Archiv für den Monat Dezember 2015

Thomas Brussig – Das gibts in keinem Russenfilm

Brussig Russenfilm

Thomas Brussig, ein Autor, der offensichtlich nichts dagegen hat, wenn sein Verlag im Klappentext die Information für wichtig hält, dass er „der einzig lebende deutsche Schriftsteller [ist], der sowohl mit seinem literarischen Werk als auch mit einem Kinofilm und einem Bühnenwerk [gemeint ist das Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“] ein Millionenpublikum erreichte“, als ob Massen zu erreichen ein Kriterium für irgendwas wäre, gibt sich in seinem neuen Roman „Das gibt’s in keinem Russenfilm“ ganz selbstironisch-selbstverliebt. Dass ich dieses Buch tatsächlich ganz gelesen habe, und vor allem dass diese Buch tatsächlich zum Glück irgendwann auch ein Ende hatte, kann ich noch nicht ganz fassen.

Thomas Brussig lässt hier den Schriftsteller Thomas – ein Schelm, der dahinter nicht ein Alter-Ego des Autors vermutet – in einer DDR leben und schreiben, die bis heute fortexistiert und wirtschaftlich dank Windenergie und Elektroautos auf dem Vormarsch ist. Die Wiedervereinigung hat demnach nie stattgefunden. Das hätte ja spannend sein können.

Bemerkenswert ist allerdings an diesem Buch nur, wie langweilig und belanglos jemand über ein Unrechtssystem und sein ständiges Fortexistieren daherplaudern kann. Bei Brussig lesen sich sogar Stasi-Verhörszenen, die es im Roman durchaus gibt, irgendwie so nebensächlich-locker, dass auch der letzte DDR-Nostalgiker das schön finden kann. Dabei versucht er sich sogar an der Kritik der Systeme, allerdings gelingt das nur so dümmlich, das er das vielleicht besser gelassen hätte, schließlich kommt Thomas, die Hauptfigur des Romans, von seiner ersten Reise aus der demokratischen BRD in die DDR zurück, um dabei auf diesem Niveau zu sinnieren:

Ich kam aus dem Land zurück, das – auch von mir – mit „Freiheit“ assoziiert wurde. Aber ich fühlte mich nicht berauscht. Daß ein Leben in Freiheit von jedem einzelnen immer wieder aufs Neue zu erbeuten und zu verteidigen ist, war schon immer mein Verdacht. Daß eine freie Gesellschaft nicht automatisch freie Menschen hervorbringt, begriff ich in den nächsten Wochen. […] Du brauchst nicht die Pressefreiheit, die Versammlungs- oder Meinungsfreiheit, um das Erlebnis der Freiheit zu haben. Der Weg in die Freiheit führt nach innen, und was ansonsten und insbesondere im US-Verständnis unter Freiheit läuft, ist eigentlich nur die Freiheit, Geld zu verdienen, andere über den Tisch zu ziehen, rücksichtslos zu sein. (S. 252)

Da kann eben noch der letzte DDR-Fan, der sich gar nicht vorstellen kann, dass das da so totalitär und das mit der Stasi wirklich so schlimm war, schließlich hatte die DDR ja auch ihre guten Seiten, mit dem Köpfchen nicken und sich über den bösen Kapitalismus ärgern.
Kapitalismuskritik ist wichtig, aber das hier ist dumm, weil es Dinge gleichsetzt, die eben grundverschieden sind und damit den Totalitarismus der DDR verharmlost und die Wichtigkeit von Grundrechten als Nebensächlichkeit ausgibt.

Da hilft es auch nichts, dass das Auftreten diverser Personen des öffentlichen Lebens – Gysi, Heiner Müller, Wagenknecht etc. – in einem historisch anderen Kontext ganz nett ist und dass Brussig im Mund einiger dieser Figuren genau das formuliert, was man ihm vorwerfen muss, nämlich dass seine Bücher belangloses Geplaudere sind. Das wirkt nicht selbstironisch, schon gar nicht selbstkritisch, denn am Ende gibt sich Brussig dann doch immer selbst Recht, indem er permanent im Roman seinen eigenen riesigen Erfolg beim Publikum und die schrulligen Marotten anderer Künstler und Schriftsteller inszeniert.

Der zweite bemerkenswerte Punkte ist, dass Brussig tatsächlich 380 mit Wörtern gefüllt hat, ohne irgendetwas von Belang zu sagen oder irgendetwas Interessantes passieren zu lassen. Selbst das Auftauchen von Kindern, von denen der Autor bislang nichts wusste, liest sich so, dass man dabei denken muss: „Ach so, hm, na ja, egal“.

Es ist ein schrecklich überflüssiges Buch, an dem nichts Gewicht hat und von dem nichts bleibt.

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Jenny Erpenbeck – Gehen, ging, gegangen

Erpenbeck

Dieses Jahr hat sich die Realität ja entschieden, sich an einigen erscheinenden Büchern von Autoren, die auf „k“ enden, zu orientieren, seien diese nun von Houellebecq oder von Erpenbeck. Wenn das im nächsten Jahr so weitergeht, wäre ich den Verlagen dankbar, wenn sie nur Bücher mit angenehmer Realität drucken würden.

In „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck engagiert sich ein alle Klischees erfüllender emeritierter Professor in Berlin für eine Gruppe männlicher afrikanischer Flüchtlinge. Aus welchem Grund er dies tut, ist ihm wohl selbst nicht ganz klar, zunächst wohl aus akademischem Interesse, dann zunehmend aus einer diffusen Gefühlslage heraus.

Leider kommt das Buch über eine Ansammlung von Anekdoten ehrenamtlicher Arbeit mit Flüchtlingen nicht wesentlich hinaus. Interessant ist es aber wohl für unterschiedliche Leser trotzdem, vielleicht gerade wegen dem vergleichsweise losen Zusammenhang, den diese Anekdoten haben: Wer Bücher liest, weil er meint, darin etwas zu lernen, wird hier meinen, etwas über Flüchtlinge zu lernen. Wer Bücher liest, weil er in ihnen (kritische?) Auseinandersetzung mit der Realität sucht, wird hier eine (kritische?) Auseinandersetzung mit dem Akademikermilieu oder mit der Bürokratie oder mit dem Thema „Flüchtlinge“ oder mit Vorurteilen über irgendwas oder weiß der Kuckuck mit was zu finden meinen. Ob diese Offenheit beabsichtigt ist oder nicht, weiß wohl nur Erpenbeck selbst.

So oder so: Die Perspektive ist vorgegeben, letztlich sieht man die Geflüchteten eben immer durch die Augen eines weißen Mannes aus dem Westen, der sich in seinem Verhältnis zu diesen Menschen vorwiegend für sich selbst und das eigene Fühlen interessiert. Eine meiner liebsten Stellen war die, in der die Asylsuchenden in eine andere Unterkunft verlegt werden sollen und Richard, der Protagonist des Romans, sich darüber aufregt, weil man in den Behörden wohl nicht wisse, was es für ihn als Wissenschaftler bedeutet, wenn seine Studien so gestört werden. Wie das Ganze für die Geflüchteten ist, interessiert ihn hier noch nicht. Dies wird sich freilich ein Stück weit wandeln: Richard entwickelt sich, er denkt über ein paar Dinge nach, wirklich weit kommt er dabei aber nicht, denn von der eigenen Nabelschau entfernt er sich bis zum Schluss nicht, entsprechend endet das Buch auch damit.

Dies soll natürlich keine Kritik daran sein, dass der Roman nicht die Wirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität umfassend darstellt und das dieser oder jener Aspekt, dieser oder jener Blickwinkel fehlt. Es ist ein Roman, kein Sachbuch, und die Perspektive ist eben die eines Privilegierten.

Literarisch frage ich mich nach knapp 350 Seiten aber schon, was die Autorin mir da eigentlich erzählen wollte, so ganz hat sich mir das nämlich leider nicht erschlossen. Es geht um einen mäßig interessanten Protagonisten, der eine geringe und mäßig spektakuläre Entwicklung durchläuft (ich könnte nicht einmal sagen, wohin) und allerlei Anekdoten mit Geflüchteten erlebt. Die Figur Richards blieb für mich zu dünn, um wirklich als Rückgrat des Romans herhalten zu können. Letztlich bleibt von diesem Buch für mich nichts, ich lese es fertig, klappe es zu und habe es vergessen. Die einzelnen Geschichtchen sind aus weißer Perspektive treffen beobachtet, auch der ein oder andere Ehrenamtliche dürfte sich hier manchmal wiedererkennen. Aber darüber hinaus finde ich in diesem Buch nichts, das für mich bleibt, ich hätte es eigentlich auch nicht lesen können.

Und das ist doch ein bisschen schade.

Dass Erpenbeck schreiben kann, brauche ich ja aber nicht zu erwähnen. Lesen kann man das schon, man muss aber nicht.