Archiv für den Monat Mai 2016

Hans-Ulrich Treichel – Tagesanbruch

Treichel TagesanbruchUnd dann gibt es ja Bücher, die aus irgendeinem Grund kaum besprochen werden, weder von Blogs, noch von etablierten Medien. So ein Buch ist „Tagesanbruch“ von Hans-Ulrich Treichel, und das völlig zu Unrecht, vermutlich ist es um einiges besser als einige der viel besprochenen Bücher. Zudem ist es ein wenig überraschend, Treichel ist ja nun nicht gerade ein unbekannter Debütautor, und wenn Schlink ein neues Buch veröffentlicht, sind doch eigentlich auch alle bei Fuß. Vielleicht liegt es daran, dass Treichel hier – mal wieder – um die Themen kreist, die eben schon mehrfach Inhalt seiner Romane waren: Der Schatten des zweiten Weltkrieges, den dieser durch Flucht und Wiederaufbau hindurch auf die Zeit ab 1945 wirft. Dennoch verpasst derjenige, der jetzt abwinkt und „ach, schon wieder das“ sagt, ein Buch, das vielleicht lesenswerter ist, als manche anderen der derzeitigen Neuerscheinungen (man könnte ja auch NOVITÄTEN schreiben), denn dieses Buch ist nicht deswegen kurz (ca. 80 Seiten), weil es nichts zu erzählen hätte, sondern weil hier eben das passiert, was das Wort „Dichtung“ ja schon nahe legt: Verdichtung.

Die Erzählung besteht aus einem Monolog einer Frau, die im Morgengrauen Abschied von ihrem eben an Krebs verstorbenen Sohn nimmt, den sie zu Hause gepflegt hat. Sie hat ihm noch etwas zu sagen, bevor es Tag wird und sie den Arzt anruft, um ihn über den Tod des Sohnes zu informieren, etwas, das sie ihm zeitlebens verschwiegen hat und das ihr nun auszusprechen auch schwerfällt: Die Geschichte ihrer Flucht als Wolhyniendeutsche und die Geschichte der damit zusammenhängenden Traumatisierung.

Das Trauma und das Schweigen

Dabei werden die unterschiedlichen Teile der Erzählung – sie ist in zwei Teile gegliedert, die sich vor allem in ihrer Nähe zum Sohn unterscheiden, dazu später mehr – und Zeitebenen der Erzählung mehr von Motiven als von einer Handlung zusammengehalten. Eine Handlung gibt es ja ohnehin nur in der Erzählung, in der Vergangenheit, in der Gegenwart, in der erzählt wird, ist alles tot, erstarrt, gibt es nur das Warten auf den neuen Tag, der vielleicht einen Neuanfang bieten könnte, da mit dem Sohn auch die Verbindung zur Vergangenheit gestorben und mit dem Erzählen der Vergangenheit diese ausgesprochen ist: Zumindest plant die Erzählerin, am kommenden Tag geringe Veränderungen in der Wohnung vorzunehmen, einiges soll wegeräumt werden, so das Aquarium oder das Bild der Vogeluhr, ein Geschenk des verstorbenen Mannes und damit auch ein Teil der Vergangenheit.

Ein solches Motiv, das besonders deutlich den ersten Teil der Erzählung durchzieht, ist die Ankündigung des Anrufens des Arztes bei Tagesanbruch, wobei der Zeitpunkt für diesen immer weiter nach hinten verschoben wird, denn vor Tagesanbruch will die Erzählerin ihre Geschichte erzählt haben, was ihr deutlich schwer fällt und was daher immer weiter hinausgezögert wird: Ihre Geschichte muss in Anwesenheit ihres Sohnes, der das lebendige Zeichen der Vergangenheit war, erzählt werden, und somit bevor der Arzt den Leichnam abtransportieren lässt. Auch der zweite Teil wird durch ein solches Motiv zusammengehalten, das mit dem ersten in Verbindung steht, es ist der Satz „Man muss alles aussprechen“, der immer wieder in mitunter leichten Variationen aufgegriffen wird. Allerdings scheitert die Erzählerin bei ihrem Versuch, ihr Trauma auszusprechen, sie kann es nicht aussprechen: Im ersten Teil der Erzählung in direkter räumlicher Nähe zum Sohn gelingt es gar nicht, im zweiten Teil nur schriftlich:

„Man muss alles aussprechen. Und wenn man es nicht aussprechen kann, dann muss man es aufschreiben. Ich habe alles aufgeschrieben. Auch wenn die Hand zittert.“ (S. 83f.)

Auch wenn die Vergangenheit also zum Ausdruck gekommen ist, wurde sie doch bis zum Ende nicht ausgesprochen, dem Leser gegenüber nicht, dem toten Sohn gegenüber nicht und erst recht dem lebendigem Sohn gegenüber nicht, denn:

„Es gibt ja auch nichts zu reden. Ich wusste ohnehin alles, den ganzen Schrecken. Den der anderen und unseren. Das haben wir dir alles nicht erzählt, zumindest nicht im Einzelnen, man muss nicht alles mit seinen Kindern bereden. Man kann auch nicht alles erklären. Man kann nicht nur seinen Kindern nicht alles erklären, man kann auch sich selbst nicht alles erklären. Das Schlimme ohnehin nicht. Aber das weniger Schlimme manchmal auch nicht.“ (S. 13)

Treichel fixiert damit das Schweigen der traumatisierten Kriegsgeneration, der Fluchtgeneration, und also der Generation meiner Großeltern, das Schweigen, das ein Loch in Familiengeschichten und Geschichtsschreibung reißt und das ja außer von Treichel von kaum jemandem literarisch bearbeitet wird. Die groben Daten, die kennt man – Opa war im Krieg, danach in Russland in Kriegsgefangenschaft, dort war es kalt – aber mehr weiß man über diese Jahre bei den eigenen Familienmitgliedern nicht. Und eben dieses Schweigen wird hier ausgesprochen. Diese Generation spricht nicht einmal untereinander über das, was während des Krieges passiert ist, als der Bruder der Erzählerin als einziger von ehemals zwölf Geschwistern nach dem Krieg und Jahren der Kriegsgefangenschaft wieder bei ihr auftaucht, redet sie mit ihm weder über die Jahre in Russland, noch fragt sie ihn, was er im Krieg gemacht habe:

„Zehn Jahre Kriegsgefangenschaft in Russland, was soll man dazu sagen?“ (S. 30)

Verlust, Aufstieg und Furcht

Das, was verschwiegen wird, sind Traumatisierung und Verlust durch den Krieg, die Flucht und das, was während der Flucht geschah: Die Erzählerin und ihr Mann verloren ihre Heimat, ihre Familie und ihre Würde. Und als Folge davon verliert die Frau ihren Glauben – auch dies ein Motiv, das die ganze Erzählung durchzieht, bis hin zu dem gerahmten Druck der betenden Hände von Dürer, die stellvertretend für die Erzählerin beten sollen (vgl. S. 87) und als Folge des Krieges und der Verlustes eines Armes verliert der Mann im wahrsten Sinne des Wortes sein Gleichgewicht:

„Der Rücken, der Bauch, alles musste mit Hilfe des Korsetts gestützt und gehalten werden. Als ob der fehlende Arm auch den Rücken und den Bauch aus dem Gleichgewischt gebracht hätte.“ (S. 9)

Und so, wie der Mann hier sein Gleichgewicht verloren hat und nur noch künstlich aufrecht gehalten wird, so ist das Ehepaar auf der Flucht aus dem Gleichgewicht geraten und wird in der Zeit des Wirtschaftswunders künstlich durch die Arbeit aufrecht gehalten: Die beiden führen ein Textilgeschäft, erleben einen bescheidenen wirtschaftlichen wie sozialen Aufstieg, können sich ein Haus kaufen, ohne jedoch ein Zuhause kaufen zu können:

„Endlich ein Zuhause, hat er immer wieder gesagt. Ich habe ihm zugestimmt und mich zugleich in unserem Zuhause gefürchtet.“ (S. 55)

Und auch wenn der Mann hier das Haus als Zuhause bezeichnet, so findet doch auch er immer wieder keinen Schlaf (vgl. S. 57) und beginnt, schlafzuwandeln – was von der Frau auf die ständigen Sorgen, die blieben, zurückgeführt wird. Der materielle Wohlstand führt nicht zu Wohlgefühl, die materielle Sicherheit nicht zu einem Sicherheitsgefühl, sondern zu Furcht. Das Klavier, das das Ehepaar für den Sohn kauft, ist gleichermaßen nicht nur Zeichen des sozialen Aufstiegs und Prestigeobjekt – beide sind stolz, ein solches Markeninstrument, wie immer wieder betont wird, gekauft zu haben – sondern auch Symbol der Funktionslosigkeit der Bemühungen, Wünsche und Träume der Eltern: Der Sohn, für den das Klavier gekauft wurde, will nicht Klavier spielen. Trotzdem wird das Klavier weiter regelmäßig gestimmt, es wird also künstlich funktionsfähig gehalten, so wie der Mann künstlich durch ein Korsett gestützt wird.

Wie wenig materieller Aufstieg und Wohlbefinden miteinander korrelieren wird deutlich, wenn die Erzählerin immer wieder berichtet, im kalten, ungeheizten Wohnzimmer die Buchführung für das Geschäft erledigt zu haben – wirtschaftlicher Aufschwung und soziale Kälte sind unmittelbar verbunden.

Einsamkeit und das Fremde

Grund für das die Furcht, die Sorge und das Fehlen des Gefühls, zuhause zu sein, ist die Einsamkeit und Entfremdung.

„Man muss nicht vertrieben und besitzlos sein, um sich heimatlos und verloren zu fühlen, das kann einem auch auf eigenem Grund und Boden geschehen“ (S. 55),

wie die Erzählerin über die vereinsamte Vorbesitzerin des Hauses berichtet. Vor dem Krieg, im Schutze der Großfamilie, kannte die Erzählerin die Furcht nicht, denn „wir waren so viele, was sollte mir dort passieren.“ (S. 57). Es sind die Flucht und die Traumatisierung während der Flucht, die die Erzählerin und ihren Mann dauerhaft von sich selbst und voneinander entfremden und in die Einsamkeit verbannen, die aber auch zu einer dauerhaften Einsamkeit und Fremdheit unter Leuten derselben Nationalität führt: Es sind gerade die Deutschen um sie herum, denen gegenüber sich die Erzählerin fremd fühlt: In ihrer Umgebung waren sie und ihr Mann die einzigen Geflohenen (vgl. S. 22), bald hatten die Leute kein Verständnis mehr für die vom Krieg Versehrten (vgl. S. 24). Endgültig führt die Krankheit des Sohnes zu einer Entfremdung von der Umwelt: Es wird nicht als normal angesehen, dass sie ihren Sohn zu Hause pflegt, die Hospizhelferin macht Mutter und Sohn Vorwürfe

„[w]eil wir das nicht vollkommen normal gefunden haben, dass du sterbenskrank bist. Wie müssen alle mal sterben, hat sie immer nur gesagt.“ (S. 20)

Vor allem aber stört es sie, wenn Fremde in die Wohnung kommen, die sie über die Krankheit des Sohnes ausfragen, um die eigene Neugier zu besänftigen. Erneut führt das zu einem Verstummen der Erzählerin, die es leid ist, das Schicksal des Sohnes zu erklären:

„Deine Krankheit sollte nicht dazu dienen, allen anderen Erleichterung darüber zu verschaffen, dass das Schicksal sie bisher verschont hatte. Denn darauf lief diese ganze Anteilnahme letztlich hinaus.“ (S. 50)

Die Vereinsamung mitten unter Menschen ist Folge fehlender Kommunikation und echter Anteilnahme am Schicksal des anderen: Man kann nichts erklären und man will auch nichts erklären. Im Kontrast zu diesen Leuten stehen die Nachbarn der Erzählerin, eine Familie aus Tunesien, mit denen sie sich anfreundet: Die Frau aus dieser Familie hilft bei der Pflege des Sohnes, die Erzählerin passt manchmal auf deren Tochter auf, sie wird von der tunesischen Familie zu ihrer Freude „Mutter der Mütter“ genannt. Hier findet die Erzählerin ein Familienkonzept und ein Verständnis von gegenseitiger Anteilnahme und Fürsorge, das ihrem gleicht – als die tunesische Großmutter zu Besuch kommt, versteht sich die Erzählerin mit ihr aufgrund ihrer echten Anteilnahme am Schicksal des kranken Sohnes sofort, trotz oder vielleicht gerade deswegen, weil eine sprachliche Verständigung mit ihr nicht möglich ist. Auch die vietnamesischen Supermarktbetreiber werden wegen ihrer Hilfsbereitschaft und Höflichkeit positiv betrachtet. Verbindend sind für die Erzählerin also bestimmte Verhaltensweisen im Umgang miteinander, gegenseitige Fürsorge, die ihr ihre Furcht nehmen – nicht gemeinsame Nationalzugehörigkeit. Und das ist ja durchaus auch eine Botschaft, die auch eine heutige tagespolitische Stoßrichtung hat: Nicht das sprachlich oder geographischer Herkunft nach Fremde, die Zugewanderten, sind fremd, sondern die Deutschen, die einander entfremdet leben, sind hier fremd.

Der Schluss, dass für diese sozial erkaltete Gesellschaft allegorisch das Aquarium der Erzählerin steht, in dem die Fische sich trotz bester Versorgung mit Futter und frischem Wasser gegenseitig aufzufressen begonnen haben, liegt nahe.

Doch Flucht, Verlust und Traumatisierung führen nicht nur zu einer Entfremdung von der deutschen Nachkriegsgesellschaft, sondern auch vom eigenen Sohn: Der Sohn lehnt den Lebensweg der Eltern – das Klavier, die Kirchbesuche, die Einrichtung der Mutter, die als kitschig verlacht wird – ab, er will seinen eigenen Weg gehen, zieht sich zurück, kommt selten zu Besuch. Die Mutter reagiert mit Rücksichtnahme und Verständnis, aufgrund der Vorgeschichte, die sie dem Sohn nie verraten hat, immer in gewisser Fremdheit und Unsicherheit dem Sohn gegenüber. Erst als der Sohn tot ist, will sie die Entfremdung zwischen ihm und ihr aufheben, will die Vergangenheit aussprechen: Im ersten Teil der Erzählung hält sie seinen Leichnam auf ihrem Schoß und in dieser Nähe scheitert ihr Versuch, zu erzählen. Erst im zweiten Teil, der eine räumliche wie innerliche Entfernung vom toten Sohn bedeutet – sein Gesicht erscheint ihr nun verzerrt, er wird immer schwerer, während sie ihn zuvor leicht hat hochheben können, ist er nun beinahe zu schwer, sie verlässt den Raum, in dem sein Leichnam liegt, der im ersten Teil mit „du“ Angesprochene kommt nun nur noch als „er“ vor –, also erst in der Entfernung von der personifizierten Vergangenheit, gelingt das Aufschreiben. Und erst nach dem Aufschreiben, das kein Aussprechen ist, kann der Arzt gerufen und vielleicht die Vergangenheit zur Seite geräumt werden.

Gerade wenn man noch nie etwas von Treichel gelesen hat (aber auch wenn man das mal gemacht hat), sollte man „Tagesanbruch“ ruhig einmal lesen, denn es erzählt in einer konzeptionell, atmosphärisch wie sprachlich außergewöhnlichen Dichte von dem Schweigen, dass die Nachkriegszeit bis heute durchzieht: In Wahrheit wissen die meisten, die von Nachkriegsdeutschen abstammen, nur sehr vage, was während und kurz nach dem Krieg in der eigenen Familie passiert ist.

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Nicht zu lesen lohnt sich nicht.

Sandro Abbate vom Blog Novelero fragte vor einiger Zeit danach, warum man eigentlich lese. Zwar fragte er das nicht mich, unaufdringlich wie ich bin, wollte ich dann aber doch auch einen Zweizeiler dazu dichten:

Meine Eltern sind Bibliothekare, beide. Das ganze Haus war immer voller Bücher, meinem Bruder und mir wurde im Kindesalter vorgelesen und schon früh wurde uns beigebracht, dass „Bücher wie Freunde“ sind – das war tatsächlich die Formulierung, die meine Eltern benutzten, ich bin mir aber sicher, man könnte sie auch mal in einer Verlagsvorschau oder Rezension verwenden: „Das Buch XY wächst einem ans Herz wie ein echter Freund“. Nun wurde aus meinem Bruder kein übermäßig eifriger Leser literarischer Texte (den „Faust“ und den „Hamlet“ kann er aber glaube ich sogar über weite Strecken auswendig), durchaus aber von Sachtexten, und aus mir wurde nach einer ausgiebigen lesepubertären Verweigerungsphase durchaus eine sog. „Leseratte“ (eine Bezeichnung, die ebenso an Ungeziefer erinnert wie der „Bücherwurm“ – warum eigentlich? Weil der, der liest, sich der Produktivität verweigert, ein Faulpelz ist, ein Nutznießer der arbeitenden Gesellschaft?). Diese unterschiedliche Entwicklung zweier auf ähnliche Weise sozialisierter junger Menschen lässt nun mehrere Schlüsse zu:

  1. Wenn Bücher wie Freunde sind, könnte der Leser diese Artikels nun denken: Aha, der Bruder hat wohl echte Freunde gehabt, sie wohl nicht, da hat sie sich halt Bücher gekauft. – Das stimmt aber natürlich nicht. Ich habe mir stattdessen eine Katze zugelegt.
  2. Das ist geschlechtsrollentypische Lesesozialisation: Jungen lesen Sachbücher und Biographien, Mädchen lesen Fiktionales. – Da ist vermutlich schon was dran, obwohl meine Eltern daran keinen Anteil haben, sie haben sich immer um uns beide mit ähnlichen Büchern bemüht. Die geschlechtstypische Lesesozialisation erklärt aber trotzdem eben nur einen Teil des Phänomens, wenn ich mich selbst mal als solches bezeichnen darf, denn schließlich macht geschlechtsrollentypische Sozialisation auch alle möglichen anderen lustigen Dinge mit jungen Frauen: Die einen drehen Schminkvideos für youtube, die anderen fangen an zu stricken, manche halten sogar Katzen, habe ich gehört. Im schlimmsten Falle wird man gar zur sog. „crazy cat lady“ (man muss ja auch noch Ziele haben im Leben).

Ich habe jedenfalls bisher weder Schminkvideos gedreht, noch kann ich stricken. Ich habe irgendwann wieder angefangen zu lesen, und wie so oft in meinem Leben aus ganz einfachen Gründen: Mir sind keine überzeugenden Gegenargumente eingefallen, im Gegenteil, ich habe erkannt, dass es sich auch nicht lohnt, nicht zu lesen. Das sei kurz an einigen der gängigsten Argumente gegen das Lesen demonstriert:

Viele Leute sagen ja, sie läsen nicht, weil sie immer so müde seien und das überhaupt zu anstrengend sei, wenn sie nach Hause kämen, würden sie lieber das Angebot des Privatfernsehens zur Kenntnis nehmen. Sicherlich ist das eine Ausrede, die ich auch gelegentlich nutze – aber eben das ist der Punkt: Gelegentlich, nicht ständig. Denn auf Dauer gestellt ist nun eben das die Ausrede, die Leute auch verwenden, die keine ordentliche Tageszeitung lesen wollen, sondern lieber die Bild oder irgendwelche Internetplattformen nutzen, um sich zu „informieren“. Eben diese Leute beschweren sich dann aber auch, dass „die da oben“ einen ja nur veräppeln und dass „man ja sowieso nichts erfährt“, ohne den Gedanken in Betracht zu ziehen, dass das Informationsvakuum, das sie umgibt, ein selbstverschuldetes sein könnte. Sich zu informieren und sich zu bilden macht Mühe, der Vorteil ist aber eben: Man wird dadurch immerhin in der Regel nicht dümmer.

Völlig albern ist ja die Ausrede, man finde „irgendwie gerade“ kein Buch, das einen interessiere. Schließlich ist die Auswahl ja wirklich schrecklich klein, und wenn man sonst auch jeden Quark ansieht, den das Privatfernsehen so anbietet, können die Interessen ja nicht so speziell sein. Und auch wenn sie es wären: Ich weiß nicht, ob schon viele Menschen an einem Blick über den Tellerrand gestorben sind.

Gerne wird als Grund für das Nicht-Lesen ja auch angeführt, man sei lieber draußen oder mache lieber Sport. Nun soll es ja Leute geben, die atmen gerne den guten Smog, die spüren gerne den warmen sauren Sommerregen auf der Haut, investieren durch intensives Sonnenbaden in einen späteren Hautkrebs oder lassen sich im Gras die Fußsohlen von Zecken kitzeln. Für all die gibt es eine großartige Neuigkeit: Bücher kann man auch draußen lesen – außer im warmen, sauren Sommerregen. Natürlich lässt sich dabei nicht so gut Sport treiben, beim Lesen, und das, obwohl der Sport doch so gesund ist. Nun kann aber Sport natürlich auch sehr ungesund sein – euer Orthopäde belegt das sicher jedem Jogger gerne anhand von Röntgenaufnahmen seiner Gelenke. Darüber hinaus: Für was sollte man sich eigentlich gesund halten? Um möglichst fit möglichst alt zu werden, um die Altersarmut möglichst lange genießen zu können? Um die eigene Arbeitskraft möglichst lange für den Arbeitsmarkt zu erhalten?
Und vor allem, um es mit Adorno zu sagen: Was hilft einem Gesundheit, wenn man sonst ein Idiot ist?

Das Superargument, das ich aber manchmal auch nutze, ist aber natürlich: „Ich habe keine Zeit“. In Wahrheit habe ich ja für alles Mögliche Zeit. Ich warte auf den Bus, ich stehe an der Kasse an, ich gucke im Zug aus dem Fenster, ich warte auf das Ampelsignal, ich hänge in der Telefonwarteschleife… für all das nehme ich mir Zeit. Macht ja auch echt mehr Spaß als lesen.

Insgesamt gibt es anscheinend keine vernünftigen Argumente gegen das Lesen. Also kann man auch gleich lesen. Denn nicht zu lesen lohnt sich ja auch nicht, wenn das Alternativprogramm aus Privatfernsehen, Candy Crush Saga, Telefonwarteschleifen und Joggen besteht.

Von Verlagsvorschauen und Sprachkrisen

Wenn man die Buchbloggerzunft und diverse Verlagsfacebookseiten/twitteraccounts verfolgt (ja, VERFOLGT ist hier schon richtig), kommt man wohl derzeit nicht umhin, die Euphorie um die nach und nach erscheinenden Verlagsvorschauen für das Herbst/Winterprogramm zu bemerken. Da posten Verlagsmitarbeiter Fotos von gedruckten Ausgaben oder von Konferenzen, da sind die Blogger mit ihren Kaffeetassen und Blumensträußen, alle freuen sich – außer mir. Ich kann keine Verlagsvorschauen lesen, und das, obwohl sie eigentlich genau das bieten, was jemand, der einen geraumen Anteil seines Monatsgehaltes gerne der Buchbranche zukommen lässt, sich wünschen kann: Einen Haufen neuer Bücher, die man kaufen und danach ungelesen ins Regal stellen kann, weil man vermutlich nie die Zeit haben wird, sie alle zu lesen. Was natürlich nichts macht, ich kaufe ja Bücher wie andere Leute Kleidung oder Platten oder Wohnzimmerdeko – wenn der Tag schlimm war, kaufe ich mir ein Buch. Nein, eigentlich kaufe ich auch an guten Tagen ein Buch. Ok, normalerweise ist es auch nicht nur ein Buch.

Wie dem auch sei: Wenn die Verlagsvorschauen erscheinen, will ich mir keine Bücher kaufen. Ich will auch keinen Blog mehr schreiben, im Gegenteil, ich gerate in eine große Sinn- und Sprachkrise und möchte alles löschen, was ich je geschrieben habe. Denn die Verlagsvorschauen enthalten in geballter Form etwas, das sich überall findet, wo über Bücher geschrieben und gesprochen wird: Diese Literaturgeschwätzprosa, die sich leider häufig mit folgenden Begriffen umschreiben lässt: Kitschig, abgedroschen, abschreckend, langweilig. Ich verstehe auch ehrlich gesagt nicht, wen genau solche Sätze hier zum Lesen eines Buches anregen sollen:

„Leichtfüßig und wortgewaltig spaziert die Büchner­Preisträgerin Sibylle  Lewitscharoff mit uns durch Hölle und Himmel.“ (Suhrkamp zu: Sibylle Lewitscharoff – Das Pfingstwunder)

Und ganz schlimm sind ja auch diese vielen Adjektive, die sich in Verlagsvorschauen besonders geballt, aber eben auch in jeder Rezension, auf jedem Blog und leider – das ist ja das Schmerzhafteste, was einem zu solcher Gelegenheit bewusst wird – auch auf meinem finden:

„Elena Ferrante hat ein literarisches Meisterwerk von durchdringender Strahlkraft geschrieben, ein von hinreißenden Figuren bevölkertes Sittengemälde und ein zupackend aufrichtiges Epos – über die rettende und zerstörerische, die weltverändernde Kraft einer Freundschaft, die ein ganzes langes Leben währt.“ (Suhrkamp zu: Elena Ferrante – Meine geniale Freundin)

Strahlkraft? Zupackend? Wirklich?

Oder:

„’Der letzte beste Ort‘ ist der fulminante Auftakt eines Erzählers, der Richard Ford und Philipp Meyer nachfolgt. Durchwirkt von der Ehrfurcht gegenüber der Schönheit seiner Heimat, in einer Sprache von kristalliner Vehemenz.“ (Suhrkamp zu: Callan Wink – Der letzte beste Ort)

Fulminant – durchwirkt – kristallin. Alles klar. Das mag jetzt so aussehen, als wäre man im Hause Suhrkamp besonders blumig unterwegs, der schlimmste Satz der Herbstvorschauen stammt für mich aber ganz klar aus dem Hause KiWi:

„Jonathan Safran Foer schreibt sich mit seinem dritten Roman endgültig in den Olymp der amerikanischen Literatur.“ (KiWi zu: Jonathan Safran Foer – Hier bin ich)

Wären solche Sätze Manuskripte, sie wären nie verlegt worden.

Gerade bei bekannten Autoren werden die eigenen Vorschautexte ja auch gerne noch zusätzlich durch Zitate aus großen Zeitschriften/Zeitungen unterstützt, so reicht es beispielsweise im Hause Rowohlt nicht, wenn man selbst über Eugen Ruges neuen Roman „Follower“ schreibt:

„Sprühend vor Einfällen, gespickt mit Überraschungen, genauso lustig und lustvoll wie politisch inkorrekt, ist Follower ein hochaktueller, würdiger Nachfolger des großen Familienromans. Ein finsteres, komisches, brillantes Buch.“

Nein, man ergänzt dieses Adjektivunwetter noch um Zitate wie:

„«Ein pulsierendes, vibrierendes, aufregend lebendiges Werk von enormer gestalterischer Phantasie, außergewöhnlich mitfühlend und vor allem von scharfem und erhellendem Witz.» The New York Times“

Oder, gleich eine Seite weiter zu David Wagners „Ein Zimmer im Hotel“, da möchte der Verlag den geneigten Leser gewinnen mit einer eher verwirrenden, dafür wie ein Geschwür auswuchernden Beschreibung wie:

„Ein Buch für alle, die unterwegs sind oder anderen eine Bleibe geben. Eine aufregende, anregende Reise der Wahrnehmung von lauter Sensationen des gewöhnlichen – eine Schule des Sehens.“

Während man sich da als Leser noch fragt, ob man eigentlich zur Zielgruppe derer, die unterwegs sind oder anderen eine Bleibe geben, gehört, und warum eigentlich genau dieses Buch „aufregend“ UND „anregend“ ist (wolle da jemand unbedingt eine Alliteration loswerden?), wandert der Blick nach rechts und fällt mit dem Satzzeichen in Tiefschlaf:

„«David Wagner hält wunderbar die Balance zwischen Melancholie und Lakonie.» Der Tagesspiegel“

Können die Worte „lakonisch“ und „Lakonie“ nicht langsam per Gesetz aus dem Literaturgeschwätz verbannt werden? Gefühlt wird dieses Wort entweder als Nomen oder als Adjektiv in 90% aller Buchbesprechungen verwendet, unabhängig davon ob es zutrifft oder nicht. Man hat bei manchen dieser Wörter und in manchen Texten über Literatur das Gefühl, diese Wörter würden wie Füllmaterial in einen Text gestopft um ihn aufzuplustern, damit er besser aussieht – mehr Inhalt hat er aber deswegen eben nicht.

Ich weiß nicht, wie ich jemals wieder über Bücher schreiben soll, wenn ich so etwas lese. Ich schreibe ja auch so, man kommt dem ja auch schlecht aus, denn irgendwelche Wörter muss man ja verwenden, und dann nutzt man halt die, die sich im Diskurs (das ist ja auch so ein Wort) so etabliert haben. Vielleicht sollten wir uns mal nicht immer nur fragen, nach welchen Kriterien man Buchkritiken verfassen könnte und wer jetzt eigentlich mehr Daseinsberechtigung hat, der Feuilleton oder der Blog, vielleicht könnten wir uns alle mal fragen: Mit welcher Sprache schreiben wir eigentlich über Literatur? Ist sie genau? Ist sie abgedroschen? Sagt sie überhaupt etwas aus? Infantilisiert sie den Autor nicht nahezu, wenn man ihm gnädigerweise zugesteht, ihm sei mit seinem Buch dieses oder jenes „gelungen“? Geht das nicht auch anders? Schreiben die Buchwerbetexter in der Sprache der Literaturkritik oder schreibt die Literaturkritik inzwischen in der Sprache der Buchwerbetexte?

Und, nur um das noch einmal ganz deutlich geschrieben zu haben: Ich schätze alle der genannten Verlagshäuser sehr. Sonst hätte ich ja gar nicht erst versucht, ihre Vorschauen durchzusehen. Und diese Floskeln, die finden sich überall und bei allen. Allein: „Braucht’s des?“ (G. Polt)

Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

StuckradBarre Panikherz„Aber für einen Fan ist all das wunderbarerweise völlig egal. Diese Musik, die wirkliche Herzensmusik eines Menschen, hatte eine Funktion innerhalb der Biographie, es zählt nur, wann, wobei und durch wen man diese Musik lieben gelernt hat, und diese Musik, die ist es dann und wird es für immer sein. Erst durch das Echo in der eigenen Biographie kann sie individuell bedeutend werden.“ (S. 498)

So und so ähnlich resümiert Stuckrad-Barre in seiner Autobiographie „Panikherz“ immer wieder den Zusammenhang von Biographie und Diskographie: Bestimmte Songs, die für uns in irgendeiner Phase unseres Lebens von Bedeutung waren, werden uns auch immer an diese Phasen erinnern und diese zu hören ist dann eine Zeitreise zu eben dieser Phase, eine Befreiung aus dem Jetzt.

Und das Schöne an „Panikherz“ ist, dass es als Buch in Ungefähr dasselbe leistet für jemanden, der heute zwischen 30 und 40 ist und die Popkultur seiner Jugend mitgelebt hat: In den ersten Kapiteln, in denen Stuckrad-Barre von seiner eigenen Jugend und seinem Aufwachsen erzählt, erzählt er eben von all diesen Bands und Ereignissen, die für die eigene Jugend auch wichtig waren, und seine Reise zurück in die Zeit ist damit auch die Reise des Lesers. Das ist sehr schön zu lesen. Weniger schön sind dann natürlich die darauf folgenden Jahre der Bulimie und der Drogenabhängigkeit, dankenswerter Weise wird aber auch von diesen sehr unterhaltsam und vor allem ohne jedes Selbstmitleid erzählt. Soweit ist „Panikherz“ ein wirklich gelungenes Buch. Leider recht langweilig und irgendwie mittelmäßig sind die letzten gut hundert Seiten, Stuckrad-Barre ist nüchtern und kann das logischerweise nur bleiben, wenn er sich mäßigt. Und das ist alles schön und gut, muss aber wirklich nicht in eine Selbstbeweihräucherung der eigenen Mittelmäßigkeit wie hier münden:

„Ja, verdammt, jetzt SIND wir eben so alt. Aber an so einem Abend darf gesagt werden: Wir sind okay, und hin und wieder machen wie das Beste daraus.“ (S 551)

Der Versuch, das eigene Altern mit „wie sind okay“ irgendwie okay zu reden, ist schon an sich ein bisschen traurig, ebenso wie der Versuch auf diesen letzten hundert Seiten, ewig auf einem Zitat von Fitzgerald herumzukauen, um dem eigenen erzwungenermaßen spießbürgerlichen Lebensstil noch ein literarisches Konzept abzuringen. Die letzten hundert Seiten hätten gut und gerne um 70 Seiten gekürzt werden können. Sonst ist das aber ein wirklich nett zu lesendes Buch, kein wichtiges Buch, keine ganz große Literatur, aber dennoch eine wirklich bereichernde LEKTÜRE (vielleicht übernehme ich diese Art, besonders groteske Deutschlehrer-Begriffe groß zu schreiben, einfach aus dem Roman). Und Stuckrad-Barre kann ja nun auch vermutlich nichts dafür, dass die Verfilmung seines Debüts „Soloalbum“ Matthias Schweighöfer und Nora Tschirner mit zum Durchbruch verholfen hat, die uns nun alle permanent aus allen Bildschirmen der Welt heraus mit ihrem Doppelhaushälften-Humor anblödeln.

Interessant ist, wie hier Popkultur permanent zur Religion verklärt wird: Da ist der Garten des Hotels Charteau Marmont das Paradies und das Gucci-Billboard darüber der Stern von Bethlehem (S. 66f.), Kurt Cobain ist Jesus (S. 112f.), Popmusik wird durch die Apple Cloud transzendent wie Gott (S. 300) und Gottvater selbst Udo Lindenberg. Man könnte jetzt natürlich was von Amüsement als Verlängerung der Arbeit schreiben und das Buch kulturindustrie- und ideologiekritisch lesen, aber das Buch erhebt ja gar nicht den Anspruch darauf, auf eine solche Art analysiert zu werden, also spare ich mir das, und weise lieber darauf hin, wie großartig es ist, wenn Stuckrad-Barre „Authentizität“ als Kriterium für Qualität oder für sonst irgendetwas von sich weist, und stattdessen ein Loblied auf die Künstlichkeit singt. Denn gerade die Künstlichkeit, die Möglichkeit, in Plastikwelten aller Art fliehen zu können, macht nicht nur das Leben erträglich, sondern gibt tatsächlich auch dem Individuum Freiheit. Aber pssst, verratet das nicht den Thoreau-Lesern und Jack-Wolfskin-Jüngern, die meinen, die echte Wirklichkeit, die fände man nur in der guten alten selbsterarbeiteten Magenverstimmung, die man vom letzten Wanderurlaub mitgebracht hat. Schön finde ich auch, wie Stuckrad-Barre in dem Kapitel „Spießertrance“ auf nicht mal 20 Seiten das ganze Buch von Ronja von Rönne besser schreibt als diese. Und schön ist, dass es ein Buch ist, das nahezu danach schreit, danach all die erwähnten Bücher und Platten (wieder)zulesen und (wieder)zuhören. Nervig ist dafür Stuckrad-Barres Drang, dem Leser ständig alles zu erklären, jeden Wortwitz, jede Anspielung – aber da gewöhnt man sich dran.

Mit Udo Lindenberg kann ich immer noch nichts anfangen, obwohl sich „Panikherz“ wie eine Imagekampagne für diesen liest, vermutlich bin ich dafür doch zehn Jahre zu jung. Aber immerhin ist es eine gut geschriebene, unterhaltsame Imagekampagne, die man schon mal lesen kann.

Und vermutlich weiß Stuckrad-Barre auch nicht so recht, wie er in die derzeitige Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch geraten konnte, die ja zu ganzen Feldstudien zur deutschen Seelenlage einläd, gerade wenn man bedenkt, wie teuer die Schmuckausgabe, Verzeihung, kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ eigentlich ist:

SpiegelBestsellerSachbuch070516

Ein bisschen Rechtpopulismus, ein bisschen Natur, ein bisschen Religion, ein bisschen Reichtum für alle, aber Hände weg von unserem Geld. Da kann man schon mal zum Panikherz werden.