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Min Jin Lee – Ein einfaches Leben

Manchmal ist es ja ein bisschen schade, wenn im Zusammenhang der Übersetzung auch Buchtitel und -cover verändert werden. Nicht, dass „Ein einfaches Leben“ nicht als Titel zu diesem Roman passen würde, der die Geschichte einer Familie über vier Generationen hinweg erzählt, die von Korea nach Japan auswandert. Insbesondere die ersten Generationen, von denen erzählt wird, leben tatsächlich ein „einfaches“ Leben – und so kann dieser Roman auch über die Schilderung des Alltags dieser Familie die koreanische und japanische Geschichte zwischen 1910 bis 1989 miterzählen, mit all ihren einschneidenden Phasen und Ereignissen: Der Kolonialisierung Koreas durch Japan, der Weltkriege, der Atombombe von Nagasaki.

Es ist nur so, dass der Titel des englischsprachigen Originals „Pachinko“ besser passt, da er die Kernfrage des Romans trifft: Pachinko ist ein Geldspielautomat, der sich in Japan großer Beliebtheit erfreut, und mit Pachinko-Hallen verdienen die späteren Generationen der Familie, von der hier erzählt wird, ihr Geld. Aber im Kern erzählt dieser Roman eben nicht nur von einer Familie und ihrer Geschichte. Er stellt vor allem auch die Frage danach, was das Leben ist, wie das Leben gelebt werden kann oder muss: Als ein unentrinnbares Schicksal oder als ein Spiel? Als etwas, das einen bestimmt, das man mitbestimmen kann oder das man selbst gar lenken kann?

Min Jin Lee hat hier nicht nur ein Buch geschrieben, in dem man sehr viel Neues erfährt und lernt, ohne irgendwo belehrt zu werden, ein Buch, das von den großen Dingen im Kleinen erzählt; sie hat vor allem einfach einen wahnsinnig gut erzählten Roman geschrieben, sprachlich schlicht und elegant, mit großer Sogwirkung. Sogar wenn man – wie ich – nicht so sehr zum identifikatorischen Sog-Lesen neigt, hier passiert das von ganz allein, ohne aufdringlich zu sein. Die über 500 Seiten lesen sich ganz leicht, man hängt an den Figuren und verabschiedet sie am Ende nur ungern.

Und ehrlich, wirklich alle Cover der englischsprachigen Ausgabe sind schöner und interessanter als das der deutschsprachigen Übersetzung. Die deutschsprachige Ausgabe wirkt nahezu abschreckend langweilig. Aber lasst euch nicht täuschen. Das hier ist einer der schönsten Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, und wenn ihr Donna Tartt und Charles Dickens – auf den die Autorin mehrfach Hinweise eingebaut hat – mögt, werdet ihr diesen Roman auch mögen. Weiterlesen

Tobias Wolff – Der Kasernendieb

Vor ein paar Monaten habe ich mich mit einem Bekannten unterhalten, der eine Laufbahn als Offizier bei der Bundeswehr hinter sich hat. Er hat diesen – ja, und da fängt es schon an, kann man so eine Tätigkeit, hinter der so eine schwerwiegende Entscheidung steht, man haftet dafür ja mit dem Leben, eigentlich „Beruf“ nennen? – Beruf schon länger aufgegeben, aus unterschiedlichen Gründen, und in unserem Gespräch sagte er zu mir sinngemäß: Die meisten vergessen, dass wir ganz viele Leute aus einfachen oder armen Verhältnissen und Bildungsaufsteiger bei der Bundeswehr haben, weil die sich so das Studium leisten können, das können die sonst nicht so einfach. Ich kenne dazu keine empirischen Daten, habe auch nur wenig über die Zusammensetzung der Rekruten gefunden und habe in meinem Umfeld auch nur eine recht überschaubare Zahl an Menschen, die bei der Bundeswehr verpflichtet waren, aber auf die trifft das mehrheitlich zu. Das sind oft Leute, denen die Bundeswehr sozialen und ökonomischen Aufstieg ermöglicht hat, ein paar haben so ihr Studium finanzieren können, mehrere haben dort Führerscheine gemacht, die sonst sehr teuer gewesen wären und die sie jetzt – als Fahrlehrer, als Kraftfahrzeugfahrer – beruflich nutzen. Vielleicht ist da also was dran, spannend ist aber doch in jedem Fall die Frage, für wen die Bundeswehr als Arbeitgeber interessant ist und aus welchen (ökonomischen wie ideellen) Gründen.

Wolff KasernendiebUnd diese Frage spielt auch eine zentrale Rolle in Tobias Wolffs Novelle „Der Kasernendieb“, (hier übersetzt von Frank Heibert). 1984 erschienen, wurde sie meines Wissens (ich bin aber keine Anglistin) vor allem als Novelle über die Angst, die der Vietnamkrieg unter Rekruten verbreitet hat, gelesen. Die Handlung ist im Jahr 1967 verortet, in Fort Bragg absolvieren Philip, Hubbard und Lewis eine Ausbildung zu Fallschirmjägern und warten mit dem Rest ihrer Kompanie auf den Einsatzbefehl für Vietnam. Die drei werden eher notgedrungen Freunde, bis ein Dieb in der Kaserne umgeht, der andere Soldaten bestiehlt, was zu Misstrauen und Zwist führt. In der mir bekannten Deutung steht hinter den Entfremdungserfahrungen, die die drei Rekruten erleben, vor allem die Angst vor dem Krieg, die sie erst Freunde werden lässt, die dann aber zum Scheitern dieser Freundschaft führt, da menschliche Nähe unter unmenschlichen Bedingungen unmöglich ist. Weiterlesen

Bachtyar Ali – Der letzte Granatapfel

Wenn ich mich recht entsinne, steht iBachtyar Granatapfelm Koran, dass die Rechtgläubigen nach ihrem Tod in einem Garten sein werden, in dem Bäche fließen und unter anderem Granatapfelbäume stehen – einen Abglanz dieser allerletzten, paradiesischen Granatapfelbäume finden die Figuren in dem „letzten Granatapfelbaum“, wie sie ihn nennen, einem Granatapfelbaum, der fern von der Zivilisation auf einem Berg – in der religiösen Symbolik oft ein göttlicher Ort – in paradiesischer Schönheit und Abgeschiedenheit steht. Dieser Ort und dieser Baum sind Vorgeschmack auf das Paradies, auf eine bessere Welt und dadurch auch Ort und Baum der Erkenntnis: Hier, unter diesem Baum, kommen die Figuren des Romans auf Ideen für ein besseres Zusammenleben und für ihren weiteren Lebensweg. Hier werden Versprechen unter Freunden niedergelegt, hier finden Kranke Frieden. Darüber hinaus steht der Granatapfel in vielen Kulturen für Furchtbarkeit und Leben, weil er so viele Kerne hat. Und auch das passt zum Roman „Der letzte Granatapfel“, denn hier verbinden drei gläserne Granatäpfel die Leben dreier Jungen miteinander, die irgendwie doch nur einer sind, da am Ende die Erkenntnis steht, dass alle Menschen miteinander verbunden sind: Die vielen Kerne des Granatapfels stehen für die vielen Menschen, die zusammen aber ein Granatapfel sind. Oder so ähnlich.

Der letzte Granatapfel“ von Bachtyar Ali ist eigentlich schon 2002 erschienen, allerdings auf Sorani. Bachtyar Ali ist Kurde und lebt zwar seit geraumer Zeit als Schriftsteller in Deutschland, ist hierzulande aber bisher praktisch unbekannt gewesen, da er eben nicht auf Deutsch, sondern in einer der kurdischen Sprachen, die im Irak gesprochen werden, eben auf Sorani, schreibt. Auch hier – wie in Varatharajahs „Vor der Zunahme der Zeichen“ – sind Sprache und Tod verbunden: Nicht nur, dass Sorani zu sprechen vermutlich in einigen Regionen der Welt lebensgefährlich sein kann, gerade deswegen ist die Sprache eben auch in gewissem Maße vom Tod bedroht. Dagegen schreibt Bachtyar Ali an, und glücklicherweise ist nun einer der Romane auch auf Deutsch erschienen, die unter denen, die Sorani beherrschen, wohl schon länger bekannt sind. Dass es so lange gedauert hat und so schwierig war, einen Roman von Ali zu übersetzen, liegt wohl daran, dass es praktisch keine Übersetzer für Sorani gibt. Umso schöner, dass es nun geklappt hat, denn „Der letzte Granatapfel“ ist ein großartiges, zutiefst humanes, unbedingt wichtiges Buch und ganz große Weltliteratur, man entschuldige bitte meinen Ausflug in das Bildungsbürgervokabular, andere Floskeln fallen mir nicht ein, um zu umschreiben, was ich meine.

Ali bedient sich der Erzählstrategien mündlichen Erzählens und zahlreicher Bilder und Motive aus der orientalischen Kultur, wie ich vermute, denn grundsätzlich hatte ich das Gefühl, immer wieder Bilder und Anspielungen nicht ganz zu verstehen, und der Roman ist in seiner ganzen Sprache und Art zu erzählen sehr weit weg von lakonisch erzählten Mittelstandsproblemen der deutschen Literatur. Man braucht deswegen schon recht lange, um sich an Sprache und Erzählstil zu gewöhnen, aber das lohnt sich.

Der Erzähler ist ein älterer Herr, Muzafari, der auf einem Flüchtlingsboot auf dem Weg nach England irgendwo orientierungslos im Meer treibt und seinen Mitreisenden davon erzählt, wie er nach 21 Jahren Gefangenschaft, während der er von dem Anführer der kurdischen Revolution, Jakobi Snauber, für tot und zum Märtyrer des Revolution erklärt wurde, freigelassen worden ist und sich auf den Weg gemacht hat, um seinen Sohn Saryasi zu finden. Er hat Saryasi mehr oder weniger gefunden – letztlich findet er gleich drei Jungen diesen Namens. Welcher sein leiblicher Sohn ist, ist nicht nur ungewiss, sondern auch zunehmend unwichtig.

Das Umhertreiben auf dem Wasser spielt dabei immer wieder eine wichtige Rolle: Nicht nur Muzafari selbst treibt orientierungslos auf dem Meer herum, auch davor wird das Leben immer wieder mit einer Flut vergleichen, die den Menschen erfasst und mit sich reißt.

„Ist nicht jede Geschichte ein kleiner Bach, der in einen See fließt und am Ende als Fluss mit Tausenden anderer Geschichten in den Ozean mündet?“ (S. 277)

Geheimnis und Wahrheit

So verhält es sich vor allem mit einem Freund der Saryasis, Mohamadi Glasherz, den die Flut oder eben das Leben quasi ins Verderben stürzt. Mohamadi heißt deswegen „Glasherz“, weil er ein zerbrechliches, reines Herz hat, das wie Glas ist. Sein Wunsch ist es, in einer Welt voller Geheimnisse, Heimlichkeiten, Intrigen und Lügen alle Geheimnisse auf der Welt aufzudecken, alles durchsichtig wie Glas zu machen, denn wie später eine andere Figur sagen wird:

„Wo es viele Geheimnisse gibt, gibt es auch viel Hass.“ (S. 187)

Allerdings haben die Machthabenden eine ganz andere Sichtweise auf „Geheimnisse“: Jakobi Snauber weist in einer ausführlichen Diskussion mit Muzafari darauf hin, dass es gerade Geheimnisse seien, die den Frieden erhalten können. Natürlich entgegen aller Erfahrung, denn in dem Land voller Geheimnisse herrschen Krieg und Elend. Aber auch Mohamadi ist mit seinem Weg wenig erfolgreich: Er stirbt an gebrochenem Herzen – ein Herz aus Glas hält der Welt nicht Stand. Beide Perspektiven sind falsch und damit eins. Das ist eigentlich die grundlegende Erkenntnis des Romans: Alles ist eins, alle Perspektiven sind nur zwei Seiten derselben Medaille, letztlich führt jeder Weg zum identischen Ergebnis, weil alle Dinge zusammenhängen.

Krieg und Menschlichkeit

Mohamadi Glasherz wird von der Flut zu den zwei weißen Schwestern gespült, in eine davon verliebt er sich – leider wird die Liebe aber nicht erwidert. Er stirbt während des Krieges nicht am Krieg, sondern an der Liebe, und dieser Tod ist ihm lieber als der Tod durch den Krieg. Aber: Auch die Reinheit, die Unschuld rettet die Menschen hier nicht vor dem Tod – und leider rettet ihre Unschuld vor allem nicht einmal die Kinder. Der Name „Saryasi“ steht im Laufe des Romans symbolisch für alle Kinder des Krieges, die ohne Familie allein durchkommen müssen oder die in anderer Weise Opfer des Krieges wurden – alle diese Kinder sind identisch, sie teilen ein Schicksal. Nicht zuletzt ist „Der letzte Granatapfel“ ein Roman gegen den Krieg, der unabhängig von seinem Anlass nur Leid schafft, und dazu führt, dass Menschen, die Brüder sein sollten, einander töten.

„Ja, wir sind Brüder. Alle in Elend lebenden Menschen dieser Welt sind Brüder.“ (S. 210)

Klingt kommunistisch, ist aber nicht kommunistisch. Es geht nicht um den Klassenkampf der Unterdrückten. Es geht vielmehr um die Frage, wie Menschen besser miteinander leben können oder wie sie eigentlich miteinander leben sollten. Und die Antwort des Romans ist: In Verständnis, in umfassender Geschwisterlichkeit. Für dieses paradiesische Ideal steht der Berg mit dem letzten Granatapfelbaum:

„Die Erde versank im Blut, aber für sie öffnete sich eine Zaubertür. Eine Tür in eine imaginäre Welt, in der Mensch und Erde bis zum Tode befreundet und vereint bleiben.“ (S. 126)

Teil an der inneren Unschuld der Kinder hätten gern die Machthaber, die eben diese Reinheit auf ihrem Weg zur Macht verloren haben, so will Jakobi Snauber, nachdem er alle Macht und alle weltlichen Genüsse bereits erlangt hat, „auch über Reinheit, Schönheit und Weisheit gebieten“ (S. 57). Und obwohl das aller Logik widerspricht, da Jakobi völlig gegensätzliche, unmenschliche Prinzipien vertritt und entgegen jeder Menschlichkeit gehandelt hat, erkennt Muzafari schließlich, dass auch Jakobi Teil der einen Menschheit, der einen Bruderschaft der Menschen ist:

„Als ich ihn umarmte, war es, als würde ich in Wirklichkeit mich selbst umarmen. Ich hielt für einen Augenblick inne. Ich schloss die Augen, und wie ein Blitz durchzuckte mich ein gefährlicher Gedanke: Jenes Leben in Abgeschiedenheit, das er sich wünscht, war nichts anderes als ein neuer, zusätzlicher Schwur, den wir hätten besiegeln müssen. Ein Traum wie die anderen großen Träume unter dem Granatapfelbaum. Er und ich, wir waren eine Person, die geteilt worden war. So wie die Saryasis eine Person waren und geteilt worden waren. War das möglich? Er mit so viel Furcht einflößender Macht, und ich, ein gebrochener Mann! Wie konnten zwei solche Hälften vereint werden? Gemeinsam waren wir ein zerbrochenes Wesen, ein zerbrochener Vater“ (S. 325)

Der Gedanke ist „gefährlich“, wie es hier heißt, weil er alle Gewohnheiten umstößt: Er setzt die Utopie gegenseitigen Verständnisses und umfassender Menschlichkeit radikal um, indem hier einer, dem Unrecht widerfuhr, in dem, der ihm das Unrecht zufügte, sich selbst erkennt.

Und das mag abgedroschen klingen, wenn ich das hier so darstelle. Aber das ist ein großer Roman mit einer großen Idee, der unglaubliches Leid beschreibt und nach einer Lösung dafür sucht – wenn er diese Lösung auch von Anfang an als paradiesische Lösung kennzeichnet, womit die Umsetzbarkeit dieser Lösung von Anfang an wenig realistisch ist. „Der letzte Granatapfel“ belehrt nicht, er gibt keine einfache Lösung vor, sondern er sucht nach Wegen und ist dabei offen und widersprüchlich und ein bisschen verwirrend. Wie schön, dass man diesen Roman jetzt auch lesen kann, wenn man kein Sorani beherrscht, denn dieser Roman enthält Gedanken und Fragen, die eben nicht überholt oder abgedroschen sind, und die es wert sind, dass sie in genau der Ernsthaftigkeit diskutiert werden, wie es in diesem Buch der Fall ist. Ganz ohne Ironie und Lakonie, die solche Gedanken gleich zu Hirnfürzen naiver Alt-Hippies machen, wie es vielleicht in der deutschen Literatur der einen Autorin oder des anderen Autors der Fall wäre. „Der letzte Granatapfel“ ist ein sehr schöner Roman, aber kein leicht zu lesender.

(Am Rande gibt es übrigens noch zahlreiche andere Romanelemente, die interessant dargestellt sind, so zum Beispiel hier das Verhalten einer ausländischen Hilfsorganisation, die sich nicht nur den Kindern gegenüber auch recht unmenschlich verhält, indem sie sie zum Forschungsobjekt verdinglicht, sondern die auch dazu beiträgt, dass das Leid, das den Kindern angetan wurde, von der Bevölkerung ausgeblendet werden kann, weil die Kinder hinter Krankenhausmauern versteckt und damit unsichtbar sind. Auch die ländlichen Moralvorstellungen kommen nicht ganz ungeschoren weg: Eines der Kinder ist in dieser Klinik, weil es angezündet wurde, als es neben einem Mädchen auf einem Feld einschlief, wobei das Mädchen völlig verbrannte.)