Archiv für den Monat November 2015

Ahmed Khaled Towfik – Utopia

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Nimmt man an, dass Literatur einen Rückschluss auf den Diskurs oder zumindest die gesellschaftliche Stimmung, aus der sie entstammt, zulässt, dann sieht in Bezug auf Ahmed Khaled Towfiks „Utopia“ dieser Rückschluss zappenduster aus, zumal der Autor sich laut der dem Buch vorangestellten Bemerkung „der baldigen Existenz dieses Ortes gewiss ist“.

Towfik, ein ägyptischer Autor, entwirft in seinem literarisch für meine Begriffe nur mäßig gelungenen „Utopia“ eine Welt im Jahr 2023, in der die reichen Ägypter sich in Kolonien an der Küste von den Armen abgrenzen, sie leben dort in Hülle und Fülle und völliger Sinnlosigkeit, die die Jugendlichen mit Drogenrausch und jeder Form von Exzess zu kompensieren suchen. Die Königsdisziplin dessen ist es, sich in die Gebiete der Armen zu schleichen, dort einen der Armen einzufangen, ihn zu quälen, zu töten und als Souvenir der Jagd ein abgetrenntes Körperteil der Leiche mit in die Kolonie zurückzubringen. Eben um dies zu tun macht sich ein junger Mann aus der Kolonie in Begleitung einer „Freundin“ (sofern man von Freundschaft in dieser Gesellschaft sprechen kann) auf, er gerät allerdings im Gebiet der Armen in Gefahr und wird durch einen der Armen gerettet und zur Kolonie zurückgebracht, wofür er sich auf seine Art und Weise revanchiert, was zu einem Aufstand der Armen führt. All dies wird abwechselnd aus der Sicht des Reichen und des Armen erzählt

Leider ist das Buch insgesamt genauso platt, wie sich der Plot schon anhört, auch sprachlich fand ich vieles eher befremdlich, und nachdem allerlei Grausamkeiten passieren, die auch noch recht derb dargestellt werden, ist die Lektüre nur in Maßen ein Vergnügen. Genau das soll sie aber wohl auch – dem Thema angemessen – gar nicht sein. Interessant ist der Roman dennoch, lässt er doch einen Blick auf das politische Weltbild des Autors zu: So ist es gewiss auch eine politische Aussage, wenn die Kolonien der Reichen von ausgemusterten Marines beschützt werden. Ein Umstand, der vom Autor für politische Aussagen genutzt wird:

Mike war bei den Marines und hat Anfang dieses Jahrhunderts in Vietnam gekämpft. Nein, Entschuldigung – im Irak! Die beiden Länder verwechsle ich immer. Beide sind weit weg und abgelegen, und die Amerikaner haben dort schreckliche Erfahrungen gemacht. Einmal, als wir gerade Phlogistin nahmen, sagte Mike zu mir: „Im Irak haben wir den Fehler gemacht, uns zu sehr unter die Bevölkerung zu mischen. Aber das haben wir schnell korrigiert. Wir zogen uns aus den Städten in abgeschlossene, befestigte Basen zurück, um mehr Präsenz rund um die Ölquellen zu zeigen.“
„Nach meinen Informationen habt ihr im Irak eine Niederlage einstecken müssen“, warf ich ein.
Mike lachte laut, holte dann tief Luft und sagte: „Du redest wie ein Europäer. Wir haben den Krieg angefangen, um den Tyrannen zu stürzen, das Öl unter Kontrolle zu bringen und dieses reiche Land zu zerschlagen. Schön, und all das haben wir Punkt für Punkt erledigt. Soll man das anders nennen als Sieg?“
(S. 30)

In diesem Sinne ist dieser unschöne Roman doch interessant, als er einen Einblick in die Sicht auf die eigene Kultur sowie die Einschätzung der politischen Geschehnisse zulässt.

Prinzipiell nicht uninteressant ist auch die Spiegelung der Hauptfiguren: Dem Paar der Reichen steht ein Geschwisterpaar der Armen gegenüber, anhand derer untersucht wird, ob es in einer völlig verrohten Welt, in der insbesondere die Armen permanent mit Tieren verglichen werden und die Reichen sich wie Tiere verhalten, so etwas wie Menschlichkeit überhaupt noch möglich ist, ob es so etwas wie „Werte“ und Würde noch gibt. Hier haben alle Figuren ihre spezifischen Funktionen: Das arme Mädchen steht für Reinheit, der arme Mann für Bildung und Menschlichkeit, die beiden reichen Eindringlinge jeweils wohl für das Gegenteil.

Aber Tatsache ist: Ich will kein Blutvergiessen. Ich will keine Toten.
Das ist der entscheidende Punkt. Das Einzige, was mit zeigt, dass ich noch ein Mensch und keine Hyäne bin.
(S. 127)

Als Antwort auf die von ihm aufgeworfene Frage antwortet Towfik wohl mit einem „Jain“, immerhin scheint es zum ersten erfolgversprechenden Aufstand der Armen gegen die Reichen zu kommen und selbst der reiche junge Mann ist durch das, was er getan hat, zumindest verunsichert, wenn man auch nicht gerade davon sprechen kann, dass er Gewissensbisse hätte. Auffällig ist auch die Rolle, die dem Lesen zugesprochen wird, beide Hauptfiguren haben im Gegensatz zu den anderen Bewohnern ihrer Bezirke jeweils sehr viel gelesen. Auch die Bedeutung des Lesens gerade für so etwas wie Bildung zur Menschlichkeit, wie sie unser Bildungssystem so gerne annimmt, wird hier diskutiert.

Gedanklich und von der Konzeption her ist „Utopia“ ein spannender Roman, gerne gelesen habe ich ihn aber nicht. Es ist kein schlechtes Buch, es ist nur eben sehr eigen geschrieben und an mehreren Stellen hätte ich mir mehr Subtilität gewünscht, sprachlich wie handlungslogisch. Aber ich schätze, Towfik wollte hier eben genauso grob, nahezu abstoßend schreiben wie die Welt, die er beschreibt, grob und abstoßend ist. Dennoch würde ich die Lektüre empfehlen, wenn man das Buch gerne als Zeitdokument lesen möchte (das man sicher auch stellenweise kritisch hinterfragen muss). Towfik jedenfalls nutzt seine Figuren, um sehr unverblümt seinem politischen Unmut Luft zu machen:

Aber es hatte besorgniserregende Indizien gegeben, und die hätten alle beachten sollen. Wenn man bemerkt, dass es nach Rauch riecht, und die Leute in seiner Umgebung nicht warnt, hat man sich gewissermassen der Brandstiftung mitschuldig gemacht.
Wenn ich die Presse der ersten zehn Jahre dieses Jahrhunderts durchsehe, rieche ich sehr viel Rauch. Der Geruch entströmt dem Zeitungspapier. Warum also hatte niemand etwas getan?
(S. 134)

Nachdem ich nicht so recht weiß, was ich von dem Roman halten soll, wäre ich hier um eine Diskussion in den Kommentaren wirklich dankbar.

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Franz Friedrich – Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr

FriedrichMeisenDie Gefahren der Sprachlosigkeit: Der Blick verklärt sich, wird schwärmerisch und sentimental oder schlägt ins Gegenteil um, wird bösartig und ungerecht. (S. 50)

Würde ich mir dieses Zitat zu Herzen nehmen, so dürfte ich über dieses Buch, das mich letztlich irgendwie rat- und damit sprachlos zurückgelassen hat, gar nichts schreiben. Denn so richtig verstanden habe ich dieses Buch nicht, aber vielleicht liegt das daran, dass es mich auch gar nicht so richtig interessiert hat. Wie man aber auch an diesem Zitat merkt, schreibt Franz Friedrich eben einfach sehr schön, weswegen ich gerne bereit bin, ihm all mein Unverständnis und all seine Albernheiten nicht zu krumm zu nehmen und auch sein nächstes Buch wieder zu lesen. Aber ich fange wohl besser vorne an:

Franz Friedrichs „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ ist ein Roman, dessen Handlung auf mehreren Zeitebenen angeordnet ist, zwischen denen immer wieder Querbezüge und Verbindungslinien existieren. Der gemeinsame Fluchtpunkt aller Zeitebenen ist die finnische Insel Uusimaa, auf der Lapplandmeisen erst das Singen unterlassen, um später doch wieder damit anzufangen. So begleitet der Leser 1997 die Dokumentarfilmerin Suanne Sendler bei ihren Dreharbeiten zu „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ in Finnland, 2007 die junge Amerikanerin Monika, die in Berlin ihre Doktorarbeit schreiben will, bis ihr ihr Visum entzogen wird und sie Trost bei einem finnisch singenden Chor findet, und 2017 einen jungen Dokumentarfilmer, der in die Fußspuren Susanne Sendlers tritt, um die nun wieder singenden Meisen auf Uusimaa zu filmen, wozu er erst durch ein merkwürdig zerfallenes dystopisches Europa reisen muss. Das wirkt alles wie ein bisschen zurück-zur-Natur in Zeiten einer europäischen Wirtschaftskrise und schon das ist mir zu biedermeierig. Da denke ich automatisch an junge Menschen mit Fusselbärten/-haaren, die nach Berlin ziehen und sich auf dem Balkon selbstversorgermäßig mit Gemüseanbau beschäftigen und wenn ich sowas denke, schaltet mein Gehirn immer gleich ab, da mag ein Buch noch so gut sein.

Trotz der Querverbindungen zwischen diesen Zeitebenen und Handlungssträngen laufen diese weitgehend unverbunden nebeneinander. Hier und da werden mystische Verbindungslinien angedeutet, zum Beispiel in den Legenden um die Lapplandmeisen und die Insel Uusimaa, aber nachdem mir das zu esoterisch war, habe ich das beim Lesen großzügig ignoriert. Überhaupt hatte ich leider mit dem Buch ein Problem: Es handelt viel zu oft von Natur und Natur, insbesondere in Form von langen Naturschilderungen, gehört nun mal aber nicht zu meinen Interessensschwerpunkten (das ist übrigens auch der Grund, warum ich Adalbert Stifter nicht lesen kann, bei der Beschreibung des dritten Kieselsteines, an dem er vorbeispaziert, schlafe ich immer schon). Die gesamte Handlung um Susanne Sendler fand ich deswegen leider fürchterlich langweilig, die Schilderung eines Urlaubs des jungen Filmemachers in einer Waldhütte fand ich Ikea-kitschig und den Gipfel der Albernheiten stellten dann Monikas Fantasien über prähistorische Riesenbiber dar, die die Welt retten. Unerträglich fand ich das – ich nehme an oder hoffe zumindest ironisch gemeinte – völlig überzogen kitschig-harmonische Schlusstableau.

Dennoch muss es ja einen Grund dafür geben, dass ich das Buch ganz gelesen habe. Und der liegt darin, dass Franz Friedrich nicht nur hervorragend mit Sprache umzugehen weiß, sondern auch ein sehr genauer und interessanter Beobachter ist, weswegen sein Roman aller meiner inhaltlichen Langweile zum Trotz einfach sehr schön zu lesen ist.

Er sah seine Tochter nach der Geburt, ein Wesen, geborgen aus einer unterirdischen Welt, heiß und verschmiert wie ein Grubenarbeiter, der die Dunkelheit und Enge seines Schachtes verlassen hatte. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, als hätte sie in ihrem vorherigen Leben etwas umklammert gehalten, eine Spitzhacke oder den Griff einer Lore, und als wüsste sie nun, zu Tage, mit diesen Fingern nichts mehr anzufangen. (S. 23)

Großartig fand ich auch die Beobachtungen des akademischen Milieus, beispielsweise wenn Monika von ihrer Doktormutter darüber informiert wird, dass es nicht zum intellektuellen Habitus passe, ein Sonnenstudio zu besuchen, weil man damit den Eindruck erwecke, dass man sich für so oberflächliche Dinge wie das eigene Aussehen interessiere. Interessant ist auch, wie Friedrich durchaus auch gelungen versucht, filmische Techniken wie Schnitt oder Zoom in Sprache zu übersetzen.

„Die Meisen von Uusimaa“ würde ich jedem empfehlen, der sich mit Naturschilderungen und Büchern mit extremer (innerer wie äußerer) Handlungsarmut anfreunden kann und der sich für einen experimentellen Roman interessiert, der viel Freiheit für eigene Interpretationen lässt. Diese Freiheiten wollte ich lieber nicht nutzen, weil ich das eben alles nicht so spannend fand, und wenn ich etwas nicht so spannend finde, werde ich denkfaul. Dann habe ich auch keine Lust, mir zu überlegen, was jetzt hier ironisch ist (vermutlich einiges) und was nicht. Spannend finde ich aber unbedingt das sprachliche Talent und die Beobachtungsgabe des Autors, und solange es im nächsten Buch nicht wieder um Natur, Vögel und prähistorische Biber geht, bin ich wieder dabei.