Archiv für den Monat März 2017

Tijan Sila – Tierchen unlimited

Sila TierchenTijan Sila macht es mit seinem Debütroman „Tierchen unlimited“ der Leserschaft nicht ganz leicht. Er lässt seinen Erzähler im Teenageralter wegen des Bosnienkrieges aus Sarajevo nach Deutschland fliehen, wo er in Hassloch (wie gut dieser Name ist!) in der Pfalz und später in Heidelberg mit allerlei Problemen zu kämpfen hat. Das alles wird nicht chronologisch erzählt, sondern eher anekdotenhaft-assoziativ, es gibt keine Entwicklung des Protagonisten, dieser wurstelt sich viel mehr einfach immer irgendwie durch, und dann ist das Buch auch noch irgendwie witzig – also, wirklich „irgendwie“, denn das ist zum einen verstörend und zum anderen finde ich Bücher nie witzig, bei mir funktioniert Humor in Büchern einfach nicht, weil ich nämlich gar keinen Humor habe. Aber hier habe ich gelacht. Und mich gleich ein bisschen geschämt, denn: Das ist ja sog. „Migrationsliteratur“, da muss man traurig und betroffen sein, darf man da lachen?

Das Absurde und die Farce

Man muss es sogar, vor allem wenn das Lachen verstörend und nicht erleichternd ist, denn 2017 ist es wirklich allerhöchste Zeit, endlich damit aufzuhören, alle Autoren, die irgendwie biografisch selbst einen sog. Migrationshintergrund haben und dann auch noch irgendwelche Figuren migrieren lassen, in ein- und dieselbe Schublade zu packen, die man dann mitleidig-betroffen anschielt. Und „Tierchen unlimited“ ist deswegen so super, weil es alles kaputt macht: Betroffenheit, Schubladen, „Migrationsliteratur“. Und damit macht es das Buch dem Leser schwer, der erst Mal nicht weiß, was er mit diesem Schlamassel, dass das Buch so anrichtet, anfangen soll.

Dabei wird vermutlich nicht jeder den Humor des Romans lustig finden, weil der Roman natürlich eigentlich weder witzig noch lustig und vor allem – auch das macht es dem Leser schwer – nicht ironisch ist. Ironie könnte man ja noch verorten. Aber der Humor in „Tierchen unlimited“ ist eher grotesk und absurd. Und das zu Recht. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser, der als Jude vor den Nationalsozialisten fliehen musste, schreibt in seiner Autobiographie „Bodenlos“:

„Das Wort ‚absurd‘ bedeutet ursprünglich ‚bodenlos‘, im Sinne von ‚ohne Wurzel‘. Etwa wie eine Pflanze bodenlos ist, wenn man sie pflückt, um sie in eine Vase zu stellen. Blumen auf dem Frühstückstisch sind Beispiele absurden Lebens.“ (S. 9)

(Bitte jetzt keine Debatte um etymologische Wahrheiten, hier geht es um poetische Wahrheit, ihr Schlauschlümpfe.)

Der Verlust der „Heimat“ führt für Flusser zu einer absurden Existenz – und genauso absurd wird die Existenz des Erzählers in „Tierchen unlimited“, allerdings eben nicht erst mit der Flucht, sondern bereits in Sarajevo. „Heimat“ wäre ja missverstanden, wollte man darunter einfach nur einen Ort verstehen, Heimat geht schon dann verloren, wenn der Ort, der Heimat war, keine mehr ist, weil man dort nicht mehr sicher ist, wenn das, was vertraut war, eben entfremdet ist. Schon in Sarajevo wird das Leben absurd, wenn der Erzähler sich, während die Stadt beschossen wird, verstecken muss und dabei weniger Angst um sein Leben als vor der Bestrafung durch die Mutter hat. Das Alltägliche – das Zusammenleben mit der Mutter – wird aus dem Alltag herausgerissen, weil der Alltag selbst nicht mehr existiert, und so entsteht eine absurde Spannung zwischen dem Alltäglichen im Nicht-Alltäglichen. Sila bringt das ja auch in einem Bild auf den Punkt, das mit gutem Grund für den Titel des Romans Pate gestanden hat und das etwas weniger beschaulich ist als das Bild der Blumen auf dem Frühstückstisch:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie vier Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken. Menschen wachen in Sarajevo jeden Morgen mit dem Gedanken auf: ‚Lieber Gott, lass mich heute nicht sterben. Ich bin zu jung. Ich habe Besseres verdient.‘ Aber Tierchen haben keine Vorstellung vom Tod. In ihren Schädeln schwappt die Mischung aus Jetzt und Ewigkeit hin und her. Und kleine Gedanken wie: ‚Gnarf, Gnarf, geiler Katzenkadaver.‘“ (S. 27f.)

Der Verlust der Bäume und damit der Nester führt dazu, dass Eichhörnchen absurde Existenzen führen, sie leben als Ratten in der Kanalisation, sie sind von ihrer eigentlichen Lebensweise entfremdet. Und zu genau so einem Tierchen in Bomberjacke wird der Erzähler durch den Krieg, dann verstärkt noch einmal durch die Flucht nach Deutschland, die er für einen „Gehirnfurz“ (S. 155) seiner Eltern hält – wie ein Tierchen glaubt der Erzähler nicht, dass er in diesem Krieg sterben könnte, obwohl er zahlreiche Leichen gesehen hat, in seinem Kopf gibt es auch nur eine Mischung aus Jetzt und Ewigkeit und vielleicht noch Gedanken wie „Computerspiele“ oder „Comics“. Und diesen Zustand verlässt der Erzähler auch nicht mehr, er entwickelt sich einfach nicht weiter: Die Objekte seiner Begierde verändern sich, irgendwann werden teure Kleidung, eine Rolex und schöne Wohnungen interessant, zuvor weckt die Pubertät aber sein Interesse an Mädchen. Und er hat permanent das Gefühl, für alles, das er tut, schulde das Leben ihm einen Lohn, weswegen er sich in Sarajevo genauso wie in Deutschland eben das nimmt, was er möchte oder braucht. Der Tunnel, durch den er mit seiner Familie flieht, ist eben hier kein Symbol der Wiedergeburt, wie das in anderen literarischen Werken der Fall ist (z.B. im Herzog Ernst B, ja, Hallo, ich habe auch Mediävistik studiert, und ich habe meinen Studienabschluss schließlich nur gemacht, um im Internet schlau daherzureden), auch dieses Symbol wird also kaputtgemacht – die Migration steht eben nicht im Zentrum, weil sie letztlich gar nicht so viel an oder in der Figur verändert.

Und deswegen gibt es in diesem Roman keine Dramaturgie und keine Entwicklung. Und deswegen hat dieser Roman auch eben keine chronologische Struktur, sondern es werden assoziativ Anekdoten aneinandergereiht. Das ist nur konsequent, denn alles wiederholt sich und wird dabei nur noch immer absurder: Der Erzähler flieht ja nicht nur in Sarajevo, um sich vor Angriffen entweder feindlicher Soldaten oder der Nachbarskinder zu verstecken, er flieht ja nicht nur aus Sarajevo, um dem Krieg zu entkommen, er flieht ja auch in Deutschland permanent: Vor Neonazi-Brüdern, mit deren Schwestern er (vielleicht) geschlafen hat, vor Rechtsanwalt-Vätern, mit deren Töchtern er geschlafen hat, vor dem Alzheimer seiner Eltern, vor der Freundin des Rechtsanwaltes, bei dem er eingebrochen ist. Und immer trifft er dabei auf tote Neonazis: In Sarajevo, in Deutschland, überall. Der Erzähler führt eine absurde Existenz, man hat nicht den Eindruck, dass er einen Plan für sein Leben entwirft, vielmehr wurstelt er sich so durch, und Sila erzählt darauf auf eine groteske Art und Weise, die oft wirklich lustig ist, aber auf eine eher verstörende Art. Und wie sollte er auch sonst von einem Krieg, den der Erzähler an einer Stelle als „Genozid“ (S. 120) bezeichnet, und seinen Folgen erzählen? Tragisch? Dürrenmatt, der seine Theorie der Groteske und der Komödie vor dem Hintergrund des durch den deutschen Nationalsozialismus verübten Genozids entwickelt hat, würde das vermutlich verneinen (ich konnte ihn aber leider nicht anrufen und fragen):

„Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. […] Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe […].“

Der Erzähler ist nicht schuld an seiner Situation, und der Erzähler kann sein Leben nur als groteske Komödie erzählen. Und wie in den Komödien Dürrenmatts, in denen oft Figuren entindividualisierte Typen sind, die eben nur für eine bestimmte Funktion – den Polizisten, den Bürgermeister, etc. – stehen, wirken in „Tierchen unlimited“ die Figuren ebenfalls ein Stück weit entindividualisiert. Alle Mädchen haben tote Brüder, die Neonazis waren. Alle reichen Familien scheinen irgendwelche Verbindungen zur RAF zu haben. Alle handlungstragenden Figuren mit Migrationshintergrund sind irgendwie kriminell. Sila spielt mit Klischees, überzieht diese aber völlig und lässt eben dadurch die Handlung grotesk wirken.

Zudem entzieht er damit seine Figuren jeder politischen oder emotionalen Vereinnahmung. Der Erzähler, Sarah, sogar Šemso wirken irgendwie auf eine merkwürdige Art und Weise sympathisch, sind es dabei aber gleichzeitig so wenig – der Erzähler stiehlt, Sarah ist recht brutal, Šemso ist ein Nazi – dass man sich mit keiner Figur identifiziert. Und die Figur des Erzählers entzieht sich jedem politischen Klischee: Er ist weder einfach der bemitleidenswerte, „gute“ Geflüchtete, denn er hat ein recht ordentliches Maß an krimineller Energie, noch ist er eben der „böse“ Geflüchtete, denn zum einen ist es drollig, wie er nebenbei auch Torte stiehlt, und zum anderen rührt die kriminelle Energie ja vor allem doch auch aus einem Kriegstrauma.

So oder so: Indem Sila seinen Erzähler gegen Identifikation, politische Einordnung und Entwicklung wappnet und dann auch noch so absurd erzählt, verwirrt er den Leser ganz ordentlich. Und dann bricht er auch noch die Gattung.

Die Bomberjacke und die 90er

Denn „Tierchen unlimited“ ist ja eben nicht einfach ein Stück sog. „Migrationsliteratur“. Es ist gleichzeitig ein Poproman, wir sind hier mitten in der Popkultur der 90er: Es gibt große Computer mit vielen Kabeln und Disketten, es gibt Computerspiele, Comics und Latzhosen, die Christen tragen, um sich als normal zu tarnen. Und vor allem gibt es: Bomberjacken. Die tragen schon die Eichhörnchen, die tragen die Nazis, und die trägt auch der Erzähler, aber eher zufällig. Wenn „Faserland“ von Kracht das Buch der Barbourjacke ist, ist „Tierchen unlimited“ das Buch der Bomberjacke. Und das ist so ja auch sehr stimmig:

Beides sind typische Jacken der 90er (wenn auch die Barbourjacke natürlich „zeitlos“ ist und daher überlebt hat und die Bomberjacke gerade ein Revival feiert). In den 90ern war sowas eben wirklich wichtig: Barbourjacken haben die reichen Schnösel getragen – nicht umsonst trägt auch in „Tierchen unlimited“ die Freundin eines Rechtsanwaltes eine Barbourjacke – Bomberjacken haben Skins, Neonazis und Punks getragen, wenn diese gerade keine Lederjacke getragen haben. Ich weiß ja nicht, wie das heute in der Jugendkultur so ist, aber in den 90ern, als es noch kein Internet gab und alles furchtbar langweilig war, da gab es eben wirklich an einem optischen Erscheinungsbild unterscheidbare Jugendkulturen, die sich auch wirklich gegenseitig recht aggressiv gegenüber standen, was aber nicht bedeutete, dass die Grenzen nicht trotzdem fließend sein konnten. So grotesk überzeichnet „Tierchen unlimited“ hier auch ist, völlig aus der Luft gegriffen ist es nicht: Es gab nun mal in den 90ern eine gar nicht so kleine Neonazi-Szene, und damals trugen die wirklich noch Bomberjacken und Springerstiefel, nicht Seitenscheitel und Hemd wie heute. Dass es in den 90ern – ähnlich wie heute übrigens – vermutlich ganze Landstriche gegeben hat, wo es halt einfach verdammt viele Nazis gab, ist ja nun auch nicht eben unrealistisch.

Und so, wie die Eichhörnchen eben durch den Verlust ihrer Nester zu Ratten in Bomberjacken werden, rutscht der Erzähler in eine absurde Durchwurstelexistenz und trägt eine Bomberjacke, weil er diese mal irgendwem geklaut und dann eben Jahre lang getragen hat. So einfach ist das.

Brüllen, zertrümmern und weg

Sila macht mit „Tierchen unlimited“ also irgendwie alles kaputt, was man kaputt machen kann: Der Humor ist absurd, grotesk, lustig und trotzdem verstörend. Der Roman entzieht sich der Schublade „Migrationsliteratur“, ist aber auch nicht einfach ein Poproman. Die Figuren passen in kein politisches Weltbild, sie sind sympathisch und gleichzeitig auch nicht, zumindest verweigern sie jede Identifikation. Das Ende schließt keine Handlung ab, es gibt keine Entwicklung und also keine Dramaturgie, sondern nur Assoziation. Und mit all dem muss der Leser irgendwie umgehen, und irgendwie steht man am Ende etwas verlassen da. Das fand ich aber nicht so schlimm, denn ich habe „Tierchen unlimited“ gern gelesen. Ich habe gelacht und war dabei ein bisschen verstört.

Vielleicht bin ich durch das Buch aber auch einfach verrückt geworden.

Jedenfalls möchte ich jetzt gerne eine Ente heiraten (S. 129).

Blogbuster: Autoren-Video von Lukas Vering

blogbuster-logo

Lukas Vering, den Autor meines Blogbuster-Favoriten, habe ich hier ja schon per Steckbrief sich vorstellen lassen, und jetzt gibt es auch noch ein Video in bunt und Farbe von ihm, um objektiv zu beweisen, dass er ein so sympathischer wie talentierter Autor ist. Leider war es ihm mangels Equipment nicht möglich, ein aktuelles Video aufzunehmen, darum ist dieses schon zwei Jahre alt, aber das ist eigentlich nur gut, denn in den letzten zwei Jahren haben Talent und sympathisches Charisma noch einmal SO zugenommen, dass das jede Kamera sprengen würde (glauben Sie mir, ich bin sehr vertrauenswürdig):

Lukas V. – Revier-lovin‘ Literat from Kathi Neuh on Vimeo.

#loveisintheAir

Zum Weltfrauentag – Was mich diese Woche so alles gestört hat.

Mittwoch war Weltfrauentag und ich habe viele lustige Glückwunsch-Bildchen bekommen. Stefanie Sprengnagel hat zum 8. März etwas anderes bekommen – eine Hetzkampagne in der Krone. Die Folgen kann man auf ihrem facebook-Profil nachlesen (eine Zusammenfassung der Ereignisse kann man auch hier lesen), das geht von Beschimpfungen bis zu dem Wunsch, die möge doch vergewaltigt werden, und lustiger weise wurde sie nun von facebook für 30 Tage gesperrt – nicht die Leute, die da gegen sie hetzen. Man könnte ja meinen, dass irgendwer aus diesem spaßigen Literaturbetrieb, der die Möglichkeit hat, medienwirksam zu publizieren, so zum Beispiel irgendein Feuilleton-Fritze oder so, dazu mal Stellung beziehen könnte, wenn mit einer Autorin so umgegangen wird. Da ist man doch bei jedem Zeichner von Karikaturen, dem irgendwas angedroht wird, sonst auch recht schnell mit dem abgelutschten Voltaire-„Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen.“-Gelaber zur Stelle. Warum eigentlich bei Sprengnagel nicht? Weil das nicht so schlimm ist, wenn man einer Frau wünscht, dass sie vergewaltigt ist, oder weil sie zu links, zu feministisch ist, oder weil sie ja nur so eine Frau ist, die im Internet schreibt? Nur um das mal festzuhalten: Stefanie Sprengnagel hat in den letzten Jahren in Punkto „öffentlich Diskurse führen“ und „Sozialkritik“ definitiv mehr Mut und mehr Engagement bewiesen als das Feuilleton von FAZ, SZ und der Zeit zusammen. Man muss nicht alle Debatten, die sie lostritt, sinnvoll finden, man muss nicht alle ihre Standpunkte teilen – aber man könnte ja mal ihr Recht dazu, dies zu tun, verteidigen, und ihren Mut, das in einem Österreich, das in weiten Teilen Hofer für wählbar hält, zu machen, zu schätzen wissen. Wenn man von „engagierter Literatur“ spricht, schätze ich, dass wir inzwischen von Sprengnagel reden müssen. Dass das Feuilleton hier schweigt, zeigt für mein Empfinden viel deutlicher als die Anzahl der Autorinnen auf den Shortlists zu Literaturpreisen, welche Bedeutung eine Frau, zumal dann, wenn sie sich klar für Frauenrechte einsetzt, für den Literaturbetrieb hat. Das ist schon eher peinlich.

Und dann war Freitag in München im Literaturhaus die Lesung der Chamisso-Preisträger Senthuran Varatharajah, Barbi Markovic und Abbas Khider. Und mal abgesehen davon, dass der Moderator der Lesung fahrig und unvorbereitet wirkte, hat er Varatharajah tatsächlich gefragt, wie das denn sei, mit so einem Namen, der den Leuten hier so schwer falle, in Deutschland als Autor zu leben. So eine Frage führt natürlich unter dem kulturbürgerlichen Publikum zu einem erlösenden „Hühühü“, hat man doch selbst noch auf der Toilette kurz vor Beginn der Lesung Witzchen über die Unaussprechbarkeit dieses Namens („Wie soll man das aussprechen? Valalalala?“ „Hühühü“) gemacht und sieht jetzt „Hach, wie drollig, sogar der Mann vom SZ-Feuilleton findet den Namen schwierig, na dann hatte ich ja Recht mit meinem harmlosen Späßchen, hühühü“. Keine Ahnung, wieso diese Leute, wenn sie Namen, die nicht „Müller-Lüdenscheit“ lauten, so ulkig finden, zu einer Chamisso-Preis-Lesung gehen, und keine Ahnung, wie diese Leute es verarbeiten, wenn Varatharajah darauf mit Recht antwortet, nachdem er seit 33 Jahren in Deutschland lebe, könne er wohl mit Recht auch sagen, dass sein Name ein deutscher Name sei. Insgesamt hätte ich mir gewünscht, dass jemand, der eine Veranstaltung im Umkreis des Chamisso-Preises moderiert, ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl zeigt und solche Fettnäpfchen meidet. Noch viel mehr hätte ich mir gewünscht, dass Leute, die Witze über Namen machen, bitte zu Hause bleiben, statt zu meinen, sie wären allein deswegen schon irgendwie frei von Ressentiments, weil sie zu dieser Lesung gehen.

Am allermeisten hätte ich mir aber gewünscht, dass sich der Moderator wenigstens vor der Veranstaltung auch nur den Wikipedia-Artikel zu Barbi Markovic durchgelesen hätte, denn hier war die Veranstaltung wirklich beschämend: Er stellte sie mit ihrem Namen vor, nannte den Titel des Romans, bat sie, den Roman hochzuhalten und sagte „und das Cover macht ja auch schon Interesse auf mehr“. Er hätte ja auch „darin kann man gedruckte Wörter und Sätze lesen“ sagen können. Mal abgesehen von dann folgenden random-Fragen wie der danach, warum sie sich „Barbi“ nenne und nach ihrem Geburtsort (beides hätte er im Wikipedia-Artikel nachlesen können, beides hätte Teil seiner Vorstellung der Autorin sein können), verstand er mitunter offensichtlich die Antworten der Autorin nicht. Zum Beispiel wenn diese ihm erklärte, wie sie Verfahren von Döblin aus „Berlin Alexanderplatz“ zu aktualisieren und zu radikalisieren versucht habe, woraufhin er quasi die Frage nochmal stellte, die sie damit eigentlich gerade beantwortet hatte. Oder dann, wenn diese die Superkraft der „Auslöschung“ erklärte, die die Superheldinnen in „Superheldinnen“ eben haben und mit der diese eine Person aus ihrer jetzigen Existenz in eine glücklichere verpflanzen können. Daraufhin fragte der Moderator, ob sie nicht dasselbe tue, wenn sie Texte von Thomas Bernhard oder Döblin popkulturell verfremde, also, ob sie die Texte und die Figuren damit auch in eine glücklichere Existenz verpflanze. Hätte er zugehört, als die Autorin aus „Superheldinnen“ vorgelesen hatte, hätte er hören können, dass sich die Figuren in diesem Roman einsam und unglücklich fühlen – insofern blieb der Autorin, die bei all dem wirklich sehr gefasst blieb, ja nichts anderes übrig, als ihm zu sagen, dass dies ein interessanter Gedanke sei, den sie aber nicht gehabt habe. Er hätte ja wenigstens in die Bücher der Autorin, mit der er da sprechen sollte, hineinlesen können. Dem Fass den Boden ausgeschlagen hat der Abschluss der Lesung, bei der sich der Moderator bei der Autorin und den Autoren bedankte, vor dem Sagen ihres Nachnamens „Barbi [lange, peinliche Pause] Markovic“ aber so lange zögerte, dass man den Eindruck bekam, dass er gerade ernsthaft überlegen musste, wie diese Frau da überhaupt heißt. Es war furchtbar peinlich. Es hätte vermutlich viele interessante Fragen gegeben, die man Barbi Markovic hätte stellen können – zu ihrer Arbeitsweise, zu ihrer Sicht auf Sprache, zu ihrer Sicht auf das Thema „Stadt“, aber dazu hätte man vorher recherchieren müssen, und wenn man das halt nicht tut, kann man keine interessanten Fragen stellen. Und wenn man das nicht kann, dann kommt halt nur Quark raus, dann bekommt der Zuhörer den Eindruck, dass der Moderator nichts über die Autorin weiß, und dann ist vor allem der Interviewteil zu der einen Autorin, die dort war, sehr viel kürzer als der zu den beiden Männern.

Internationaler Weltfrauentag hin und her: Die Gleichberechtigung der Frau im Literaturbetrieb hängt nicht einzig und allein an der Zahl der Auszeichnungen, die an Frauen vergeben werden, oder der Zahl der Nominierungen weiblicher Autorinnen. Daran auch, ja, das ist auch wichtig. Aber es hängt auch daran, wie man eigentlich damit umgeht, wenn eine Frau öffentlich angegangen wird (siehe Stefanie Sprengnagel), und ob jemand, der eine Lesung moderiert, sich auch mit der einen Frau (Barbi Markovic), die auch liest, auseinandergesetzt hat, oder doch lieber nur mit den beiden Männern, und ob die Redezeiten hier gleichmäßig verteilt sind. Da ist noch viel zu tun.

P.S.: Der Auszug aus „Superheldinnen“ von Barbi Markociv, den die Autorin vorgelesen hat, hat mir übrigens sehr gut gefallen, auch die Idee hinter ihrem anderen Buch, „Ausgehen“, finde ich spannend. Ich habe mir beide Bücher bestellt, und wenn ich jemals dazu komme, sie zu lesen, dann kann man das dann irgendwo hier lesen.

Blogbuster: Leseprobe aus „Air“ von Lukas Vering No. 2

blogbuster-logo

Falls ihr es schon vergessen haben solltet: Lukas Vering und ich wollen ja beim Blogbuster auf dem Glücksschwein zum Sieg reiten. Denn, Achtung, super Hashtag: #loveisintheAir

Bis wir das tun, könnt ihr die vollständige Leseprobe, mit der sich Lukas Vering beworben hat, hier lesen.

Und dann könnt ihr nochmal das schöne Video hier anschauen: