Archiv für den Monat Dezember 2016

Ein Jahresrückblick in lustigen Literaturkritikmomenten

„Zwischen den Jahren“, wie man so schön sagt, sieht ja die gesamtgesellschaftliche Konvention vor, dass man folgende Dinge tut: Auf dem Sofa sitzen, alte Plätzchen essen, über die eigene Gewichtszunahme sinnieren, mal „in sich gehen“ und „das Jahr Revue passieren lassen“. „Zwischen den Jahren“ ist also ein hervorragender Zeitpunkt, um das zu machen, was die meisten von uns ohnehin pausenlos tun: Auf dem Sofa sitzen, komisches Zeug essen, Nabelschau betreiben und sich noch einmal genüsslich all die seit dem 1.1.2016 verpassten Chancen und Möglichkeiten vor Augen führen. Und 2017 wird dann alles besser, bis darauf, dass wir uns alle wieder wochenlang gegenseitig erzählen werden, dass wir uns „hups, verschrieben“ haben, weil wir immer noch „2016“ statt „2017“ schreiben, obwohl wir ja so froh sind, dass dieses Jahr endlich vorbei ist. Will sagen: 2017 wird mit einer großen Menge Spaß beginnen, wie jedes Jahr eben. Und ja, seid euch ganz sicher: Das Jahr verläuft immer so, wie es anfängt. Jedes Jahr. Immer.

Aber bis es so weit ist, möchte ich kurz all den Spaß Revue passieren lassen, den wir dieses Jahr hatten, in literaturkritischer Hinsicht. Ich bin keine sehr zuverlässige Beobachterin der professionellen Literaturkritik in Presse und Fernsehen, habe also einfach mal einen willkürlich ausgewählten Blumenstrauß meiner Highlights zusammengestellt, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen. Hier also meine drei liebsten Literaturkritikmomente 2016:

Platz 3: Eigentlich ist egal, ob das Buch gelungen ist, solange der Autor gut aussieht. Eine Doppelplatzierung.

Ijoma Mangold ist nicht zufrieden mit Abbas Khiders Roman „Ohrfeige“, die Erzählkonstruktion „klingt wie aus dem Bastelbuch“ und man wundert sich, wie aus dem Stoff „ein so langweiliger Roman werden konnte“. Aber Mangold ist ein freundlicher Kritiker, er zerreißt nicht, ohne gleichzeitig zu trösten, und so ist es eben auch nicht so schlimm, wenn „Ohrfeige“ kein so toller Roman ist, denn: „Weil Khider ein wahnsinnig charmanter, charismatischer und umwerfend gut aussehender Schriftsteller ist, wird seine Lesereise – und dagegen ist auch weiter nichts zu sagen – gewiss ein großer Erfolg werden.“ Und wer diese Form der Literaturkritik nicht schon lustig genug findet, muss vielleicht spätestens beim Lesen dieses Kommentars auf perlentaucher zu Mangolds Kritik lachen: „Aber Khiders Charme und  „umwerfend gutes“ Aussehen wird es beim deutschen Leser schon richten, glaubt Mangold, der mit diesem Satz zeigt, dass er dem Autor an Unausgegorenheit nicht nachsteht.“

Aber auch für Hannah Lühmann sind die Grenzen zwischen „Literaturkritik“ und „den Autor attraktiv finden“ eher so fließend. Auf welt.de wurden Anfang Juli zehn Bücher für den Sommer empfohlen – mit dabei: „Der Jonas-Komplex“ von Thomas Glavinic, und mit diesem Autor hat Hannah Lühmann, die das Buch empfiehlt, ein Problem: „Mein Problem mit dem Wiener Schriftsteller Thomas Glavinic ist, dass ich ihn so unendlich attraktiv finde, dass ich darüber jede Objektivität für seine Bücher verliere“, so der erste Satz der kurzen Empfehlung. Es folgen Ausführungen über Glavinics Glatze, seine Mundpartie und abschließend sogar zwei Sätze zum Roman selbst. Frau Lühmann gesteht zumindest: „[J]edenfalls setzt da irgendwas bei mir aus.“ Man möchte antworten: Merkt man fast gar nicht.

Und man muss der Vollständigkeit halber schon anmerken: Ginge es hier um Autorinnen, hätte es (hoffentlich) eine Welle der Empörung gegeben. Eine Anmerkung über das Aussehen der/des Autorin/s hat in einer Buchkritik nichts verloren. Auch nicht dann, wenn der Autor männlich ist.

Platz 2: Erst mal ordentlich Deutsch lernen mit dem Bachmannpreis.

Ich habe mich über diese unmögliche Jurydiskussion zu Tomer Gardis Text „Broken German“ bei den diesjährigen Tagen der deutschen Literatur ja schon einmal ausführlich geäußert, finde aber nach wie vor, dass diese Diskussion definitiv ein Fremdscham-Highlight der diesjährigen Literaturkritik ist. Zur Erinnerung: Der Autor las einen grammatikalisch wie orthographisch fehlerhaften Text von einer poetischen, stellenweise lyrischen Qualität, die eigentlich augenfällig war. Nach einem recht kurzen Gespräch über den Text stritt die Jury dann sehr lange über die Frage, ob ein Text in fehlerfreiem Deutsch geschrieben sein muss, um zum Bachmannpreis zugelassen zu werden. Dass man über die Ästhetik dieser Sprache hätte nachdenken können, über ihre poetische Gestaltungskraft, kam nicht in den Sinn, das ein oder andere Jurymitglied gefiel sich lieber darin, den Autor für so dumm zu halten, dass er diese Sprache eben nicht als Gestaltungsmittel, sondern nur aufgrund mangelnder Fähigkeiten eingesetzt habe, ohne sich darüber Gedanken gemacht zu haben. Es ist schon lustig, wenn man in der Jury des Bachmannpreises sitzt und anscheinend denkt, die AutorInnen, die da lesen, würden Texte einreichen, über die sie höchstens fünf Minuten nachgedacht haben. Aber das ist ja auch alles nur Symptom eines Problems, das der Bachmannpreis generell hat: Nicht selten hat man in den Jurydiskussionen ja das Gefühl, es gehe nicht um die Texte, sondern eher um Befindlichkeiten und die Selbstinszenierung der Jury. Mitunter hat man den Eindruck, dass einige Jurymitglieder sich gegenseitig so wenig leiden können, dass sie die KandidatInnen des anderen schon von vornherein ablehnen. Für den Bachmannpreis 2017 würde ich mir wünschen, dass es einfach mal um die Texte und die AutorInnen geht. Und nicht so sehr um die Jury und witzige Pointen.

Platz 1: Denis Schecks „Causa Kracht“ – oder vielmehr: Die Reaktionen darauf.

Dieser „Skandal“ ist ja zumindest denen, die die Literaturkritik ein bisschen beobachten, bestimmt noch in guter Erinnerung: Anfang September war Jürgen Kaube von der FAZ sehr traurig, weil Christian Kracht ihn nicht anlässlich der bald anstehenden Veröffentlichung seines neuen Romans „Die Toten“ zu Rindertartar eingeladen hatte. „Publikumstäuschung“ und „Verkaufshilfe“ warf Kaube daraufhin insbesondere Denis Scheck vor (auch Ijoma Mangold, der wird aber interessanterweise namentlich nicht genannt, und dem wird auch seither keine „Causa Kracht“ vorgehalten), denn die Formulierung „Lügenpresse!“ hat für das Feuilleton dann doch zu viel Matschgeruch – gemeint ist aber natürlich eigentlich dasselbe. Der Vorwurf, der insbesondere eben gegen Scheck erhoben wurde und insbesondere an diesem seither haftet (und eben interessanterweise viel weniger an Mangold), ist: Scheck und Kracht sind befreundet, weswegen Scheck eben das Buch von Kracht über den grünen Klee hinaus gelobt habe – das sei keine ehrliche Literaturkritik mehr, sondern Käuflichkeit, ein Freundschaftsdienst, Vetternwirtschaft, Publikumstäuschung, der Literaturkritiker verkomme hier zur Werbefläche. Und tatsächlich war Scheck ja auch malwieder mit seinen Superlativen etwas übereifrig, zum Superlativ neigt er ja aber immer, nicht nur bei Kracht. Natürlich war auch die Behauptung, Krachts Roman sei für die deutsche Literatur so revolutionär wie der Tonfilm für den Stummfilm, sehr albern. Noch alberner als das ist aber die Eifrigkeit, mit der jetzt alle, die Scheck aus irgendeinem Grund schon immer doof fanden, das aufgreifen, zu einem „Skandal“ aus der „Causa Kracht“ machen, wegen der man Scheck ja nun „endgültig als Kritiker nicht mehr ernst nehmen“ könne, weil der ja Bücher nur empfiehlt, weil er mit irgendwem befreundet ist, das ist ja jetzt bewiesen („Lügenpresse, Lügenpresse“). Die Möglichkeit, dass einfach Scheck tatsächlich den Roman von Kracht sehr gut gefunden haben könnte – mit dieser Meinung wäre er ja nicht einmal allein – scheint unvorstellbar. Anscheinend darf man Romane von Menschen, die man persönlich kennt, bestenfalls mittelmäßig finden, sonst ist man unglaubwürdig. Völlig unvorstellbar ist auch, dass Scheck vielleicht noch viele andere Schriftsteller kennen könnte, nachdem er ja schon seit Jahren im Literaturbetrieb unterwegs ist, von denen er einige vielleicht sogar ab und an verreißt – nur dass da dann eben kein beleidigter Jürgen Kaube einen Artikel drüber schreibt. Ja, auch ich würde mir wünschen, dass sich die gesamte Buchbranche – von der Werbung bis zur Kritik – 2017 weniger in Superlativen ergeht. Scheck ist auch damit ja nicht allein. Und ja, man darf und muss sogar Kollegen, die die Sperrfrist nicht einhalten, dafür kritisieren dürfen. Aber Scheck dafür belächeln, weil er mit einem sehr guten Autor, dessen Buch ihm sehr gefallen hat, befreundet ist und ihm vorsätzliche Publikumstäuschung zu unterstellen, das ist schon recht albern. Wie viele deutschsprachige Gegenwartsautoren vom der Qualität und der internationalen Bedeutung Christian Krachts gibt es denn zur Zeit so? Und dann muss man ein Fass aufmachen, wenn hier der Superlativ bemüht wird? Ich glaube nicht. Das ist genauso albern, wie die Tatsache, dass sich viel mehr Leute über Scheck aufregen, weil er „Bücher wegwirft“, und man sich da an die „Bücherverbrennung der Nazis“ erinnert fühlt, es fehle ja nur noch, dass er die Bücher auch anzünde, als sich Leute finden, die sich über Schecks Blackfacing aufgeregt haben. Mal abgesehen davon, dass diese Scheck-Kritiker ja den gar nicht so nebensächlichen Unterschied zwischen Scheck, der Bücher wegschmeißt, die er schlecht fand, und den Nationalsozialisten, die aus ideologischen Gründen Bücher verboten haben, nivellieren. Und dafür bekommt man jetzt auch nicht eben die „schlaue Kritik“-Ehrenanstecknadel. Dieser Buch-Stummfilm-Tonfilm-Vergleich, den Scheck da hergestellt hat, der geht auch in meinen Schatz völlig überzogener und damit alberner Lobhudeleien ein, und seid drauf gefasst: Ich werde ihn zu gegebener Zeit einsetzen und ich werde dabei sehr lachen. Aber die Aufregung um diese ganze „Causa Kracht“, die ist nun wirklich noch alberner als dieses Lob.

 

 

Ein vorweihnachtlicher zweiter Blogbuster-Zwischenstand

blogbuster-logoVor ungefähr einem Monat habe ich zuletzt über das geschrieben, was sich bei mir so in Sachen „Blogbuster“ getan hat, damals habe ich über „Mosaik der verlorenen Zeit“ von Elyseo da Silva berichtet. Ich bin gerade dabei, den Roman zu lesen, mit einiger Verzögerung, da zwischendurch mein eBookreader den Geist aufgegeben hatte. Aber jetzt lese ich wieder.

Das war es aber nicht schon, denn im letzten Monat haben mich noch ein paar Bewerbungen erreicht, und von einigen möchte ich kurz berichten:

Ich habe beispielsweise „Der Säulenversteher“ von Franco Rest zugesandt bekommen. In diesem Buch geht es um einen Mann, der während eines Rom-Urlaubs zu dem geheimen Treffen von Säulenfiguren und Säulenheiligen eingeladen wird, von denen ihm allerhand über die Geschichte dieser Figuren und der Welt erzählt wird. Das ist alles sehr aufwändig recherchiert und man kann beim Lesen sicherlich viel lernen, Rest hat sich hier auch allerhand Gedanken gemacht, zum Beispiel dazu, warum die Statuen immer im Konjunktiv und von sich selbst in der dritten Person sprechen – ich erkenne das an, habe das Buch aber abgelehnt, weil ich glaube, dass das in einem größeren Verlag nicht funktionieren würde. Auch ich fand das Lesen ein bisschen mühsam, und ich glaube, ich bin was „unkonventionelle sprachliche Gestaltung“ angeht relativ dickhäutig, also glaube ich nicht, dass der Roman für einen größeren Verlag funktionieren würde. Dennoch: Die Idee ist ja interessant, man lernt viel, und wer sich für das Buch interessiert: Es ist per selfpublishing erschienen und kann also gekauft und gelesen werden: http://www.blurb.de/b/7273679-der-s-ulenversteher

Davon abgesehen habe ich vor allem Sci-Fi-Romane bekommen, und das ist ja ein Genre, mit dem ich mich nicht so auskenne, dennoch habe ich hier einige Manuskripte angefordert:

Da ist zum Beispiel „Urteil ohne Gott“ von Felix Wieduwilt, ein Roman über John, einen Familienvater, der in einer Zukunft lebt, in der genetische Veränderungen am Menschen zum staatlichen Gesundheitsprogramm und Haushumanoide zum Alltag gehören – die Grenzen zwischen Mensch und Roboter verschwimmen zusehends, beide sind auf unterschiedliche Weise „optimierbar“, „herstellbar“. Deutlich wird dies, wenn John aus Eifersucht den Haushumanoiden seiner Frau, Billy, angreift, und dafür vor Gericht gestellt wird. Ich finde die Idee zu diesem Roman superspannend, sprachlich bin ich noch nicht ganz überzeugt, nicht weil die Leseprobe schlecht geschrieben wäre, sondern weil die Sprache einfach nicht so ganz meine Ästhetik ist, aber ich werde in das Manuskript weiter reinlesen.

Ähnlich verhält es sich mit „Gewaltlos“ von Tessa Schwartz. Auch dieser Roman ist in der Zukunft verortet, er erzählt von Erin, die ein trostlosere Leben in prekären Verhältnissen führt, von ihrem Partner wie ihrem Chef drangsaliert wird, bis sie Zaara kennenlernt. Zaara hat aber in der Stadt, in der Erin lebt, nur einen Auftrag zu erledigen, da ihr Land, das bereits 2020 zerstört wurde, erneut bedroht wird. Interessant finde ich hier, wie sich Gegenwartskritik und Zukunftsprognose verbinden. Tessa Schwartz ist Mitglied der Darmstädter Textwerkstatt von Kurt Drawert und stand mit „Zweistromland“ auf der Shortlist des Bonner Literaturpreises 2016, kann also schon schreiben – aber auch hier trifft die Sprache nicht ganz meine Sprachästhetik, ich schaue mir das Manuskript aber noch an und freue mich darauf.

Sprachlich gut gefallen hat mir die Leseprobe aus „Zwei Königinnen“ von Johanna Kindermann. Hier finde ich auch die Idee ziemlich cool: Der Roman handelt von einer jungen Frau, die bei einem Teleportations-Unfall versehentlich verdoppelt worden ist und den sich daran anschließenden Kämpfen der beiden identischen Frauen um ihre Identität. Hier habe ich das Exposé gelesen und hatte ein bisschen Sorge, ob der Roman nicht etwas überkonstruiert sein könnte, fand die Leseprobe dann aber wirklich gut und bin gespannt darauf, in den ganzen Roman hineinzulesen.

Wiederum ähnliche Sachlage: „Air“ von Lukas Vering. Hier handelt es sich um einen Roman über einen jungen Mann, der in einem anti-utopischen Zukunftsstaat lebt, in dem alles künstlich ist, in dem selbst die Partnerwahl von Dating Apps übernommen wird – und von seinen Ausbruchsversuchen aus diesem System, das manche Aspekte unserer gegenwärtigen web 2.0-Gesellschaft überspitzt aufzugreifen scheint. Beim Lesen des Exposés dachte ich „Och nö, nicht noch eine Anti-Utopie, das Genre ist doch langsam durch“, die Leseprobe fand ich dann aber gut geschrieben, auch hier bin ich gespannt auf das Manuskript.

Zwei weitere Bewerbungen, die ich heute bekommen habe, habe ich noch nicht angeschaut.

Und, wie geschrieben: Ich lese im Moment Elyseo da Silvas „Mosaik der verlorenen Zeit“, ein Roman über Trauer, den Ausstieg aus der Leistungsgesellschaft und die Suche nach dem richtigen Leben im Falschen, die Maya-Spiritualität und den Bürgerkrieg in Guatemala.

Im Moment muss ich tatsächlich sagen, dass ich mich mit der Auswahl recht schwer tue, weil alle Romane eigentlich eben inhaltlich nicht das sind, was ich normalerweise lese, weswegen ich mich doch mit der Einschätzung schwer tue. Bei „Mosaik der verlorenen Zeit“ – auch wenn ich manches an dem Roman weltanschaulich nicht teile, wie ich bereits in meinem letzten Beitrag angedeutet hatte, vielleicht schreibe ich dazu auch in Zukunft irgendwann noch einmal etwas ausführlicher etwas – verstehe ich tatsächlich nicht, warum dieser Roman keinen Verlag gefunden hat, ich glaube, das ist schon ein Buch, das viele ansprechen würde und das tatsächlich auch vielen was geben könnte. Im Moment bin ich wirklich noch etwas verwirrt. Aber ich hoffe, das legt sich, wenn ich in die Manuskripte der anderen Romane reinlese. Und ich finde es cool, was für Ideen die Leute da draußen, die schreiben, so haben – ich glaube, das ist eigentlich für mich bisher das Schönste an dem ganze Blogbuster-Gedöns: Das ich mal einen klitzekleinen Einblick in die Schreiberwelt hinter den Verlagen bekomme. Und es tut mir jetzt schon wahnsinnig leid, dass ich mich am Ende für ein Buch und gegen die anderen entscheiden muss. Ich glaube, das fällt mir einfach doch wiedermal schwerer als gedacht.

Wenn ihr Lust habt, würde mich aber eure Einschätzung interessieren: Welches der vorgestellten Bücher würde euch thematisch am ehesten interessieren?

Einmal um die ganze Welt lesen

Zu dieser Idee wurde ich von Bruno inspiriert: Ich will wie er versuchen, mich einmal um die Welt zu lesen. Bruno will dabei nur Bücher gelten lassen, deren Handlung in einem bestimmten Land spielt und deren AutorIn ebenfalls aus diesem Land stammt. Zudem soll es sich möglichst um einen Gegenwartsroman handeln. Ich werde das ein bisschen weniger streng handhaben: Es muss für mich kein Gegenwartsroman sein, es muss nicht mal ein Roman sein, und wenn das Buch gut recherchiert ist, kann es auch von einem Autor stammen, der nicht in diesem Land lebt. Das Ziel ist natürlich, möglichst viel unterschiedliche Literatur zu lesen – bis die Karte ganz rot ist, die ihr ab jetzt hier ansehen könnt: Klick zur Weltkarte.

Wer mitmachen will, ist herzlich eingeladen: So eine Karte ist ganz schnell und einfach erstellt, dazu könnt ihr beispielsweise diesen Link nehmen. Inspiriert ist das ganze natürlich auch von Reisebloggern, die sowas ja schon ganz lange machen, eine ausführlichere Erklärung zum Erstellen solcher Karten mit mehr Möglichkeiten, so eine Karte zu erstellen, findet ihr beispielsweise auf Rooksack.de.

Und nein: Natürlich ersetzt das Lesen keinen realen Besuch eines Landes. Weil es immer leichter ist, bequem in den eigenen vier Wänden ein Buch zu lesen, das man auch wieder schließen kann, als real dort zu sein. Aber Reisen ist halt teuer und ich bin ein bisschen faul.

Ergänzung: Yvonne von umgeBUCHt hat zu einer Buchweltreise aufgerufen, wer mitmachen will, soll das gerne tun – schöne Idee!

Selim Özdogan – Wieso Heimat, ich wohne zur Miete

oezdoganheimatEs gibt in der Literaturgeschichte ja Romane, die davon handeln, dass eine etwas naive Figur in die Welt hinausgeschickt wird, die aus irgendwelchen Gründen etwas realitätsfern aufgewachsen oder eben geworden ist: Das ist schon im mittelhochdeutschen Epos mitunter so (zum Beispiel im Parzival), aber auch im neuzeitlichen Roman (Simplicissimus), im Roman der Aufklärung (J. K. Wetzels „Belphegor“), usw. usw. Natürlich ist das ein Muster, das prominent auch in der Literatur anderer europäischer Länder auftritt, berühmt ist da ja Voltaires „Candide“, in dem eben dieser Candide durch widrige Umstände in die Welt hinausgestoßen wird, nachdem er aufgewachsen ist im Glauben, in der besten aller möglichen Welten zu leben. In diesen Romanen geht es gar nicht so sehr um eine plausible, unterhaltsame Handlung, es geht mehr um philosophische Fragen: Sowohl der „Belphegor“ als auch der „Candide“ sind geschrieben worden, um zu überprüfen, ob ein optimistisches Weltbild bzw. der Glaube an die beste aller Welten realistisch oder einfach naiv ist. Und in dieser Tradition steht „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ von Selim Özdogan. Und es ist mir wichtig, diese Tradition der europäischen, vor allem auch deutschen Literaturgeschichte hier so zu betonen, in der ich diesen Roman sehe, weil das erneut zeigt, wie kurz eigentlich die Schublade der sog. „Migrationsliteratur“ greift, in die man Özdogan aufgrund seines Namens und aufgrund der Handlung des Romans vorschnell stecken könnte, um der Geschichte, die hier erzählt wird und dem Autor eine einfach Identität („Migrationshintergrund“) überzustülpen. Dabei entzieht sich der Roman eben dem und jeder einfachen Kategorienzuordnung: Es ist eine Geschichte über einen deutschen jungen Mann mit einem türkischen Vater, der in Deutschland lebt und in die Türkei reist. Es ist eine deutsche Geschichte über einen Deutschen, erzählt mit dem Mitteln einer deutschen und europäischen Erzähltradition. Und darin spielt Migration nur insofern eine Rolle, als die deutsche Mutter mit ihrem Kind aus der Türkei nach Deutschland gezogen ist. Ich möchte das hier so betonen, weil ich oft das Gefühl habe, dass Autoren, die nicht Meier oder Müller heißen, abgesprochen wird, sie würden „deutsche“ Geschichten in einer „deutschen“ Literaturtradition schreiben und als würden sie per se irgendwie exotische „Migrationsliteratur“ schreiben. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich hier verständlich ausdrücke, aber ich hoffe, ihr ahnt, was ich meine.

Um mal vorne anzufangen und zum Thema zurückzukommen: „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ erzählt von Krishna Mustafa, einem Kind einer deutschen Mutter, die ihre Kleinbürgerlichkeit mit einer Menge alternativen Lebensstils zu überdecken versucht, und eines türkischen Vaters, der dagegen seine Kleinbürgerlichkeit eher zur Tugend zu stilisieren versucht – und natürlich hat das Kind dann eben diesen Doppelnamen, in dem all das irgendwie zusammengefasst wird und der sich schon jeder Identitätszuschreibung entzieht, weil er so viele kulturelle Assoziationen, die aber gar nichts mit der geographischen Herkunft irgendeiner Figur zu tun haben müssen („Krishna“), verbindet. Nachdem Krishna Mustafa die ersten Lebensjahre in der Türkei verbracht hat, hat sich seine Mutter vom Vater getrennt und ist nach Deutschland gezogen, weil dort die Schulen, die Krishna Mustafa besuchen kann, viel besser sind. Und natürlich geht er dann auf eine Waldorfschule. So wächst er in einer alternativen Lebenswelt auf, fern kapitalistischer Bosheiten wie Coca Cola und des gemeinen Leistungsdrucks, und bewahrt sich wohl auch deswegen eine bemerkenswerte kindliche Naivität und Heiterkeit. Bis sich Laura von ihm trennt, weil er seine Identität noch nicht gefunden habe und kein Verhältnis zu seinen Wurzeln habe. Unter der Annahme, dass Laura damit recht habe, dass der Mensch also irgendwie eine Identität brauche und irgendwelche Wurzeln finden müsse, reist Krishna Mustafa nach Istanbul, um seinen Vater und seine Wurzeln zu finden. Dabei kommt es zu allen möglichen Verwicklungen – er versteckt sich bei Regen in einem Waffengeschäft und nimmt dort eine Waffe in die Hand, wird dabei aber fotografiert und gilt fortan in Deutschland als islamistischer Terrorist –, die vor allem dazu dienen, diese Fragestellung zu überprüfen: Was ist Identität, ist sie so wichtig, wie nehmen wir Kulturen war, gibt es so etwas wie kulturelle Wurzeln?

Interessant an so einem Vorwurf wie „du hast deine Identität nicht gefunden, du hast kein Verhältnis zu deinen Wurzeln“ ist ja, dass das vermutlich ein Vorwurf ist, den Leute, die im Kindesalter von Berlin oder Wien nach Konstanz gezogen sind, nicht hören dürften, sondern eben nur Leute, die irgendwie einen „Migrationshintergrund“ haben. Darin spiegelt sich die Idee, dass Identität mit Nationalität in Verbindung steht, dass ein Teil individueller Identität die nationale Identität sein muss, und das irgendwie auf zauberhafte Art der Geburtsort mit der eigenen Identität zusammenhinge, oder die Nationalität eines Elternteils. Konsequent dekonstruiert also Özdogan erst einmal die Idee der nationalen Identität, indem er historische wie zeitgenössische Zuschreibungen durchspielt und überprüft, und das von unterschiedlichen Seiten aus: Da finden sich Gespräche darüber, dass einige Türken denken, die Araber wären alle dreckig und könnten sich nicht benehmen (S. 45) – ein Vorurteil, das ja auch einige Deutsche gegenüber Ausländern ganz generell hegen –, da wird das Bild, das Deutsche von der Türkei oder dem „Orient“ haben auf seinen Wahrheitsgehalt abgeklopft, aber auch das Bild, das Türken von Deutschen haben. So stellt sich beispielsweise heraus, dass Bauchtanz eben nicht „typisch Orient/Türkei“ ist, sondern lediglich „typisch Touristenfolklore“, dass der deutsche Blick auf türkische Politik oder beispielsweise die Proteste im Gezi-Park ein stark vereinfachter oder mitunter stark romantisierter ist – aber auch, dass die Deutschen eben nicht alle kalt zueinander sind. Mitunter reißt der Autor hier vielleicht fast zu viele Themen an, manchmal hat man schon beim Lesen eher das Gefühl „Ok, das Thema wollte er jetzt halt auch noch ansprechen“, als dass sich das gerade wirklich aus der Handlung oder der Psychologie der Figuren ergeben hätte. Aber interessant ist das ja trotzdem allemal. Und, was daran auch deutlich wird: Der Roman ist recht gesprächslastig, viele der Themen, die hier diskutiert werden, können gerade eben dann, wenn so viele Aspekte untergebracht werden sollen, gar nicht so sehr über eine Handlung als eben mehr über Gespräche einbezogen werden. Darauf muss man sich einlassen.

Genauso muss man sich auf die Konzeption der Hauptfigur, Mustafa Krishna, eben einlassen, auch wenn einen diese manchmal in all der kindlichen Naivität und Fröhlichkeit, mit der die Figur herumläuft, ziemlich nervt. Aber ich denke, eben das ist gewollt – nicht nur aufgrund der Erzähltradition, in der ich eben den Roman sehe, sondern auch aufgrund des Themas des Romans: Es ist nahezu unmöglich, sich mit einer so unbedarften Figur wie Krishna Mustafa zu identifizieren, immer wieder denkt man sich: „Das meint der doch jetzt nicht ernst?“ oder „Ist der jetzt echt so blöd?“, und fällt damit aus der Identifikation mit der Figur heraus. Und genau das ist ja eigentlich nicht nur konsequent, sondern auch sehr geschickt, wenn es in dem Roman letztlich darum geht, dass „Identität“ als festes Konzept Unfug und Zuschreibungen sowieso quatsch sind: Die Hauptfigur verweigert dem Leser die Identifikation und Festlegung. Der Leser kann über das nachdenken, was die Figuren sagen, bleibt immer in einer gewissen Distanz, aber er findet eben keine Identität, mit der er sich verbinden könnte. Das mag manche Leser nerven, ich finde es aber ziemlich gut gemacht. (Was mich mehr gestört hat, war, dass das Buch eben an manchen Stellen lustig ist und ich doch keinen Humor habe und Witze bei mir beim Lesen wirklich fast nie zünden – da geht es aber anderen ja anders.) Die Hauptfigur verweigert aber nicht nur dem Leser die Identifikation, sie verweigert auch alle Identitätszuschreibungen durch andere: Wenn Mustafa Krishna Opfer von racial profiling wird und immer wieder im Zug von der Polizei kontrolliert wird, nimmt er das pragmatisch und mit Humor und fährt eben in Badehose Zug, lässt das aber nicht als rassistische Zuschreibung an seine Identität heran – ganz im Gegensatz zu seiner Freundin Laura. Wenn er in den deutschen Medien aufgrund eines Fotos und eines Youtube-Videos zum islamistischen Terroristen gemacht wird, nimmt er das eher als Kuriosum hin und sieht es nicht als Identitätszuschreibung, der gegenüber er seine wahre Identität klarstellen müsste, auch wenn alle Freunde und Verwandte aus Deutschland ihn bitten, doch das Bild, das von ihm in den Medien entstanden ist, zu korrigieren.

(Und jetzt kommt der Spoiler, attenzione!) Und am Ende steht dann eben die Erkenntnis, dass der Vorwurf, den Laura ihm gemacht hat, ja dass die ganze Annahme, es gäbe konkrete, feste Identitäten, die irgendwie mit irgendwelchen „Wurzeln“ zusammenhängen, falsch ist – weil Identität immer ein Konstrukt ist, weil nationale Identitäten immer Konstrukte sind, die von unterschiedlichen Positionen aus ganz unterschiedlich konstruiert werden. Wichtiger als die Frage nach der Identität ist die nach den Lebensumständen. So heißt es im Epilog:

„Krishna Mustafa wird noch einige Zeit brauchen zu verstehen, dass die Frage nach der kulturellen Identität auch eine Ausweichstrategie ist. Denn die eigentlichen Fragen lauten: Unter welchen Bedingungen lebt du dort, wo du lebst? Wie ist das Geld verteilt, wie die Chancen und wie wird das begründet?“ (S. 242)

Und genau deswegen bin ich ganz froh, dass es ein Buch wie dieses in Zeiten gibt, in denen Politik in den USA und Europa maßgeblich auch Identitätspolitik ist, in denen europaweit „identitäre Bewegungen“ wachsen, die eben (nationale) feste Identitäten wieder für wichtig und für irgendwie festschreibbar oder erhaltenswert halten. Dabei sind Identitäten Konstrukte, und Konstrukte sind individuell, und es wäre wünschenswert, wenn wir einfach jeden seine Identität selbst konstruieren lassen würden, statt ihn (und uns selbst!) auf irgendwas festzulegen. „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ ist ein Roman, auf den man sich eben in mehrfacher Hinsicht einlassen muss – aber gemessen an dem, was dieser Roman will, ist er echt gut.