Christian Kracht – Faserland

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Immer gibt es Krach um Kracht – und einen Euro in die miserable-Wortspiele-Kasse. Dieses Jahr geht es – obwohl „Imperium“ gerade als Taschenbuch erschienen ist – mal wieder um „Faserland“, für Menschen meines Alters, die die Debatten 1995 noch nicht so recht mitverfolgt haben, ist das weniger redundant als wahrscheinlich für den Autor selbst (dem das aber wahrscheinlich ziemlich egal ist). Stein des Anstoßes: „Faserland“ gehört jetzt zum Pflichtkanon für das Deutschabitur in Niedersachsen.

Was genau jetzt wen wieder stört und warum andere sicher wiederum davon gestört fühlen, dass sich irgendwer gestört fühlt, kann man hier oder hier oder hier nachlesen. So oder so: „Faserland“ ist ein sehr gutes Buch und mit Recht „kanonisiert“, falls man auf so etwas Wert legt.

Im Grunde lässt sich dieser kurze Roman in zwei Sätzen zusammenfassen, wie das etwa Torsten Liesegang („New German Pop Literature“ – obwohl ich von der Zugehörigkeit zur „Popliteratur“ nicht überzeugt bin) getan hat: „The protagonist, a boarding-school dropout with an upperclass background presumably in his mid-twenties, recounts his travels from Sylt to Zurich on a senseless and aimless journey. Although the narrator accidentally meets acquaintances or friends here and there, he stays nowhere for long; he constantly finds himself in embarrasing situations that force him to move on, disgusted by the people he meets.“ Der Roman ist also ein Reiseroman – durchquert wird ganz Deutschland, von Sylt bis München, die letzte Reisestation ist dann Zürich in der Schweiz, das Land der Hoffnung für den Protagonisten. Dieser Protagonist scheint alles zu haben, vor allem so viel Geld, dass er anscheinend noch nie arbeiten musste, und doch hat er nichts, keine Heimat, keine Identität, im Buch nicht einmal einen Namen. Überall hat er Bekanntschaften, Freunde hat er nirgends, er scheint nicht so recht hineinzupassen in die Gesellschaft, auf die er voll Verachtung blickt, was nur den Eindruck verstärkt, dass in ihr einen Platz für sich zu finden letztlich Ziel der Sehnsucht wäre. Die Reise durch Deutschland entpuppt sich als eine Reise auf der Suche nach Sinn, Heimat, Schönheit, Identität, einem Weg aus der Einsamkeit – und führt je nachdem, wie man den Schluss lesen will, zum Scheitern oder zum Gelingen. Je nach Lesart des Schlusses kann man den Roman also als (Anti?)Entwicklungsroman lesen, der ganz nebenbei eine ganze Reihe anderer Themen (Dominanz von Marken/Konsum, Bewältigung der deutschen Vergangenheit, Umgang mit Schuld, latente Homosexualität) anreißt und dies alles trotz „Umgangs-“ und „Fäkalsprache“ in einer unglaublich schönen, klaren Sprache. Eine ganze Reihe der Merkmale, die zu den Debatten um „Imperium“ führten, findet sich bereits in „Faserland“. Manches ist überzogen, nicht alles so ganz clever, aber nichts desto trotz:

Wer „Faserland“ nicht gelesen hat, sollte es unbedingt tun. Auf mich wartet in hoffentlich naher Zukunft „Imperium“, das hier schon rumliegt.

Ob „Faserland“ allerdings eine gelungene Lektüre für eine Schulklasse ist, sei dahingestellt – dass Jugendliche unter 20 mit dem Buch etwas anfangen können, bezweifle ich stark, dass die Eltern dieser Jugendlichen die Sprechstunden der Deutschlehrer stürmen, weil in dem Buch ständig Alkohol getrunken und wieder ausgeschieden wird, nehme ich stark an. Dennoch, wenn man wie Heike Schmoll von der FAZ moralisch durchdachtes Verhalten des Protagonisten zum Kriterium für gute Schullektüre ernennen möchte, sollte man zuerst Goethes „Faust“ aus den Lehrplänen streichen. Und wer könnte denn sowas wollen?!

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5 Gedanken zu „Christian Kracht – Faserland

  1. zeilentiger

    Was ich interessant finde, ist, dass viele sofort „Faserland“ nennen, wenn sie an Kracht denken, aber kaum mal jemand „1979“, das mir zu den liebsten deutschsprachigen Büchern überhaupt gehört.

    Antwort
  2. Fritze Schreiner

    1979 ist traurig-schön und klar, ähnlich Faserland.
    Krachts bestes Buch in meinen Augen ist aber „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“.
    Eine Wucht von einem Buch, herrlich, Literatur nach meinem Geschmack. Sehr beeindruckend…

    Antwort

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