Archiv für den Monat August 2019

Min Jin Lee – Ein einfaches Leben

Manchmal ist es ja ein bisschen schade, wenn im Zusammenhang der Übersetzung auch Buchtitel und -cover verändert werden. Nicht, dass „Ein einfaches Leben“ nicht als Titel zu diesem Roman passen würde, der die Geschichte einer Familie über vier Generationen hinweg erzählt, die von Korea nach Japan auswandert. Insbesondere die ersten Generationen, von denen erzählt wird, leben tatsächlich ein „einfaches“ Leben – und so kann dieser Roman auch über die Schilderung des Alltags dieser Familie die koreanische und japanische Geschichte zwischen 1910 bis 1989 miterzählen, mit all ihren einschneidenden Phasen und Ereignissen: Der Kolonialisierung Koreas durch Japan, der Weltkriege, der Atombombe von Nagasaki.

Es ist nur so, dass der Titel des englischsprachigen Originals „Pachinko“ besser passt, da er die Kernfrage des Romans trifft: Pachinko ist ein Geldspielautomat, der sich in Japan großer Beliebtheit erfreut, und mit Pachinko-Hallen verdienen die späteren Generationen der Familie, von der hier erzählt wird, ihr Geld. Aber im Kern erzählt dieser Roman eben nicht nur von einer Familie und ihrer Geschichte. Er stellt vor allem auch die Frage danach, was das Leben ist, wie das Leben gelebt werden kann oder muss: Als ein unentrinnbares Schicksal oder als ein Spiel? Als etwas, das einen bestimmt, das man mitbestimmen kann oder das man selbst gar lenken kann?

Min Jin Lee hat hier nicht nur ein Buch geschrieben, in dem man sehr viel Neues erfährt und lernt, ohne irgendwo belehrt zu werden, ein Buch, das von den großen Dingen im Kleinen erzählt; sie hat vor allem einfach einen wahnsinnig gut erzählten Roman geschrieben, sprachlich schlicht und elegant, mit großer Sogwirkung. Sogar wenn man – wie ich – nicht so sehr zum identifikatorischen Sog-Lesen neigt, hier passiert das von ganz allein, ohne aufdringlich zu sein. Die über 500 Seiten lesen sich ganz leicht, man hängt an den Figuren und verabschiedet sie am Ende nur ungern.

Und ehrlich, wirklich alle Cover der englischsprachigen Ausgabe sind schöner und interessanter als das der deutschsprachigen Übersetzung. Die deutschsprachige Ausgabe wirkt nahezu abschreckend langweilig. Aber lasst euch nicht täuschen. Das hier ist einer der schönsten Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, und wenn ihr Donna Tartt und Charles Dickens – auf den die Autorin mehrfach Hinweise eingebaut hat – mögt, werdet ihr diesen Roman auch mögen. Weiterlesen

Tobias Wolff – Der Kasernendieb

Vor ein paar Monaten habe ich mich mit einem Bekannten unterhalten, der eine Laufbahn als Offizier bei der Bundeswehr hinter sich hat. Er hat diesen – ja, und da fängt es schon an, kann man so eine Tätigkeit, hinter der so eine schwerwiegende Entscheidung steht, man haftet dafür ja mit dem Leben, eigentlich „Beruf“ nennen? – Beruf schon länger aufgegeben, aus unterschiedlichen Gründen, und in unserem Gespräch sagte er zu mir sinngemäß: Die meisten vergessen, dass wir ganz viele Leute aus einfachen oder armen Verhältnissen und Bildungsaufsteiger bei der Bundeswehr haben, weil die sich so das Studium leisten können, das können die sonst nicht so einfach. Ich kenne dazu keine empirischen Daten, habe auch nur wenig über die Zusammensetzung der Rekruten gefunden und habe in meinem Umfeld auch nur eine recht überschaubare Zahl an Menschen, die bei der Bundeswehr verpflichtet waren, aber auf die trifft das mehrheitlich zu. Das sind oft Leute, denen die Bundeswehr sozialen und ökonomischen Aufstieg ermöglicht hat, ein paar haben so ihr Studium finanzieren können, mehrere haben dort Führerscheine gemacht, die sonst sehr teuer gewesen wären und die sie jetzt – als Fahrlehrer, als Kraftfahrzeugfahrer – beruflich nutzen. Vielleicht ist da also was dran, spannend ist aber doch in jedem Fall die Frage, für wen die Bundeswehr als Arbeitgeber interessant ist und aus welchen (ökonomischen wie ideellen) Gründen.

Wolff KasernendiebUnd diese Frage spielt auch eine zentrale Rolle in Tobias Wolffs Novelle „Der Kasernendieb“, (hier übersetzt von Frank Heibert). 1984 erschienen, wurde sie meines Wissens (ich bin aber keine Anglistin) vor allem als Novelle über die Angst, die der Vietnamkrieg unter Rekruten verbreitet hat, gelesen. Die Handlung ist im Jahr 1967 verortet, in Fort Bragg absolvieren Philip, Hubbard und Lewis eine Ausbildung zu Fallschirmjägern und warten mit dem Rest ihrer Kompanie auf den Einsatzbefehl für Vietnam. Die drei werden eher notgedrungen Freunde, bis ein Dieb in der Kaserne umgeht, der andere Soldaten bestiehlt, was zu Misstrauen und Zwist führt. In der mir bekannten Deutung steht hinter den Entfremdungserfahrungen, die die drei Rekruten erleben, vor allem die Angst vor dem Krieg, die sie erst Freunde werden lässt, die dann aber zum Scheitern dieser Freundschaft führt, da menschliche Nähe unter unmenschlichen Bedingungen unmöglich ist. Weiterlesen