Schlagwort-Archive: Rassismus

Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

Angelou Ich weiss warumIn ihrer autobiografischen Erzählung, die erstmals 1969 erschienen ist und von der Kindheit Angelous in den 1930er und 1940er Jahren im Süden Amerikas sowie in St. Louis und San Francisco erzählt, gewährt die Autorin Einblick in das Aufwachsen mit Segregation und Rassismus, mit Angst und Armut, mit der Herabwürdigung von Frauen durch Männer, mit instabilen Familienverhältnissen und dem ständigen Ringen um Stolz, Stabilität, Selbstbewusstsein und so etwas wie Normalität. Die junge Erzählerin muss schon früh erwachsen werden und die Religion, die ihrer Großmutter noch Sinn und Orientierung geben konnte, stellt für sie eher rituelle Sicherheit als einen wirklichen Schutzschild dar. Einen solchen Schutzschild findet sie aber in der Bildung: in Büchern, Wissen und Haltung – und schließlich auch in der eigenen Familie. Erschwert wird der Weg dahin dadurch, dass ihr permanent gespiegelt wird, unzulänglich zu sein, weil sie schwarz ist, weil sie eine Frau ist, aber eben aus ihrer Perspektive wie der ihrer Umwelt wohl weder schön noch weiblich, was ihren Status in den 1940er Jahren mit seinen festen Rollenbildern deutlich schaden konnte. Weiterlesen

Kathleen Collins – Nur einmal. Storys

„For women, then, poetry is not a luxury. It is a vital necessity of our existence. It forms the quality of the light within which we predicate our hopes and dreams toward survival and change, first made into language, then into idea, then into more tangible action. Poetry is not only dream and vision; it is the skeleton architecture of our lives. It lays the foundations for a future of change, a bridge across our fears of what has never been before.“

So bestimmte Audre Lorde in ihrem beeindruckenden[1] Essay „Poetry Is Not a Luxury“ (aus: „Sister Outsider“) das, was Literatur zu leisten vermag: Als Ort sprachgewordener, verdichteter Erfahrung ermöglicht sie die Verbindung mit dem Fühlen anderer, da alles bereits erlebt und gefühlt worden sei, ermöglicht sie neuen Mut, neues Fühlen, neue Kraft, aus denen Handeln und also Veränderung erwachsen können. Literatur als Ort, an dem individuelle Erfahrungen sich verbinden können, da sie sagbar und mitteilbar und fühlbar geworden sind, ist der Ort, aus dem heraus Zukunft entstehen kann.

collins nur einmal

Kathleen Collins, deren Storys 18 Jahre nach ihrem Tod im Jahr 2016 neu entdeckt und zunächst im englischen Sprachraum unter dem Titel „What Happend to Interracial Love?“, jetzt auch in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg unter dem Titel „Nur einmal“ erschienen sind, war wie Audre Lorde Künstlerin und Bügerrechtsaktivisin. Lorde, Schriftstellerin, 1937 geboren und 1992 an den Folgen von Brustkrebs verstorben, und Collins, Filmproduzentin und Autorin, 1942 geboren und 1988 an den Folgen von Brustkrebs verstorben, waren Zeitgenossinnen, die beide in derselben, für das Verhältnis zwischen People of Color und Weißen von Umbrüchen gekennzeichneten Zeit ähnliche Hoffnungen, Enttäuschungen und Formen der Diskriminierung erlebt haben dürften. Nicht nur deswegen lesen sich Collins‘ neu entdeckte Storys wie Beispiele einer Literatur, wie Lorde sie beschreibt. Weiterlesen

Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah

Americanah

„Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie wurde schon so oft besprochen, dass ich da ruhig auch noch einen Dreizeiler dazu dichten kann.

Adichie erzählt in diesem Roman von Ifemelu, die ihre Heimat Nigeria und ihre große Liebe Obinze verlässt, um in Amerika zu studieren. Etliche Jahre und Frisuren später hat sie in Amerika Fuß gefasst, lebt gut von ihrem Blog über Rassismus und beschließt, nach Nigeria und zu Obinze – der in der Zwischenzeit in England war – zurückzukehren.

Interessant und überaus lesenswert ist das Buch vor allem wegen der politisch-gesellschaftlichen Beobachtungen über Rassismus, die Ifemelu mit ihren Mitfiguren diskutiert und auf ihrem Blog veröffentlich. In dieser Hinsicht ist das Buch wirklich eine Offenbarung: Man sieht danach viele Dinge grundsätzlich anders, denkt über vieles nach, von dem man zuvor nur vage wusste. Adichie legt in ihrem Roman Vorurteile, stereotypes Denken und Handeln offen und lässt den Leser den schmerzhaften inneren Prozess der Migration miterleben und bereichert dadurch dessen Horizont ungemein. Auch dass Nigeria auf eine andere Weise dargestellt wird, als wir es vielleicht aus den Nachrichten gewohnt sind (auch wenn Probleme wie Korruption oder Militärmachthaber durchaus eine Rolle spielen), habe ich als Bereicherung empfunden.

Leider nutzt Adichie aber auch oft stereotype Figuren, um stereotypes Denken vorzuführen. Sowohl Ifemelu als auch Obinze sind sehr interessante, facettenreiche Figuren – über viele Nebenfiguren kann man das leider nicht sagen. Zudem ist die Liebesgeschichte, um die herum die Autorin ihren Roman konstruiert, für meinen Geschmack viel zu dick aufgetragen, insbesondere das Ende empfand ich als unerträglich kitschig. Die Geschichte hat mich leider schlicht und ergreifend nicht interessiert. Vielleicht aus diesem Grund hat der Roman meiner Ansicht nach etliche Längen, man hätte vermutlich ohne großen Verlust mehrere hundert Seiten einsparen können – vielleicht wäre sogar das, was den Roman inhaltlich interessant macht, in kürzeren Erzählungen pointierter und lesbarer verpackt gewesen. Ärgerlich sind darüber hinaus mehrere Fehler in der Übersetzung (doppelte Wörter, fehlerhafte Satzkonstruktionen…), für die aber zugegebenermaßen die Autorin nichts kann.

„Americanah“ ist unbedingt ein lesenswerter Roman, weil er dem Leser in vielerlei Hinsicht die Augen öffnet. Jemandem, der sich für Migration und/oder Rassismus interessiert, für Literatur, in der man tatsächlich etwas über die Welt lernt, muss man das Buch unbedingt empfehlen. Große Literatur oder ein vollauf gelungener Roman ist das aber leider nicht.

Toni Morrison – Heimkehr

9783498045258Nach Hause zu kommen war in der Literatur noch nie leicht, das wissen wir ja schon seit Homers „Odyssee“ – man irrt immer ein bisschen herum, muss allerlei Gefahren durchleiden und gegen manchen Feind oder gar ein Monster kämpfen und im Handumdrehen sind ein paar Jahre vergangen und eigentlich ist es auch schon fast zu spät. Und weil das alles ein ziemlicher Aufwand ist, meint „Heimkehr“ nicht einfach, in die eigenen vier Wände zurückzukommen, sondern seinen Platz in der Welt, inneren Frieden zu finden.

Auf der Suche nach einer solchen „Heimkehr“ befinden sich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts inmitten des rassistisch geprägten Amerikas der vom Tod der Freunde traumatisiert aus dem Krieg zurückkehrende Frank „Smart“ Money und seine Schwester Cee. Um herauszufinden, wo man hingehört, muss man erst einmal die Welt gesehen haben, und so verlassen beide ein paar Jahre zuvor schon jung ihr Heimatdorf, in dem sie – vor allem Cee – wenig Zuneigung und vor allem nie das Gefühl erfahren haben, am richtigen Ort und erwünscht zu sein. Smart zieht in den Krieg und kann nach seiner Rückkehr die Erinnerungen nur durch Alkohol betäuben – er leidet nicht nur unter dem Rassismus Amerikas, sondern auch unter sich selbst. Cee heiratet den falschen Mann, nimmt den falschen Job bei einem Monster von einem Arzt an – und kann in letztem Augenblick von ihrem Bruder aus dessen Fängen befreit werden. Die Geschichte der beiden ist so voller Leid, dass selbst der in der Rahmenhandlung zum Erzählen auffordernde Frank mit gutem Grund bezweifelt, dass diese Geschichte überhaupt erzählt werden kann. Tatsächlich kann man solche Dinge nicht beschreiben, nicht schildern, wohl auch kaum erzählen – aber in gewisser Weise vielleicht singen, und eben dies tut Toni Morrison mit ihrer stellenweise nahezu lyrischen Sprache, die dieses Buch so wunderbar macht.

Da mag auch der kleine Wermutstropfen, dass das Happy End, die gelungene Heimkehr, die sogar die Leichen und Traumata der Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes begraben kann, doch sehr herbeigeschrieben und ein wenig platt wirkt, auch zu verschmerzen sein. Vielleicht ist es nicht der größte Wurf Toni Morrisons. Mag sein, dass sie das Potential der Geschichte und ihrer Fähigkeiten nicht voll ausgeschöpft hat. Aber hin und wieder braucht man auch mal ein Happy End, und darum ist dieses Buch eine Bereicherung.