Archiv für den Monat August 2014

Jonathan Crown – Sirius

9783462046786Zunächst muss man diesem Buch zugutehalten, dass es in keiner Weise so getan hat, als wäre es etwas anderes als trash. Da ist das Cover, das auch zu einem schlechten Science-fiction-Film aus den 80ern passen könnte, die Idee, aus der Sicht eines Hundes zu schreiben – all das lässt nicht erwarten, dass da irgendwas besonders Tiefgründiges dahintersteckt. Aber es hätte ja wenigstens geistreich oder witzig sein können. Oder zumindest niedlich.

Jonathan Crown erzählt hier die Geschichte einer jüdischen Familie, die nach der Reichskristallnacht nach Amerika emigriert – aus der Sicht des jüdischen Foxterriers Levy aka Sirius aka Hercules aka Hansi, denn dieser Hund ist Schauspieler und wechselt im Verlauf des Romans mehrfach die Rollen. Es handelt sich nämlich auch noch um einen hochintelligenten Hund, der nicht nur jedes Wort versteht, denkt und handelt wie ein Mensch, sondern darüber hinaus sogar schreiben kann. Potzblitz. Leider ist das Buch aber dann wirklich so schlecht, wie es diese Kurzzusammenfassung der Handlung erwarten lässt.

Ich bin mit auch gar nicht so sicher, ob hier nicht einfach ein Fehler im Verlag unterlaufen ist und ob dieses Buch nicht eigentlich als Kinderbuch konzipiert war, denn sowohl die Handlung als auch die Sprache des Autors passen eher zu einem Buch, das man im Alter unter 12 Jahren liest. Jonathan Crown lehnt die Verwendung von einem komplexeren Satzbau anscheinend grundsätzlich ab, er reiht mit einer bemerkenswerten Penetranz Hauptsätze aneinander – hin und wieder findet sich allerdings auch mal ein Relativsatz, Adverbialsätze sind seltener. Herr Crown findet außerdem wohl auch, dass zu viel Abwechslung im Wortschatz den Leser nur unnötig von der Handlung ablenkt. Dadurch liest sich der Roman aber immerhin recht schnell durch.

Ich bin ja gewillt, dem Buch wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert zuzusprechen. Das hilft aber wenig, denn zur unterkomplexer Handlung und Sprache kommt noch ein derart seichtes Weltbild hinzu, dass man sich wirklich fragt, an welche Zielgruppe sich dieses Buch richten soll. Da ist zum Beispiel das Ende, das wirkt, als wäre es von Postkarten mit Lebensweisheiten inspiriert: Der Foxterrier Sirius ist endlich wieder in Berlin und unterhält sich dort mit seinem liebsten Pipi-Baum über seine Sehnsucht nach Amerika:

„Verstehe“, sagt der Baum. „Jetzt bist du zu Hause, endlich, und trotzdem hast du Heimweh.“
„Ja“, sagt Sirius, „ist das nicht verrückt?“
„Überhaupt nicht“, sagt der Baum. „Heimat ist nicht der Ort, wo deine Geschichte begann. Heimat ist der Ort, wo deine Zukunft anfing.“
„Versteh ich nicht“, sagt Sirius.
„Heimat ist der Ort, wo dein Herz ist“, sagt der Baum.
„Mein Herz?“, fragt Sirius.
„Ja“, sagt der Baum. „Wo ist dein Herz zu Hause?“
„Bei den Menschen, die ich liebe“, sagt Sirius.

Ja, das ist wirklich herzergreifend. Aber Achtung, es geht noch rührender: Sirius aka Hansi begleitet ja auch eine Zeit lang Adolf Hitler, so trifft er ihn auch nach dem Attentat durch den Kreis um Stauffenberg. Und da macht das sensible Tier einige Beobachtungen:

„Hansi“, ruft der Führer, wenn er des Nachts im Lehnstuhl sitzt und vor sich hingrübelt. Wer sonst ist bereit, ihm so geduldig das Ohr zu leihen? Im Schein der Glühbirne lässt der Feldherr noch einmal seine größten Triumphe Revue passieren, erläutert die Frontlinien vergangener Jahre, schwelgt in Erinnerungen. Manchmal weint er auch hemmungslos.

Das Hunderl hat Mitleid mit dem kranken, alten Mann, dessen Welt gerade zusammenbricht.

Auch wenn gleich darauf der jüdische Foxterrier in Hansi wieder erwacht und Hansi sich für diese Gedanken gerne selbst an die Gurgel gehen würde: Jonathan Crown fand ja offensichtlich, dass das eine adäquate Art ist, sich der Geschichte zu nähern. Ich kenne Kinderbücher, die das angemessener hinkriegen. Schön und gut, wenn man sich diesem Abschnitt der Geschichte mit einer gewissen Leichtigkeit nähern möchte – aber Hitler als armer, gebrochener, bemitleidenswerter Mann? Da bin ich raus.

Bei aller Hundeliebe: Das ist Mist.

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Arthur Schnitzler – Später Ruhm

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Ob Arthur Schnitzler wohl gerade mit Thomas Bernhard im Literaturhimmel Bäume fällt?

Die Antwort auf diese Frage erfahren wir wohl in diesem Leben nicht mehr, bis dahin müssen wir uns mit vermeintlichen Neuentdeckungen aus dem Nachlass des einen wie des anderen begnügen. Was ja gar nicht so schlecht ist.

Denn auch wenn Arthur Schnitzlers Novelle „Später Ruhm“ nicht die große Neuentdeckung, kein verschollenes Meisterwerk ist, wie es die Vermarktung so will, so ist es doch allemal eine Entdeckung und ein kleines Meisterwerk, wie ich finde:

Die Geschichte um den betagten, biederen Stammtischler Eduard Saxberger, dessen poetische Vergangenheit von einer Gruppe junger Dichter plötzlich entdeckt und gefeiert wird, zeichnet ein ironisches Bild nicht nur von Künstlern und Künstlerkreisen, sondern vom Menschen an sich, dessen Geltungsdrang und Dünkel. Freilich handelt es sich um ein frühes Werk des Dichters, ist wohl nicht sein wichtigstes und gelungenstes, aber gerade das macht umso mehr deutlich, wie groß das Talent Schnitzlers war: Auch dieses frühe, von ihm selbst verworfene Werk ist sprachlich, erzähltechnisch und psychologisch sehr viel nuancenreicher, präziser und gelungener als die meisten Neuerscheinungen, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Fantastisch ist insbesondere auch hier Schnitzlers feines psychologisches Gespür, mit dem er beispielsweise die Mechanismen der Verdrängung, die Saxbergers Denken und Handeln dominieren, sowie das Aufbrechen der verdrängten Zweifel im Rahmen der Dichterlesung nachzeichnet.

Ich habe dieses Buch mit großem Vergnügen und unglaublich gerne gelesen und würde mir wünschen, dass das auch viele andere tun.

Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah

Americanah

„Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie wurde schon so oft besprochen, dass ich da ruhig auch noch einen Dreizeiler dazu dichten kann.

Adichie erzählt in diesem Roman von Ifemelu, die ihre Heimat Nigeria und ihre große Liebe Obinze verlässt, um in Amerika zu studieren. Etliche Jahre und Frisuren später hat sie in Amerika Fuß gefasst, lebt gut von ihrem Blog über Rassismus und beschließt, nach Nigeria und zu Obinze – der in der Zwischenzeit in England war – zurückzukehren.

Interessant und überaus lesenswert ist das Buch vor allem wegen der politisch-gesellschaftlichen Beobachtungen über Rassismus, die Ifemelu mit ihren Mitfiguren diskutiert und auf ihrem Blog veröffentlich. In dieser Hinsicht ist das Buch wirklich eine Offenbarung: Man sieht danach viele Dinge grundsätzlich anders, denkt über vieles nach, von dem man zuvor nur vage wusste. Adichie legt in ihrem Roman Vorurteile, stereotypes Denken und Handeln offen und lässt den Leser den schmerzhaften inneren Prozess der Migration miterleben und bereichert dadurch dessen Horizont ungemein. Auch dass Nigeria auf eine andere Weise dargestellt wird, als wir es vielleicht aus den Nachrichten gewohnt sind (auch wenn Probleme wie Korruption oder Militärmachthaber durchaus eine Rolle spielen), habe ich als Bereicherung empfunden.

Leider nutzt Adichie aber auch oft stereotype Figuren, um stereotypes Denken vorzuführen. Sowohl Ifemelu als auch Obinze sind sehr interessante, facettenreiche Figuren – über viele Nebenfiguren kann man das leider nicht sagen. Zudem ist die Liebesgeschichte, um die herum die Autorin ihren Roman konstruiert, für meinen Geschmack viel zu dick aufgetragen, insbesondere das Ende empfand ich als unerträglich kitschig. Die Geschichte hat mich leider schlicht und ergreifend nicht interessiert. Vielleicht aus diesem Grund hat der Roman meiner Ansicht nach etliche Längen, man hätte vermutlich ohne großen Verlust mehrere hundert Seiten einsparen können – vielleicht wäre sogar das, was den Roman inhaltlich interessant macht, in kürzeren Erzählungen pointierter und lesbarer verpackt gewesen. Ärgerlich sind darüber hinaus mehrere Fehler in der Übersetzung (doppelte Wörter, fehlerhafte Satzkonstruktionen…), für die aber zugegebenermaßen die Autorin nichts kann.

„Americanah“ ist unbedingt ein lesenswerter Roman, weil er dem Leser in vielerlei Hinsicht die Augen öffnet. Jemandem, der sich für Migration und/oder Rassismus interessiert, für Literatur, in der man tatsächlich etwas über die Welt lernt, muss man das Buch unbedingt empfehlen. Große Literatur oder ein vollauf gelungener Roman ist das aber leider nicht.