Archiv für den Monat März 2019

Zur Kritik des normierten Lesens II: Einige Ergänzungen

Vor knapp zwei Jahren schrieb ich aus einer aktuellen Diskussion auf social media heraus den Text „Zur Kritik des normierten Lesens“ (zu finden hier oder auf 54books, wo er zuerst erschien), der sich mit der Abwertung bestimmter Lektürepraktiken eines eher genuss- und kompensationsorientierten, häufig als „weiblich“ kodierten Lesens beschäftigt hat. Dieser Text ist deutlich öfter gelesen worden, als ich das erwartet hatte, verlor damit seinen ursprünglichen Diskussionskontext und war schon damals eigentlich ergänzungsbedürftig und zu pauschal für diese vom Anlass losgelöste Rezeption, weil er so tut, als gäbe es milieubedingtes, habituelles Lesen nur in der Oberschicht und als gäbe es Dünkel gegenüber andere Lektürepraktiken nur „von oben“. Daher nun ein ergänzendes, vielleicht etwas differenzierteres Nachdenken über die Lesegewohnheiten und Schichtzugehörigkeit, über Distinktion und Kommunikation, ausgehend von einigen längeren Zitaten aus Jost Schneiders „Sozialgeschichte des Lesens“ von 2004. Auch dieser Text wird natürlich schon ergänzungsbedürftig sein, wenn er online geht, und das ist doch schön, vielleicht schreibe ich dann irgendwann noch Teil III und so geht das dann ewig weiter.

Denn natürlich ist jede Lektürepraxis habituell und milieubedingt, damit auch in gewisser Weise normiert, auch die der Mittel- und Unterschicht, und natürlich lehnen Vertreter/innen dieser Milieus die Lektürepraxis oberer Milieus genauso ab, es gibt also auch Dünkel „von unten“. Dabei ist sich eigentlich niemand der Milieubedingtheit der eigenen Lesegewohnheiten so richtig bewusst, erkennt sehr deutlich die Fehler der anderen Milieus, nie aber die eigenen – man selbst ist sich immer sicher, für „alle“ sprechen zu können, beurteilen zu können, was „alle“ lesen wollen, objektive, allgemeingültige Urteile fällen zu können. Einen verzerrten Blick auf die Realität haben immer nur die anderen.

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