Archiv für den Monat April 2015

Ian McEwan – Kindeswohl

McEwan Kindeswohl

Manchmal wird man ja von Leuten eingeladen, die kennt man gar nicht weiter. Zum Beispiel von Arbeitskollegen, die man kaum kennt, irgendwie aber ganz nett findet. Und da steht man dann vor diesem Problem: Man weiß praktisch nichts über sie, muss sich jetzt aber beispielsweise ein Geburtstagsgeschenk überlegen. Was soll man also mitbringen? Ein Fläschchen Wein? Zu abgedroschen. Eine Blumenvase? Schwierig, am Ende gefällt sie nicht. Genau für diese Fälle hat Ian McEwan jetzt die Lösung: Man bringt einfach seinen Roman „Kindeswohl“ mit.

In diesem geht es um eine Richterin am Familiengericht. Neben alltäglichem Scheidungskrimskrams hat sie auch mit Kindern zu tun, deren Eltern oder die selbst aus religiösen Gründen nicht eben vernünftige Entscheidungen treffen wollen. Diese Fälle setzen ihr sehr zu, da sie sich über den Willen von Eltern (und Kindern) hinwegsetzen muss, wenn sie das für geboten erachtet, und danach mit den von ihr verursachten Folgen und eventuellen weltanschaulichen Anfeindungen leben muss. Und so steht die ohnehin bereits etwas angeschlagene Richterin Fiona Maye in „Kindeswohl“ vor der Aufgabe, gleichzeitig eine schwere Ehekrise sowie die eigene Kinderlosigkeit zu verkraften und über einen fast volljährigen Zeugen Jehovas zu urteilen, der aus religiösen Überzeugungen eine Bluttransfusion ablehnt. Sie versucht, sich den Folgen, die ihre Entscheidung nach sich zieht, zu entziehen, verliert dabei aber zwischenzeitlich die Kontrolle.

All das ist schön erzählt, gut geschrieben, gut recherchiert und könnte so viele schwierige Fragen aufwerfen. Ich habe das Buch auch gerne gelesen. Danach habe ich aber eigentlich alles gleich wieder vergessen, was passiert ist. McEwan erzählt für meinen Geschmack sehr steril: Man sieht seinen Figuren zu, hat aber eigentlich nichts mit ihnen zu tun. Das Schicksal der Figuren hat mich nicht weiter beschäftigt, weder intellektuell noch emotional. Ich wurde gut unterhalten, insgesamt war die Handlung aber selten überraschend. Und irgendwie war am Ende auch alles dann doch nicht ganz so schlimm.

Ian McEwan hat hier alles richtig gemacht, leider ist „Kindeswohl“ für mich aber trotzdem ein verzichtbares Buch. Eines, das man ohne Probleme den Arbeitskollegen, die man eigentlich gar nicht kennt, schenken könnte. Es ist niveauvoll und gut genug, um nicht brüskierend zu wirken, gleichzeitig aber auch irgendwie gleichgültig genug, um niemandem weh zu tun. Schade eigentlich, aber auch nicht wirklich schlimm. Es ist eben irgendwie egal.

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Amos Oz – Judas

Oz Judas

„Judas“ von Amos Oz wird ja derzeit überall besprochen, gelobt und empfohlen, und das natürlich vollkommen zu Recht. Hier geht es um den am Anfang des Romans von den eigenen Denkweisen überzeugten Schmuel Asch, der – nachdem er von seiner Freundin verlassen wurde und sein Studium aufgrund von Finanzierungsproblemen an den Nagel gehängt hat – eine Stelle bei dem gebildeten, behinderten Gerschom Wald sowie dessen eigenbrötlerischer, kluger und schöner Mitbewohnerin Atalja Abrabanel antritt. Schmuel soll den älteren Herren nicht körperlich, sondern geistig pflegen, er wird dafür bezahlt, mit ihm zu sprechen. Demgemäß ist der Roman nicht eben reich an äußerer Handlung, dafür umso mehr an innerer, insbesondere gedanklicher. Diskutiert werden die Fragen, wie nahe Liebe und Verrat beieinander liegen, ob Frieden und Nächstenliebe möglich sind und letztlich auch die, ob die historische Entwicklung der letzten 2000 Jahre wohl die Opfer, die sie gefordert hat, wert war.

Oz spielt unterschiedliche Arten des Verrats durch: Judas Verrat an Jesus Christus, der nach Oz Deutung aus echtem christlichen Glauben erwuchs, der als Verrat wahrgenommene Einspruch Schealtiel Abrabanels während der Staatengründung Israels, Schmuels Verrat an Gerschom Wald. Stets kommt Oz dabei zu dem Schluss, dass Verrat immer aus Liebe erwächst. Dabei spaziert Oz nicht nur mit seinem Leser mehrfach sehr stimmungsvoll durch das Jerusalem der 1960er, sondern verknüpft auch auf hohem Niveau die Geschichte Jesu mit der Staatengründung Israels – ein geschichts- wie kulturübergreifendes Unterfangen also. Dabei zeichnet er ganz wunderbar plastische Figuren, man gewinnt sie mit der Zeit tatsächlich etwas gern. Das ist auch gut so, denn wenn man sich wie in meinem Fall mit Theologie/Religionswissenschaft und also mit den Fragen des Romans schon mal länger als fünf Minuten beschäftigt hat, sind viele der Einsichten und Vorschläge desselben gar nicht mehr so bahnbrechend. Nachdem das Buch daneben aber eben wenig Handlung bietet, die zum Weiterlesen anregt, war es gut, dass ich immerhin die Figuren so gern mochte, dass ich trotzdem weitergelesen habe.

Hinzu kommt die wirklich schöne, bilderreiche Sprache. So charakterisiert Oz beispielsweise Schmuel zu Anfang des Romans über dessen Art zu Laufen:

Belebte Straßen überquerte er diagonal, schnell, mit Todesverachtung, ohne nach rechts oder links zu schauen, als stürze er sich in ein Handgemenge, den Kopf mit den Locken vorgestreckt, als freue er sich auf einen bevorstehenden Kampf, den Oberkörper nach vorn gebeugt, sodass der Eindruck entstand, seine Beine würden panisch dem Körper und der Körper dem Kopf hinterherlaufen und als hätten die Beine Angst, Schmuel könne um die Straßenecke verschwinden und sie allein zurücklassen. (S. 11)

Diesen etwas unbedachten, von der Dringlichkeit und Richtigkeit der eigenen Vorhaben und Sichtweisen überzeugten Gang wird Schmuel im Laufe des Romans einbüßen – nicht umsonst endet das Buch damit, dass Schmuel stehen bleibt und überlegt.

„Judas“ ist ein kluger Roman voller liebenswerter Figuren. Leider hat er auch seine Längen, wenn man sich auch sonst mit den darin diskutierten Fragen beschäftigt. Wohltuend aber ist, dass hier keine Antworten gegeben, sondern lediglich viele Fragen aufgeworfen werden. Der Leser ist am Ende genauso ratlos wie Schmuel – aber hoffentlich genauso wie dieser auch ein wenig offener. Das Lesen lohnt sich also auf jeden Fall, denn vielleicht lernt man dadurch, seltener den eigenen Überzeugungen hinterherzurennen und öfter einmal stehen zu bleiben und zu überlegen.

Geschwätz: Das (neue) literarische Quartett

Das bibliophile soziale Netzwerk wurde gestern vom Donner gerührt: Das ZDF will das literarische Quartett neu auflegen. Sofort wird über die Besetzung spekuliert, über die inhaltliche Füllung, jeder hat seine Wünsche, jeder seine Vorlieben und natürlich wüsste wiedermal jeder am besten, wie dieses Format zu gestalten sei oder aber wie es auf gar keinen Fall aussehen darf. Ich bin mir da nicht so sicher, zum Glück muss ich ja aber auch nicht festlegen, wer da über was in welcher Art sprechen wird. Mir stellen sich nur ein paar grundsätzliche Fragen:

Für was und wen brauchen wir heute ein literarisches Quartett?
Wie muss dieses gestaltet sein, damit überhaupt jemand zuschaut?

Im Gespräch als ein Viertel des Quartetts ist ja Harald Schmidt. Das führte zu einem Aufschrei im sonst ach-so-demokratischen „Alle Meinungen sind wertvoll, alle Literatur ist gleichwertig“-Internet der Bücherfreunde. Der soll was zu Literatur sagen? Kann der das überhaupt? Versteht der was von Büchern? Kann der überhaupt lesen? Und überhaupt, der macht ja nur Altherrenwitze. Nun kann ich mich persönlich in Bezug auf den Humor Harald Schmidts nicht beklagen, im Gegenteil, ich wüsste nicht, was an halbwegs niveauvollerem Humor seit Schmidt im deutschen Fernsehen noch übriggeblieben bzw. nachgekommen sei. Ich weiß nicht, ob wir hier über Stefan Raab oder über Mario Barth oder sonst einen der TV-Spaßmacher reden müssten. Mit „Altherrenwitz“ bringe ich Schmidt nicht in Verbindung, eher mit „Ironie“. Davon abgesehen hatte ich immer den Eindruck, es handle sich um einen intelligenten, gebildeten Menschen. Warum soll der sich nicht qualifiziert zu Literatur äußern können? Zumal es doch durchaus denkbar sein könnte, dass Schmidt eher die Rolle eines Moderators übernehmen soll. Allemal: Eine Sendung unterhaltsam und schwungvoll moderieren, ein Gespräch leiten, lenken und am Laufen halten könnte er wohl eher als einer der derzeit im Fernsehen tätigen Literaturkritiker/innen, soweit ich das nach meiner Vorstellungskraft beurteilen kann. Und: Wenn nicht Schmidt, wen sollte man dann als Moderator für eine solche Sendung wählen? Im Rückgriff auf die beiden oben genannten grundsätzlichen Fragen: Vermutlich müsste ein literarisches Quartett, damit es heute gesehen wird, unterhaltsam sein. Wie damals auch. Und ja, „unterhaltsam“ war das alte literarische Quartett, es war keine abgehobene Altherrenrunde, auch wenn das manch einer heute so darstellen möchte. Ich kann mir vorstellen, dass Harald Schmidt das – als niveauvolle Unterhaltung – leisten könnte. Und eben da beißt sich ja die entrüstete Internetgemeinde selbst den Schwanz ab: Einerseits wünscht man sich „keine abgehobenen Gespräche“ (die ich, nebenbei, in keinem mir bekannten Fernsehformat, das sich mit Literatur beschäftigt, bisher gehört habe, zumal doch bitte das Sprachniveau der Redner dem Gegenstand angemessen sein sollte) – andererseits ist Harald Schmidt dann wieder nicht qualifiziert. Ja, was wollen die Leute denn nun? Promovierte Literaturwissenschaftler mit einer Zusatzausbildung im Bereich Jux und Dollerei?

Und dann die andere Frage: Für wen oder was braucht man ein literarisches Quartett, also ein Fernsehformat, das sich mit Literatur auseinandersetzt? Für den Austausch über Literatur? Das wohl kaum, denn zumindest mir antworten im Menschen im Fernsehapparat nie, wenn ich ihnen eine Frage stelle. Da bräuchte man dann wohl ein interaktives Sendeformat, und ich bin mir unsicher, ob das ZDF diesen Weg gehen möchte. Also: Wofür? Die einzige Antwort, die mir einfällt, ist die, dass in dieser Sendung eben Bücher besprochen und empfohlen oder verrissen werden – man braucht Literatursendungen also als Werbeplattform, Forum für Kritik und Entscheidungshilfe. Nun wurden ja bereits Rufe laut, die befürchten, dass dort nur über sog. „hohe Literatur“ gesprochen werden könnte, stattdessen möchte man endlich mal eine Sendung, in der die gesamte Spannbreite des Buchmarktes, inklusive eBooks und Hörbücher, abgebildet werde. Das ist eine ehrenwerte, sehr demokratische Forderung. Allein: Braucht der Krimimarkt, das Jugendbuch, der Young-adult-Markt, der historische Roman – braucht der eine breite mediale Werbeplattform? Oder verkaufen sich diese Bücher nicht auch so? Sind Krimifans wirklich daran interessiert, einer Sendung zuzuschauen, in der über die Qualität des Krimis XY gesprochen wird? Oder Jugendliche, die sich Diskussionen über Jugendbücher ansehen? Was nehmen die daraus mit – eine Kaufempfehlung, Floskeln für die literarische Diskussion mit Gleichaltrigen? Wenn in einer Sendung über Literatur eben über Bücher diskutiert werden soll, wenn es eben keine reine Werbesendung in der nacheinander vier Leute irgendein Buch vorstellen, das sie „gern gelesen haben“, sondern wenn diese Sendung auch ein Forum für Kritik sein soll, dann muss die Literatur das doch eben auch hergeben und die Leserschaft des Genres das überhaupt sehen wollen. Und zudem: Ein Nischendasein in Bezug auf die Verkaufszahlen führt ja nicht der historische Roman, sondern eben die sogenannte „hohe Literatur“. Ich würde es begrüßen, wenn ab und an ein Gedichtband besprochen würde – vielleicht würden dann auch ab und an Menschen Gedichtbände kaufen, nicht nur dann, wenn mal einer einen Preis gewinnt. Wenn ich mit der Büchhändlerin meines Vertrauens spreche, erzählt die mir nicht, dass sich der lustige Frauenroman XY so schlecht verkauft, sondern dass nur wenige Kunden anspruchsvolle Literatur gekaufen. Braucht also nicht eben genau diese Gattung eine Sendung, die sie ins Bewusstsein der Menschen rückt und die vielleicht sogar vermitteln kann, warum auch „anstrengende Bücher“ das Leben bereichern? Sicher, mit diesen Büchern beschäftigen sich bereits die laufenden Fernsehformate, die sich derzeit mit Literatur befassen. Aber ist das nicht vielleicht mit gutem Grund so? Gibt es nicht vielleicht einen Grund dafür, dass man die eine Literaturform massiv bewirbt und die andere nicht – sei es der, dass diese Form es vielleicht besonders nötig hat, oder vielleicht der, dass diese Literatur vielleicht eben eine Diskussion überhaupt hergibt, oder vielleicht der, dass die sog. „hohe Literatur“ vielleicht doch eine Qualität besitzt, die ein historischer Roman von Tanja Kinkel nicht hat? Das ist nicht sehr demokratisch, ich weiß, und wie geschrieben, ich halte die eher demokratische Forderung für berechtigt und ehrenwert. Aber mit welchen Grund werden Opern subventioniert und Discos nicht? Unabhängig von jedem Geschmacksurteil: Vielleicht weil sie es wert sind, da zu sein, und weil sie im Gegensatz zur Disco ohne Subventionen nicht mehr da wären. Vielleicht ist es mit der abgehobenen Literatur ja genauso. Vielleicht täusche ich mich aber auch.

Dient ein Fernsehformat dazu, Leute zum Lesen zu bewegen? Also fangen Menschen, die nicht lesen, damit an, weil im Fernsehen Bücher besprochen werden? Das kann ich mir schlecht vorstellen, ich denke, dass diese Leute das Format gar nicht ansehen werden. Das Argument, durch eine breitere Auswahl literarischer Genres könnte man durch eine solche Sendung vielleicht mehr Menschen für das Lesen begeistern, halte ich für nicht ganz realitätsnah. Eine Sendung, die sich von vorn herein nur mit Büchern befasst, wird von Leuten angesehen werden, die so etwas sehen wollen – also von Bibliophilen. Wenn man die anderen erreichen will, muss man Buchempfehlungen in andere Sendeformate einbinden und da natürlich auch eine größere Bandbreite an Literatur vorstellen, so dass für jeden etwas dabei ist. In dieser Form funktionieren ja die Buchempfehlungen von Karla Paul im ARD Buffet: Da kommen dann Leute, die eigentlich nur neben dem Essen den Fernseher laufen haben, dank solcher Tipps vielleicht auf die Idee, mal ein Buch zu kaufen. Das ist aber nicht mit dem Publikum vergleichbar, das eine Neuauflage des literarischen Quartetts hätte.

So oder so: Ich lasse mich überraschen von dem, was da kommt, und hoffe vor allem auf eins: Auf unterhaltsame, anregende Diskussionen über Bücher. Nur eins ist sicher: Marcel Reich-Ranicki wird wohl nicht mehr mitreden. Der hätte diesen Posten, äh, Preis aber ohnehin abgelehnt.

Janne Teller – Komm

Teller Komm

Janne Teller geht mir auf die Nerven, es tut mir sehr leid, das zu schreiben. Sie ist der Bono unter den Autoren, wenn ich ihre Bücher lese, sehe ich sie immer vor mir: Mit erhobenem Zeigefinger, gerunzelter Stirn und einem strengen „Da denk jetzt mal drüber nach“-Blick.

In „Komm“ wird der innere Monolog eines Verlegers dargestellt, der vor der Frage steht, ob er einen Roman veröffentlichen darf, der sich zwar wohl sehr gut verkaufen wird, aber eine vertraulich erzählte Geschichte einer weiteren Autorin seines Verlages thematisiert. Es geht also um die Frage danach, was Kunst darf und letztlich um die Frage, was wichtig ist im Leben, denn selbiger Verleger denkt nicht nur über die Veröffentlichung des Manuskriptes, sondern gleich über sein ganzes Leben nach. Gespiegelt wird dieser Denkprozess in einer Rede, die selbiger Verleger verfassen soll.

Janne Teller wälzt in ihren Büchern – auch in ihren Jugendbüchern – immer die ganz großen Fragen hin und her. Und es gelingt ihr dabei, dass man mitdenkt, dass man selbst anfängt, über ihre ganz großen Fragen nachzudenken. Aber so sehr ihre Bücher auch immer so tun, als würden sie offen enden und eben zwar einen Denkprozess anstoßen, diesen aber nicht lenken, so sehr tun sie eben dies doch. Und dieser pädagogische Impetus geht mir auf die Nerven. Genauso wie die Überfrachtung einer Fragestellung mit allen Sinnfragen der Welt: Natürlich hängen die Fragen nach dem richtigen Handeln und nach einem gelungenen Leben unmittelbar aneinander. Aber wenn man diese Verbindung so wenig subtil deutlich macht, empfinde ich das als ähnliche Gängelung wie die Reaktion „Die Kinder in Afrika wären froh, wenn sie das essen dürften, die hungern nämlich“ auf die Bemerkung, dass jemand keine Blutwurst mag. „Komm“ hinterlässt bei mir den Eindruck, dass die Autorin mich als Leser nicht für eben schlau hält, sondern für jemand, den man richtig ordentlich mit der Nase auf die Dinge stoßen muss, weil‘s dem Leser sonst am Ende nicht auffällt, was wichtig ist im Leben.

Hinzu kommt der Schreibstil: Ich finde ihn unerträglich schlicht und redundant. Ganz so schlimm wie in ihrem Jugendbuch „Nichts“ ist es in „Komm“ nicht, aber dennoch wirken ihre Bücher auf mich immer wie nicht zu Ende geschriebene Buch-Skizzen oder Entwürfe.

„Wer hat die Verantwortung, wenn er sie nicht übernimmt?
Was ist ein Roman im Quadrat?
Was ist das Viereck Autor, Verlag, Vermittler, Leser im Quadrat?

Liegt es immer in der Verantwortung anderer, dass die Welt so aussieht, wie sie aussieht?

Die Welt ist, wie sie ist!

Wie wird die Welt, wie sie ist?

Man ist genötigt, praktisch zu sein!

Sich zu arrangieren.

Ist man das?“

(S. 142)

Sicher, Teller schreibt eben so, weil es ihr darum geht, einen Denkprozess anzuregen und zu leiten. Erstaunlicherweise schafft sie es ja dennoch, irgendwie Grundzüge einer Geschichte zu erzählen und eine gewisse Atmosphäre aufzubauen. Aber ich frage mich trotzdem, ob das Aufwerfen all dieser Fragen nicht auch in einer gut erzählten, schön geschriebenen und vielleicht sogar unterhaltsamen Geschichte möglich wäre – Beispiele für Literatur, die große Fragen in eben dieser Form diskutiert, gibt es schließlich. Dieses ständige Umstellen von Wörtern in ähnlichen Sätzen, dieses regelmäßige Abwechseln von Ausrufezeichen, Punkt und Fragezeichen, das wirkt alles so überpädagogisch und ist nebenbei eben für meinen Geschmack öde zu lesen. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass die Stellen, die mich in diesem Buch am nachhaltigsten gedanklich wie emotional angeregt haben, die Zitate aus Strindbergs „Das rote Zimmer“ und Manns „Doktor Faustus“ sind.

Viele Leute finden Janne Tellers Bücher großartig und daher kann ich jedem nur empfehlen, sich selbst ein Bild von diesem Roman (oder dieser Novelle?) zu machen, zumal „Komm“ inzwischen als Taschenbuch erhältlich und sehr schnell zu lesen ist. Ich habe – bei allen Büchern der Autorin – das Gefühl, dass Janne Teller es sich zu leicht macht: Sowohl in Bezug auf ihr Ziel, als auch in Bezug auf die ästhetische Gestaltung ihrer Bücher. Vor allem aber wünsche ich mir von einem Autor, der ein Buch schreibt, um komplexe, wichtige Fragen aufzuwerfen, dass er auch seinem Leser zutraut, zwischen den Zeilen zu lesen und Fragestellungen hinter Geschichten selbst zu erkennen und anhand des Erzählten zu reflektieren. Sonst ist das irgendwie so: