Archiv für den Monat März 2015

Mechthild Borrmann – Die andere Hälfte der Hoffnung

Borrmann Hälfte der Hoffnung

Vermutlich ist es ein bisschen unfair der Autorin wie diesem Buch gegenüber, wenn ich mich zu „Die andere Hälfte der Hoffnung“ äußere, denn es handelt sich um einen Krimi. Und Krimis lese ich praktisch nie, weil sie mich fast immer langweilen. Das Buch landete trotzdem in meinem Besitz, da ich die Thematik interessant fand, aber gut gegangen ist das Experiment nicht.

Borrmann erzählt die Geschichte einer Überlebenden des Reaktorunfalls von Tschernobyl. Schon allein das wäre vermutlich genug Stoff, um einen guten Roman darüber zu schreiben. Aber darum ging es der Autorin ja leider gar nicht, also hat sie das gleich mit einem anderen Knaller-Thema zusammengewurstet: Besagte Überlebende hat nämlich eine Tochter, die mitsamt einer Freundin unauffindbar in Deutschland verschwunden ist, da sie von einem Ring von Menschenhändlern an Zuhälter verkauft wurde. Nachdem man mit so seichten Themen die Tschernobyl, Menschenhandel und Prostitution aber nicht vernünftig 320 Seiten füllen kann, muss noch ein Fass aufgemacht werden: Gesucht wird besagte Tochter von einem Mitglied der ukrainischen Miliz, dessen Ermittlungen durch die Korruption in seinem Land erheblich erschwert werden. Potzblitz, wir fassen zusammen: Er geht um Tschernobyl, Menschenhandel, Prostitution und Korruption. Dieses Buch ist quasi die eierlegende Wollmilchsau.

Dass eine angemessene, nicht im bloßen Klischee verbleibende Auseinandersetzung mit dieser Fülle an schwierigen Themen in nur einem Buch und auf nur 320 Seiten schwer ist, lässt sich erahnen. Borrmann versucht aber leider nicht einmal, über irgendeine Plattitüde hinauszukommen, bei ihr verkommen all diese menschlichen Katastrophen zur bloßen Kulisse für den Spannungsaufbau. Zu einer Auseinandersetzung mit auch nur einem dieser Themen, aus der der Leser irgendeinen neuen Gedanken mitnehmen könnte, kommt es nirgends, die Kulisse bleibt vollständig austauschbar. Das finde ich sehr bedauerlich, denn hier werden einige der schwierigsten Themen aufgegriffen und verkommen zum bloßen Effekt. Den Problemen, dem menschlichen Schicksal, von dem erzählt wird, wird das Buch nicht gerecht. Letztlich liest es sich, wie sich ein Tatort ansehen lässt: Schon irgendwie spannend, auch ganz unterhaltsam, aber irgendwie auch austauschbar, oft zu platt und letztlich wär’s auch nicht schlimm gewesen, wenn man ihn diesen Sonntag mal verpasst hätte.

Hinzu kommen die sprachlichen Plattheiten. Allenthalben hört Walentyna, die Tschernobyl-Überlebende, irgendwo eine Elster krächzen:

„Eine Elster sitzt auf dem Zaun. Ihr Gefieder leuchtet metallisch grün in der Morgensonne, die weißen Flügelspitzen liegen wie Schneereste an ihrem Körper, und sie ruft ihr eilig aneinandergereihtes „schäck-schäck-schäck“ in den Garten. In den letzten beiden Tagen hat es geschneit, und die Temperaturen sind in den Plusbereich gestiegen. Das wenige Herbstlaub, das der Frost den Bäumen gelassen hat, schimmert in der Mittagssonne.“ (S. 129)

Ja, das sind schon malerische, sprachgewaltige Beschreibungen. So stimmungsvoll wurden selten Hauptsätze monoton aneinandergereiht. Das Schaf, mit dem der Schäfer natürlich immer spricht, heißt selbstverständlich Trine (wie sonst), der alte Hund hieß Bella und der neue Collie wird Kolja genannt. Schade, dass nicht noch die Kuh Berta und der Wellensittich Hansi vorkommen. Vielleicht im nächsten Roman. Ärgerlich finde ich – man möge mir meinen Hang zur sprachlichen Erbsenzählerei bitte verzeihen – den Anfang von Kapitel 22, S. 173:

„Diejenigen, die keine Verwandten hatten, wo sie unterkommen konnten, wurden in einer geräumten Militärkaserne untergebracht.“

Die Verwendung von „wo“ in dieser Satzkonstruktion sehe ich vielen Menschen nach, nicht aber solchen, die ihr Geld mit sprachlichen Machwerken verdienen. Man möchte es durchstreichen und „bei denen“ darüber schreiben.

Insgesamt kann man „Die andere Hälfte der Hoffnung“ schon lesen, wenn man nett unterhalten werden will, denn das leistet dieses Buch, und nur geringe inhaltliche wie sprachliche Ansprüche mitbringt. Man kann aber auch gleich den „Tatort“ anschauen. Oder einfach stattdessen ein gutes Buch lesen. 

T. C. Boyle – Hart auf hart

Boyle Hart auf hart

Der Mittelstand hat weltweit ein Problem. Irgendwie gehört er nirgends dazu, ständig muss er um seine Position kämpfen und das bedeutet: Nach unten treten, nach oben kriechen. Das führt nicht nur zu einem Gefühl der permanenten Gefährdung und also Unsicherheit, die aus der ständigen Angst vor dem Statusverlust und eben dem Gefühl, nirgendwo richtig dazuzugehören, resultiert, sondern auch zu einer besonderen Anfälligkeit für extreme Ansichten, gerne auch voller Verschwörungstheorien. So ist es maßgeblich der deutsche Mittelstand, dieses halbgebildete Ungetüm, der den Kopp-Verlag finanziell über Wasser hält und daran glaubt, dass diese chem trails am Himmel irgendeine ganz gefährliche Sache sind.

Vielleicht ist es da ganz tröstlich, dass T.C. Boyle in seinem neuesten Roman „Hart auf hart“ davon erzählt, dass auch der amerikanische Mittelstand spinnt, in besonderer Weise zu Gewalt und extremen Ansichten tendiert. In diesem Buch geht es um Sten, einen ehemaligen High School-Direktor und Vietnam-Veteranen, seinen Sohn Adam und dessen ältere Geliebte Sara. Alle drei teilen eines: Das Gefühl, in dieser Gesellschaft keinen Platz zu haben, nicht dazu zu gehören, obwohl dies objektiv wohl der Fall ist. Deutlich wird das an Sten, einem gesellschaftlichen Aufsteiger, der für sich keinen Platz in der Gemeinschaft findet und finden will, und das unabhängig davon, ob er nun als Volksheld verehrt, als nützliches Gesellschaftsmitglied eingebunden oder als Vater eines Mörders geächtet wird. Letztlich wünscht er sich immer nur eins: Einen Drink und seine Ruhe. Einige dieser Gewohnheiten – das Trinken zur Beruhigung – und seiner Charaktereigenschaften – allen voran der Jähzorn und eine Neigung zu affektgesteuerten Reaktionen – teilt Sten mit seinem Sohn Adam. Jedoch ist Adam, ob nun seine psychischen Probleme angeboren oder durch seinen Drogenkonsum hervorgerufen wurden, viel extremer als Sten. Während sein Vater noch in der Gesellschaft seinen Platz zu finden sucht, hat Adam sich schon längst sein Vorbild in der wildromantischen Figur des Waldläufers Colter gefunden und die Gesellschaft verlassen. Er lebt im Wald, baut Opium an und tötet aus seinen wirren Verschwörungstheorien und dem Wunsch nach vollständiger Unabhängigkeit von der Gesellschaft heraus alles, was ihm als störend über den Weg kommt. Hin und wieder hat er Sex mit der sehr viel älteren Sara, halb Geliebte, halb Mutterfigur für ihn und selbst eine Außenseiterin, die rechtsextremen Verschwörungstheorien anhängt und lieber ins Gefängnis geht, als sich beim Autofahren anzuschnallen.

Anhand dieser drei Figuren durchmisst Boyle unterschiedliche Stadien des Außenseitertums und der Rebellion gegen die Gesellschaft: Während es Sten noch am besten gelingt, sich an soziale Konventionen zu halten, steht Sara schon deutlich außerhalb der Gesellschaft, der sie jedoch eher passiven Widerstand leistet. Sten versteht das Verhalten seiner Mitmenschen und weiß, wann er sich wie zu verhalten hat, auch wenn er sich nicht immer im Griff hat; Sara dagegen gelingt es meist schon nicht, soziale Vorgänge angemessen wahrzunehmen und zu beurteilen. Eine routinemäßige Verkehrskontrolle ist für sie ein massiver Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte. Adam ist das äußerste Extrem, er isoliert sich nahezu vollständig, greift Vertreter der Gesellschaft gewaltsam an und ist selbst in seinen klareren Momenten nicht in der Lage, Realität angemessen wahrzunehmen. Diese Kartographie des Mittelstandes gelingt Boyle in einem handlungsmäßig recht vorhersehbaren, dafür atmosphärisch aber äußerst gelungenen Roman. Am Ende gibt es für keinen von ihnen ein Leben außerhalb der Gesellschaft.

Selbst Sigmund Freud hätte seine Freude an diesem Roman und ganz besonders an der Figur Adams, für den Sara eben wie bereits angemerkt beides gleichzeitig ist: Mutter und Geliebte. Dies rührt auch daher, dass er wohl zeitlebens gegen die übermächtige Vaterfigur Stens nicht angekommen ist. Für eine psychoanalytische Interpretation wäre der Roman ein gefundenes fressen – dies zeigt aber nur umso mehr Boyles große Fähigkeit, psychologisch genau zu beobachten und zu erzählen. Interessant wäre auch ein theologischer Blick auf das Buch, schließlich sind mit den drei Hauptfiguren auch drei große biblische Urgestalten vertreten: Der erste Mann Adam – auf den auch wiederholt angespielt wird –, der nach dem Sündenfall aus dem Paradies der Gesellschaft verstoßen ist; die Erzmutter Sara, die erst im Alter von 40 Jahren ein Kind (Adam) bekommt, und Sten, also Stein bzw. der Erzvater Isaak, der diesmal nicht selbst geopfert werden soll (oder doch?), sondern sein Kind Adam opfern muss. Irgendetwas Schlaues wird sich T. C. Boyle bei alledem gedacht haben. Da ich das ja aber nicht alles allein durchdenken kann, solltet ihr alle schnell „Hart auf hart“ lesen, damit ihr mir das dann erklären könnt. Zudem ist es ein gutes Buch, das kann man schon mal lesen.