Archiv für den Monat September 2014

Marlene Streeruwitz – Nachkommen

Streeruwitz

Diesen Roman würde ich gerne erst noch einmal oder zweimal ganz genau lesen, bevor ich etwas über ihn schreibe – aber dann schreibe ich wohl nie darüber. Und das möchte ich aber doch so gerne, also schreibe ich im Folgenden lauter Halbgares.

Marlene Streeruwitz hat einen klugen, psychologisch fein durchkomponierten Roman um die junge Autorin Nelia Fehn geschrieben, die als Tochter einer erfolgreichen Autorin, die aber schon früh starb, und eines Vaters, der sie nie wollte, bei den Großeltern aufwuchs, mit all den Reibereien, die das für ein uneheliches Kind in einer Kleinstadt mit sich bringen kann. Fehns Roman wurde für den Buchpreis nominiert, sie reist aus diesem Grund und für die Buchmesse nach Frankfurt und trifft dort auf alle Missstände der Buchbranche sowie ihren Vater.

Streeruwitz ist eine genaue, sehr kluge Beobachterin von zwischenmenschlichen Beziehungen und Gefühlen, die ihre Sprache präzise und poetisch einsetzt. Sie schreibt in sehr kurzen Sätzen, was mich eigentlich stören müsste, weil ich lange Sätze eben sehr mag. Aber diese Sätze haben es in sich:

„Sie war allein hier. Sie wünschte sich sogar die tonlose Frau herbei. Es war keine Angst. Es war so eine Endlosigkeit. Eine Endlosigkeit rund um sie. Sie stellte sich wieder ans Fenster. Es war ein Schweben. Sie schwebte hinter ihrem Fenster inmitten dieser Gebäude. Schwerelos. Aber es war nicht schön. Es war kein schönes Gefühl. Es hatte mit Verlieren zu tun. Verlieren, bis man nicht mehr da war. Wegtropfen.“ (S. 393)

Zudem moduliert Streeruwitz den Satzbau im Laufe des Romans – zumindest kam es mir so vor: Die Sprache war gegen Anfang viel drängender, unruhiger als gegen Ende; mit der Ungewissheit und Unsicherheit Nelias, die immer wieder ihre Mutter herbeiwünscht, verschwindet mit der Zeit auch das Gehetzte aus der Sprache.

In eben demselben Maße, wie es hier um eine Darstellung der Verhältnisse der von Männern und ihren Fantasien dominierten Buchbranche geht, ist es ein Familienroman: So wie Nelia Fehn gegen Anfang gesagt wird, sie habe eine „nette kleine Odyssee“ verfasst, so durchläuft die Protagonistin tatsächlich eine Odyssee – sie bricht bei ihrer Familie auf, irrt durch Frankfurt und seine Menschenhallen, ihr Vater versucht sie sehr ungeschickt zu becircen, und am Ende kommt sie wieder bei ihrer Familie an, allerdings unter gänzlich anderem Vorzeichen. Am Anfang steht der Tod, am Ende die Geburt. Nelia ruft im Laufe der Handlung immer weniger nach ihrer Mutter, hin- und hergerissen zwischen Trauer und Wut findet sie – so vermute ich, aber ich würde den Roman eben erst gerne noch einmal lesen – zu einem neuen Verhältnis zu sich und ihrer Vergangenheit, der ihr den Blick für die Zukunft möglich macht. Und dies alles stellt Streeruwitz in aller Schwere und Ernsthaftigkeit dar, sie erklärt nichts, wird nie platt, nimmt es dem Leser nie ab, sich das, was passiert, selbst zu erschließen – und dafür muss man einem Autor ja wirklich dankbar sein.

Wer also eine explizit ausgesprochene Kritik der Buchbranche erwartet, wird enttäuscht sein: Die Verhältnisse werden dargestellt, nicht bewertet. Streeruwitz hält dankenswerter Weise ihre Leser nicht für dumm, sie buchstabiert nichts aus. So ist es vermutlich auch ein Treppenwitz des Romans, dass Nelia, die einen politischen Roman darüber, wie es ist, unter schlimmen Bedingungen von schlimmen Menschen regiert zu werden, geschrieben hat, nicht nur selbst unter schlimmen Bedingungen von schlimmen Menschen in der Buchbranche regiert wird, sondern zunächst auch vollkommen unfähig ist, ihren eigenen Platz im Gestrick der persönlichen Eitelkeiten, Machtspielchen und Klüngeleien zu durchblicken. So wird Nelia von Nora, einer Mitarbeiterin bei 3sat, angegriffen, und kann diesen Angriff nicht verorten. Erst später hört sie ein Gespräch ihres Verlegers mit:

„Erinnerst du dich an diese Nora. Voriges Jahr?“
„Wie könnte ich nicht. Das war doch die mit diesen unglaublichen roten Haaren. Oder?“
„Ja. Genau.“ Sie hörte die Männer lachen. Sie lachten einverständlich. „Die ist jetzt mit dem Martens zusammen. Du weißt, wer das ist.“
„Na klar. Das ist doch dieser Professor, der in allen Preiskommissionen sitzt.“
„Na, jetzt ist der auch schon in Pension. Aber Einfluss hat er sicher noch. Na, jedenfalls. Dieser Martens. Der ist wiederum der Vater von der Fehn. Ja. Das ist kompliziert. […] Aber die liebe Nora ist eine seiner Gespielinnen. Also von dem Martens. Und die hat der Nelia irgend so einen Scheiß erzählt. Die ist eine Böse. Davon kann ich ja wiederum ein Lied singen.“
„Wer ist die Böse.“, fragte dieser Dolfi. „Die Tochter oder die Gespielin?“ Er klang einlässlich und interessiert.
„Ja. Weißt du.“ Gruhns war nachdenklich. „Diese jungen Frauen.“ Dann lachte er wieder. „Du als ordentlicher Ehemann verstehst davon natürlich nichts.“ Dolfi seufzte bedauernd. Dann lachten beide wieder. „Diese Nora. Die ist eine Ehrgeizige. Die kann die Konkurrenz von der Nelia nicht brauchen. Im Übrigen ist die Nelia auch um gute zehn Jahre jünger. Da kann sie sich anstrengen, was sie will. Jugend trumpft alles. Und die Nelia.“
„Ja.“, überlegte Dolfi. „Die ist schon was. Die könnte glatt als Model auftreten.“ (S. 309f.)

Während Nelia also lange darüber nachdenkt, was der Vorwurf Noras mit ihrem Roman zu tun habe, geht es gar nicht um sie, sondern um ihren Vater. Gerade diese Stelle zeigt aber auch, wie treffend genau Streeruwitz sexistisches Verhalten nachzeichnet: Da sind die Männer mit ihrem verdinglichenden Bild von jungen Frauen, und in dem Roman wimmelt es nur so von Frauen, die sich aus unterschiedlichsten Antrieben heraus in dieses Bild und damit einhergehende Unterordnung und Abhängigkeiten fügen. Ich habe mehrfach beim Lesen an diesen Brief von Herbert Marcuse an Max Horkheimer denken müssen, der derzeit im Internet kursiert, wer die von Streeruwitz gezeichneten Verhältnisse für überzogen hält, dem sei die Lektüre im folgenden Bild empfohlen. Allen zusammen kann ich aber nur die Lektüre von „Nachkommen“ empfehlen, einem Roman, der den Buchpreis nicht nötig hat, aber der ihn verdient hätte. Übrigens erscheint der Roman von Nelia Fehn, „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“, im September.

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