Archiv für den Monat Januar 2016

Truman Capote – Wo die Welt anfängt

Capote WeltCapote ist ein hervorragender Beobachter und Geschichtenerzähler. Er hebt nie den Zeigefinger, drängt dem Leser keine Schlüsse auf, sondern traut ihm zu und lässt es zu, dass er selbst etwas aus seinen Erzählungen macht. Das schätze ich sehr. Dass dies bereits in seinen frühen Werken der Fall ist, zeigt sich an „Wo die Welt anfängt“, eine Sammlung von Kurzgeschichten und Erzählungen, die Capote im High School-Alter verfasst hat. Freilich sind diese nicht von gleicher Stärke: Gerade die, in denen Capote versucht, andere Erzähltechniken zu verwenden, sind schwächer, so zum Beispiel „Verkehr nach Westen“. Das ist aber nicht so schlimm, denn einzelne Erzählungen, insbesondere die erste, „Miss Belle Rankin“, sind derartig gut, dass schon ihre Existenz die Existenz der schwächeren Erzählungen rechtfertigt. Capote erzählt mit einer nie pathetisch oder effekthascherisch wirkenden Melancholie, drängt sich dem Leser nie auf und berührt gerade dadurch.

Wenn ich das noch nicht gelesen hätte, würde ich es jetzt tun.

Mehr kann man da nicht sagen, wenn man nicht auf der Biographie des Autors rumreiten oder jede Erzählung einzeln besprechen möchte, tut mir leid. Aber wenn die Besprechung kurz ist, bleibt mehr Zeit für das Buch.

Philip K. Dick – Das Orakel vom Berge

Dick Orakel

In diesem Roman, der durch die an ihn angelehnte Amazon-Serie „The Man in the High Castle“ wieder etwas an Bekanntheit gewonnen hat, entwirft Philip K. Dick, der ja auch die Grundlagen für Filme wie Blade Runner, Total Recall und Minority Report schrieb und den man deswegen ruhig hin und wieder lesen könnte, eine kontrafaktische alternative Geschichte: Der zweite Weltkrieg wurde nicht von den Alliierten, sondern von Deutschland und Japan gewonnen, die sich nun in einer Art kaltem Krieg zu befinden scheinen, Amerika wurde in Besatzungszonen und eine neutrale Zwischenzone in den Rocky Mountains aufgeteilt, die folglich der Rückzugsort für alle die wird, die sich aus unterschiedlichsten Gründen verstecken müssen. Hier lebt auch Hawthorne Abendsen, der Autor des fiktiven Bestsellers „Die Plage der Heuschrecke“ (in der älteren Übersetzung lautet der Titel etwas anders, in jedem Fall handelt es sich aber um eine alttestamentarische Anspielung). Dieses Buch ist in den von Deutschland kontrollierten Gebieten verboten, in den japanischen wie neutralen Zonen dagegen nicht und es entwirft eine Welt, in der Japan und Deutschland den Krieg verloren haben und die Alliierten gewonnen haben. Dick spielt mit Realität und mit der Frage, ob es so etwas wie objektive Erkenntnis der Realität überhaupt gibt – das spiegelt sich in zahlreichen Details, bis hin zu der Reflexion der Frage, dass jeder Leser des genannten Bestsellers diesen auf eine andere Art, aus seinem eigenen Weltbild heraus zu lesen scheint. Und nicht zuletzt stellt er nebenbei im Aufzeigen all der alternativen Geschichtsverläufe und Sichtweisen auf Geschichte die Frage, ob es auch so etwas wie eine gute Lösung in der Geschichte gibt – schon dafür, wie Philip Dick hier über die eigentliche Handlung des Buches hinaus grundsätzliche allgemeinmenschliche Fragen miteinander verwebt, lohnt sich die Lektüre unbedingt.

Dazu trägt auch bei, dass hier das Naziregime nicht, wie ich es zunächst befürchtet habe, zur bloßen Staffage benutzt und damit bagatellisiert wird. Schade ist allerdings, dass einige esoterische Züge, die die zentrale Bedeutung mit sich bringt, die dem I Ging-Orakel in dem Buch zukommt, sich mir immer so völlig entziehen, zudem kommt Frauen (auch im Fall von Juliana) nur eine passive, reagierende Rolle zu, sie können in Geschichte kaum direkt eingreifen, scheinen auch den Wunsch danach kaum zu haben; die Handelnden sind Männer. Ob das zur Ideologie des Buches oder zur Ideologie der Entstehungszeit, den USA der 1960er, gehört, wage ich nach so oberflächlicher Beschäftigung mit dem Buch nicht zu beurteilen. Ähnliches gilt für die Homophobie und die stereotype Darstellung unterschiedlicher Rassen – gerade der letztere Punkt ist in einer Welt, die maßgeblich von einem rassistischen Deutschland kontrolliert wird, wohl unumgänglich, bei ersterem Punkt bin ich mir da nicht so sicher.

Nichts desto trotz: Ein Buch, das es zu lesen lohnt.

Mirna Funk – Winternähe

Funk WinternäheMirna Funks „Winternähe“ hat einen total tiefsinnigen Titel, der sich mir auch nach der Lektüre des Buches nicht erschließt, weil ich zum Glück nicht so furchtbar viel fühle wie die Protagonistin dieses Debütromans, Lola. Lola ist Jüdin mit Vaterkomplex aus dem ehemaligen Ostberlin, die mit dem Antisemitismus in seiner heutigen (wobei das ja gar nicht so heutig ist, sondern vieles davon ja eben schon lange da ist) Form konfrontiert wird, was dazu führt, dass sie mehrere Monate verreist, nach Tel Aviv und dann nach Thailand. Dort tut sie: Nichts. Es passiert folglich praktisch auch: Nichts. Man ist ja schon fast dankbar, dass in der zweiten Buchhälfte dann der Großvater stirbt und Lolas Nabelschau damit eine neue Facette entwickeln kann (und man vor allem nicht noch mehr von diesen peinlichen Briefen an den Vater lesen muss). Lolas Aktivitäten sind die Folgenden: Schlafen, „Sex machen“ (wie das in der wenig schönen Sprache dieses Buches so heißt), mit total hippen Leuten Wein trinken, total tiefsinnige Fotos für ihren instagram-Account schießen und ständig auf der Suche nach sich selbst ganz viel nachdenken. Man hat zwischenzeitlich das dringende Bedürfnis, der jungen Frau zu raten, doch irgendwie zu arbeiten, mehrere Stunde am Tag, damit sie sich selbst nicht so schrecklich wichtig nehmen muss, aber das geht ja nicht. Ein passenderer Titel wäre „Lolas Langeweile“ gewesen. Also, es gibt natürlich eine total aufwühlende und ereignisreiche innere Handlung, was den Mangel an äußerer Handlung ausgleichen soll, und wen Pubertätsprobleme von 34jährigen Frauen, die sich selbst total schlau finden, interessieren, sollte hier unbedingt zugreifen. Die Protagonistin ist nämlich trotzdem sympathisch, zwischendrin habe ich den Roman wirklich gerne gelesen, weil ich inzwischen solche Muttergefühle für diese Frau, die laut Buch mehrere Jahre älter sein soll als ich es bin, entwickelt habe.

Das Problem ist aber, dass alles, was hier angeschnitten wird, zum Klischee verkommt. Die Protagonistin selbst ist ein Klischee, was auch überraschenderweise nicht dadurch ausgeglichen wird, dass sie als Nietzsche-Leserin total individuell immer nur schwarz trägt. Ihr Vaterkomplex ist das Klischee eines Vaterkomplexes, mit peinlichen, vorhersehbaren Vorwürfen, die man eher von einer Anfang-20jährigen erwartet, und kitschiger als Mirna Funk hätte auch Rosamunde Pilcher dieses Problem nicht zu lösen gewusst (am Ende kommt Lola nämlich aufgrund ihrer Selbstfindung, die dazu führt, dass sie auf einmal mit sich und ihrer Geschichte „im Einklang“ (vulgär-Buddhismus, wie schön) ist, zu dem Schluss, dass sie ihn in Wahrheit ja doch so gut versteht und liebt und durch ein Wunder bahnt sich abschließend dann wohl eine Begegnung an, hach, wie rührend).

Noch viel schlimmer ist es aber, dass gerade die wichtigen Themen, die das Buch hätte behandeln können, zum Klischee verkommen. Das fängt ja schon mit diesem unsäglichen Zitat von Adriana Altaras auf dem Buchrücken an: „Dass sich die zweite oder dritte Nachkriegsgeneration noch so am Thema Juden und Nichtjuden abarbeiten würde, hatte wohl keiner gedacht.“ Da fragt man sich doch, ob die Autorin, Frau Altaras und der Fischer Verlag etwa ernsthaft erstaunt sind, oder ob sie nur so tun, weil sie denken, sie sähen damit schlau aus. Auch mit der Verkürzung der Geschichte des deutschen Antisemitismus auf den zweiten Weltkrieg werden alle Beteiligten wohl keine Adorno-Ehrenplakette gewinnen. Und leider zieht sich dann eben genau dieser strukturelle Mangel an Reflexion leider (und für mich wirklich überraschenderweise) auch durch das Buch: Wenn Lola mit Antisemitismus konfrontiert wird, dann geschieht das durchaus in einer realistischen Weise, allerdings sind die Szenarien mitunter so überzogen, dass diese Konfrontation mit Antisemitismus und damit, was dieser mit jemandem, der sich als Jude versteht, anrichtet, keinem Leser weh tun wird, weil sich auch der letzte Rothschild-Verschwörungstheoretiker denken kann „Also aber so bin ich ja gar nicht wie diese Antisemiten da in dem Buch.“ Und genau hier hätte das Buch subtiler sein müssen und es hätte weh tun müssen. So ist sogar das antisemitische Klischee hier klischeehaft dargestellt. Das hätte doch nicht sein müssen, das Buch wird so zumindest dem Anspruch, Klischees zu hinterfragen (wobei ich nicht weiß, ob Mirna Funk diesen Anspruch überhaupt erhebt), nicht gerecht, weil es mit Klischees arbeitet und diese auch nur im Rahmen individueller Befindlichkeiten verhandelt.

Da ist es doch dann aber fast schon gerecht, dass auch die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen diese zum Klischee verkleistert. So besucht Lola auf Koh Sriboya ein Totenfest und macht sich dabei so ihre Gedanken:

„Einmal im Jahr traf sich die Dorfgemeinschaft, nicht nur auf Koh Sriboya, sondern auch auf den anderen Insel der Andamanensee, und gedachten der Toten. Und dieses Gedenken geschah auf eine sehr ungewöhnliche Weise. Ganz anders, als man es in Deutschland kannte. Dorf, wo man Schwarz zu Beerdigungen trug, wo man, wenn überhaupt, mit düsterer Miene am Totensonntag zum Grab seiner Familie und Bekannten ging und einen Blumenstrauß niederlegte, schien das Gedenken dunkel und schwer. Gedenken war unangenehm, mit Verlust verbunden oder mit Schuld. Doch diese Menschen auf Koh Sriboya zeigten Lola, wie ein anderes Gedenken aussehen konnte. […] Die Familien und Angehörigen der Toten saßen auf den Gräbern und aßen und tranken und redeten. Wahrscheinlich erzählten sie sich alte und lustige Anekdoten. Lola dachte, wie wenig man sich alte und lustige Anekdoten über die Toten in Deutschland erzählte, wo so viele Menschen gestorben waren, mehr jedenfalls als auf Koh Sriboya. Wie gesund wäre eine solche Tradition, wie wohltuend, wenn man das Vergangene in der Gegenwart zuließe, es nicht ausschließen, es nicht verneinen oder einfach ignorieren würde.“ (S. 321-323)

Schwuppdiwupp ist die deutsche Gedenkkultur und die thailändische Gedenkkultur zu kleinen, handlichen Klischees verschnürt und verglichen worden. Ähnlich dumme interkulturelle Vergleiche findet man im Schulsystem, wenn in einem Tafelbild Christentum und Buddhismus in einer Tabelle verglichen werden, links steht dann „Erlösung durch Vergebung der Sünde“ und rechts „Erlösung durch Erleuchtung“ oder so etwas. Da hat man dann Schlagworte, die man daherplaudern kann, ohne die grundliegende Differenz, die sich letztlich gar nicht vergleichen lässt, gewürdigt zu haben. Man hat einfach alles gleich gemacht (worin das Wesen des Vergleichs besteht), beide Male geht es um Erlösung, das kennt man im westlichen Sozialisationskontext, und in ein Schema gepackt, das von westlicher Sozialisation geprägt ist. „Aha, beide haben Erlösung, also sind beide irgendwie gleich. Das eine Mal geht es um Sünde, das andere Mal um Erleuchtung, ja, also, da wirkt der Buddhismus ja schon gleich viel freundlicher, da geht es nicht immer um diese Schuld.“ So ungefähr verfährt Lola. Der Blick von Lola ist der einer Touristin. Sie setzt sich mit fremder Kultur nicht auseinander, sondern bastelt diese als Ethnokitsch in ihr wenig differenziertes Weltbild. Damit nimmt sie dem Fremden die Fremdheit, die sie ja gar nicht interessiert, weil sie nur das aufnehmen möchte, das ihr Denken bestätigt, und macht also alles gleich. Wie es eben der Tourismus so macht. Aber einem Roman, der sich eben auch mit multikulturellen Aspekten auseinandersetzen will, hätte man mehr Reflexion abverlangen müssen. Offensichtlich überhebt sich Mirna Funk hier aber. Sie hätte ein reines Vaterkomplex-Selbstfindungsbuch schreiben sollen, diesem Thema ist sie gewachsen, dem anderen offensichtlich leider nicht.

Aber das hindert sie nicht daran, abschließend Lola in Bangkok eine Palästinenserin treffen zu lassen, mit der sie eben mal den Nah-Ost-Konflikt bei einer Hühnersuppe entpolitisiert und in allgemeinmenschliche Befindlichkeiten hineintrivialisiert, weil das anscheinend die einzig funktionierende Denkstruktur der Figuren dieses Romans ist:

„Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass es sich bei diesem Konflikt um ein menschliches Dilemma handelt. Der Mensch ist zugleich gut und böse, hässlich und schön, schlau und dumm. Wir sind weder altruistisch noch von Geburt an schlecht. Was uns auszeichnet, ist, dass wir eine Wahl haben. Jeder Einzelne hat die Wahl, sich für die eine Seite oder die andere Seite zu entscheiden. Wir haben die Wahl, moralisch oder unmoralisch zu handeln. Viele sind sich dieser Wahl nicht bewusst. Und viele wissen auch nicht, dass diese Wahl sie in die Pflicht nimmt.“ Etc.etc. (S. 336f.)

Ja, also, wenn das so einfach ist, dann können ja einfach alle, wie Lola und ihre Begleiterin Tracy, sich dafür entscheiden, lieber nicht rumzuballern und stattdessen eben Hühnersuppe zu essen. So geht nämlich Diplomatie.

Von so unsäglichen Verflachungen des Redens über den Holocaust ganz zu schweigen: Als die beiden Menschen, die Lola in antisemitischer Weise beleidigt haben, ein paar Jahre später glücklich und erfolgreich zu sein scheinen, denkt sich Lola:

„Beide, Manuela Müller und Olaf Henninger, waren in den letzten zwei Jahren glücklich geworden, dachte Lola. Manuela durch ihren sozialen Aufstieg und Olaf durch die große Liebe. Solche Beispiele ließen einen doch an der Existenz Gottes zweifeln, dachte Lola. Wie der Holocaust.“ (S. 332)

Wenn das ironisch sein sollte, fehlt mir dafür der Humor. Überhaupt, die Sache mit der Ironie. Zahlreiche Stellen sollen wohl ironisch sein, das würde aber ja eben nur funktionieren, wenn man den Romanfiguren zutrauen würde, dass sie eigentlich schlauer wären und es besser wüssten. Aus den bereits dargestellten Gründen zweifle ich daran aber. Oder nehmen wir die Gender-Thematik: Ich vermute, dass Formulierungen wie „weil Israelis noch richtige Männer sind, musste sie nicht lange warten, bis eine Nachricht kam“ (S. 67) und „Lola hatte volles Vertrauen, dass Nuk das hier alles mit seiner archaischen Männlichkeit schaukeln würde.“ (S. 278) ironisch sein sollen. Was die Autorin dabei aber nicht bedacht hat, ist, dass ihr Spiel mit Genderklischees nur dann lustig wäre, wenn ihre Figur nicht in diesen festhängen würde. Aber natürlich ist ihr zentrales Problem das Verhältnis zum Vater, Figur familiärer Auseinandersetzung ist vor allem der dann irgendwann sterbende Großvater Gershom und die zentrale Figur, die es schafft, ihre klischeehafte Selbstinszenierung (auch das ja schon wieder ein Klischee) zu durchbrechen, ist Shlomo, bei dessen Wiedersehen sie Erkenntnisse hat:

„Als sie Shlomo sah, musste sie lächeln, und dieses Lächeln verfärbte ihre Bäckchen leicht rose. Lola winkte, und Shlomo winkte zurück. Endlich war ihr klar, warum sie hergekommen war. Endlich schoben sich die chaotischen Anteile in die richtige Reihenfolge, als würde ein Magnet für Ordnung sorgen. Shlomo trug eine Badehose. Sein braungebrannter Oberkörper machte Lola schwindelig.“ (S. 136)

Nicht nur, dass das auch so in einem Arztroman stehen könnte, nein, Lola kann eben ihre Selbstfindung, die primär auch eine Auseinandersetzung mit den Männern in ihrem Leben ist, nicht ohne männliche Figur leisten. Und das macht die Ironie an anderen Stellen unlustig. Ein Roman, der von der Identitätsproblematik einer männlichen Figur handeln würde, würde solche Passagen nicht enthalten, vermutlich würden auch die Frauenfiguren keine wesentliche Rolle für den Findungsprozess spielen. In den meisten Exemplaren der Bildungsromane, die ja nach wie vor ein männliches Genre darstellen, ist das so. Lolas innere Entwicklung ist dagegen ohne die Männerfiguren gar nicht denkbar.

Das ist nun alles schon inhaltlich schlimm genug, was aber wirklich schmerzlich hinzukommt, ist die unmögliche Sprache des Buches. Wenn eine Figur, die 34 sein soll, Wörter verwendet wie „oki-doki“, „abstalken“, „einen Move machen“, „fancy“, „das beste Tahini ever“, „yeah“, „komm klar“, „lass los“ etc., wirkt das auf eine ähnliche Art und Weise peinlich, wie wenn eine Mutter mit diesem Vokabular mit ihrem 13jährigen Kind zu sprechen versucht. Die Autorin will hier vielleicht zeitgeistig wirken, sie lässt aber vor allem ihre eigene Figur infantil wirken. Aber vielleicht ist ja genau das der Clou an dem Roman. Vermutlich aber nicht, denn an anderer Stelle nutzt Mirna Funk ihre Figur Lola, um endlich mal der Welt zu zeigen, was sie eigentlich alles schlaues in ihrem Leben gelesen hat, so etwa wenn Lola völlig unmotiviert und ohne jeden Erkenntniswert philosophisches name-dropping (das Wort wäre eins für Lola gewesen!) betreibt:

„Eichmanns Festnahme und die Gerichtsverhandlung hatten auf die Frage, wie so etwas Schreckliches wie der Holocaust hatte geschehen können, eine erlösende Antwort geben sollen. Die Gerichtsverhandlung erreicht, dass man verstand, dass diese Frage niemals befriedigend beantwortet werden würde. Nicht von Eichmann, nicht von Mengele, nicht von Historikern, Soziologen oder Psychologen. Auch wenn Hannah Arendt es durch ihre Erklärung der Banalität des Bösen versucht hatte, der Holocaust war nicht nur unverzeihlich, er war auch unerklärbar.“ (S. 182f.)

Was der Leser danach weiß, ist, dass Mirna Funk Hannah Arendt gelesen hat. Darüber hinaus hat das hier schlichtweg keine Funktion für den Text. Dass sie an anderer Stelle beispielsweise ein Adorno-Zitat einbindet, also zum Teil ihres Textes macht, finde ich dagegen ok. Aber dieses bloße Erwähnen von irgendwas wirkt vor allem eitel. Wäre Mirna Funk eine Band, sie wäre die Band „Glasperlenspiel“ – der Name soll die eigene Belesenheit demonstrieren, in den Texten soll sich dann aber „geiles Leben“ auf „Champagnerfeten“ reimen.

Selten habe ich so viel über ein Buch geschrieben – aber selten hat mich auch ein Buch immer wieder so genervt. Es nervt umso mehr, weil dazwischen ganze Passagen echt ganz nett zu lesen sind. Wie bereits geschrieben: Hätte Mirna Funk das gemacht, was sie kann, nämlich eine ganz sympathische Figur ihre Identitätskrise durchleiden und in den sozialen Medien (in denen sie Fotos von abgeplatztem Nagellack aus den Zehennägeln postet, weil das Kunst ist und die Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft symbolisiert) ausleben lassen, wäre das vermutlich ein lesbares Buch gewesen. Hätte sie sich mit allem so viel Mühe gegeben wie mit der Beschreibung dessen, was Lola gerade an hat, wäre das Buch vielleicht lesbar gewesen. So enthält das Buch eben viele lange, lange Textpassagen, an denen sich die Autorin verhoben hat und die eben deswegen noch mehr auffallen, weil dazwischen alles erträglich ist. Von der Wortwahl ganz zu schweigen.

Ich wurde aber insgesamt auch schon dümmer und schlechter unterhalten, vollständig abraten möchte ich nicht, aber prinzipiell kann man sich diesen Roman ganz gut sparen, und: Wenn man Mirna Funk alle Klischees, die sie hier formuliert, abnimmt, kommt man am Ende aus dieser Lektüre vielleicht dümmer raus, als man es vorher war, denkt aber, man hätte was gelernt. Und das wäre doch schade.