Archiv für den Monat Januar 2017

Blogbuster: „Air“ von Lukas Vering bekäme ein Foto von mir…

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… wenn ich Heidi Klum wäre. Abseits der Albernheiten:

Mitte der Achtziger prägte der Soziologe Ulrich Beck den Begriff der „Risikogesellschaft“ für die Gesellschaft, in der wir leben, und die sich durch drei Dinge auszeichnet: 1. Das Verhältnis der Industriegesellschaft zu den Ressourcen, die sie verbraucht; 2. Das Verhältnis der Gesellschaft zu den von ihr erzeugten Gefahren, die die Grundannahmen der bisherigen Gesellschaftsordnung erschüttern; 3. Den Prozess der Individualisierung, da alle kollektiven Sinnquellen erschöpft sind. Unsere Gesellschaft lebt mit Risiken bzw. erzeugt diese überhaupt erst, da die Ressourcen, die wir verbrauchen, endlich sind; da wir selbst Gefahren hervorrufen, die wir eigentlich nicht erzeugen wollen – Beispiele sind die Reaktorunfälle, die die Folge der auf den ersten Blick „sauberen“ Atomenergie sind, oder multiresistente Keime, wenn man inflationär mit Antibiotika um sich schmeißt; und da den Menschen das, was ihrem Leben Sinn gibt, in der Folge von der Herauslösung aus traditionellen Sozialformen, durch die „Entzauberung“ der Welt im Zuge der radikalen Zurückgeworfenheit auf sich selbst als Individuum abhanden gekommen ist. Die Risiken, mit denen wir heute leben, sind in erster Linie durch den Menschen selbst hervorgerufene Risiken, und eben nicht mehr dominant durch die Natur hervorgerufene Risiken. (Ich hoffe, es kommen nicht gleich lauter Soziologen und schimpfen mich, weil ich alles verkürze und schief darstelle.)

Eine Gesellschaft, die genau das (scheinbar) überwunden hat, stellt Lukas Vering in „Air“ vor: Die Menschheit hat sich hier vollständig von der Natur und ihren Ressourcen gelöst, sie kontrolliert sich und ihre Umgebung vollständig, sie schafft sich und ihre Umgebung vollständig selbst. Sie ist nicht mehr auf natürliche Ressourcen angewiesen. Hier ist alles künstlich und unter Kontrolle – sogar die Luft, die die Menschen atmen, ist künstlich.

„Die Luft ist dünn. Sie hinterlässt den sterilen Geschmack von Plastik auf der Zunge. Jeder Atemzug füllt die Lungen mit synthetischem Sauerstoff, der unablässig in die Straßen der Stadt sickert, sie überflutet und ertränkt und sie schon lange, lange wie ein Ozean unter sich begraben hat; der leicht, kaum merklich, nach Plastik schmeckt.“(Lukas Vering: Air, S. 1 – Romananfang)

Das einzige Stück Natur, dass der Menschheit noch gefährlich werden könnte, ist der Ozean – aber der wird durch Beton in Schach gehalten. Die Welt, die Lukas Vering hier bis ins Detail und wahnsinnig geschlossen entwirft, ist eine, die die ersten beiden Aspekte der „Risikogesellschaft“ ausgeschaltet hat. Aber die Menschen haben sich eben nicht verändert – der dritte Aspekt der „Risikogesellschaft“ bleibt. So sicher, komfortabel und kontrolliert das Leben auch immer ist – es gibt immer einzelne, die nach einem Sinn suchen. So ist das bei Ty Redfern427 und bei Pamina, den beiden Hauptfiguren des Romans, der Fall – und bei einigen anderen. Ihnen nimmt die Kontrolle, die kalte Vernunft, mit der alles durchgeplant und organisiert wird, im wahrsten Sinne des Wortes „die Luft zum Atmen“. Und aus dieser Welt suchen sie und andere Figuren im kleinen oder im großen einen Ausweg – mit einem wirklich überraschenden und wie ich finde sehr gelungenen Ende.

Aus diesem Grund, und weil der Roman für mein Empfinden kompositorisch wie sprachlich richtig gut gemacht ist, habe ich mich für „Air“ von Lukas Vering entschieden. Ja, es handelt sich um SciFi und damit um Genre-Literatur und es kann sein, dass die Fachjury den Roman deswegen ganz schnell aussortiert. Für mich ist das aber der Roman, der mich echt beschäftigt und gepackt hat – zugegebenermaßen erst irgendwo zwischen S. 90 und S. 100, davor fand ich ihn „nur“ gut, aber das ist bei einem Roman mit über 500 Seiten auch eher die Regel, dass es eben etwas Anlauf braucht, bis man richtig „drin“ ist. Keine Ahnung, ob die Fachjurymenschen dem Roman überhaupt so viel Zeit geben. Und: „Genre“ heißt ja nicht, dass da nichts Literarisches zu finden wäre: Kompositorisch finde ich das – wie geschrieben – wahnsinnig gut, es gibt selbstverständlich Motive, die sich durch den Roman ziehen (das Bild des Ozeans, das Motiv des Baumes…), und der Roman braucht sich nun sprachlich hinter den Romanen der Gegenwartsliteratur für ein Empfinden nicht zu verstecken. Aber was weiß ich, wie andere das sehen. Kann mir ja aber auch egal sein: Ich habe diesen Roman mit Gewinn und gerne gelesen und bin wirklich froh, dass ich ihn lesen durfte.

Aus diesem Grund: Der Roman, den ich an die Fachjury weitergeben werde, ist „Air“ von Lukas Vering.

Trotzdem möchte ich noch einmal allen AutorInnen danken, die sich beworben haben. Jeder von euch hat ein Buch geschrieben, das würde ich schon gar nicht auf die Reihe kriegen, und dafür habt ihr alle wirklich meinen Respekt. Dankeschön! Und: Schreibt bitte weiter!

Und auch, wenn ich an anderer Stelle schon einmal dafür geschimpft wurde, dass ich Autorennamen genannt habe (ich nenne deswegen auch keine weiteren mehr), ich möchte die SchriftstellerInnen, die ich in meinem letzten Blogbeitrag zum Blogbuster ohnehin schon genannt habe, hier nochmal nennen, weil ich mir wünschen würde, dass ihr als geschätzte Leser denen, wenn sie euch mal unterkommen, eine Chance gebt:

Das ist Felix Wieduwilt, der mit „Urteil ohne Gott“ einen philosophischen, angesichts neuester medizinischer und technischer Entwicklungen sehr aktuellen Roman geschrieben hat, der die Frage stellt, wo die Grenze zwischen Mensch und Roboter verläuft. Da ist Johanna Kindermann, die mit „Zwei Königinnen“ das schon aus der Romantik bekannte Doppelgänger-Motiv aktualisiert, die Frage nach dem, was Identität ausmacht, diskutiert, und das alles mit der Geschichte von Maria Stuart und Elisabeth I. verbindet. Da ist Tessa Schwartz, die in „Gewaltlos“ von zwei Frauen erzählt, die in einer Welt der Zukunft um so etwas wie ein bisschen Glück, wenigstens aber doch um so etwas wie eine Normalität ringen.

Und gesondert erwähnen möchte ich noch einmal Elyseo da Silva mit „Mosaik der verlorenen Zeit“, weil sein Buch ja eben schon im Selfpublishing erschienen ist. Ich verstehe beim besten Willen nicht, warum dieser Roman keinen Verlag hat – Leute, die Carlos Ruiz Zafon mögen, sollten hier mal einen Blick riskieren. Das ist wirklich ein gut gemachter Roman, der ja auch seinen Lesern durchaus etwas zu geben scheint, wie man daran sieht, dass er (eben ohne Verlag und Marketing) beim lovelybooks-Preis in der Kategorie „Historischer Roman“ Platz 16 von 35 gemacht hat und auf Amazon von 25 Rezensionen 22 5-Sterne-Rezensionen sind. Ich denke, das ist ein Roman, der für viele wirklich funktioniert, und würde mir wirklich wünschen, dass irgendein Verlag das endlich macht.

Trotz allem: Aus den oben ausgeführten Gründen, habe ich mich für „Air“ von Lukas Vering entschieden, und freue mich wirklich darüber, dass ich diesen Roman zugeschickt bekommen habe.

Petina Gappah – Die Farben des Nachtfalters

gappah-farben-nachtfalterJ. M. Coetzee findet laut Buchumschlag: „Petina Gappah ist eine glänzende Erzählerin.“ Und ich als autoritätshörige Person, die ich nun mal bin, dachte mir: „Ok, wenn der das sagt, dann stimmt es bestimmt.“ Und weil Coetzee ein Ehrenmann ist, dem man vertrauen kann, ist die simbabwische Petina Gappah natürlich wirklich eine glänzende Erzählerin, wenn man das so formulieren will.

„Die Farben des Nachtfalters“ (warum man diesen kitschigen Titel statt des viel schöneren Titels „The Book of Memory“ gewählt hat, wird wohl das Geheimnis des Verlags bleiben) enthält die fiktiven Aufzeichnungen von Memory, die zu Unrecht wegen Mordes zum Tode verurteilt worden ist und deswegen im Gefängnis Chikurubi in Simbabwe lebt. Insofern ist der Roman eine fiktive Biographie, die zu klären versucht, wie es so weit kommen konnte, wie es gekommen ist. Und insofern ist der Roman eine Geschichte über das Leben in einem simbabwischen Frauengefängnis unter der Willkür und Gewalt der Aufseherinnen, unter menschenunwürdigen Bedingungen, unter ständiger Beobachtung und vor allem: Abgeschnitten von der Außenwelt. Und gerade deshalb ist die jüngste Geschichte Simbabwes ständig präsent in diesem Roman, weil sie für die inhaftierten Frauen, die immer nur bruchstückhaft von Neuigkeiten erfahren, so eine wichtige Rolle spielt, zum einen da diese auf eine Amnestie durch eine neue Regierung hoffen, zum anderen da eben Neuigkeiten Mangelware sind. Wer also einen Roman sucht, in dem man etwas über das Leben in Simbabwe in den letzten Jahrzehnten erfährt, sollte hier zugreifen.

Aber es ist eben nicht nur eine Lebens- und Gefängnisgeschichte, die hier erzählt wird, sondern auch eine Familiengeschichte, denn die Frage, die Memory erörtert – nämlich wie es so kommen konnte, dass sie zu Unrecht zum Tode verurteilt worden ist –, greift zurück bis in die Kindheit, die Memory mit ihrer Familie und den Geschwistern, die nicht verstorben sind, in einem Township verbracht hat, bis sie im Alter von neun Jahren an einen Weißen, Lloyd, verkauft wird – den sie dann später ermordet haben soll. Und so erzählt „Die Farben des Nachtfalters“ auch in mehrfacher Hinsicht von Diskriminierung: Denn Memory ist ein Albino, und somit eine Außenseiterin. Ihre eigene Mutter betrachtet sie als Fluch und sucht unterschiedliche Wunderheiler auf, die sie von dem Makel der hellen Haut ihrer Tochter befreien sollen (hier erhält man auch einen Einblick in unterschiedliche Formen von Religion und Spiritualität in Simbabwe, von der Flusstaufe mit Exorzismus bis zum Geist-Medium). Und als Memory aus ihrer Familie herausgerissen wird, um zu Lloyd zu ziehen, wird das Machtgefälle zwischen Weiß und Schwarz in der ehemaligen Kolonie Rhodesien vollends deutlich: Vom Township wechselt sie in ein großes Herrenhaus, besucht eine gute Schule, kann ihre Fähigkeiten entfalten und später im Ausland studieren. Überhaupt ist sozialer Aufstieg für die Schwarzen in diesem Roman nach wie vor nur durch die Hilfe von Weißen möglich, dies betrifft auch einen Künstler, der nur das Land verlassen und international Karriere machen kann, indem er eine Deutsche heiratet. So sehr auf der einen Seite Kämpfe um die Landreform und Gewalt gegen weiße Grundbesitzer um sich greifen, so tief verwurzelt ist immer noch die Macht der Weißen und die Bereitschaft von Teilen der schwarzen Bevölkerung, diese als Autoritäten anzuerkennen, ehrfürchtig zu Memory aufzuschauen, weil sie mit Weißen in einem großen Haus gelebt hat, oder einen weißen Prediger als göttlichen Gesandten anzusehen. In der Geschichte Memorys spiegelt sich die Geschichte eines Landes, das mit den Folgen des Kolonialismus zu kämpfen hat: Da sind die von Kolonialherren zerstörten heiligen Stätten der einheimischen Ethnien, da ist die Korruption in der Regierung, da ist das Ringen der schwarzen Mehrheitsbevölkerung um politischen Einfluss und Aufstiegschancen. Und Memory als Albino steht zwischen allem: Aufgewachsen im Township und bei Weißen, weiß und schwarz gleichzeitig ist sie Grenzgängerin und Außenseiterin, blickt von außen auf all das, und ist eben gerade deshalb eine so gelungene fiktive Erzählerin. Und erzählt so nicht nur von der Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, sondern auch aufgrund von Geschlecht und sexueller Orientierung, gerade indem das Leben von inhaftierten Frauen und Wärterinnen und deren Geschichten mit einfließen.

Zum einen macht neben der eigentlichen Geschichte, die erzählt wird, also der Einblick in die jüngste Geschichte Simbabwes und seine Gesellschaft „Die Farben des Nachtfalters“ zu einem lesenswerten Buch. Zum anderen ist da aber die mythologische Bedeutungsebene, die Petina Gappah – die eben genau deswegen wirklich eine „glänzende Erzählerin“ ist – in die Geschichte einfließen lässt. Der Roman erzählt nicht einfach nur eine Lebensgeschichte in Simbabwe. Indem er den griechisch-antiken Mythos von den Erinnyen, den Rachegöttinnen, mit dem simbabwischen Glauben an Ngozi, Rachegeister, parallelisiert, indem er von Religiosität und Aberglaube und deren Bedeutung für das Leben der Menschen erzählt, und zeigt, wie Psychose und Aberglaube eins sein und das Leben steuern können, stellt er die oben genannte Frage: Wie es mit Memory so weit kommen konnte. Ob es ein Schicksal gibt oder alles Zufall ist. Und der Roman zeigt, wie eine falsche Annahme, ein Irrglaube, ein einziges falsch gedeutetes Ereignis zu einem  Schicksal werden können – und wie dieses Schicksal, die eigene Lebensdeutung, zusammenbrechen kann, wenn man mit einer anderen Deutung dieses einen Ereignisses konfrontiert wird. Und wie man dann weitermacht.

„Heute habe ich über den Birkenspanner nachgedacht. Genau wie dieser Nachtfalter musste ich meine Gestalt, meine Farbe ändern, um mich meiner Umgebung anzugleichen. Ich bin genau wie er blindlings hin und her geflattert, habe immer wieder die Farbe gewechselt im Besterben, mich anzupassen, zu überleben. Vielleicht ist das ja schon genug – dass ich mich fürs Überleben entschieden habe. Dafür, wieder von vorne anzufangen, ob hier drin oder dort draußen, aber stets im Bewusstsein der Wahrheit. Vielleicht reicht das ja schon.“ (S. 337)

Lest dieses Buch. Petina Gappah ist eine fantastische Erzählerin, manch einer würde vielleicht sagen: eine glänzende.