Florian Illies – 1913

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Manchmal zeigt sich erst im Nachhinein, dass scheinbar ganz Alltägliches von großer Bedeutung war, oder eben nur schlicht nicht das: alltäglich. So erscheint aus heutiger Sicht – durch die Brille der zwei Weltkriege – das Jahr 1913 wie generell die Jahre vor dem ersten Weltkrieg als eine enorme Ballung wichtiger Figuren, historisch-politischer wie kulturhistorischer Ereignisse, es ist der so oft erwähnte „Tanz auf dem Vulkan“. Dass man oft von der Bedeutsamkeit einer Zeit oder eines Ereignisses erst dann erfährt, wenn sie bzw. es schon vergangen ist, und dass eben das Bedeutsame während es geschieht fast alltäglich scheinen mag, ist wohl auch das Schicksal der Personen, die um 1913 gelebt haben und sich mehrheitlich in der Sicherheit weltumspannender wirtschaftlicher Netze wägten. Die Rückübersetzung der heute vielleicht sogar mit Bedeutung und Wertung überladenen Ereignisse und Figuren des Jahres 1913 zurück ins Alltägliche ist das, was „1913“ von Florian Illies leistet, oder leisten möchte. In diesem eher feuilletonistischen Überblick über den „Sommer des Jahrhunderts“ will Illies eher ein lebhaftes Panorama einer Zeit darstellen, als eine historische Analyse der Zeit leisten oder ein tatsächliches „Sachbuch“ über diese Zeit schreiben: Und so trifft der Leser in nach Chronologie entsprechend den Monaten angeordneter Reihenfolge auf die „Großen“ der Zeit und ihre ganz alltäglichen Anekdötchen und Wehwehchen.

Entsprechend des Zieles, das Illies wohl vor Augen hatte, muss man ihm also nicht vorhalten, dass er eben eines nicht leistet: Er liefert eben keine Analyse des Jahres ab, der Leser lernt nicht, historische, auch nur kulturhistorische Zusammenhänge zu verstehen, das Jahr 1913 wird nur in sehr zaghaften Ansätzen in Zusammenhängen verortet. In dem Sinne „lernt“ man nichts über die Zeit (es sei denn, es waren einem bestimmte im Buch vorkommende Figuren unbekannt), was ja nun nicht weiter tragisch ist, da dies eben auch nicht der Intention des Autors entspricht.

Damit hängt auch eng zusammen, dass Illies seinen Blickwinkel stark eingeschränkt hat: Im Zentrum steht Europa, insbesondere Paris, Wien und Berlin, auch Amerika taucht nur ab und an auf, der Blick ist auf die Kunst gerichtet, die politischen Geschehnisse und Figuren der Zeit kommen nur am Rande vor. Auch das sei dem Autor in Hinblick auf die Absicht des Buches nachgesehen.

Und obwohl damit schon gar nicht mehr viel bleibt: „1913“ von Florian Illies ist für mich jetzt schon das am stärksten überbewertete Buch des Jahres. Es ist eine Ansammlung von Anekdoten, die der geneigte Bildungsbürger – ohne durch sie irgendwie an Verständnis für irgendetwas gewonnen zu haben – sich merken und beim Bildungsbürgerschwätzchen im Rahmen des nächsten Arbeitsessens oder bei der nächsten halbbelesenen Festtagsrede zum Besten geben kann. Diese Anekdötchen bringt Illies mit einem nervtötenden augenzwinkernden Schreibstil zu Papier, der mich dazu zwang, das Buch immer wieder zur Seite zu legen. Zudem ist sich Illies nicht zu schade, sich abgegriffener Künstlerklischees (ach, alle irgendwie sozial gestört, und der Rilke, dieses Übersensibelchen, praktisch lebensunfähig, Kafka, herrje, wird einsam bleiben, Künstler eben) und alberner Verweise auf sexuelle Vorlieben zu bedienen (zum Beispiel bei Kokoschka, Trakl, Musil).

Hätte ich Zeit und Lust, würde ich gerne das Buch noch einmal durchgehen, um zu überprüfen, ob mein Eindruck zutrifft, dass bestimmte Personen immer in denselben Konstellationen auftreten. Wie oft beispielsweise Kafka nicht im Zusammenhang mit Felice Bauer genannt wird (ich erinnere mich nur an zwei Stellen: den Kinobesuch und die Stelle mit den Schwestern), wie oft Kokoschka ohne Alma Mahler-Werfel und wie oft Rilke ohne eine seiner Damen oder Schnupfen auftritt. Als hätten eben diese drei in einem ganzen Jahr nichts anderes getan, was erwähnenswert gewesen wäre. Hätte es 1913 schon die BILD gegeben, das Buch von Illies könnte ein Best-of der Leitartikel sein.

„1913“ von Florian Illies bestärkt alle halbgebildeten Klischees über die Zeit und ihre Protagonisten, und so kommt man aus dem Buch schlichtweg dümmer heraus, als man hineingekommen ist. Ob man das ganze wenigstens unterhaltsam findet, hängt wohl damit zusammen, ob man dem Schreibstil etwas abgewinnen kann.

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5 Gedanken zu „Florian Illies – 1913

  1. literaturen

    Wow, das ist mal ein komplett gegensätzlicher Eindruck. Ich habe „1913“ sehr sehr gern gelesen und finde, dass gegen Anekdoten vor historischer Kulisse absolut nichts einzuwenden ist, wenn man sie natürlich entsprechend reflektiert und dem eine Recherche nachfolgen lässt. Mir gefiel gerade das Augenzwinkern und das Spielen mit den so bedeutsamen Gegebenheiten … und Künstlerklischee oder nicht, auf Kafka und Rilke mag vieles davon zugetroffen haben. Ich glaube aber auch nicht, dass jemand allen Ernstes dieses Buch liest und sich denkt: „Jaja, so gestört sind sie, die Künstler.“ Das ist nicht Illies‘ Zielgruppe und meiner buchhändlerischen Erfahrung nach auch nicht die Klientel, die es kaufen würde. Ich sehe „1913“ nach wie vor als Anregung, sich geschichtlich zu bilden ..und den Zugang dazu liefern oft eben auch Anekdoten. Das war schon im Geschichtsunterricht so. 😉

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    1. kulturgeschwaetz Autor

      Dass man den Schreibstil als unterhaltsam empfinden kann, klar, da mag ich eben einen anderen Geschmack haben. Aber einen Beitrag zur geschichtlichen Bildung sehe ich eben dann nicht, wenn man nur das liest, was man eh schon in seinen schönsten Klischees vermutet (im Sinne von „Jaja, genau so hab ich ihn mir vorgestellt, den Musil“), aber nicht einmal der Versuch unternommen wird, Differenzierung herzustellen (die Anekdoten der jeweils dargestellten Personen weisen ja auch penetrant immer in dieselbe Richtung), im Dienste der Gefälligkeit. Mit geschichtlicher Bildung kann das aber insofern zu tun haben, als man, wenn man das Buch gerne gelesen hat, bestimmt gerne weitere Bücher in der Richtung liest – das ist dann ja sehr schön und sicherlich etwas, was man „1913“ gar nicht deutlich genug zugute halten muss. Mir war das halt alles zu prätentiös, kann aber gut sein, dass ich da überempfindlich bin.:)

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  2. Herr Ärmel

    Ich lese das Buch eben zum zweiten Mal. Was es für mich lesenswert macht, ist der mosaikartig fein gedengelte Aufbau, sowie der subtile Humor von Illies.
    Ich habe im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte mehr oder weniger intensiv die auftretenden Persönlichkeiten in ihren Werken kennengelernt. Insofern habe ich bekanntes Gebiet lesend bereist. Nicht wenige der „Anekdoten“ kannte ich bereits vorher. Und dennoch hat es Illies geschafft, mich dahingehend zu bewegen, einiges erneut und vor allem vertiefend zu recherchieren. Darin liegt für mich persönlich der Wert dieses Werkes.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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  3. sdf

    Liebe Katharina Herrmann,

    Vielen Dank für Ihr Revue. Eine spannende Sicht der Dinge haben Sie da, sie erzwingt direkt eine Replik.

    Sie vergessen, dass Geschichte immer INTERPRETIERT ist. Nicht nur Historiker tun das. Exakte Angaben in der Geschichte sind Originaldokumente, schlicht rohe Daten. Der Rest ist eben auch eine Geschichte.
    Die Interpretation ist DIE GRUNDLAGE der Identitätskonstitution des Menschen.
    Wer den Fehler begeht, der Kulturgeschichte keine Bedeutung beizumessen, den mag Illies enttäuschen. Aber Kulturgeschichte heisst doch im Kern nichts mehr, als die emotionale Revitalisierung der Vergangenheit im Bewusstsein einiger historischer Tatsachen. Das ist ein schönes, archaisches Prinzip, kein Hokuspokus. Emotionen prägen das Empfinden jeder Gegenwart und der Handlungen, die sie hervorbringt. Und Sie wissen ja, wie schnell die Gegenwart vergeht… Illies begegnet Emotionalem in seinem Buch durchwegs mit latenter Ironie. Welch ein Gourmand! Und sicher ist er ein Bildungsbürger, doch was ist daran nicht wünschenswert? Oder sind es nur die Leser, die Bildungsbürger, die sich an „allen halbgebildeten Klischees“ ergötzen? Dazu würde mich Ihre Antwort interessieren.

    Die Kenntnis kultureller und historischer Zusammenhänge setzt der Autor natürlich voraus. Es handelt sich ja nicht um ein properes Sachbuch, und schon gar nicht um ein Schulbuch. Es ist eben was Neues, was man bis jetzt so noch nicht gelesen hat –> Prädikat „Gar nicht langweilig“.
    Die „Brille der 2. Weltkriege“ werden jene Völker in Europa, die besser leben wollen, hoffentlich bald ausziehen und zertreten. Versuchen Sie es doch auch mal! Es wird nichts verloren gehen. Man sieht einfach MEHR Dinge und das Geschichtsempfinden wird facettenreicher, sodass Sie mit gesunder Prosperität in die Zukunft gehen können.

    Schöne Grüsse, sdf.-

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    1. kulturgeschwaetz Autor

      Pardon, aber was hat Ilies Buch mit Kulturgeschichte zu tun? Da kann ich Ihnen um ehrlich zu sein nicht folgen. Auch was Interpretation von Geschichte mit dem Buch von Illies, das ja offensichtlich keine historische Darstellung, sondern eine Ansammlung von Klatsch und Tratsch darstellt, zu tun haben soll. Auch worauf Sie mit den „Emotionen“ abzielen, ist mir unklar, und vor allem, wie das in einem Zusammenhang mit der Interpretation von Geschichte, gar mit Kulturgeschichte zusammenhängen soll. Da müssten Sie mir, wenn Sie auf eine Antwort wert legen, bitte noch einmal auf die Sprünge helfen. Abgesehen davon interessiert mich ganz einfach nicht, welche Liebschaften welcher Künstler hatte oder ob er gerne Ferien an der Ostsee macht, auch Schnupfenerkranungen von Rilke lassen mich seine Werke nicht in einem anderen Licht erscheinen – ich halte das alles weder für erhellend oder Horizont-erweiternd, noch hat es mich gut unterhalten. Es freut mich aber sehr, dass Sie dem Buch offensichtlich mehr abgewinnen können als ich und dass Sie Freude an der Lektüre hatten. Geschmäcker sind eben (glücklicherweise!) verschieden.

      Antwort

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