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Krankheit, keine Metapher (Ruth Schweikert: Tage wie Hunde; Mira Mann: Gedichte der Angst; Tabea Hertzog: Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer)

1977 erschien Susan Sontags Essay „Illness as Metaphor“, ein Jahr später erschien er auch auf Deutsch unter dem Titel „Krankheit als Metapher“ (übers. von Karin Kersten und Caroline Neubaur). Geschrieben hatte ihn Sontag nicht nur unter dem Eindruck der eigenen Krebsdiagnose, sondern auch unter dem der in den 1970er Jahren an Popularität gewinnenden sog. Krebs-Literatur. Diese literarisierte die Krankheit in der Regel, indem sie sie psychosomatisch deutete – wer Krebs bekam, hatte auch eine „Krebs-Persönlichkeit“, war in irgendeiner Art gehemmt, seine Gefühle zu zeigen und ihnen entsprechen zu leben, was zu einer Wucherung im eigenen Körper führen sollte. Dieses Krankheitsbild, wie sie typisch für die Krebs-Literatur 1970er und 1980er war, leistete mehreres:

„Es stellt die Krankheit in den Horizont von Schuld und Selbstverantwortlichkeit. Damit wird ihre Auffassung als Schicksal verabschiedet – und dies angesichts der geringen medizinischen Heilungskompetenz. Die Entmächtigung des Schicksals erweist sich als Ermächtigung des Subjekts, das nun, dem literarischen Subjektivitätsschub der Zeit durchaus entsprechend, als das Entfesselte und Sich-Entfesselnde, in seinem Wachstum von keiner Grenzerfahrung in irgendeiner Weise Gehemmte zutage tritt.“ (Christa Karpenstein-Eßbach: Krebs – Literatur – Wissen, S. 239)[1]

Einher ging all dies mit Metaphern von Krebs als Eindringling, der militärisch bekämpft, beispielsweise mit Strahlen beschossen, werden musste. Und vor allem ging diese Ermächtigung des Subjekts über die Krankheit auch damit einher, dass das Subjekt nun eben an der Krankheit selbst schuld sein konnte und die Verantwortung dafür sich selbst zuschreiben musste.

Gegen all dies, gegen die Behauptung einer „Krebs-Persönlichkeit“, gegen eine Krebs-Metaphorik, die die Krankheit zum erdrückenden Mythos macht, wandte sich nun Susan Sontag in ihrem Essay: „Zeigen will ich, daß Krankheit keine Metapher ist und daß die ehrlichste Weise, sich mit ihr auseinanderzusetzen – und die gesündeste Weise, krank zu sein – darin besteht, sich so weit wie möglich von metaphorischem Denken zu lösen, ihm größtmöglichen Widerstand entgegenzusetzen.“ (Susan Sontag: Krankheit als Metapher, S. 5) Denn nicht zuletzt besteht „das Interesse an der Metapher eben darin, daß sie sich auf eine Krankheit bezieht, die von Mystifikationen so überlagert und von der Phantasie des unentrinnbaren Verhängnisses so belastet ist“ (ebd., S. 93). Ist eine Krankheit behandel- und heilbar, wird sie auch nicht mehr als Metapher verwendet – dies zeigt Sontag am Beispiel der Tuberkulose, einer Krankheit, die in der Literatur Jahrhunderte lang mit Metaphern überlagert und zum Mythos eines unentrinnbaren Schicksals aufgebaut wurde, bis sie eben kein unentrinnbares Schicksal mehr war. Erst eine Krankheit, die nicht mehr zum Mythos eines unentrinnbaren Schicksals aufgebaut wird, mutet es dem Subjekt nicht mehr zu, ihr entweder ohnmächtig gegenüber zu stehen oder aber sich die Verantwortung für sie selbst zuzuschreiben. In Metaphern also, oder zumindest in den Metaphern der 1970er Jahre, kann man von dieser Krankheit nicht sprechen. Aber wie dann? Weiterlesen

Verena Lueken – Alles zählt

9783462047974Vernea Lueken erzählt in „Alles zählt“ von einer mutigen, intelligenten, selbstständigen Frau, die in New York, der einzigen Stadt, in der sie sich beinahe zu Hause fühlt, von einem schon besiegten Gespenst der Vergangenheit eingeholt wird: Krebs. Vor dieser existentiellen Krise schreckt sie nicht zurück, sie stellt sich ihr mit allem Mut und aller Reflektiertheit, sie leitet alleine alle notwendigen Schritte ein, lässt sich operieren, wird danach vor Schmerz beinahe verrückt und befreit sich radikal aus aller von ihr als falsch empfundenen Bevormundung anderer. Und dabei erzählt das Buch von so viel mehr als „nur“ von einer Erkrankung: Es erzählt auch von der Bedeutung, die Musik, Kunst und Literatur in schweren Zeiten haben, wie viel Halt einzelne Sätze oder Songzeilen haben können, es erzählt von Heimatlosigkeit, vom Suchen und von der familiären Liebe. Und daran, meine ich, muss man gute Literatur erkennen können: Wenn sie über das einzelne Schicksal hinaus etwas zu sagen hat, auch für die, die mit diesem Schicksal (glücklicherweise) bisher nicht zu kämpfen hatten.
Da ist beispielsweise der sich leitmotivisch durch den Text ziehende Vers aus einem Gedicht Robert Frosts, der für die Protagonistin schon bei ihren vorherigen Krebserkrankungen ein Halt war, ein Halt, der ihr jetzt angesichts der übermächtigen Schmerzen zu entgleiten droht:

„Sie war sich entglitten, irgendwann über dem Atlantik. Als sei sie aus dem kleinen runden Fenster in der Kabine gerutscht, während gerade niemand achtgab, und dann da draußen verloren gegangen. In vollständiger Einsamkeit. Crossing to safety. Das hatte sie jedes Mal gedacht, wenn sie in New York landete. Als sie diesmal die Stadt verließ, […] da spürte sie, wie diese Sicherheit sich verflüchtigte, schon als sie abhoben.“ (S. 104)

Vor allem aber bin ich Lueken dankbar, dass sie – und solche Bücher sind so selten – eine Protagonistin entwirft, deren Schicksal nicht deswegen interessant sein soll, weil es irgendwie auf einen Mann bezogen ist (sei es aus unglücklicher Liebe oder Verlust oder weiß der Kuckuck warum), sondern eine, die um ihrer selbst willen interessant ist. Eine, die selbstständig ist und nicht den rettenden, strahlenden (männlichen) Helden braucht, der sie rettet, sondern die sich selbst rettet. Das ist nach wie vor so selten. Überhaupt ist diese Frau in ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit, in ihrer aus ihr selbst kommenden Stärke bemerkenswert, die auch daran deutlich wird, dass sie sich weder einen Trost herbeiphantasieren will, um mit ihrer Krankheit fertig zu werden, im Sinne von „Meine Krankheit als Weg“ oder „Meine Krankheit hat auch etwas Positives“, noch Halt in der Gruppe sucht:

„Ihre Abwehr war spontan. In den Faltblättern, die er ihr zusteckte, hieß es, es wäre gut für sie, Menschen zu finden, die das Leben trotz Krebserkrankung für lebenswert hielten und sich gemeinsam mit ihr dafür einsetzen könnten, ihre eigene Lebensqualität zu verbessern. Für sie war das eine ganz erbärmliche Vorstellung. Wie sich andere, die auch krank waren, aber ihr Leben trotzdem für lebenswert hielten, über sie beugen würden und sich für ihre Lebensqualität einsetzen wollten.“ (S. 121)

„Stattdessen fragte sie sich, wie es kam, dass manche Menschen empfanden, für sie habe diese Krankheit auch etwas Gutes gehabt. Wenn sie sie denn überlebten. Als Weckruf. Als Aufforderung, mit ihrem Leben etwas Vernünftiges anzufangen. Oder wenigstens Vegetarier zu werden. Als Mahnung, sich ab und zu mal weder ablenken noch unterhalten zu lassen und der Welt in die Augen zu blicken. Oder zumindest der Familie. Als Erinnerung daran, dass das Leben endlich ist. Sie hatte ein Leben geführt, dessen Endlichkeit ihr sehr bewusst war. Sie brauchte keinen Weckruf, keine Mahnung, keine Erinnerung, die eine Krankheit in ihr abrufen könnte. Sie war seit fünfundzwanzig Jahren Vegetarierin. Sie brauchte diesen Krebs für nichts.
Es schien ihr auch ganz widersinnig, wenn Menschen, die den Eindruck hatten, in ihrem Leben bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie krank wurden, nicht Sinnvolles angefangen zu haben, sich dann entschlossen, den Sinn in dieser Krankheit zu finden.“ (S. 127)

Was der Sinn des Lebens ist, klärt man besser vorher, nicht in einer Krise, so ihre Sichtweise. Diese Frau genügt sich selbst, sie blickt der Sinnlosigkeit ins Gesicht, wie sie ist, und lebt damit, ohne zu verbittern oder zu verzweifeln. Und entsprechend ist ihr größter Wunsch in der Phase der Schmerzen, die sie ihr selbst entfremden, wieder sie selbst sein zu können.

Und erst, als sie dies durch sich selbst erreicht hat, öffnet sie sich interessanterweise tatsächlich für ein männliches Gegenüber, die trifft in Myanmar auf einen Arzt, Nan, den ersten Mann, der in diesem Buch mit ausgeschriebenem Namen und also als Individuum auftritt. Und der mit ihr die – am Ende offen bleibende – Suche nach Heimat teilt.

In diesem Buch bleiben zum Glück viele Fragen offen, es ist kein Leitfaden, wie man am besten mit einer lebensbedrohlichen Krankheit oder unbeschreiblichen Schmerzen umgeht, sondern einfach eine Darstellung. Und auch hierum bin ich sehr froh, denn Lueken wird nirgends betulich oder pathetisch und will den Leser nirgends belehren, sie beschreibt sehr intime Dinge ohne peinlich oder aufdringlich zu werden. Sie erzählt einfach eine Geschichte, und das nicht nur in einer sehr schönen Sprache, sondern auch in einem durchaus kunstvollen, dreigliedrigen Aufbau mit (wie bereits erwähnt) wiederkehrenden Motiven, die innerhalb der mitunter lose wirkenden Erzählbestandteile für Zusammenhang sorgen.