Archiv für den Monat Oktober 2016

Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael: Nach dem Boom

nach-dem-boomZu den oft vorgebrachten Klagen der letzten Zeit gehört es, dass es Union und SPD an politischem Profil fehle, dass sich Mitte-rechts und Mitte-links nicht mehr unterscheiden lassen würden und beide Volksparteien eben zu einem kaum mehr Bezug hätten: dem Volk. Auch darauf, so meinen manche Beobachter politischer Entwicklungen, sei das Erstarken einer Partei wie der AfD zurückzuführen, denn wo die Union nicht mehr konservative, sondern sozialdemokratische Politik betreibe, sei rechts von ihr ein Platz frei geworden. Dass eine solche Analyse der aktuellen Parteienlandschaft zu kurz greift, macht die Lektüre von „Nach dem Boom“ deutlich, einem Essay von Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael, Professoren für Neuere und Neueste Geschichte in Tübingen und Trier, die ihre Expertise für jüngste Zeitgeschichte in zahlreichen Veröffentlichungen unter Beweis gestellt haben.

Im Zentrum des Bandes stehen die Jahrzehnte zwischen den 1970er Jahren und dem Jahr 1995, die der These der Autoren zufolge eine Epoche des Übergangs von der stabilen, von fordistischer Produktionsregie und dem rheinischem Kapitalismus geprägten Nachkriegsordnung hin zu einer neoliberalen Wirtschaftsordnung darstellen (S. 26). Doering-Manteuffel und Raphael sehen diese vom Zerfall des internationalen Währungssystems 1971/72, dem Ölpreisschock 1973/74 und den darauf folgenden Konjunkturschwankungen eingeläutete und alle westeuropäischen Länder ergreifende Phase des Wandels bestimmt von einem „Strukturbruch“, der „sozialen Wandel von revolutionärer Qualität mit sich gebracht“ habe (S. 28): Die genannten Entwicklung hin zu einer Wirtschaftsstruktur, die die Autoren im Anschluss an M. Castells und P. Windolf sowie C. Deutschmann als „digitalen Finanzmarkt-Kapitalismus“ (S. 26f.) bezeichnen, geht auch mit einem tiefgreifenden Wandel kultureller Gewohnheiten und Alltagsroutinen sowie der Entstehung eines erweiterten europäischen Wirtschaftsraumes einher.

Dennoch ist die Bezeichnung der Epoche ab den 1970er Jahren als eine Phase des Übergangs ernst zu nehmen, denn obwohl die Autoren den Terminus des Strukturbruchs wählen, weisen sie doch darauf hin, dass einige Institutionen und Strukturen weiterhin Bestand haben, die in der Phase zwischen 1945 und den langen 1960er Jahren entstanden sind, so etwa im Bereich sozialstaatlicher wie demokratischer Verfasstheit oder der Bildungs- und Forschungsinstitutionen. Die Epoche „nach dem Boom“ „zeigt sich [daher] noch janusgesichtig als Mischung von altvertrauten und neuartigen Strukturen“ (S. 28).

Daraus ergibt sich, dass eine Analyse dieser Jahrzehnte nur mit einem geweiteten Blick auf die dynamischen Wechselwirkungen von Politik, Ökonomie, Bildung, Wissenschaft und Religion erfolgen kann, wobei das Nebeneinander nationaler Besonderheiten in den für den gesamten westeuropäischen Raum nachzuzeichnenden Entwicklungen zu berücksichtigen ist und sozialwissenschaftlich erhobene Daten wie Thesen genau überprüft werden müssen. Diesen Grundannahmen gemäß untersuchen Doering-Manteuffel und Raphael zunächst in Abgrenzung zur Phase der Nachkriegsordnung die von zunehmender Individualisierung und Deregulierung der Märkte geprägte Epoche ab den 1970er Jahren (S. 33-74). Sie zeichnen dabei den Niedergang einer keynesianischen Konsenspolitik nach, der von einer Krise traditioneller Industrien begleitet wird und zu dem Erstarken monetaristischer Vorstellungen führt, die mit dem Ausbau des tertiären Sektors einhergehen. Die so aufgewiesenen wirtschaftlichen, politischen wie gesellschaftlichen Veränderungen lassen sich mit einem Blick auf die sie reflektierend begleitenden sozialwissenschaftlichen Theorien bestätigen. Indem Konzepte von der Modernisierungstheorie über die Theorie des „Dritten Weges“ bis zur aktuellen Diskussion um Beschleunigung, Flexibilität und flüchtige Moderne kritisch überprüft werden (S. 75-107), wird nicht nur die sozialpsychologische und kulturelle Dimension des Wandels klarer erfasst, sondern wird auch augenfällig, dass sich zuvor über historische Analyse gewonnene Beobachtungen mit jeweils zeitgenössischen soziologischen Überlegungen interdisziplinär in Einklang bringen lassen. Abgeschlossen wird der Band mit der Frage nach Feldern für eine das Dargestellte weiterführende zeithistorische Forschung (S. 108-137), wobei etablierte Themen wie der Aus- und Umbau der westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten oder Folgen der Arbeitsmigration sowie neue Forschungsfelder wie Geschlechterordnung und Körperbilder oder neue Formen der Sinnsuche als Arbeitsschwerpunkte vorgestellt werden.

Die Loslösung der zeitgeschichtlichen Bearbeitung von Dekaden oder Einzeldaten und Wendung hin zu einer problemgeschichtlichen Herangehensweise, die die Autoren vollziehen (S. 25f.), scheint unerlässlich und richtig, wenn zeitgeschichtliche Forschung das Verständnis der Gegenwart durch eine Analyse ihres Gewordenseins schärfen möchte. Angesichts der komplexen Verstrickung von unterschiedlichen politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozessen, die historischen Wandlungsprozessen immer eigen ist, haben sich Doering-Manteuffel und Raphael mit gutem Grund für eine interdisziplinäre Ausrichtung ihres Essays entschieden, durch dessen Verbindung historischer und sozialwissenschaftlicher Herangehensweisen ein weiterer und vertiefterer Einblick in die Epoche „nach dem Boom“ möglich ist. Zu hinterfragen wäre allerdings die Wahl des Begriffs „Strukturbruch“, der eher einen plötzlichen und vollständigen Umbruch als den von den Autoren nachgezeichneten Wandel suggeriert und damit das von den Autoren immer wieder herausgestellte „Janusgesichtige“ der Epoche terminologisch zu überlagern droht. Zudem ist die starke Konzentration auf Westeuropa gerade dann kritisch zu überdenken, wenn es um die Phase der zunehmenden Globalisierung geht: Dass die Bedeutung außereuropäischer Märkte nicht in den Blick genommen und das Zusammenbrechen des Systems der Kolonisation mit seinen die westeuropäische Wirtschaft bis heute prägenden Folgen und Strukturen lediglich kurz erwähnt, nicht aber einbezogen wird, mag der Kürze der Darstellung wie der Ausrichtung auf die BRD geschuldet sein, ist aber dennoch ein Desiderat. Zu weiten wäre zudem der Blick auf Migration, ist doch die Phase nach 1970 nicht nur die Zeit der im Band genannten Arbeitsmigration, sondern auch die des Aufkommens transkontinentaler Flucht.

Trotz dieser wünschenswerten Erweiterungen ist „Nach dem Boom“ von Doering-Manteuffel und Raphael eine für die Kürze des Bandes bemerkenswert tiefgreifende, erkenntnisreiche Analyse der jüngsten Zeitgeschichte, was gewiss auch auf die Fähigkeit der Autoren zur pointierten Formulierung zurückzuführen ist. Es gelingt überzeugend, die Jahrzehnte zwischen 1970 und 1995 als einen zusammengehörigen Zeitraum des westeuropäischen Wandels vorzustellen, ohne dabei nationale Besonderheiten in seinem Verlauf zu nivellieren. Dass die Entwicklungen, die in der Epoche „nach dem Boom“ angestoßen wurden, und die Strukturen, die sich in dieser Zeit herausbildeten, bis in die Gegenwart fortwirken, machen die Autoren in einem der dritten, nach dem Lehmann Brothers-Kollaps erschienen Auflage vorgestellten Vorwort „nach dem Crash“ deutlich (S. 7-24): Die Weltwirtschaftskrise erweist sich als Folge und damit als Bestätigung der Annahmen zu einem „digitalen Finanzmarkt-Kapitalismus“. Ähnliches gilt für die eingangs erwähnten jüngsten Veränderungen in der Parteienlandschaft: Der Übergang vom keynesianischen Konsens zum monetaristischen Individualismus und die ihn begleitende Auflösung des Gegensatzes zwischen „links“ und „rechts“ führt auf lange Sicht zur „Erosion etablierter Volksparteien und Partizipationsformen“ (S. 18). Die Politik von Union und SPD gleicht sich dahingehend, dass beide versuchen, eine Politik des „dritten Weges“ zu gehen – und der Platz, den die AfD einnimmt, ist nicht einfach der „rechts von der Union“, sondern der des radikalen Neoliberalismus.

[Diese Rezension ist ein „Abfallprodukt“ aus meiner beruflichen Tätigkeit, aber ich dachte, vielleicht will sie ja irgendwer lesen – obwohl ich nicht wüsste, wer das sein sollte.]

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Blogbuster – Warum machst du da eigentlich mit?

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Die Frage wurde mir doch öfter gestellt, ich verstehe das, andere fragen sich, warum ich überhaupt gefragt wurde mitzumachen, das verstehe ich noch besser, ich finde auch, dass ich eigentlich nur mäßig zur Gruppe passe, schon allein aufgrund offensichtlicher Unterschiede (Reichweite, Bekanntheitsgrad, dergleichen). Damit ich das nicht ständig persönlich erklären muss, hier als Diskussionsanstoß meine Begründung, die tatsächlich nur meine ist, ich spreche damit für keine der anderen beteiligten Personen, schon gar nicht für das Projekt als Ganzes.

Mir gefällt das Projekt aus mehreren Gründen: Es ist – soweit ich das sehe – das erste Mal, dass ein Projekt in der Größenordnung von einem Blogger organisiert und ins Leben gerufen wurde. Tobias Nazemi von Buchrevier hat die Idee gehabt, er hat die Partner gefunden, er hat die BloggerInnen angefragt. Es ist also nicht so, dass hier ein Verlag oder etablierter Veranstalter auf BloggerInnen zugegangen ist, sondern hier ist ein Blogger auf den Betrieb zugegangen und hat das alles organisiert. Dahinter steht viel Arbeit und wie ich finde auch Mut, schließlich kann die Arbeit auch umsonst sein. Zudem ist es ein Schritt in eine, wie ich finde, wichtige Richtung: Mir geht es nicht darum, das ich persönlich einen Platz im Literaturbetrieb habe mit meinem Blog. Mit ist es nach wie vor piepegal, ob mein Blog und ich ernst genommen werden. Aber was mir wichtig ist – und ich habe das schon mehrfach auf meinem Blog dargelegt – ist die Auflösung von literaturbetriebseigenen Ausschließungsstrukturen.

Als Bloggerin verstehe ich mich schlichtweg als Leserin, der das Lesen so wichtig ist, dass sie darüber auch noch das Internet vollmüllt. Also: Ich bin (Freizeit-)Leserin, die mit dem Lesen nicht ihren Lebensunterhalt bestreitet – ich bin Teil des Zielpublikums des Literaturbetriebs, und nur darüber Teil des Betriebs selbst. Nun machen (Freizeit-)LeserInnen, also nicht genuin literaturbetriebseigene Personen, sondern dessen „Endverbraucher“, ja tatsächlich den ganzen Literaturzirkus erst möglich, habe ich gehört. Und welche Stimme haben sie? Ja, eigentlich keine halt.

Augenfällig und symbolisch wurde das in der Raumarchitektur des diesjährigen Bachmannpreises. Wir erinnern uns: Hier die/der Autor/in, dort gegenüber die Jury, am Rand, außerhalb des Blickfeldes von Autor/in und Jury, das Publikum. Die Jury sitzt der/m Autor/in wie ein Gericht dem Angeklagten gegenüber, das Publikum darf zugucken, ohne selbst im Blick zu sein – wenn das der symbolische Ausdruck des Selbstverständnisses der Literaturkritik ist, dann finde ich das ein klitzekleines bisschen abgehoben, und zwar sowohl der/dem AutorIn als auch dem Publikum gegenüber.

Was unterscheidet jetzt das Projekt „Blogbuster“ davon? Das Publikum – repräsentiert durch LeserInnen, die über ihr Lesen das Internet vollmüllen, also BloggerInnen – treten in das Blickfeld der Jury und zwar auf der Seite der Autoren. Jeder Blog, der teilnimmt, wählt sich einen Text aus, für den er eintritt. Ich möchte eben kein Urteil darüber fällen, wer am Ende „gewinnt“, weil ich diese Rolle nicht einnehmen möchte. Aber mich mit einer/m Autor/in hinstellen und dafür einstehen, dass ich den gut finde, diese Rolle finde ich ganz gut. Und damit macht der Blogbuster-Preis für mein Verständnis eben etwas, was anderen Preisen bestenfalls per Publikumspreis eigen ist: Er nimmt die LeserInnen mit ins Blickfeld. Und er schafft eine Brücke zwischen (allmächtiger) Jury und (der/m ausgelieferten/m) Autor/in.

Und: Das Projekt gesteht LeserInnen (also BloggerInnen) zu, dass sie auch eine Stimme im Literaturbetrieb haben dürfen, einfach nur deswegen, weil sie darüber im Internet schreiben und das mehr oder weniger gut machen. Ich sehe das durchaus im Sinne einer politisch gemeinten Demokratisierung: Am Ende des Tages finde ich es wichtig, dass jeder, der gerne liest, sich einen Blog zulegen kann und mitreden darf – ohne, dass damit Qualität über Bord geworfen würde, ich hoffe einfach, dass ein guter Blog auch eben viele LeserInnen findet. Ich bin nicht für die Abschaffung von Expertise, aber wenn jemand sich lesenswert über Literatur äußert, sollte er auch mitreden dürfen, unabhängig von Alter, Abstammung, Bildungshintergrund, platz-da-hier-komm-ich-Gehabe. Und das „Blogbuster“-Projekt ist ein erster kleiner Schritt in diese Richtung, ein erster kleiner Schritt hin zu einem Durchlässigmachen von Ausschließungsmechanismen und ein kleiner Angriff auf die Allmacht der Fachjury gegenüber AutorInnen und LeserInnen. Wie ungewohnt das die-Leser-in-den-Blick-Nehmen anscheinend doch noch für einige ist, sieht man an einer Interviewfrage wie „Blogs richten sich in erster Linie an Leser. Sind sie der richtige Kanal zur Akquise von Autoren?“, die ich ja wirr finde: Wenn sich Blogs an Leser richten, weswegen in Frage steht, ob sie Autoren auswählen können – an wen richten sich denn dann eigentlich Literaturkritiker, die in Jurys sitzen, und Lektoren? An den hegelschen Weltgeist?

Natürlich ist es nur ein „kleiner“ Schritt. Natürlich hat das Projekt letztlich eine konventionelle Struktur: Irgendwer schlägt Texte vor, am Ende entscheidet eine etablierte Fachjury. Das halte ich für den Anfang für wichtig, denn das Urteil von LeserInnen/BloggerInnen wird von der etablierten Literaturkritik nicht ernst genommen, und das hätte Auswirkungen auf die Laufbahn einer/s Schriftstellerin/s. Würde sie/er nur von BloggerInnen/LeserInnen gewählt werden, würde er nicht ernst genommen werden (das Schicksal haben ja auch die Publikumspreise anderer Literaturpreise) – sitzt da am Ende eine Fachjury, sieht das ganze hoffentlich anders aus. Am Ende muss ja da ein realer Nutzen für die Autorin/den Autor stehen, sonst hat man da jemanden verheizt, um ein Bloggerprojekt durchzuziehen. Wie geschrieben: Es ist ein kleiner Schritt, aber ich hoffe, einer in die richtige Richtung. In eine Richtung von weniger Dünkel, weniger Distinktion, mehr Zusammenarbeit von Kritik, Lesern und Autoren.

Ich hoffe sehr, dass die erste Runde gut geht, dass am Ende ein toller Text gefunden und verlegt wird. Ich hoffe sehr, dass das Projekt wiederholt werden kann, vielleicht dann wieder einen kleinen Schritt progressiver. Ich hoffe sehr, dass ich dann nicht mehr dabei bin, dass statt mir dafür jemand dabei ist, der Anfang 20, vielleicht sogar unter 20 ist, und trotzdem bei Literatur mitreden darf, weil sie/er ein gutes Urteilsvermögen hat. Ich hoffe, dass die Runde bunter wird, diverser. Das Projekt kann schon in der ersten Runde schief gehen, es kann nichts von dem bringen, was ich erhoffe, aber wenn man es nicht probiert hat, braucht man auch nicht meckern.

Es geht mir weder um Aufmerksamkeit (die bekommen, wie ich hoffe, mit gutem Grund die Blogs mit mehr Reichweite), noch um einen Preis (wobei ich 1 Berg Money schon nehmen würde, mit dem ich dann 1 Berg Burger kaufe), noch um Reichweite, das hat mich alles nie interessiert, wird mich auch weiterhin nicht interessieren. Ich schreibe auch weiterhin mal monatelang gar nichts und dann wieder ganz viel, benutze zu wenig Absätze, mache zu lange Sätze, schreibe Blogbeiträge, die fünf Seiten lang sind, weswegen sie keiner liest, und dann Blogbeiträge, die nur eine Seite lang und bar jeder Aussagekraft sind, und mache auch sonst alles falsch, was man im Sinne einer „Professionalisierung“ falsch machen kann. Aber es geht mir nach wie vor, wie schon lange, darum, Ausschließungsmechanismen aufzulösen. Es geht mir nach wie vor um Texte, die ich mag. Und um den Spaß an der Sache, nebenbei, ich bin nämlich wirklich gespannt, was ich so für Texte bekomme und freue mich darauf, mit einer/m Autorin/en zusammenzuarbeiten. Ich will nicht etablierter Teil des Literaturbetriebes werden (dafür müsste ich mich wohl auch anders benehmen und anders schreiben, dafür müssten mich auch andere Dinge interessieren), sondern ich will einen kleinen Schritt in eine Richtung gehen, die tatsächlich demokratischer ist, im politischen Sinne, und die diverser ist. Andere beteiligte BloggerInnen haben schätzungsweise andere Gründe, da mitzumachen, ich habe sie nicht gefragt, aber das hier sind meine Gründe.

Und ich hoffe wirklich, es wird noch mehr lustige Leute geben, die sich ernsthaft am Vergleich des Blogbuster-Projekts mit einer „Castingshow“ stören, weil das ihren Dünkel triggert, und die sich vormachen, der Literaturbetrieb wäre kein kapitalistischer und es ginge nicht auch darum, Produkte zu verkaufen, weswegen er popkulturellen Betrieben aller Art überlegen sei. Willkommen im 21. Jahrhundert, ihr Kulturmenschen, ihr könnt nicht deswegen bedröbbelt sein, weil sog. „anspruchsvolle“ Literatur an Geltung verliert und weiterhin auf althergebrachte distinktive Strukturen setzen. Wenn man weiterhin darauf besteht, Leute auszuschließen, wird sich das Publikum nicht eben vergrößern, und: Auch Marcel Reich-Ranicki, der so oft wieder herbeigewünscht wird, würde vermutlich heute nicht mehr funktionieren – so wenig wie die Sketche von Loriot, auch wenn ich beides wirklich bedaure. Mag sein, dass sich einige immer noch den großen Welterklärer, den großen Oberlehrer wünschen, der ihnen sagt, was lesenswert ist und was nicht. Ich fürchte aber, die meisten anderen entscheiden lieber selber und holen sich dazu erst Tipps von unterschiedlichen Seiten – so, wie man heute, bevor man einen Fernseher kauft oder ein Hotel bucht, auch erst im Internet Tests und Rezensionen vergleicht. Wenn die Zahl der Sternchen auf Amazon mehr Einfluss auf die Buchverkäufe hat als die schönen Texte der Literaturkritiker, wird es vielleicht Zeit, die Leute, die die Sternchen verteilen, wenigstens nicht mehr auszublenden. Auch dann, wenn die es irgendwie schaffen sollten, RTL und Gegenwartsliteratur gleichzeitig zu mögen, und deswegen unter der Würde distinktionsbedachter Naserümpfer sind.

P.S.: Die meisten Akademiker, die ich kenne, schauen ab und an Castingshows – und amüsieren sich dabei.

P.P.S.: Wehe ihr schickt mir keine superduper Texte!

P.P.P.S.: Alles Weitere zum Verfahren des Preises erfährt man Ende des Monats auf der Homepage.

Blogbuster 2017 – Preis der Literaturblogger: Und warum? Weil wir können. Darum.

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Denis Scheck geht mit Bloggern auf Talentsuche / Klett-Cotta veröffentlicht den Preis der Literaturblogger

 

Die Idee erinnert ein wenig an die einschlägigen TV-Castingshows, nur diesmal geht es nicht um Gesang oder gutes Aussehen, sondern um einen guten Roman. 16 Literaturblogger, die Literaturagentur Elisabeth Ruge, der Verlag Klett-Cotta, die Frankfurter Buchmesse und der bekannte ARD-Literaturkritiker Denis Scheck suchen die literarische Entdeckung und den Debütroman des Jahres. Das Ganze nennt sich Blogbuster – Preis der Literaturblogger und ist die Chance für alle, die ein Romanmanuskript in der Schublade haben, aber noch keinen Verlag. Der Gewinner bekommt einen Agentur- und Verlagsvertrag und wird bereits im nächsten Jahr auf der Frankfurter Buchmesse seinen Roman vorstellen können.

 

Um an dem Wettbewerb teilzunehmen, müssen sich die Autoren bei einem der beteiligten Literaturblogs bewerben. Erst wenn der Blogger vom literarischen Potenzial des Autors überzeugt ist, wird das Manuskript der Fachjury vorgestellt. Neben dem Jury-Voritzenden Denis Scheck, entscheiden Elisabeth Ruge, Klett-Cotta Verleger Tom Kraushaar, Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse und der Blogger und Initiator der Aktion, Tobias Nazemi, über den Blogbuster-Gewinner.

 

„Wir wollen damit zeigen, dass Blogs nicht nur Literatur gut vermitteln, sondern auch gute Literatur entdecken können“, sagt Tobias Nazemi, der für das Projekt 14 qualitativ hochwertige und reichweitenstarke Literaturblogs und aus unerfindlichen Gründen eben auch meinen ausgewählt hat. Der Wettbewerb startet am 21.10. mit einer Auftaktveranstaltung im Orbanism-Space auf der Frankfurter Buchmesse. Die Preisverleihung findet Anfang Mai 2017 im Literaturhaus Hamburg statt.

Weitere Informationen unter: Blogbuster-Preis.de

Dort gibt es auch eine eMail-Adresse, an die weitere Fragen gemailt werden können.

Mehr Informationen gibt es bei der Auftaktveranstaltung und Pressekonferenz am 21.10.2016, 16.00 Uhr / Frankfurter Buchmesse, Orbanism Space, Halle 4.1, D88 oder ab diesem Zeitpunkt auf der Blogbuster-Homepage.

 

Mit dabei sind: Sophie Weigand von Literaturen, Sarah Reul von pinkfisch, Tilman Winterling von 54books, Uwe Kalkowski von Kaffeehaussitzer, Mareike Fallwickl von Bücherwurmloch, Jochen Kienbaum von lustauflesen.de, Birgit Böllinger von Sätze & Schätze, Gérard Otremba von Sounds & Books, Sonja Graus von Lust zu lesen, Petra Lux von Die Liebe zu den Büchern, Ilja Regier von Muromez, Constanze Matthes von Zeichen & Zeiten, Sandro Abbate von novelero, Gerrit ter Horst und Tabitha van Hauten von Zeilensprünge und ich.

Und: Besonderen Dank an Tobias Nazemi von buchrevier, der die Sache erdacht und organisiert hat.

P.S.: Ganz, ganz wichtig: Ich bin der Dieter Bohlen der Runde. Das muss man wissen.