Bezug auf high fashion der Blick auf die Alltags- und Freizeitmode, wie man sie auf der Straße sieht, deutlich zu kurz aus. Leider weiß ich auch nach der Lektüre von „Angezogen“ noch nicht, warum sich viele Bewohner von großen Städten, deren Aufenthalt im Freien sich auf den Weg zur U-Bahn-Station beschränkt, in schreiend bunte Trekkingkleidung (Jack Wolfskin, North Face…) werfen, als hätten die Herrschaften auf dem Weg zum Büro einen Querfeldeinmarsch zu erwarten. Auch die Alltagskultur ist schließlich Kultur und es wäre doch auch die Sache wert gewesen, auch auf sie einen analytischen Blick zu werfen.

Nichts desto trotz: „Angezogen“ ist ein interessantes Sachbuch, dessen Lektüre einem in mancher Hinsicht die Augen öffnet – und schließlich beschäftigt es sich mit einer Materie, mit der jeder täglich konfrontiert wird. Schon das sollte ein Grund sein, dieses Buch zu lesen.