Schlagwort-Archive: Geschichte

Katerina Poladjan – Hier sind Löwen

„T.B.D.“ ist unter Risikomanagern ein Kürzel, das für nicht absehbare Risiken steht – „there be dragons“. Es geht zurück auf den Hunt-Lenox Globus, auf dem die Gebiete der damals unbekannten Welt mit der Aufschrift „hic sunt dracones“ – „hier sind Drachen“ – versehen worden sind. Auf anderen frühen Karten zeichnete man in der Regel Ungeheuer in die nicht erforschten Gebiete der Welt ein. Diese Gebiete zu bereisen barg Risiken, die man nicht absehen konnte. Drachen zum Beispiel. Vielleicht.

Poladjan Hier sind LoewenAuf diese Formulierung spielt der Titel von Katerina Poladjans neuem Roman „Hier sind Löwen“ deutlich an – der Satz „Hic sunt leones“ fällt sogar mehrfach, wird jeweils von einem Freund der Ich-Erzählerin ausgesprochen, schließlich sogar mit dem Ziel, die Löwen in den unbekannten Gebieten, den ländlichen anatolischen Gebieten, zu vertreiben. Und davon erzählt dieser bemerkenswerte, ganz ruhig und bescheiden geschriebene Roman: Von Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen auf nicht absehbare Risiken einlassen, unbekannte Gegenden bereisen, um schließlich die Löwen dort zu verabschieden. Weiterlesen

Gerd Koenen – Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus

51dW6d8oydL__SX322_BO1,204,203,200_Gerd Koenen hat mit „Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ in zweierlei Hinsicht ein aktuelles Buch geschrieben: Nicht nur deswegen, weil es das für den Beck-Verlag ganz typische Historien-Lehnstuhlbuch (wie ein mit mir befreundeter Historiker solche Bücher so nett nennt) passend zu den Jubiläen der Oktoberrevolution 1917 und der 1968er ist, das man dann zu Weihnachten historisch interessierten Lehnstuhlbuchlesern gut schenken kann, sondern weil es auch in eine nach der Bundestagswahl 2017 landläufige Diskussion passt: Woher kommen die Unterschiede im Wahlverhalten zwischen ehemaligen Ost- und Westdeutschen? Angenommen wird ja in zahlreichen Artikeln größerer Leitmedien, dass diese Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nicht nur in den nach wie vor vorhandenen ökonomischen Differenzen, sondern eben auch in der jeweiligen Geschichte und also anders gewachsenen politischen Sozialisation der Bevölkerung zu suchen sind.

Und bekanntlich ist die Geschichte Ostdeutschlands ja nun wesentlich geprägt durch die Zeit realsozialistischer Diktatur zu DDR-Zeiten, und also durch eben das politische System, mit dem Gerd Koenen sich in „Die Farbe Rot“ erneut (es ist ja sein Dauerthema) auseinandersetzt. Koenen will dabei auf mehr als 1000 Seiten eine umfassende „Weltgeschichte“ des Kommunismus von der Antike bis zum heutigen modernen China mit seiner spezifischen Kombination aus politischem Sozialismus und ökonomischem Kapitalismus erzählen. Da das Vorhaben damit sehr umfangreich und materialintensiv ist, setzt Koenen nachvollziehbarerweise Schwerpunkte: Er konzentriert sich bei dem Nachzeichnen der Entstehung kommunistischer Theorie auf den europäischen Raum und dessen Kulturgeschichte, da nun eben die zentralen Denker des Kommunismus Europäer waren, und nimmt dann bei der Darstellung realsozialistischer Geschichte vor allem Russland und nebenbei auch China in den Blick. Weiterlesen

Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael: Nach dem Boom

nach-dem-boomZu den oft vorgebrachten Klagen der letzten Zeit gehört es, dass es Union und SPD an politischem Profil fehle, dass sich Mitte-rechts und Mitte-links nicht mehr unterscheiden lassen würden und beide Volksparteien eben zu einem kaum mehr Bezug hätten: dem Volk. Auch darauf, so meinen manche Beobachter politischer Entwicklungen, sei das Erstarken einer Partei wie der AfD zurückzuführen, denn wo die Union nicht mehr konservative, sondern sozialdemokratische Politik betreibe, sei rechts von ihr ein Platz frei geworden. Dass eine solche Analyse der aktuellen Parteienlandschaft zu kurz greift, macht die Lektüre von „Nach dem Boom“ deutlich, einem Essay von Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael, Professoren für Neuere und Neueste Geschichte in Tübingen und Trier, die ihre Expertise für jüngste Zeitgeschichte in zahlreichen Veröffentlichungen unter Beweis gestellt haben.

Im Zentrum des Bandes stehen die Jahrzehnte zwischen den 1970er Jahren und dem Jahr 1995, die der These der Autoren zufolge eine Epoche des Übergangs von der stabilen, von fordistischer Produktionsregie und dem rheinischem Kapitalismus geprägten Nachkriegsordnung hin zu einer neoliberalen Wirtschaftsordnung darstellen (S. 26). Doering-Manteuffel und Raphael sehen diese vom Zerfall des internationalen Währungssystems 1971/72, dem Ölpreisschock 1973/74 und den darauf folgenden Konjunkturschwankungen eingeläutete und alle westeuropäischen Länder ergreifende Phase des Wandels bestimmt von einem „Strukturbruch“, der „sozialen Wandel von revolutionärer Qualität mit sich gebracht“ habe (S. 28): Die genannten Entwicklung hin zu einer Wirtschaftsstruktur, die die Autoren im Anschluss an M. Castells und P. Windolf sowie C. Deutschmann als „digitalen Finanzmarkt-Kapitalismus“ (S. 26f.) bezeichnen, geht auch mit einem tiefgreifenden Wandel kultureller Gewohnheiten und Alltagsroutinen sowie der Entstehung eines erweiterten europäischen Wirtschaftsraumes einher.

Dennoch ist die Bezeichnung der Epoche ab den 1970er Jahren als eine Phase des Übergangs ernst zu nehmen, denn obwohl die Autoren den Terminus des Strukturbruchs wählen, weisen sie doch darauf hin, dass einige Institutionen und Strukturen weiterhin Bestand haben, die in der Phase zwischen 1945 und den langen 1960er Jahren entstanden sind, so etwa im Bereich sozialstaatlicher wie demokratischer Verfasstheit oder der Bildungs- und Forschungsinstitutionen. Die Epoche „nach dem Boom“ „zeigt sich [daher] noch janusgesichtig als Mischung von altvertrauten und neuartigen Strukturen“ (S. 28).

Daraus ergibt sich, dass eine Analyse dieser Jahrzehnte nur mit einem geweiteten Blick auf die dynamischen Wechselwirkungen von Politik, Ökonomie, Bildung, Wissenschaft und Religion erfolgen kann, wobei das Nebeneinander nationaler Besonderheiten in den für den gesamten westeuropäischen Raum nachzuzeichnenden Entwicklungen zu berücksichtigen ist und sozialwissenschaftlich erhobene Daten wie Thesen genau überprüft werden müssen. Diesen Grundannahmen gemäß untersuchen Doering-Manteuffel und Raphael zunächst in Abgrenzung zur Phase der Nachkriegsordnung die von zunehmender Individualisierung und Deregulierung der Märkte geprägte Epoche ab den 1970er Jahren (S. 33-74). Sie zeichnen dabei den Niedergang einer keynesianischen Konsenspolitik nach, der von einer Krise traditioneller Industrien begleitet wird und zu dem Erstarken monetaristischer Vorstellungen führt, die mit dem Ausbau des tertiären Sektors einhergehen. Die so aufgewiesenen wirtschaftlichen, politischen wie gesellschaftlichen Veränderungen lassen sich mit einem Blick auf die sie reflektierend begleitenden sozialwissenschaftlichen Theorien bestätigen. Indem Konzepte von der Modernisierungstheorie über die Theorie des „Dritten Weges“ bis zur aktuellen Diskussion um Beschleunigung, Flexibilität und flüchtige Moderne kritisch überprüft werden (S. 75-107), wird nicht nur die sozialpsychologische und kulturelle Dimension des Wandels klarer erfasst, sondern wird auch augenfällig, dass sich zuvor über historische Analyse gewonnene Beobachtungen mit jeweils zeitgenössischen soziologischen Überlegungen interdisziplinär in Einklang bringen lassen. Abgeschlossen wird der Band mit der Frage nach Feldern für eine das Dargestellte weiterführende zeithistorische Forschung (S. 108-137), wobei etablierte Themen wie der Aus- und Umbau der westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten oder Folgen der Arbeitsmigration sowie neue Forschungsfelder wie Geschlechterordnung und Körperbilder oder neue Formen der Sinnsuche als Arbeitsschwerpunkte vorgestellt werden.

Die Loslösung der zeitgeschichtlichen Bearbeitung von Dekaden oder Einzeldaten und Wendung hin zu einer problemgeschichtlichen Herangehensweise, die die Autoren vollziehen (S. 25f.), scheint unerlässlich und richtig, wenn zeitgeschichtliche Forschung das Verständnis der Gegenwart durch eine Analyse ihres Gewordenseins schärfen möchte. Angesichts der komplexen Verstrickung von unterschiedlichen politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozessen, die historischen Wandlungsprozessen immer eigen ist, haben sich Doering-Manteuffel und Raphael mit gutem Grund für eine interdisziplinäre Ausrichtung ihres Essays entschieden, durch dessen Verbindung historischer und sozialwissenschaftlicher Herangehensweisen ein weiterer und vertiefterer Einblick in die Epoche „nach dem Boom“ möglich ist. Zu hinterfragen wäre allerdings die Wahl des Begriffs „Strukturbruch“, der eher einen plötzlichen und vollständigen Umbruch als den von den Autoren nachgezeichneten Wandel suggeriert und damit das von den Autoren immer wieder herausgestellte „Janusgesichtige“ der Epoche terminologisch zu überlagern droht. Zudem ist die starke Konzentration auf Westeuropa gerade dann kritisch zu überdenken, wenn es um die Phase der zunehmenden Globalisierung geht: Dass die Bedeutung außereuropäischer Märkte nicht in den Blick genommen und das Zusammenbrechen des Systems der Kolonisation mit seinen die westeuropäische Wirtschaft bis heute prägenden Folgen und Strukturen lediglich kurz erwähnt, nicht aber einbezogen wird, mag der Kürze der Darstellung wie der Ausrichtung auf die BRD geschuldet sein, ist aber dennoch ein Desiderat. Zu weiten wäre zudem der Blick auf Migration, ist doch die Phase nach 1970 nicht nur die Zeit der im Band genannten Arbeitsmigration, sondern auch die des Aufkommens transkontinentaler Flucht.

Trotz dieser wünschenswerten Erweiterungen ist „Nach dem Boom“ von Doering-Manteuffel und Raphael eine für die Kürze des Bandes bemerkenswert tiefgreifende, erkenntnisreiche Analyse der jüngsten Zeitgeschichte, was gewiss auch auf die Fähigkeit der Autoren zur pointierten Formulierung zurückzuführen ist. Es gelingt überzeugend, die Jahrzehnte zwischen 1970 und 1995 als einen zusammengehörigen Zeitraum des westeuropäischen Wandels vorzustellen, ohne dabei nationale Besonderheiten in seinem Verlauf zu nivellieren. Dass die Entwicklungen, die in der Epoche „nach dem Boom“ angestoßen wurden, und die Strukturen, die sich in dieser Zeit herausbildeten, bis in die Gegenwart fortwirken, machen die Autoren in einem der dritten, nach dem Lehmann Brothers-Kollaps erschienen Auflage vorgestellten Vorwort „nach dem Crash“ deutlich (S. 7-24): Die Weltwirtschaftskrise erweist sich als Folge und damit als Bestätigung der Annahmen zu einem „digitalen Finanzmarkt-Kapitalismus“. Ähnliches gilt für die eingangs erwähnten jüngsten Veränderungen in der Parteienlandschaft: Der Übergang vom keynesianischen Konsens zum monetaristischen Individualismus und die ihn begleitende Auflösung des Gegensatzes zwischen „links“ und „rechts“ führt auf lange Sicht zur „Erosion etablierter Volksparteien und Partizipationsformen“ (S. 18). Die Politik von Union und SPD gleicht sich dahingehend, dass beide versuchen, eine Politik des „dritten Weges“ zu gehen – und der Platz, den die AfD einnimmt, ist nicht einfach der „rechts von der Union“, sondern der des radikalen Neoliberalismus.

[Diese Rezension ist ein „Abfallprodukt“ aus meiner beruflichen Tätigkeit, aber ich dachte, vielleicht will sie ja irgendwer lesen – obwohl ich nicht wüsste, wer das sein sollte.]

Barbara Vinken – Angezogen. Das Geheimnis der Mode

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Barbara Vinken durfte ich ja tatsächlich einmal live erleben, bei einem Vortrag über Lacan (glaube ich) von Rex Butler (glaube ich), den sie moderiert hat. Der Vortrag ist mir – wie man so merkt – nicht allzu nachdrücklich in Erinnerung geblieben, weil ich natürlich kein Wort verstanden habe, sondern mich darauf konzentriert habe, an den richtigen Stellen nachdenklich zu schauen und zu nicken, damit keiner merkt, dass in meinem Kopf ein Bär Einrad fährt. Nachdrücklich in Erinnerung ist mir allerdings Frau Vinken selbst geblieben, eine im allerbesten Sinne der Formulierung nahezu grotesk elegante Frau. Wer Frau Vinken einmal gesehen hat, dem ist sofort klar, dass hier jemand über Mode schreibt, die weiß, wovon sie spricht. Kein Mensch würde ein Buch über Mode lesen wollen von jemandem, der zu jeder Gelegenheit Jack Wolfskin-Jacken trägt, weil sie so praktisch sind.

„Angezogen“ stellt die Kulturgeschichte primär der westlichen Mode (es gibt aber auch kurze Seitenblicke auf die östliche Mode) dar und erklärt in der ersten Hälfte des Buches auf kluge wie unterhaltsame Weise, warum Frauen ihre Sexualität modisch nie loswerden, Männer dagegen schon. Die zweite Hälfte des Buches beschäftigt sich vor allem mit neueren Entwicklungen im high fashion-Bereich. Insbesondere der erste Teil des Buches ist wirklich sehr spannend und ich würde mir ehrlich wünschen, dass dieses Buch viele Menschen lesen – insbesondere solche, die meinen, Beschäftigung mit Mode wäre oberflächlich. Denn tatsächlich oberflächlich, und eben dies führt „Angezogen“ klar vor Augen, ist es nur, wenn man sich eben „irgendwas anzieht“ und meint, das hätte keine Bedeutung oder damit wäre man frei von kulturell tradierten Codes. Und oberflächlich ist es auch, denen, die die kulturell tradierten modischen Codes lesen, vorzuhalten, sie würde „ganz oberflächlich“ nur nach dem Urteilen, was sie sehen. „Angezogen“ ist eine aufschlussreiche, unterhaltsam zu lesende Lektüre, die in diesem Zusammenhang nur empfohlen werden kann.

Aber: Dennoch ist die erste Hälfte des Buches, die meines Erachtens die interessantere ist, recht redundant. Das erleichtert zwar das Lesen, wäre aber in diesem Maße dann doch nicht notwendig gewesen – schade ist dies insbesondere deswegen, weil auf den Seiten, die man durch eine Straffung dieser ewigen Wiederholungen hätte gewinnen können, Dinge in den Blick hätten genommen werden können, die das Buch weitgehend außen vor lässt: Seien dies nun modische Subkulturen, ein stärkerer Blick auf die nicht-westliche Mode oder ein stärkerer Blick insbesondere auf neuere Entwicklungen in der Freizeitmode für Männer.
Der zweite Teil des Buches, der sich mit namhaften Designern der letzten Jahre und Jahrzehnte beschäftigt, ist zwar nicht uninteressant, dürfte aber vor allem für wirklich Modebegeisterte von Interesse sein. Dem „Laien“ fehlt es hier zum Nachvollzug häufig an entsprechendem Bildmaterial zu den besprochenen Entwürfen (die in dem Buch vorhandenen Abbildungen decken nicht einen Bruchteil dessen ab, was von der Autorin besprochen wird) – auch wenn dieses Manko wohl eher den Druckkosten als der Autorin anzulasten ist, hätte das Buch durch mehr Bildmaterial doch deutlich gewonnen. Darüber hinaus fällt bei all dieser Ausführlichkeit in Bezug auf high fashion der Blick auf die Alltags- und Freizeitmode, wie man sie auf der Straße sieht, deutlich zu kurz aus. Leider weiß ich auch nach der Lektüre von „Angezogen“ noch nicht, warum sich viele Bewohner von großen Städten, deren Aufenthalt im Freien sich auf den Weg zur U-Bahn-Station beschränkt, in schreiend bunte Trekkingkleidung (Jack Wolfskin, North Face…) werfen, als hätten die Herrschaften auf dem Weg zum Büro einen Querfeldeinmarsch zu erwarten. Auch die Alltagskultur ist schließlich Kultur und es wäre doch auch die Sache wert gewesen, auch auf sie einen analytischen Blick zu werfen.

Nichts desto trotz: „Angezogen“ ist ein interessantes Sachbuch, dessen Lektüre einem in mancher Hinsicht die Augen öffnet – und schließlich beschäftigt es sich mit einer Materie, mit der jeder täglich konfrontiert wird. Schon das sollte ein Grund sein, dieses Buch zu lesen.

Florian Illies – 1913

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Manchmal zeigt sich erst im Nachhinein, dass scheinbar ganz Alltägliches von großer Bedeutung war, oder eben nur schlicht nicht das: alltäglich. So erscheint aus heutiger Sicht – durch die Brille der zwei Weltkriege – das Jahr 1913 wie generell die Jahre vor dem ersten Weltkrieg als eine enorme Ballung wichtiger Figuren, historisch-politischer wie kulturhistorischer Ereignisse, es ist der so oft erwähnte „Tanz auf dem Vulkan“. Dass man oft von der Bedeutsamkeit einer Zeit oder eines Ereignisses erst dann erfährt, wenn sie bzw. es schon vergangen ist, und dass eben das Bedeutsame während es geschieht fast alltäglich scheinen mag, ist wohl auch das Schicksal der Personen, die um 1913 gelebt haben und sich mehrheitlich in der Sicherheit weltumspannender wirtschaftlicher Netze wägten. Die Rückübersetzung der heute vielleicht sogar mit Bedeutung und Wertung überladenen Ereignisse und Figuren des Jahres 1913 zurück ins Alltägliche ist das, was „1913“ von Florian Illies leistet, oder leisten möchte. In diesem eher feuilletonistischen Überblick über den „Sommer des Jahrhunderts“ will Illies eher ein lebhaftes Panorama einer Zeit darstellen, als eine historische Analyse der Zeit leisten oder ein tatsächliches „Sachbuch“ über diese Zeit schreiben: Und so trifft der Leser in nach Chronologie entsprechend den Monaten angeordneter Reihenfolge auf die „Großen“ der Zeit und ihre ganz alltäglichen Anekdötchen und Wehwehchen.

Entsprechend des Zieles, das Illies wohl vor Augen hatte, muss man ihm also nicht vorhalten, dass er eben eines nicht leistet: Er liefert eben keine Analyse des Jahres ab, der Leser lernt nicht, historische, auch nur kulturhistorische Zusammenhänge zu verstehen, das Jahr 1913 wird nur in sehr zaghaften Ansätzen in Zusammenhängen verortet. In dem Sinne „lernt“ man nichts über die Zeit (es sei denn, es waren einem bestimmte im Buch vorkommende Figuren unbekannt), was ja nun nicht weiter tragisch ist, da dies eben auch nicht der Intention des Autors entspricht.

Damit hängt auch eng zusammen, dass Illies seinen Blickwinkel stark eingeschränkt hat: Im Zentrum steht Europa, insbesondere Paris, Wien und Berlin, auch Amerika taucht nur ab und an auf, der Blick ist auf die Kunst gerichtet, die politischen Geschehnisse und Figuren der Zeit kommen nur am Rande vor. Auch das sei dem Autor in Hinblick auf die Absicht des Buches nachgesehen.

Und obwohl damit schon gar nicht mehr viel bleibt: „1913“ von Florian Illies ist für mich jetzt schon das am stärksten überbewertete Buch des Jahres. Es ist eine Ansammlung von Anekdoten, die der geneigte Bildungsbürger – ohne durch sie irgendwie an Verständnis für irgendetwas gewonnen zu haben – sich merken und beim Bildungsbürgerschwätzchen im Rahmen des nächsten Arbeitsessens oder bei der nächsten halbbelesenen Festtagsrede zum Besten geben kann. Diese Anekdötchen bringt Illies mit einem nervtötenden augenzwinkernden Schreibstil zu Papier, der mich dazu zwang, das Buch immer wieder zur Seite zu legen. Zudem ist sich Illies nicht zu schade, sich abgegriffener Künstlerklischees (ach, alle irgendwie sozial gestört, und der Rilke, dieses Übersensibelchen, praktisch lebensunfähig, Kafka, herrje, wird einsam bleiben, Künstler eben) und alberner Verweise auf sexuelle Vorlieben zu bedienen (zum Beispiel bei Kokoschka, Trakl, Musil).

Hätte ich Zeit und Lust, würde ich gerne das Buch noch einmal durchgehen, um zu überprüfen, ob mein Eindruck zutrifft, dass bestimmte Personen immer in denselben Konstellationen auftreten. Wie oft beispielsweise Kafka nicht im Zusammenhang mit Felice Bauer genannt wird (ich erinnere mich nur an zwei Stellen: den Kinobesuch und die Stelle mit den Schwestern), wie oft Kokoschka ohne Alma Mahler-Werfel und wie oft Rilke ohne eine seiner Damen oder Schnupfen auftritt. Als hätten eben diese drei in einem ganzen Jahr nichts anderes getan, was erwähnenswert gewesen wäre. Hätte es 1913 schon die BILD gegeben, das Buch von Illies könnte ein Best-of der Leitartikel sein.

„1913“ von Florian Illies bestärkt alle halbgebildeten Klischees über die Zeit und ihre Protagonisten, und so kommt man aus dem Buch schlichtweg dümmer heraus, als man hineingekommen ist. Ob man das ganze wenigstens unterhaltsam findet, hängt wohl davon ab, ob man dem Schreibstil etwas abgewinnen kann.