Schlagwort-Archive: Geschlechterrollen

Tobias Wolff – Der Kasernendieb

Vor ein paar Monaten habe ich mich mit einem Bekannten unterhalten, der eine Laufbahn als Offizier bei der Bundeswehr hinter sich hat. Er hat diesen – ja, und da fängt es schon an, kann man so eine Tätigkeit, hinter der so eine schwerwiegende Entscheidung steht, man haftet dafür ja mit dem Leben, eigentlich „Beruf“ nennen? – Beruf schon länger aufgegeben, aus unterschiedlichen Gründen, und in unserem Gespräch sagte er zu mir sinngemäß: Die meisten vergessen, dass wir ganz viele Leute aus einfachen oder armen Verhältnissen und Bildungsaufsteiger bei der Bundeswehr haben, weil die sich so das Studium leisten können, das können die sonst nicht so einfach. Ich kenne dazu keine empirischen Daten, habe auch nur wenig über die Zusammensetzung der Rekruten gefunden und habe in meinem Umfeld auch nur eine recht überschaubare Zahl an Menschen, die bei der Bundeswehr verpflichtet waren, aber auf die trifft das mehrheitlich zu. Das sind oft Leute, denen die Bundeswehr sozialen und ökonomischen Aufstieg ermöglicht hat, ein paar haben so ihr Studium finanzieren können, mehrere haben dort Führerscheine gemacht, die sonst sehr teuer gewesen wären und die sie jetzt – als Fahrlehrer, als Kraftfahrzeugfahrer – beruflich nutzen. Vielleicht ist da also was dran, spannend ist aber doch in jedem Fall die Frage, für wen die Bundeswehr als Arbeitgeber interessant ist und aus welchen (ökonomischen wie ideellen) Gründen.

Wolff KasernendiebUnd diese Frage spielt auch eine zentrale Rolle in Tobias Wolffs Novelle „Der Kasernendieb“, (hier übersetzt von Frank Heibert). 1984 erschienen, wurde sie meines Wissens (ich bin aber keine Anglistin) vor allem als Novelle über die Angst, die der Vietnamkrieg unter Rekruten verbreitet hat, gelesen. Die Handlung ist im Jahr 1967 verortet, in Fort Bragg absolvieren Philip, Hubbard und Lewis eine Ausbildung zu Fallschirmjägern und warten mit dem Rest ihrer Kompanie auf den Einsatzbefehl für Vietnam. Die drei werden eher notgedrungen Freunde, bis ein Dieb in der Kaserne umgeht, der andere Soldaten bestiehlt, was zu Misstrauen und Zwist führt. In der mir bekannten Deutung steht hinter den Entfremdungserfahrungen, die die drei Rekruten erleben, vor allem die Angst vor dem Krieg, die sie erst Freunde werden lässt, die dann aber zum Scheitern dieser Freundschaft führt, da menschliche Nähe unter unmenschlichen Bedingungen unmöglich ist. Weiterlesen

Ein Roman fürs postfaktische Zeitalter: Paulo Coelho – Hippie feat. Carl Cederström – The Happiness Fantasy

Cederstroem Happiness FantasyGlück als moralischer Imperativ

„The coal miner gets black lung disease, his son gets it, then his son. But most people don’t have the imagination – or whatever – to leave the mine. They don’t have ‚it‘. If I had been the son of a coal miner, I would have left the damn mines.“, diese Selbstbeschreibung Trumps aus dem Jahr 1990 zitiert Carl Cederström in „The Happiness Fantasy“ (S. 146), zusammen mit der Anmerkung, dass Trump sich gerne als self-made man inszeniere und dabei die ererbten Millionen verschweige. Am Beispiel Trumps macht Cederström deutlich, wie sich die klassische bürgerliche Ideologie, dass derjenige, der arm ist, selbst daran schuld sei, im neoliberalen Gewand zeigt. Derjenige, der arm ist, ist jetzt nicht mehr einfach arm, weil er faul ist. Wer arm ist, dem fehlt es an innerer Stärke, dem fehlt „it“, die Vorstellungskraft, die Realität zu überwinden, der Wille, ein authentisches, glückliches Leben zu führen.

Die Entstehung dieser spezifischen Ausprägung bürgerlich-neoliberaler Ideologie führt Cederström dabei zurück auf die Pop- und Gegenkultur der 1960er: Hier sei mit dem Wunsch nach Individualität und authentischer Erfahrung, mit der Idee, dass der Mensch sein „ganzes Potential“ zu entfalten habe, um glücklich zu sein, zudem durch die Rezeption mitunter kruder Theorien Wilhelm Reichs eine dezidiert neue Vorstellung von „Glück“ entstanden. Glück ist nicht mehr wie bei Freud die größtmögliche Reduktion von Unglück, es bedeutet auch nicht Mäßigung wie bei den Stoikern oder ein geregeltes, aber angenehmes Leben wie bei Epikur. Glück ist hier zu einem moralischen Imperativ geworden: Gelungenes Leben ist glückliches, authentisches Leben in individueller Freiheit. Nach Glück hat jeder zu streben. Weiterlesen

Who put the T in Theweleit? Tijan Sila – Die Fahne der Wünsche

Sila Fahne der WünscheSeit Freitag Abend habe ich ohne jeden Anlass leider einen ziemlich, ziemlich nervigen Ohrwurm von „Who put the bomb“. Es ist anstrengend, wer wacht schon gerne auf und denkt als erstes „Who put the bomp in the bomp bah bomp bah bomp? Who put the ram in the rama lama ding dong?“, und ja, mein Leben ist wirklich so albern, wie es sich gerade liest. Schon am Freitag, als ich den Song, den ich gemeinerweise plötzlich im Kopf hatte, auf YouTube gesucht habe, fiel mir auf, dass ich das Original von Barry Mann eigentlich gar nicht so gut kenne, sondern vor allem die Coverversion von Me First and the Gimme Gimmes, und dabei fiel mir wiederum auf, wie viele Popsongs ich eigentlich vor allem aufgrund ihrer Coverversion kenne und gar nicht so sehr im Original, was dann dazu führt, dass ich beim Hören des Originals ständig „huch, ist das langsam“ denke und doch lieber weiter das Cover höre. Ein bisschen passt dieses Cover-Thema zu „Die Fahne der Wünsche“ von Tijan Sila, aber dann auch wieder nicht. (Super Überleitung, oder? Na ja, ok, dann nicht.)

„Die Fahne der Wünsche“ erzählt von Ambrosio, einem Jugendlichen aus dem fiktiven Land Crocutanien, das irgendwo am Mittelmeer liegen könnte und in dem ein totalitäres System herrscht. Ambrosio stammt aus prekären Verhältnissen und sichert durch sein Talent als Radrennfahrer seine Existenzgrundlage, gerät aber deswegen auch in Abhängigkeit von der Partei und damit in Schwierigkeiten, und das alles, obwohl er eigentlich nur ein ganz normaler Teenager sein möchte mit coolen Klamotten, erster Freundin, Comics und ein bisschen Flippern. Weiterlesen

Weibliche Aneignung männlicher Fantasie: Von Meerjungfrauen und einem Meermann (feat Andreas Kraß „Meerjungfrauen“, Melissa Broder „Fische“)

Im Februar diesen Jahres wurde in der Manchester Art Gallery das Gemälde „Hylas und die Nymphen“ von John William Waterhouse (s. Beitragsbild oben) im Rahmen einer Kunstaktion von Sonia Boyce abgehängt – man wollte damit eine Debatte über die Darstellung von Frauen in der Kunst auslösen. Entsprechend konnten während des Zeitraumes, in dem das Bild abgehängt blieb, die Besucher an der so entstandenen Leerstelle Zettel hinterlassen, auf die sie ihre Meinung zu diesem Thema und Möglichkeiten einer angemessenen Kontextualisierung des Gemäldes bei seiner erneuten Ausstellung schreiben konnten. „This gallery presents the female body as either a ‘passive decorative form’ or a ‘femme fatale’. Let’s challenge this Victorian fantasy!“, erklärte die Kuratorin Clare Gannaway die Absicht hinter dieser Aktion, die tatsächlich ja auch hierzulande für Debatten sorgte, vermutlich auch deswegen, weil sie sich hier mit der schier endlosen Diskussion um die Überstreichung von „Avenidas“ an der Alice-Salomon-Hochschule verband.

Tatsächlich ist diese Form der Kunstperformance – und das sollte die Abhängung ja sein – nicht ganz gelungen, gar nicht deshalb, weil Kunst hier im Rahmen einer Kunstperformance ihre Selbstzweckhaftigkeit verliert und eben zum Mittel von Kunst wird, was ja zumindest eine interessante Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist. Vor allem ist diese Kunstaktion doch deswegen nicht gelungen, weil sie wenig zur Aufklärung und Emanzipation der Besucher*innen beiträgt, anders als dies der Fall gewesen wäre, wenn man in einer gut aufgearbeiteten Ausstellung etwa unterschiedliche künstlerische Darstellungen von Frauen mit entsprechend erklärenden Texten gezeigt und am Ende die Möglichkeit zum Hinterlassen von Zetteln gegeben hätte. Das ist eigentlich der Job, den Kurator*innen machen sollten, wenn sie eine „fantasy“ „challengen“ wollen, um auf diese Idee zu kommen, brauchen sie keine Anregungen von Besucher*innen. In einer solchen Ausstellung hätten die Besucher*innen sich ein Bild von der Darstellung von Frauen in der Kunst machen können, eine Debatte hätte auf der Basis von Informationen geführt werden können – und wäre vielleicht damit eine vernünftige Debatte über die Darstellung der Frau in der Kunst gewesen, und nicht eine Debatte über Zensur, die die Kunstaktion tatsächlich auslöste. Nicht Abhängen, sondern Information führt zu Mündigkeit – und schön wäre es ja auch gewesen, im Kontext einer solchen Ausstellung auch ganz andere Darstellungen von Weiblichkeit von Künstlerinnen zu zeigen. Weiterlesen

Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung

Taha Beschreibung KrabbenwanderungIch bin kurzsichtig, trage meine Brille aber nur zum Arbeiten und zum Autofahren. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil ich das Verschwommene mag. Mein ganzes Leben ist also wie diese verwischten Fotografien von Gerhard Richter: Alles ist gleich wichtig und gleich unwichtig.

Unsere Augen sind keine Schaufenster, durch die wir einfach hindurchsehen könnten, so dass wir den Gegenstand dahinter genauso sehen können wie er eben ist. Wenn überhaupt, sind unsere Augen verbogene, fleckige Scheiben, durch die wir die Dinge auf je eigene Weise wahrnehmen. Wie wir die Dinge sehen, ist zum einen genetisch bedingt – wenn ich ohne Brille herumlaufe, sieht für mich alles weicher aus als für jemanden, der gar keine Brille braucht –, zum anderen aber stark durch Sozialisation geprägt. Das Sehen selbst ist nicht objektiv, sondern so individuell wie das Sprechen.

„Das unterkomplexe Verständnis des Sehens als wirklichkeitsabbildende Kenntnisnahme und des Sichtbaren als objektive Präsenz verstellt die Einsicht in die konfigurierenden und sinnstiftenden Kapazitäten des Sehvollzugs. Wir sehen nicht durch die Augen, wie durch ein Fensterglas, wir sehen mit ihnen, lautet ein Einwand Donald Davidsons gegen ein instrumentalistisches Verständnis von Sprechen und Sehen. Das Wie der Durchführung entscheidet bei beiden Tätigkeiten über das, was gesehen und gesagt wird. Wenn Sehen die Welt aber genauso wenig abbildet wie Sprechen, dann, weil es wie jenes eine Praxis ist, deren performative Vollzugsform Wirklichkeit paradoxerweise vorfindet, indem sie sie konstituiert. Erst performativitätstheoretisch wird diese Paradoxie beschreibbar: So wie Sprechhandeln Realität und Bedeutung performativ hervorbringt und zugleich vermittelt, ist auch das Wahrnehmungshandeln als ein Vollzugsgeschehen zu begreifen, dessen Spektrum von kommunikativen Blicken, mit denen ganz konkret und sozialwirksam gehandelt wird, wenn etwa gewarnt oder aufgefordert wird, bis zu selbstzweckhaften Vollzügen reicht, in denen zwischen Prozess und Resultat nicht mehr unterschieden werden kann.“ (Eva Schürmann: Sehen als Praxis. Ethisch-ästhetische Studien zum Verhältnis von Sicht und Einsicht, Frankfurt a. M. 2008, S. 17f.)

Sehen ist also eine Praxis, ein aktives Handeln, das die Welt auf je eigene Weise wahrnimmt und also auch formt. Und eben davon erzählt „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ von Karosh Taha, ein Gesellschaftsroman, der von Sanaa, einer Studentin, die als kurdische Asylsuchende mit ihren Eltern im Alter von neun Jahren nach Deutschland kam, und ihrer Familie erzählt, von dem Viertel mit Hochhäusern, in dem sie unter anderen kurdischen Migranten leben und von diesen beobachtet werden, von Schichtzugehörigkeit, Enge und der Last der Verantwortung für die eigene depressive Mutter. Weiterlesen

Petra Morsbach – Justizpalast

Morsbach JustizpalastJustiz ist schon immer ein Thema der Literatur – wenn man ganz weit zurückgreifen will und die Bibel als „Literatur“ bezeichnen will, dann sind hier mehrere Erzählungen der Rahmen für Gesetzestexte, und auch wenn man nicht so weit zurückgreifen will, kann man hier immer noch ohne Probleme eine mehrere Jahrhunderte zurückgreifende Tradition ausmachen: Da ist Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, Kleists „Der zerbrochne Krug“, Kafkas „Process“, Brechts „Kaukasischer Kreidekreis“ und in jüngster Zeit Schirach, um nur ein paar Beispiele zu nennen (es gab dazu mal auf 54books eine Beitragsreihe: Lawandlit).

Dass das Thema des Rechtssystems für die Literatur reizvoll ist, liegt auf der Hand: An wenigen Orten kann man Figuren aus den unterschiedlichsten Milieus miteinander so interagieren lassen, zu wenigen Anlässen sind Figuren so sehr gezwungen, sich zu öffnen, ihre Geschichten zu erzählen, und wenige Anlässe leuchten damit so tief in gesellschaftliche Wertesysteme, soziale und individuelle Abgründe hinein wie ein Gerichtsverfahren. Indem man vom Rechtssystem erzählt, kann man davon erzählen, ob und wie eine Gesellschaft funktioniert oder eben nicht, was Gerechtigkeit ist und ob sie möglich ist. Und in der Reihe der Werke, die davon erzählen, steht auch Petra Morsbachs Roman „Justizpalast“. Weiterlesen

Fatma Aydemir – Ellbogen

Aydemir EllenbogenDieses Buch habe ich leider nicht verstanden. Ich bemühe mich ja wirklich, erst zu verstehen, worauf ein Roman raus will, um ihn dann danach zu beurteilen, aber hier: Keine Chance. Ich weiß nicht, welchen Anspruch die Autorin hier verfolgt, ich entnehme den Danksagungen am Ende des Romans, dass sie aufgrund ihrer Fragen einen Roman geschrieben hat, nicht weil sie Antworten hat. Dass es ihr darum gegangen wäre, Fragen aufzuwerfen, kann vielleicht der Grund für meine Verwirrung sein, und wenn das wirklich das Ziel war, dann ist das gelungen. Um ehrlich zu sein hatte ich aber leider eher den Eindruck, dass meine Verwirrung mehr daran lag, dass hier einiges nicht zu Ende gedacht worden ist.

„Ellbogen“ erzählt in drei Abschnitten von der jungen „Deutschtürkin“ Hazal aus Wedding, die in ihrem Leben vor allem die Erfahrung gemacht hat, wie ein Fußabstreifer behandelt zu werden – von Deutschen wie von ihrer Familie. Die Wut, die sich darüber in ihr anstaut, entlädt sich an ihrem 18. Geburtstag, nachdem sie mit zwei Freundinnen nicht in einen Club gelassen wurde, nachdem also wieder eine Tür vor ihr verschlossen und nicht geöffnet wurde. Ihre Wut trifft einen deutschen Studenten, von dem sie sich erniedrig fühlt. Hazal und ihre Freundinnen verprügeln ihn, Hazal stößt ihn aus dem Affekt auf die Gleise und daraufhin tut Hazal eigentlich für den Rest des Romans, und das dürften so ungefähr 2/3 des Romans sein, nur noch eins: Weglaufen. Erst vom Unfallort, dann nach Istanbul, dann von ihrem Freund, dann vor ihrer Tante, dann vor dem Putschversuch gegen Erdogan. Und da liegt dann auch mein Problem, das ich mit dem Roman habe.

Einblicke

Dabei ist vieles an „Ellbogen“ sehr gut gemacht, und da sieht man auch, dass Aydemir eine tolle Schriftstellerin wäre: Den ganzen zweiten Teil des Romans fand ich gut. Die Darstellung von Hazals Innenleben, ihrer Wut und der Gründe dafür, ihre Wahrnehmung einer Welt, die ihr keine Möglichkeiten lässt, sind fantastisch und ich bin froh, dass sowas mal so erzählt wurde. Man merkt auch, dass Aydemir ihre Figur mag, auch wenn diese Figur an einigen Punkten unsympathisch ist – damit kann Fatma Aydemir definitiv schon mal mehr als Juli Zeh.

Dass der Film „Gegen die Wand“, der im Roman auch erwähnt wird, ein Vorbild war, ist sehr deutlich: Hazal teilt mit Sibel aus diesem Film den Wunsch nach Freiheit, den Junkie-Mann, die Selbstmordversuche, die eigentlich nicht auf den Tod sondern das Leben abzielen, und Istanbul als Fluchtort. Da ist es bei einigem sehr offensichtlich, wo es herkommt, aber das macht ja nichts.

Vieles wurde auch sonst wahnsinnig gut beobachtet und erzählt, um nur ein paar Beispiele von sehr vielen zu nennen: Der sehr deutsche Umgang des Ladendetektivs mit Hazal, als diese beim Stehlen erwischt wurde, und er ihr mit Abschiebung droht – und wie sehr sie das trifft. Die Misogynie gerade auch von Frauen in einigen türkischen Communitys und misogyne Strukturen in der Türkei, wenn Hazals Großmutter den Vorwurf, dass ihr nur noch ein Penis fehle, um sie zum Mann zu machen, da sie so schlecht über Frauen spricht, als Kompliment sieht, oder wenn eine Frau in der Türkei ihren Mann, der sie verprügelt hat, irgendwann umgebracht hat, weil die Polizei ihr nie helfen wollte. Oder die Art und Weise wie auch in der Türkei von einigen (hier Gözde) weiße Haut als Schönheitsideal gesehen wird, das dunklerer Hautfarbe übergeordnet wird. Solche Dinge zu erzählen und ohne die Figur selbstmitleidig wirken zu lassen eben das zu erzählen, was das mit einer jungen Frau macht, das macht „Ellbogen“ zu einem wirklich lesenswerten Buch. Und ich hätte ja gerne eine Lobeshymne geschrieben, aber da ich – wie oben geschrieben habe – leider nicht verstanden habe, was die Autorin hier will, kann ich das Buch eben nur noch  an meinen Maßstäben messen, die aber eben dem Werk äußerliche sind.

Ausblicke

Bemerkenswert an „Ellbogen“ ist ja, dass Deutsche kaum vorkommen, obwohl es ja eben nicht nur Hazals Familie ist, die eine Ursache ihrer Wut ist, die sie erniedrigen und ihr die Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben nehmen, es sind ja insbesondere Strukturen der deutschen Gesellschaft, die sozialen Aufstieg für sie unmöglich machen. Das kommt aber eben nur am Rande vor: Hazal hat keinen Schulabschluss, weil die deutschen Lehrer alle rassistisch sind oder eben nicht ganz richtig im Kopf sind, so Hazal selbst und ihre Tante, Hazal konnte nicht Raumausstatterin werden, weil Deutsche nicht auf den Geschmack von Türken vertrauen. Das kommt vor, aber das sind eben nur einzelne Sätze am Rande, während die Schilderung des Familienlebens viel Platz einnimmt. Es ist nun nicht Aydemirs Schuld, dass ich glaube, dass deutsche Leser der post-Sarrazin-Zeit damit nicht alle werden vernünftig umgehen können, dass da einige das Buch zuschlagen und sich denken „Ach, Mensch, diese Türken, wie die aber auch mit ihren Frauen umgehen, kein Wunder, dass die so werden.“ Dafür kann Aydemir nichts, es ist auch nicht Aufgabe ihres Romans, das zu ändern, aber ich hätte es doch schön gefunden, wenn man es Lesern, die denken, Integration bedeute, dass die anderen sich anpassen, nicht so leicht gemacht hätte. Zumal sich das eben dadurch verschärft, dass eigentlich nur zwei Deutsche merklich auftreten: Der Ladendetektiv und der Student, der ermordet wird. Wer dann noch überlesen will, dass Hazal der Mord durchaus nicht egal ist und ihren Worten, dass ihr das egal sei, Glauben schenkt, kann hier seine xenophoben Klischees schon bestätigt finden. Will sagen: Der Roman spart für mein Empfinden die Verantwortung der deutschen Gesellschaft für Hazals Verhalten zu sehr aus, lässt dann aber einen Deutschen Opfer der Gewalt, die die Folge vor allem von Hazals Sozialisation ist, werden. Dafür kann Aydemir nichts, das ist auch nicht die Aufgabe von Kunst, aber: Das macht es halt deutschen Lesern sehr leicht, ihren Anteil an dem Problem nicht zu reflektieren, und das bestätigt auch Klischees, die eben nach wie vor virulent sind.

Und das Problem ist ja, dass diese Klischees nicht gebrochen werden, zumindest habe ich den Bruch nicht entdeckt. Hazal wirkt in einigen Punkten unsympathisch, ihre Familie wirkt unsympathisch – aber das ist ja hier für einige Leser sicher kein Bruch sondern im Gegenteil die Bestätigung des Klischees. Und das schreibe ich jetzt nicht, weil ich es witzig finde, sondern weil es für mich leider der Leseeindruck war: Der ganze erste Teil des Romans, der Hazals Leben in Wedding bis zum Mord an dem Studenten schildert, hat mich leider an diese Vorstellungs-Filmchen aus der Doku-Soap „Die Mädchengang“ erinnert, die vor ein paar Jahren auf RTL II lief. Ich will gar nicht bestreiten, dass die Realität halt oft ziemlich klischeehaft ist, aber: Wenn man nicht gerade ein Autor des Naturalismus ist, kann es nicht der Anspruch der Kunst sein, Klischees zu bestätigen, nur weil sie in der Realität auch vorkommen. (Mal abgesehen davon ist die Literatur des Naturalismus natürlich sehr sozialkritisch gewesen und hat auch eben nicht einfach Klischees stehen lassen.) Vor allem nicht in Post-Sarrazin-Pegida-Deutschland, vor allem nicht, wenn es auch so viele Familien gibt, in denen es nicht so ist, von denen dieses Buch aber vollständig schweigt. Ich wünsche dem Buch sehr viele sehr kluge Leser, aber wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin: Ich war doch auch bei einigen Lesungen von Autoren sog. „Migrationsliteratur“ und ich hatte nicht den Eindruck, dass das alles superkluge Leute sind, die ihre Privilegien reflektiert und ihre Klischees im Griff hätten. Da ist zwar viel guter Wille, aber wenig Selbstreflexion bei einigen, und ich weiß nicht, was diese Leute lesen, wenn sie das Buch lesen.

Wenn jedenfalls ein Spiegel-Rezensent in dem Buch „viel Wiedererkennbares aus dem Leben von Menschen mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten“ zu erkennen meint, dann weiß ich nicht, ob das nun etwas ist, was ihn und den Roman auszeichnet, aber es überrascht zumindest nicht. Aber: Dafür kann Aydemir nichts. Und es ist nicht die Aufgabe von Literatur, den Leuten die Klischees auszutreiben. Aber schön wäre es eben schon, wenn sie zumindest nicht bestätigt würden.

Laut Klappentext stellt sich „Fatma Aydemirs Debütroman eine große Frage: Was kann in dieser Welt aus einem Mädchen wie Hazal schon werden? Und gibt eine ebenso große Antwort: Alles.“ Die Frage habe ich in dem Roman schon gesehen, aber diese Antwort habe ich tatsächlich nirgendwo gelesen. Prinzipiell finde ich sehr gut, dass der Roman eben nicht damit endet, dass sich Hazal an irgendeine Gesellschaft – die deutsche oder die türkische – einfach anpasst, dass sie versucht, ihren eigenen Weg mit eigenen Entscheidungen zu gehen. Nur funktioniert eben das ja gar nicht, weil die Figur das ja gar nicht tut, denn sie bleibt den ganzen Roman über eine rein reagierende Figur, sie fällt gar keine eigenen, freien Entscheidungen. Sie läuft davon, sie übernimmt nicht die Konsequenzen für ihr Handeln, und die einzige Antwort, die der Text dafür anbietet, ist: Das liegt an ihrer Sozialisation. So macht der Text selbst die Protagonistin zum Opfer ihrer Verhältnisse und gibt ihr keine Möglichkeit, daraus zu entkommen. Der Leser kann dann zwischen einem paternalistisch-mitleidigem oder einem verachtendem oder einfach einem verwirrten Blick auf die Figur wählen. Ich habe mich für den letzteren Entschieden, und einfach mal angenommen, dass hier eben einfach nicht zu Ende gedacht wurde, was das bewirkt, wenn man die Figur eben immer nur reagieren lässt, wenn man sie lieber in ihrer großen Gefängniszelle Türkei, wie sie ihre Situation selbst an einer Stelle benennt, vor allem davonlaufen lässt, als sie sich selbst und damit auch ihre Sozialisationsbedingungen überwinden zu lassen. Wenn der Roman zeigen will, dass aus Hazal „alles“ werden kann, dann ist zumindest das wirklich nicht gelungen. Es ist doch kein Zeichen von Freiheit und Selbstständigkeit, dass sie sich den Konsequenzen ihres Handelns nicht stellt und stattdessen in der Türkei zu jobben anfängt, da die Ursachen für diese Entscheidung ja genau die sind, die in ihrem Inneren durch ihre Sozialisation bewirkt wurden. Der Grundsatz, dass eben Scham schlimmer als Angst sei, ist ja eine Folge der Art und Weise, wie sie aufgewachsen ist. Und darüber kommt sie nicht hinaus.

„Bei den ersten drei Zügen fühlt sich die Welt ganz flauschig an.“ (S. 266)

Und dann ist da auch noch dieser dritte Teil des Romans, mit dem es dann vollends dahin geht: Hier erlebt Hazal die Nacht des Putsches gegen Erdogan. Ohnehin scheitern auch an anderen Stellen die Versuche weitgehend, in den Roman Politik einzubeziehen, da Hazal als Figur das einfach nicht leisten kann, sie macht da auch selbst keinen Hehl daraus: Sie hat sich eben nie für Politik interessiert und versteht darum einiges gar nicht, anderes nur oberflächlich. Entsprechend versteht sie aber auch gar nicht, was während des Putsches vor sich geht – der Hintergrund hat einfach keine erkennbare Funktion für die Handlung, es wirkt so, als habe die Autorin hier noch schnell etwas ganz aktuelles einbeziehen wollen.

Zudem wirkt dieser Teil des Romans dann auch noch wirklich schlampig geschrieben: Der eigene Jargon, der von Aydemir für den Roman entwickelt wurde, funktioniert den Roman über weitestgehend. Da werden Mütter gefickt, Kartoffeln, Kanaken und Fluchtis unterschieden und „Opfer“ und „Muschis“ bemüht. Aber jetzt, im dritten Teil, sind manche Formulierungen einfach schlecht: Da fühlt sich die Welt „flauschig“ an und „das Wasser unter ihm glänzt, als hätte Gül ihr Glitzerpuder draufgekippt“ (S. 250). Und dann noch so abgedroschene Vergleiche wie „das hier so ist, als würde ich in einem Sarg Probe liegen“ (S. 268). Der dritte Teil des Romans, insbesondere die letzten 20 Seiten, sind entweder zu schnell geschrieben oder schlecht lektoriert worden, der Teil fällt aus dem Roman zu sehr raus und liest sich schlicht holprig. Das ist ziemlich schade, denn so ganz unwichtig wäre das Ende vermutlich nicht gewesen.

Wie geschrieben: Ich hätte das Buch gerne an seinen eigenen Maßstäben gemessen, dazu war ich aber leider nicht in der Lage, weil ich nicht weiß, worum es hier gehen soll. Deswegen tut es mir leid, wenn ich eher äußerliche Maßstäbe anlege, die der Sache vielleicht nicht gerecht werden. Fatma Aydemir ist eine tolle Schriftstellerin, ich würde ein Buch, für das sie sich wirklich Zeit gelassen hat und das dann auch ordentlich lektoriert wurde, sehr gerne lesen. Auch „Ellbogen“ kann man ruhig lesen, der mittlere Teil des Romans hat mir wirklich gut gefallen, ich finde – wie oben erwähnt – viele Sachen, die hier erzählt werden, wichtig und gut getroffen. Und ich bin mir sicher, dass der Roman besser ist als das, was einige Leser aus ihm vielleicht machen werden, und vor allem ist der Roman viel, viel besser als sein Klappentext: „Man will Hazal helfen, man will mir ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mir ihr und uns allen weitergeht.“

Aber dieser Klappentext ist eben verräterisch: Hazal wird hier zu einer hilfsbedürftigen Figur erklärt (wie oben gesagt: paternalistisch-mitleidiger Blick), der Figur wird zugemutet, dass sie irgendwas über „uns alle“ zu sagen hätte. Dabei ist sie als Figur eben nicht verallgemeinerbar für „die Frau mit Migrationshintergrund“. Ich bin mir fast sicher, dass Aydemir dieses Ergebnis nicht gewollt hat – was sie gewollt hat, weiß ich ja aber eben leider nicht. Aber es kommt schon nicht von ungefähr, dass der Verlag das auf das Buch schreibt. Der Text selbst macht Hazal zu etwas, was sie als Figur gar nicht sein will: zu einem „Opfer“.