Wir sollten über diversity und cultural appropriation in der deutschsprachigen Literatur nachdenken.

Das Folgende ist weniger ein fertiger Artikel als viel mehr eine Sammlung von – hoffentlich – Denk- und Diskussionsanstößen, die dazu führen, dass jemand, der das besser kann, schönere Posts über diese Themen schreibt. Leider ist es mir trotz ernsthaften Bemühungen und mehrfachen Anläufen nicht gelungen, einen vernünftigen Beitrag zu verfassen, ich reiße darum hier nur ein paar Sachen an. Bitte korrigiert meine Fehler und ergänzt meine Lücken in den Kommentaren. Danke.

Zu: diversity

1976 erklärte der amerikanische Comedian Richard Pryor seinem Publikum im Roxy Theatre: „I went to see ‚Logan’s Run‘, right? A movie of the future? There ain’t no niggers in it! I said, ‚Well white folks ain’t planning for us to be here!‘ That’s why we got to make movies.“ (Dieses Zitat wurde übrigens von Glenn Ligon für sein Bild „Silver the future 2“ verwendet.) Und eigentlich könnte man den Artikel mit diesem Zitat schon wieder beenden, denn warum diversity wichtig ist, geht daraus wohl klarer hervor als aus allem, was dazu noch geschrieben werden kann: Fehlende kulturelle Repräsentation einer Gruppe der Gesellschaft ist ein Ausschließungsmechanismus, der dieser Gruppe das Gefühl gibt, dass sie nicht dazu gehört, dass sie unerwünscht ist. Im Gegenteil gesprochen: Kulturelle Repräsentation hilft Menschen, sich als Teil einer Gesellschaft wahrzunehmen. Und darum ist diversity wichtig: Weil alle das Recht haben, sichtbar zu sein und sich repräsentiert zu sehen.

Wenn ich „diversity“ schreibe meine ich nicht nur: Pluralität der Geschlechter, sondern ich meine den vollen Umfang: Ich meine, dass in deutschsprachiger Literatur handlungstragende Figuren nicht nur alle Geschlechter haben können sollten, sie sollten auch unterschiedliche Hautfarben haben, körperliche Einschränkungen haben, unterschiedliche sexuelle Orientierungen haben etc.etc. Und ich sehe nicht, dass die deutschsprachige Literatur divers wäre, selbst das Auftreten von Figuren mit einem Migrationshintergrund überlässt man hierzulande ja eher Autoren der sog. „Migrationsliteratur“ – anscheinend haben viele deutsche Autoren keine türkischen Freunde, keine homosexuellen Freunde, keine rollstuhlfahrenden Freunde, weswegen sie nicht auf die Idee kommen, dass ihre sehr weißen, sehr heterosexuellen, sehr „gesunden“ Figurenensemble vielleicht realitätsfern sein könnten.

Diversity ist im englischsprachigen Raum auch im Bereich der Literatur schon länger ein Thema – es überrascht nicht, dass man das in Deutschland noch kaum auf dem Schirm hat, schließlich würden selbst im Jahr 2016 manche am liebsten noch wegdiskutieren, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist und „Multikulti“ galt hier ja schon als gescheitert, als man sich noch nicht mal ernsthaft darum bemüht hatte. Der deutsche Bildungssystem ist nach wie vor im internationalen Vergleich richtig spitze darin, schichtspezifische Bildungsungleichheit zu reproduzieren, will sagen: PISA hat vor allem gezeigt, dass in Deutschland in sehr viel stärkerem Maße als in den meisten anderen Ländern der Schulabschluss eines Kindes vom Schulabschluss der Eltern abhängt. Kinder von Akademikern werden wahrscheinlicher selbst Akademiker. Das grenzt selbstverständlich auch Kinder mit Migrationshintergrund aus.

Und warum lesen die auch immer keine Bücher? Vielleicht, weil es zu wenig Bücher für sie gibt. Wer liest, weiß, dass es eben nicht unerheblich für den Zugang zu einem Buch ist, ob man sich mit der Hauptfigur identifizieren kann. Ein Kind, das selbst im Rollstuhl sitzt, würde vielleicht gerne auch mal ein Buch über ein Kind mit einer körperlichen Einschränkung lesen. Ein Kind, das eine dunklere Hautfarbe hat, würde vielleicht gerne mal ein Buch lesen, in dem ein Kind mit dunkler Hautfarbe der Held und der Coole ist. Ein Teenager, der beobachtet, dass er sich mehr zum eigenen als zum anderen Geschlecht hingezogen fühlt, fände es vielleicht ermutigend, ein Buch zu lesen, in dem es einer Figur genauso geht. Es sollte schlichtweg für jedes Kind ein Buch geben.

Aber damit eben nicht genug: Es sollte überhaupt für jeden ein Buch geben. Und die gesellschaftliche Vielfalt sollte auch in Literatur abgebildet sein. Mein persönliches Umfeld ist nicht so weiß, heterosexuell und „gesund“ wie das Umfeld vieler Figuren in Büchern, die ich lese. Viele Leser fühlen sich schnell gestört, wenn eine Figur in einem Buch nicht realistisch konstruiert wurde oder nicht „authentisch“ wirkt, wie viele dazu ja auch sagen. Aber: Warum stören sich so wenige daran, wenn das Figurentableau eines Buches nicht realistisch konstruiert wurde? Wenn diese Leser ihre Freundesliste auf facebook durchschauen: Sind da wirklich alle weiß und heterosexuell?

Ich will mich nicht dafür aussprechen, diversity zu dem Qualitätskriterium überhaupt zu machen – natürlich ist ein Buch nicht erst dann gut, wenn es auch homosexuelle Figuren enthält o.ä. Natürlich bleiben Sprache und Plot die zentralen Qualitätsmerkmale. Und ich spreche mich auch definitiv nicht dafür aus, einzelne Autoren dafür anzugreifen, dass ihre Figuren nicht divers sind. Aber ich finde, wir sollten über diversity nachdenken. Und ich finde, auch deutschsprachige Autoren sollten darüber nachdenken. Zumindest diejenigen sollten das tun, die davon ausgehen, dass Bücher das Leben ihrer Leser verändern könnten. Etliche weitere und schöner formulierte Gründe für diversity in Literatur finden sich in diesem Video und auf den anderen Videos des zugehörigen youtube-Kanals, wer dazu noch ein bisschen suchen will, wird auf englischsprachigen Blogs und Booktube-Kanälen dazu eine Menge finden:

Und, noch am Rande: Ich war ein wenig belustigt, zu lesen, dass der Chamisso-Preis, also der Preis für deutschsprachige Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund, ab dem nächsten Jahr nicht mehr vergeben werden soll. Die Begründung dafür ist, dass der Preis überflüssig geworden sei, da eben die Autoren, an die der Chamisso-Preis vergeben werde, inzwischen alle gängigen Literaturpreise gewinnen könnten. Ein Blick auf die Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises dieses Jahres zeigt, dass dort Autoren wie Senthuran Varatharajah, Shida Bazyar oder Abbas Khider und andere fehlen, deren Bücher, die dieses Jahr veröffentlicht wurden, genauso long- und shortlistwürdig wären wie die Bücher der Autoren, die nun darauf stehen. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass dieser Chamisso-Preis, der eine bestimmte Autorengruppe aufgrund von Merkmalen, die vom jeweiligen Text unabhängig sind, auf einen bestimmten Preis hin ausgrenzt, nicht gerade schön ist, und dass Autoren mit Migrationshintergrund alle Literaturpreise gewinnen können sollten, dass da einfach kein Unterschied zwischen Migrationshintergrund und nicht-Migrationshintergrund gemacht werden sollte. Aber gerade angesichts der Longlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis sehe ich eben nicht, wie man darauf kommt, dass der Chamisso-Preis genau jetzt auf einmal mit der gegebenen Begründung überflüssig wäre.

Zu: cultural appropriation

Vor ein paar Tagen wurde ich von einer Freundin auf facebook auf diesen Artikel von Yassmin Abdel-Magied im guardian aufmerksam gemacht, in dem es vor allem um cultural appropriation in Literatur geht. Als cultural appropriation / kulturelle Aneignung bezeichnet man die Aneignung von Traditionen oder Gegenständen einer Ethnie, bei der diese Tradition/dieser Gegenstand seiner eigentlichen kulturellen Bedeutung und seines eigentlichen Kontextes beraubt wird und dafür aber kapitalistisch nutzbar gemacht wird, so beispielsweise wenn man hierzulande Eintritt dafür bezahlt, um sich gegenseitig bei einem „Holi Fest“ mit Farbe zu beschmeißen, ohne dass das noch irgendeine weitergehende Bedeutung hätte. Tatsächlich ist ja anzunehmen, dass die meisten, die zu so etwas hingehen, bestenfalls noch wissen, dass das irgendwas mit Indien zu tun hat.

In dem oben verlinkten Artikel spricht sich Yassmin Abdel-Magied gegen cultural appropriation in der Literatur aus, wenn sie Lionel Shriver dahingehend widerspricht, dass es eben nicht selbstverständlich und in jedem Falle ok ist, als Autor über alles, was man möchte, zu schreiben, solange ein gutes Buch dabei entsteht bzw. das Buch funktioniert: „It’s not always OK if a white guy writes the story of a Nigerian woman because the actual Nigerian woman can’t get published or reviewed to begin with. It’s not always OK if a straight white woman writes the story of a queer Indigenous man, because when was the last time you heard a queer Indigenous man tell his own story? How is it that said straight white woman will profit from an experience that is not hers, and those with the actual experience never be provided the opportunity? It’s not always OK for a person with the privilege of education and wealth to write the story of a young Indigenous man, filtering the experience of the latter through their own skewed and biased lens, telling a story that likely reinforces an existing narrative which only serves to entrench a disadvantage they need never experience.“

Ich möchte den Ansatz und diesen Artikel deswegen gerne zur Diskussion stellen, weil ich diese Problematik schlichtweg – Privilegien sei Dank – nie auf dem Schirm hatte. Ich weiß auch nicht, ob man so weit gehen muss, zu sagen: Über dies und jenes darf man nicht schreiben, wenn es nicht die eigene Erfahrung ist. Ich glaube aber, dass der Artikel schon auf etwas Wichtiges aufmerksam macht, wenn er darauf hinweist, dass gleichzeitig, wenn ein wirkliches Interesse an diesen Geschichten existiert, etwas dafür getan werden muss, damit die Leute ihre Geschichten selbst erzählen können. Und dass eben nicht nur Bücher über irgendwelche Menschen existieren sollten, sondern Bücher von diesen Menschen selbst existieren müssen.

Und: Die Forderung nach diversity und die Forderung nach Vorsicht vor cultural appropriation schließen sich übrigens meiner Ansicht nach nicht aus.

Reden über das Buchbloggen. (Auch) An die (mal mehr, mal weniger) Gebildeten unter seinen Verächtern

Es ist ja ein leidiges Thema, das eigentlich schon keinen mehr interessiert, weil es ja alle paar Wochen passiert: Irgendwo erscheint ein Artikel über Buchblogger, die meisten Buchblogger zucken da nur noch mit den Achseln. Ich auch, weil ich ja – sollte es so etwas jemals geben – den Preis für das geringste Engagement beim Bloggen erhalten sollte (vielleicht ein Pokal in Faultierform?). Aber trotzdem dachte ich, dass vielleicht ein oder zwei Dinge dazu noch nicht gesagt sein könnten. Vielleicht wurden sie aber auch schon gesagt und ich habe es übersehen, so oder so: Ergänzungen, Links, abweichende Meinungen bitte in die Kommentare schreiben.

Der eine Artikel, der eigentlich schon etwas älter ist, der aber in den letzten Tagen wieder in meine Filterblase geschwappt kam, ist der Artikel „Buchblogger: wichtig, aber immer noch belächelt“ von Andrea Schwyzer auf SRF. Es handelt sich ja hier um einen vergleichsweise ausgewogenen Artikel, für etwas Aufregung hat dennoch der letzte Satz gesorgt: Ulrike Sárkány, Leiterin der Literaturabteilung von NDR-Kultur meint hier: „Der klassische Feuilleton-Kritiker wird einen Teufel tun und danach schauen, was Blogger auf ihren Seiten schreiben.“

Manche hat das getroffen, mich nicht so, denn siehe oben. Ich (ich versuche hier, möglichst oft „das verpönte ‚Ich‘“ zu verwenden, habe gehört, jedes Mal, wenn ein Blogger „ich“ schreibt, kriegt irgendwo ein Feuilleton-Journalist Migräne) möchte hier dennoch etwas einwenden: Es ist ja nicht nur so, dass klassische Feuilleton-Kritiker den Teufel tun und schauen, was Blogger auf ihren Seiten schreiben (wobei ich gar nicht glaube, dass das auf alle zutrifft). Es ist ja auch vielmehr so: Buchblogger sollten auch den Teufel tun und schauen, was Feuilleton-Kritiker schreiben, zumindest was Schreibstil und Themenwahl betrifft. Warum?

Allen bisher über Buchblogger schreibenden Journalisten, aber auch einigen Buchbloggern, ist ja eins gemein: Sie verstehen das Internet nicht. Zum einen: Es gibt vermutlich Blogger, die wollen tatsächlich vom Feuilleton gelesen werden, ich kann mir das zumindest vorstellen. Der breiten Masse geht es aber um etwas anderes, und ich schrieb das auf facebook bereits einmal in den Kommentaren zu diesem SRF-Artikel: Ich habe die eine Hälfte meines Lebens ohne Internet und die andere mit Internet zugebracht. Überraschenderweise war ein Leben ohne Internet möglich. Trotzdem habe ich das Internet sehr schnell als große Bereicherung und Horizonterweiterung wahrgenommen, denn auf einmal war es möglich, Communitys zu finden, die man zu Hause nicht hatte. Wenn man in der eigenen Klasse beispielsweise die einzige war, die Briefmarken gesammelt hat, und nie mit jemandem darüber reden konnte, weil man dafür nur veräppelt worden wäre, dann hatte man jetzt auf einmal im Internet die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu finden, vor allem in den früher ja weit verbreiteten themenspezifischen Diskussionsforen. Man war auf einmal nicht mehr der Sonderling, sondern Mitglied einer Community, was ja ganz gesund fürs Selbstbewusstsein sein soll, man konnte sein Hobby pflegen und man konnte vor allem dazulernen, kam an Informationen, deren Existenz man davor nicht mal erahnt hätte. Irgendwann, ungefähr zeitgleich mit dem Aufleben von Facebook und dem Niedergang von MySpace, verloren die Diskussionsforen an Usern und Attraktivität, ich vermute, weil eine andere Form von Gesprächskultur auch durch Facebook mit seinen Statusupdates aufkam, die es auf MySpace ja nicht so gab, dort konnte man vor allem Blogbeiträge schreiben und die Profile von anderen kommentieren, nicht primär das eigene. Gespräche im Internet waren jetzt eben zunehmend unterschiedlich lange Statusupdates, kaum mehr Diskussionen. Und damit gewannen ja dann auch Blogs zunehmend an Relevanz, die ja quasi Raum für sehr lange Statusupdates bieten. Natürlich: Es gibt nach wie vor Inseln wie LovelyBooks. Dennoch: Diskussionsforen über Literatur wurden weitgehend abgelöst von Blogs über Literatur. Der Antrieb für die Mehrheit der Betreiber blieb aber identisch: Es geht immer noch um die Community, es geht darum, Gleichgesinnte zu finden und sich mit ihnen auszutauschen. Nach wie vor sagen die meisten Blogger: Ich schreibe für Blogger. Nach wie vor fangen die meisten mit dem Bloggen an, weil sie einen anderen Blog gesehen haben und sich dachten: Das sind aber sympathische, interessante Leute hier, mit denen möchte ich in Austausch treten. Ich persönlich habe mich vor allem gefreut, dass irgendwann Blogger, denen ich selbst folgte, auch mir folgten. Die wenigsten Blogger denken wohl beim Einrichten des Blogs: Ich schreibe jetzt einen Blog über Bücher und werde damit berühmter Literaturkritiker. Das ist aber die Annahme, die Journalisten wieder und wieder an Blogs herantragen, dabei trifft sie halt weitgehend schlichtweg nicht zu. Und darum ist die Kritik auch so kurz gegriffen.

Ganz ähnlich zeigt sich dieser journalistische Blick auf Blogger übrigens auch im Beitrag „Am Katzentisch der Literaturkritik“ von Sandra Trauner, wenn Stefan Mesch Folgendes bedauert: „Was ihn stört, ist «dass die meisten Blogger zu positiv und zu respektvoll sind. Mir sind das zu oft Empfehlungen und zu selten Warnungen.» Zwischen all den «Liebeserklärungen» vermisst er Härte, Biss, ein klares Urteil – «mir ist das oft zu kuschelig».“ Abgesehen davon, dass im Feuilleton auch selten wirkliche „Warnungen“ zu lesen sind, ist halt gerade das, was hier schon abwertende als „kuschelig“ benannt wird, vielleicht eines der Kennzeichen einer Community. Vor allem aber ist es halt so, dass viele Blogger, die ja kein Geld für ihre „Lesearbeit“ bekommen, Bücher, die sie nicht mögen, schlichtweg nicht bis zum Ende lesen und dann logischerweise auch keinen Verriss schreiben. Vielen ist ihre Zeit zu schade, um sich aufzuregen. Das ist nicht „unkritisch“, sondern ein Privileg von jemandem, der lesen kann, was er mag.

Zum anderen aber: Der wesentliche Grund dafür, warum Blogger den Teufel tun und Feuilleton-Kritik lesen sollten, ist ein anderer, und auch hier verstehen viele Journalisten aber auch einige Buchblogger das Internet nicht: Online funktioniert anders als Print. Man hat oft versucht, dass Journalisten und Buchbloggern zu erklären, andere Blogs und etliche SocialMedia-Profis haben sich den Mund fusselig geredet dazu, aber irgendwie scheint das nicht bei allen anzukommen. Wenn man sich die Bandbreite der Onlinemagazine ansieht, sieht man da viele Ableger großer Printzeitungen (SpiegelOnline, ZeitOnline, wie sie alle heißen), die vor allem deswegen Zulauf haben, weil sie die vermeintliche gratis-Ausgabe der Print-Zeitung sind, diese Onlinezeitungen funktionieren also nicht deswegen gut, weil sie gut ans Internet angepasst wären, sondern weil sie eben von vorn herein einen gewissen Bekanntheitsgrad hatten. Folglich sind diese Onlinezeitungen auch den Printausgaben recht ähnlich in Schreibstil und Themenauswahl. Und jetzt denken viele Journalisten und eben auch einige Blogger: Ok, online schreiben ist wie für Print schreiben, nur das Medium ist anders. Das funktioniert aber eben nur, wenn man vorher schon einen Namen hatte, mit dem es gelingt, Print-gewöhnte Leser im Internet an sich zu ziehen. So funktioniert das eben nicht, wenn man ein reines Onlinemagazin oder einen Blog machen will. Dass sich Onlinejournalismus in der Themenauswahl und im Schreibstil von Printjournalismus und seinen Onlineangeboten unterscheidet, sieht man, wenn man eben Seiten wie die HuffingtonPost oder die Vice (ja, sie hat einen Printableger, wird aber mehr online als im Print gelesen und im Gegensatz zum Spiegel wird hier ja allgemein eher die Printausgabe als sekundär zum Onlineangebot wahrgenommen) ansehen. Der Schreibstil ist subjektiver und persönlicher, es werden stärker Bilder, Grafiken, gif und Videos einbezogen, die Themen sind andere, sind mitunter auch aus Sicht der etablierten Zeitungen „albern“. Und vor allem: Es wird von vorn herein auch auf Interaktion abgezielt. Aber so funktioniert eben Onlinejournalismus. Wenn Buchblogger nun hingehen und sich das Print-Feuilleton zum Vorbild nehmen und meinen, es reiche aus, wenn sie einfach dessen Stil kopieren, kommen sie halt nicht sehr weit im Internet. Denn zum einen werden schlichte Buchkritiken (leider! Kann man da irgendwie etwas tun, um das zu ändern?) viel seltener gelesen als Beiträge über allgemeinere Themen (das Lesen, Bücher kaufen, was auch immer) oder vor allem als Rants. Zum anderen funktioniert Bloggen, weil es eben im Internet stattfindet, eben nur über Vernetzung und Interaktion, nicht nur mit anderen Bloggern – und ja, dazu müsste man andere Blogs auch wirklich lesen und vielleicht sogar mal kommentieren –, sondern auch von unterschiedlichen Medien: Ein Blog ohne Twitter, Facebook, Instagram etc.etc. wird eben nicht dieselbe Reichweite erreichen wie einer mit. Ich persönlich trauere ja immer noch den Diskussionsforen hinterher, weil ich finde, dass so zusammenhängende Gespräche über Bücher wie sie dort möglich waren auf Blogs nahezu unmöglich sind. Aber das liegt vermutlich an mir, ich gebe mir wohl da auch zu wenig Mühe. Das kann ich ja mal auf meine to-do-Liste setzen. So oder so: Wer mit seinem Blog darauf abzielt, sich zu „professionalisieren“ im Sinne von: große Reichweite, Finanzierungsmöglichkeiten, Onlinemagazin statt Blog, der wird das nicht damit erreichen, dass er das Feuilleton in Stil und Themenauswahl kopiert, einfach seinen Blog mit entsprechendem Content füllt und ansonsten nicht interagiert, weil ihm der Rest dieser Blogger irgendwie zu blöd ist oder man auf das Gespräch mit den Lesern eigentlich keinen Wert legt, weil sie einen nur als Klick in der Statistik interessieren, nicht aber als Leser. Und es reicht auch nicht, seinen Blog einfach in „Magazin“ oder „Zeitschrift“ oder „Zeitung“ umzubenennen.

Das haben meinem Eindruck nach gerade ein paar Buchblogger nicht verstanden (bitte beachten: Alles jetzt Folgende ist mein subjektiver Eindruck, ich verbringe aber gar nicht so viel Zeit mit Blogs, weil ich nicht so viel Zeit habe, darum bitte Korrekturen meiner vielleicht schiefen Weltsicht in die Kommentare schreiben! Zudem: Ich beziehe mich hier wirklich nur auf Einzelne, es gibt auch zahlreiche Gegenbeispiele!), die sich mit sog. „anspruchsvoller Literatur“ beschäftigen. Denn diese sind meinem Eindruck nach deutlich schlechter vernetzt als Buchblogs zu Genre- oder Jugendliteratur oder Booktuber. Wo diese beispielsweise immer wieder durch gemeinsame Aktionen oder Hashtags oder wechselseitige Blogvorstellungen ihre Community pflegen, gibt es unter der ohnehin schon etwas kleineren Gruppe der „Literaturblogger“ (zu diesem Terminus gleich mehr) meinem Eindruck nach schon ein paar, die die Bedeutung von Vernetzung nicht erkannt haben (ich vernetze auch kaum, aber eher aus Verplantheit, nehme mir aber immer wieder vor, das zu ändern. Vielleicht schaffe ich das eines schönen Tages ja sogar). Und dann ist ja da auch noch dieses Bedürfnis nach Distinktion: Es gibt nur wenig Vernetzung zwischen Bloggern zu sog. „anspruchsvoller Literatur“ und dem Rest der Buchblogger bzw. Booktuber. Natürlich, man liest andere Bücher, da wird man nicht so schnell ins Gespräch kommen, und das ist ja auch ok. Aber bei den anderen Sachen, bei diesen Hashtag-Geschichten und Aktionen, da könnte man ja mitmachen. Und wenn man darauf keine Lust hat, weil einen das thematisch nicht anspricht, was ja auch ok ist, könnte man wenigstens diese Unterscheidung in „Buchblogger“ und „Literaturblogger“ vielleicht noch mal überdenken. Ich hätte nicht bemerkt, dass die Buchblogger sich auch in Grüppchen wie „Krimiblogger“, „Young Adult Blogger“, „Kochbuchblogger“ o.ä. aufspalten und dann unter sich bleiben. Meinem Eindruck nach sind es allen voran die „Literaturblogger“, die hier ihr eigenes Grüppchen bilden und die Unterscheidung sogar noch mit einem eigenen Namen offensichtlich wollen, die also nicht „mit dem Rest in einen Topf geworfen werden wollen“. Der Schluss liegt nahe, dass es hier um Distinktion geht, dass hier also das Gefälle zwischen sog. „Hochkultur“ und „Unterhaltungskultur“ reproduziert wird. Dass man aufgrund von Interessen eigene Untergruppen bildet ist denke ich normal. Vielleicht könnte man sich wenigstens innerhalb dieser Untergruppen noch besser vernetzen. Vielleicht könnte man trotzdem hin und wieder den Blick aus der eigenen Untergruppe heraus wagen. Und vielleicht könnte man diesen Wunsch nach Abgrenzung vom „Rest“ und den Begriff „Literaturblogger“ noch einmal überdenken.

Mir kann das alles ja bums sein. Weil: Ich bin ja schrecklich unambitioniert. Aber: Wenn jemand Ambitionen hat, sollte er solche Dinge vielleicht bedenken. Und wenn ein Journalist malwieder über Blogger schreiben will, sollte er vielleicht davor versuchen, das Internet als eigenständiges Medium mit eigenen Regeln ernst zu nehmen und zu verstehen. Sonst drehen wir uns im Kreis.

P.S.: Tilman ist übrigens der Allerallercoolste! Das musste mal gesagt sein.

Das kleine bisschen Exotismus

Buchcover sollen Leseanreize bieten, sollen den Leser neugierig auf das Buch machen. Sie müssen also etwas Wesentliches über das Buch darstellen, das dem potentiellen Käufer schon auf den ersten Blick sagt, ob das Buch für ihn interessant ist oder nicht. Das bedeutet, dass Cover sich stark auf leicht Verortbares konzentrieren müssen, schließlich wollen die wenigsten Kunden im Buchladen erst einmal eine ausführliche Bildinterpretation durchführen. Sie arbeiten mit dem, was der Kunde kennt, und das bedeutet dann zwangsläufig auch: Mit Stereotypen. Buchcover können also mitunter eine Menge darüber verraten, wie eine Gesellschaft ein bestimmtes Phänomen sieht und verortet. Und da wäre doch die Frage interessant: Was verraten eigentlich Buchcover über das deutsche Bild von anderen Ländern und Kulturen?

Ich habe jetzt nicht vor, hier eine wissenschaftlich belastbare Studie durchzuführen, ich werfe nur mal ein paar Thesen in den Raum. Dazu beschränke ich mich auf zwei Länder, die zum westlichen Kulturkreis gehören, Deutschland und England, und auf ein paar Länder/Kontinente, die eben nicht zu diesem Kulturkreis gehören, Indien, China, Japan und Afrika. Ich habe dazu schlichtweg auf Amazon unter „Gegenwartsliteratur“ jeweils nach diesen Ländernamen gesucht und die Buchcover, die auf den ersten beiden Seiten angezeigt wurden, sofern sie nicht nur einfarbig o.ä. waren, benutzt. Ich habe versucht, die Buchcover nach Motivähnlichkeiten zu gruppieren.

Werfen wir also zuerst einen Blick auf Bücher, die bei der Suche nach „Deutschland“ gefunden wurden:

deutschland

Von Deutschland zeichnen die Buchcover ein recht buntes Bild: Wir haben Bilder von Straßen und Reisen, von deutschen Einwohnern – wobei diese hier mehrheitlich männlich ist, was später noch eine Rolle spielen wird –, es gibt abstrakte Muster, Buchcover mit Vögeln und Städten und ein bisschen Landschaft (Meyerhoff, Kirchhoff). Das Buchcover zum Roman von Kracht passt nirgendwo so recht dazu. Deutschland, da gibt es weiße Einwohner – zumindest sind nur solche zu sehen – und es gibt Städte und Straßen und Natur.

Schon ein bisschen anders, aber noch ähnlich, sieht es in England aus:

england

Bei den Buchcovern, die Suchergebnis auf die Anfrage nach „England“ waren, lassen sich schon eher klare Muster erkennen: England hat Küsten und Schifffahrt, zudem ein paar typische Bauwerke und Touristenattraktionen (Cover von Bryson und Barnes), man trinkt dort gerne Tee. Auffällig ist die häufige Verwendung von „dem einsamen Haus in einer rauen Landschaft“ oder dem Herrenhaus in einer weiten, parkähnlichen Landschaft, hier zeigt sich schon ein deutlicher romantisiertes Bild von England. Die unteren beiden Reihen von Buchcovern sind dagegen bis auf das Buch von Cornwell überhaupt nicht einheitlich: Sie könnten auch auf Büchern, deren Handlung in anderen Ländern situiert ist, zu sehen sein. England ist also, gemessen an seinen Buchcovern, ein recht vielseitiges Land: Es gibt Liebe, es gibt Gewalt, es gibt Männer und Frauen, alle sind aber weiß, es gibt alte Häuser und Geschichte, es gibt einsame Häuser und raue Natur, es gibt Technik und Tourismus.

Man sollte meinen, all das gäbe es auch in Japan, einem hoch technisierten Land.

japan

Nun, ein Buchcover, das deutlich macht, dass es in Japan Städte und Technik gibt, war tatsächlich dabei, das Cover zu „Shinjuku Paradise“. Ansonsten: Schriftzeichen, Mangas, Muster alter Holzschnitte, Bäume mit buntem Laub, Katana, Kois, Zenmönche, asiatische Frauen. Zeichen einer technisierten Industrienation fehlen meist, dafür werden exotische Stereotype bemüht, die in einigen Aspekten eher auf das Japan des Kaiserreichs verweisen als auf das heutige Japan. Eine Ausnahme bilden hier übrigens die Buchcover zu den Romanen von Murakami, die ich deswegen nicht mit dazu genommen habe, diese fallen durchweg aus dem Muster. Auch weggelassen habe ich aber Bücher, die irgendwas mit „Geisha“ im Titel haben, diese zeigen überraschenderweise alle japanische Frauen. Dennoch, zusammenfassend: Schon die Buchcover, die für Bücher mit einem Bezug auf Japan gewählt wurden, sind deutlich exotischer, Technik und Moderne fehlen weitgehend.

Noch deutlicher wird das beim Nachbarland China:

china

Eine Ausnahme bilden hier Ruges „Follower“ und die untere Hälfte von „Goodbye Chinatown“, die ein modernes Stadtbild zeigen. Ansonsten sieht das Land mit dem großen Wirtschaftswachstum hier aus wie im vorletzten Jahrhundert: Landschaftsbilder mit Muster, alte chinesische Bauwerke, Segelboote, Folklore und chinesische Frauen, viel rot (mal traditioneller chinesischer Stoff, mal mit Gesicht im Stoff), Schriftzeichen. Noch auffälliger hier als bei den Buchcovern mit Japan-Bezug ist, dass es nun deutlich mehr Buchcover mit Frauen als mit Männern darauf gibt. China ist hier: Exotisch, wie aus dem Reisekatalog, stereotyp.

Das nimmt noch zu, wenn man sich die Buchcover, die die Suche nach „Indien“ ergab, ansieht:

indien

Eine deutliche Ausnahme hier bildet das Buchcover zu „So eine lange Reise“, das vorwiegend Männer zeigt. Ansonsten scheint es in Indien aber nur Frauen und Kinder zu geben, zudem viele Elefanten, Gewürze, Muster, blühende, idyllische Landschaften und ein paar eindrucksvolle alte Bauwerke. Technik, Moderne – gibt es in Indien nicht. Hier sieht alles noch aus wie zu den guten alten Kolonialzeiten. Kein Mensch, der bei Trost ist, stellt sich Indien heute noch so vor.

Das Beste kommt aber natürlich zum Schluss: Die Buchcover, die man sieht, wenn man nach „Afrika“ sucht, sind eigentlich schon eine ziemliche Frechheit:

afrika

In Afrika gibt es: Kinder, Frauen, genau eine Art von Landschaft mit einer einzigen Baumart, die auf jedes Buchcover muss, und wilde Tiere. Heinz Strunk kann da dann über diesen Kontinent drüber fliegen, auf dem all das (Baum, wilde Tiere, Lehmhütte) zu sehen ist, Technik gibt es nämlich hier nicht, die haben nur die ehemaligen Kolonialherren, während die Afrikaner ja noch in Lehmhütten hausen. Männer gibt es hier nicht. Städte nicht, Autos nicht, und alles ist voller Savanne und Akazien. Das ist exakt das Afrikabild, dass es seit den Kolonialzeiten gibt, das Disney befördert hat („Die Wüste lebt“, „König der Löwen“), das bis heute die Tourismusbranche bedient, und offensichtlich nicht nur sie, sondern auch die Buchbranche.
(Nebenbei: Die Buchcover der Bücher von Adichie und Owuor sehen einander halt auch auffällig ähnlich. Ein Schelm, der da denkt, hier habe man die Akazie einfach durch afrikanisch-anmutende Stoffmuster ersetzt.)

Wenn man sich Buchcover so anschaut, merkt man eben schon, dass der deutsche Blick auf andere Länder, Kontinente und Kulturen mitunter ein sehr eurozentristischer ist, der der Vielfalt, die es so gibt auf diesem Globus, nicht gerecht wird. Auch auffällig ist, dass die Buchcover sehr homogene Ethnien zeigen: In Deutschland und England nur Weiße, in China und Japan sehen die Menschen asiatisch, in Indien indisch, in Afrika eben dunkelhäutig aus (mit einer Ausnahme hier). Das letzte Mal, als ich in München und London war, sah es dort irgendwie bunter aus. Dabei bedingen sich natürlich Buchmarkt und Kunden gegenseitig: Die Buchcover werden so gestaltet, dass der Kunde mit seinem verkürzten Weltbild sie verorten kann. Der Punkt ist aber halt: Damit verfestigen sich eben auch solche verkürzten Weltbilder.

Nachtrag, 11.9.2016: Ich wurde darauf hingewiesen, dass hier bereits etwas ähnliches geschrieben und gemacht wurde, mit den Schwerpunkten Südasien, Afrika, arabische Frauen und englischen Buchcovern. Vielen Dank für den Hinweis!

Tomer Gardi – Broken German

Gardi Broken GermanDer meiner Meinung nach peinlichste Literaturkritik-Moment dieses Jahr war die Jury-Diskussion beim Bachmannpreis zu Tomer Gardis Text. Während einzelne, vor allem Hubert Winkels, versuchten, über den Text zu reden, ging es mit anderen, allen voran Meike Feßmann, ja durch, und man redete eben nicht über den Text, sondern über die Frage, ob ein Text, der voller grammatikalischer, syntaktischer und orthographischer „Fehler“ sei, überhaupt etwas beim Bachmannpreis verloren habe. Nun ist es ja nicht nur so, als ob man sich die Anforderungen an die Texte des Preises vielleicht vorher hätte überlegen sollen, nicht erst während einer Jurydiskussion. Das eigentlich Unerträgliche an dieser Sache war nicht nur, dass man den Autor, der daneben saß und mehrfach sagte, dass er durchaus verstehe, was gesagt werde, völlig abkanzelte, indem man ihm Sprachfähigkeit absprach, die er ja hat, sondern dass man ihm darüber hinaus vor allem die sprachliche Gestaltungsfähigkeit und noch dazu ein Gehirn absprach. Wer meint, Gardi wüsste nicht um seine sprachlichen Fehler, er würde diese eben nicht bewusst als sprachliches Gestaltungsmittel verwenden, sondern er könnte es einfach nicht besser und wäre zudem zu dumm, auf die Idee zu kommen, dass er seinen Text von einem Muttersprachler korrigieren lassen könnte, wenn er die Fehler nicht im Text haben wollte, ist in einer Art und Weise dem Autor gegenüber herablassend, dass dem Zuschauer nur die Fremdscham bleibt. Natürlich ist Gardi nicht so dumm, dass er sich denkt: „Ah, ich mache Fehler, aber scheiß drauf, ist ja nur ein Literaturwettbewerb.“ Wer ihn für so dumm hält, muss schon eine Menge Dünkel in sich tragen: Wenn jemand beim Bachmannpreis einen fehlerhaften Text vorliest, ist das doch kein „Versehen“, weil der Text mal in fünf Minuten hingeschmiert wurde, sondern dann ist das gewollt und dann muss man das eben auch erst Mal ernst nehmen. Wer meint, nur grammatikalisch, syntaktisch und orthographisch korrektes Deutsch habe einen ästhetischen Wert, muss nicht nur eine Menge Dünkel in sich tragen, sondern muss auch einige deutsche Autoren nicht gelesen haben (Kleist zum Beispiel macht ständig syntaktische „Fehler“). Und wer Gardi nicht für so dumm hält, muss sich eben auch auf seine Sprache als künstlerisches Gestaltungsmittel einlassen und schauen, ob das funktioniert.

Vor einigen Wochen ist jedenfalls der Roman, der zu dem beim Bachmannpreis gelesenen Text gehört, erschienen. Funktioniert also Gardis Roman, funktioniert seine Sprache? Beide funktionieren fantastisch. „Broken German“ ist trotz des Titels nicht nur ein Roman über Sprache, sondern eher umfassender: Ein Roman über Irritation. Sprachliche Irritation, erzählerische Irritation und die irritierende Verwirrung von Identitäten.

Schreiben, Literaturbetrieb und Fiktion

So hat dieser Roman nicht eine durchgehende Handlung, er besteht eher aus einzelnen durch Figuren, manchmal auch nur durch Orte oder Gegenstände miteinander verbundenen Erzählungen. Dabei wechseln nicht nur die Erzähler, Erzählchronologie und die Erzählperspektiven, der Erzähler bricht auch immer wieder mit seinem Erzählen und erzählt über das Erzählen selbst, so zum Beispiel wenn er sein Vorgehen erklärt:

„Wie es aber oft in geschichten ist, ein Messer der im ersten Akt an Wand hängt, dann verschwindet, wird im dritten Akt wieder irgendwo auftauchen. Ein literarische trick und regel. Der Author steckt im Geschichte eine kleine, alltägliche, unauffälige detail. Im ersten Blick können es nur die klugste, die aufmerksamste, die meist gebildene und erfahrene Lesern entdeken. Die anderen, die ja die fast absolute Mehrheit sind, geht es völlig vorbei.“ (S. 7f.)

Diese Brüche irritieren den Leser, bringen ihn zum Nachdenken – „Broken German“ verlangt dem Leser insofern mehr ab als ein einfach auf einen Plot ausgerichteter, hübsch geschriebener Roman. Gardi zwingt seinen Leser, indem er ihn irritiert, mitzudenken. Und in dem obigen Zitat wird auch ein weiteres Moment des Romans deutlich: Es ist eben auch ein Roman, der sich gegen das etablierte Bildungsbürgertum wendet, der seine Privilegien und seine Ausgrenzungsmechanismen aufdeckt und stört. Indem ein erzählerischer Trick offen gelegt wird, so dass jeder ihm folgen kann. Indem eine Sprache verwendet wird, die nicht die Sprache der Bildungsbürger ist. Und in diesem Zusammenhang ist auch die gewählte Form des Erzählens – es gibt eben keine große durchgängige Handlung, sondern eher kürzere Handlungsstränge – zu verorten, denn der Erzähler reagiert auf die Bemerkung eines Lektors, dass die Kurzgeschichte aussterbe, mit:

„Das macht doch kein Sinn. Unsere Welt wird ja immer schneller. Hektisch. Kurzfristig. Kompakt. Der scheiss Roman soll ausrotten! Schrie ich, gehetzt, während der Kurzgeschichte gedeiht! Langweilt sich selbst schon, seit Jahren, der Roman! Der Lektor murmelte etwas, Literatur, die Klassenunterschiede, der bürgerliche Ausbruch, Freiezetkultur, das World Wide Web, des Fernseher, das Proletariat.“ (S. 79)

Der Roman ist sprachlich wie erzählerisch eine Kritik am Bildungsbürgertum und an seiner Art, mit Literatur und Schriftstellern umzugehen: So wird der Erzähler, als er in einer Akademie einen Vortrag halten soll, zum Äffchen, das vor dem Publikum herumspringen soll, und er erzählt von einem literarischen Skandal, bei dem ein erfolgloser Autor seine Bücher mit den geklauten Aufklebern eines Weinpreises beklebt hat, was zu positiven Kritiken und ordentlichen Verkaufszahlen führt – einfach nur deswegen, weil ein Aufkleber auf den Büchern ist, auf dem das Wort „Preis“ steht.

Nicht nur diese Brüche im Erzählen und diese Kritik am Literaturbetrieb sind aber wohl gerade für den bildungsbürgerlichen Leser irritierend. Verwirrend ist auch, wie in der Erzählung immer wieder vom Erzähler oder seinen Figuren Erfundenes, also Fiktion, zur fiktiven Realität wird: Fiktion und Realität wirken ineinander, verschwimmen und lassen sich nicht mehr trennen. Lügt eine Figur in der Geschichte, so wirkt sich die Lüge auf die erzählte Realität aus und wird so Realität. Insofern ist „Broken German“ auch ein Buch, dass die Frage nach der Unterscheidbarkeit von Wahrheit und Erfindung aufwirft.

Identität und Verwirrung

So wie diese Grenze verschwimmen auch die Grenzen zwischen den Figuren in dem Roman: Einerseits gibt es eine Figur, die Radili heißt, andererseits gibt sich der Erzähler immer wieder als dieser Radili aus, dann sagt er wieder, er sei nicht Radili – die Identitäten von Erzähler und Figur fließen ineinander. Und zu allem Überfluss kommt auch noch ein Tomer Gardi im Buch vor (vgl. S. 30). Aber auch auf andere Art verschwimmen die Identitäten von Figuren in diesem Roman bis zur Ununterscheidbarkeit: So kann der Erzähler nur aufgrund der Ortsangabe zu dem Schluss kommen, dass auf einem Foto von einem Inhaftierten in einem KZ nicht sein Großvater, sondern ein anderer Mann zu sehen ist – die Männer sehen, zum Skelett heruntergehungert, alle gleich aus. An den Orten, an denen einst Juden, eine diskriminierte Minderheit, lebten, leben jetzt andere Menschen, die Minderheiten angehören.

Am offensichtlichsten wird die Identitätsverwirrung, wenn der Erzähler und seine Mutter am Flughafen, da ihr Gepäck verloren gegangen ist, einfach fremde Koffer von fremden Leuten nehmen und ihre Kleidung tragen – bis zum Romanende. Hier nehmen beide Figuren nicht nur ein Stück weit die Identitäten von anderen Figuren, sondern auch von anderen Geschlechtern an: Der Erzähler trägt nun die Kleidung einer Frau, auf die er später auch trifft und mit der sich sein Schicksal verwirrt, da er für etwas beschuldigt wird, was auch sie vermutlich nicht getan hat – die Schicksalsgemeinschaft der falsch Verdächtigten – und die Mutter trägt die Kleidung eines Mannes. Die eigentlichen Kofferbesitzer sind wie der Erzähler und seine Mutter selbst Migranten – die Identitäten vertauschen sich in einem interkontinentalen Migrationswirrwarr. Allerdings ohne dass das irgendwie schmerzlich wäre oder zum eigenen Identitätsverlust führt, es ist eher so, als hätte der Erzähler seine Identität mit einer weiteren Identität verbunden. Identität scheint hier nichts festes, sondern etwas wandelbares zu sein, das stets im Fluss ist.

Zu diesen Identitätsverwirrungen in einem anderen Land gehört es auch, dass Namen sich verändern: So heißt „Fikret“ eben mal „Fikret“ und mal „Fikert“ (vgl. S. 129f.).

Die Deutschen und die Juden

Zu dem Austausch von Identitäten gehört auch, dass die Arbeitslosigkeit des Erzählers reflektiert wird im Zusammenhang mit dem „Arbeit macht frei“-Schriftzug, der aus der KZ-Gedenkstätte Auschwitz gestohlen wurde. Der Erzähler schlägt vor, in der nun neu „gesicherten“ Gedenkstätte Arbeitsmigranten arbeiten zu lassen:

„Regierung hat fast 100,000 Euro für Instillation Moderne Überwachungssystem im KZ zur verfügung gestellt. Kameras, Wires, Computers und Monitors, neue Strom in alte Zäune. Nach 60 Jahren Auschwitz wieder sicher. Gesichert. Viel Arbeit ist es auch. Kostet viel Geld. Instillation und alles. Können 1 Euro Jobers tuhn lassen. Arbeitsmigranten. Asylbewerber. Harz IV Empfänger. Konnte ich auch mit machen. Brauch ja Job jetzt. Doch praktisch. Dauert auch eine weile, so eine Projekt. Könnten ja uns alle dort auch in die leere Baraken ubernachten lassen.“ (S. 32)

Auf den Zusammenhang zwischen Konzentrationslagern und Asylbewerberheimen als sozialdemokratische Form desselben hat meines Wissens Leo Fischer einmal hingewiesen (den Artikel finde ich leider nicht mehr, wäre für den Link dankbar!), dass es zudem handfeste Pläne gab, Asylbewerber genau so wie hier beschrieben unterzubringen, findet jeder ganz leicht über Google selbst (Beispiele: hier und hier). Die Identität einer Minderheit verschwimmt mit der einer anderen, chronologisch späteren.

Überhaupt stellt der Roman auch die Frage nach dem heutigen Verhältnis von Juden und Deutschen zueinander: Nicht nur, wenn der Erzähler fragt, ob ein Jude im Jüdischen Museum Teil der Ausstellung ist, sondern auch dann, wenn sich das Publikum der Akademie in einen wütenden, den Erzähler bzw. Vortragenden angreifenden und verfolgenden Mob verwandelt, weil dieser von einer jüdischen Investmentfirma erzählt – einfach nur erzählt, als Teil einer größeren Erzählung – und ihm deshalb Antisemitismus vorgeworfen wird. Insbesondere aber auch dort, wo der Erzähler, der ein Medaillon mit Mose darauf um den Hals trägt, nach seiner Religion gefragt wird und ihm in diesem Zusammenhang jede mögliche Religion vorgeschlagen wird, nur nicht das Judentum:

„Erstaunlich war das. Faszinierend. Als ob der Endlösung seine totaler Erfolg erreicht hatte. Wie sagt man auf Deutsch. Etwas so tief verdrängt. So total abwesend. So total nicht da und deswegen auch so stark präsent.“ (S. 119)

Als der Erzähler dann sagt, dass der Jude sei – „Das Wort. Der nur auf Deutsch so klingelt. Auf keine andere Sprache klingt das so.“ (S. 120) – erschreckt sein Gegenüber. Tomer Gardi schafft es mit diesen kleinen, quasi nebenbei eingestreuten Bemerkungen die Frage nach dem heutigen Antisemitismus schmerzhafter aufzuwerfen als Mirna Funk, die sich in „Winternähe“ einen ganzen Roman lang damit abmüht.

Auf dem Medaillon, das der Erzähler um den Hals trägt, ist übrigens Mose wie so oft mit Hörnern dargestellt, was – wie der Erzähler auch erklärt – auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen ist: Bei der Übersetzung des Alten Testaments ins Lateinische für die Vulgata-Bibel wurde das entsprechende hebräische Verb mit dem lateinischen „cornuta“ (gehörnt) statt mit „coronata“ (strahlend) übersetzt. Seither wird Mose häufig mit Hörnern dargestellt – Grund dafür ist die Migration einer Religion und, wenn man so will, Broken Latin. Während dieser sprachliche Fehler aber kanonisiert wurde und einfach zum Kulturgut wurde, will der ein oder andere Bachmannpreis-Juror „Broken German“ gerne absprechen, zur Kultur zu gehören.

Sprache und Migration

Dabei gehören beide zur Kultur: Der Roman und seine Sprache. Und Sprache ist für den Roman ganz zentral, auch wenn sich der Erzähler dagegen vorgeblich wehrt:

„Geschichten sind aus Sprache gemacht. Gut. Muss aber Sprache das Thema jeder Geschichten sein? Muss Sprache das Thema jeder meine Geschichte sein? Bin ich wegen meine Sprache für immer verurteilt Sprache als Schwerpunkt mein Prosa zu haben?“ (S. 15)

Ja, wenn das Buch schon so heißt und die Sprache dann so offensichtlich eine ganz eigene Kunstsprache ist, dann wird der Erzähler wohl damit leben müssen, dass die Sprache in Zentrum der Irritationen und damit des Nachdenkens steht. Und zum Nachdenken über Sprache regt der Erzähler auch permanent an: Fast auf jeder Seite fragt er sich bzw. den Leser „Wie sagt man auf Deutsch“, wodurch der Leser eben darüber nachdenkt, wie man eigentlich auf Deutsch dazu sagen könnte. Der Roman ist eine Reflexion über das Auswandern in eine andere Sprache, und der Erzähler vergleicht mit gutem Grund die Fremdsprache mit einem Hotel, in dem man in den vielen, an ungewohnten Stellen angebrachten Spiegeln unbekannte Reflexionen von sich selbst entdecken kann: In einer Fremdsprache entdeckt man anderes an sich selbst. Und indem Gardi bzw. sein Erzähler Sprache so verwenden, wie sie es tun, entdeckt auch der Leser neue Seiten an der deutschen Sprache.

Der Erzähler bezeichnet sich selbst als einen Fremdarbeiter in der Prosa einer fremden Sprache, er gibt ganz offen zu, die Sprachregeln entweder nicht zu kennen oder nicht zu akzeptieren und er beklagt (übrigens in einer sehr schönen Passage!) die begrenzte Ausdrucksfähigkeit der Sprache, die nicht in der Lage ist, große Schönheit zu beschreiben. Nun könnte der ein oder andere Skeptiker natürlich einwerfen: Kein Wunder, dass er sich nur begrenzt ausdrücken kann, mit seiner begrenzten, falschen Sprache. Aber das wäre eben viel zu kurz gedacht und ignorant: Gardis Sprache hat einen eigenen Rhythmus, eine eigene Melodie, und das weiß er auch:

„Die Wörter. Die Sprache. Durch die Jahren der Ton. Das Gedicht hat keinen Grund. Aber ein Untergrund schon.“ (S. 94)

Gardis Sprache ist ästhetisch und sie ist bewusstes Gestaltungsmittel. Wie präzise er Sprache verfremdet einsetzt und neu beleuchtet, wird deutlich, wenn er darauf hinweist, dass das deutsche Wort „Entschuldigung“ immer mit „Schuld“ verbunden bleibt, weil es sie enthält, oder in den nahezu lyrischen Passagen des Romans wie:

„Und ich werf es dir vor Kind. Ich werf es dir nach. Babylonische Licht, babylonische Schatten. Stimmt das auf Deutsch Schatten kein Plural hat?

Ich werf keinen Schatt.“ (S. 93)

Während in der deutschen Sprachwissenschaft bereits zumindest als These angekommen ist, dass es eben nicht nur Hochdeutsch und altbekannte regionale Dialekte gibt, sondern eben auch Kiezdeutsch, einen durch Migration mitgeprägten Dialekt, der eine eigene und nicht einfach nur eine defizitäre Grammatik hat, tut sich der Literaturbetrieb wohl – obwohl Gardi ja nicht als erster eine solche Kunstsprache nutzt – schwer mit einem „fehlerhaften“ Deutsch. Wer einmal einen Moment den borniert-korrigierenden Blick auf Kiezdeutsch ablegt, hört, dass das eine Sprache mit einer ganz anderen Rhythmik, Dynamik und Ausdruckskraft ist, die von Deutschen wohl eher als aggressiver wahrgenommen wird, die man aber auch einfach als schneller, lebendiger bezeichnen könnte. Kiezdeutsch ist die Reaktion auf Migration, Sprache ist lebendig und verändert sich, um sich neuen Gegebenheiten anzupassen, wenn man sie konservieren will, bekommt man etwas, das ist wie Latein: Sehr systematisch, sehr ordentlich und sehr tot.

Und genauso hat die Sprache Gardis eine eigene Rhythmik, eine eigene Dynamik, Ästhetik und Lebendigkeit: Alles, was konserviert wird, was aufgenommen wird und in seiner momentanen Verfassung festgehalten wird, verändert sich nicht mehr und lebt nicht mehr.

„Nicht mit ein Sense. Mit ein Aufnahmegerät kommt er her. Mit ein Aufnahmegerät kommt der Sensemann, sagt meine Mutter und lacht.“ (S. 91)

Im Erzählen selbst steckt das Leben, lässt den Zuhörer am Leben teilhaben – so zum Beispiel, wenn eine Frau von ihren verstorbenen Brüdern erzählt, und der Erzähler eben kein aufgeschriebenes, feststehendes Gebet aus einem Buch vorlesen will, sondern lieber zuhören und so am Leben der Menschen teilhaben will. Und in der eigenen Sprache steckt das Besondere des Erzählers:

„Noch was ist dein Deutsch. Es wird immer besser. Von erste zum zweite zum dritte Kapitel wird besser. Mit jeder Kapitel zerstörst du so deine eigene Prosa. Verlierst deine gebrochene Schatz. Schreibt so weiter und bald bist du vollkommen und klagloss und ganz und kaputt.“ (S. 37)

Die Sprache von Gardi hat eben einen bestimmten Ton. Und sie ist babylonisch und lebendig. Und so steht am Ende des Romans das Bild des Call Centers als paradiesisches Babylon, in dem alle Sprachen der Welt, die dort zu hören sind, in einem lebendigen Fluss zusammenfließen. Es tut mir wirklich leid um jeden, der sich darauf nicht einlassen kann, denn „Broken German“ ist ein fantastischer (und übrigens auch witziger) Roman – und die Jurydiskussion beim Bachmannpreis hätte als Szene ohne Weiteres in den Roman gepasst.

Es ist sehr schade, dass dieser Roman so wenig besprochen wird – auch auf Blogs finde ich dazu praktisch nichts, in den großen Feuilletons habe ich nur wenig, aber wenigstens eine Besprechung von Klaus Kastberger gefunden, der Gardi ja auch zum Bachmannpreis eingeladen hatte. Wesentlich unterinteressantere, weniger experimentelle und weniger mutige Romane werden überall hoch- und runterbesprochen. Im Literarischen Quartett verwendet man lieber ein Viertel der Sendezeit auf einen Roman von Ferrante, der nicht nur überall bereits besprochen wird, sondern den eigentlich auch keiner der Teilnehmer des Quartetts mochte (lustig, dass gerade Biller den Roman anschleppte, warf er doch, als Juli Zehs „Unter Leuten“ vorgestellt wurde, Weidermann vor, dass dieses Buch, das ohnehin schon allgegenwärtig sei, jetzt noch mehr Aufmerksamkeit bekomme). Ich verstehe diese Form der Aufmerksamkeitsökonomie ja nicht. Ein Schelm, der vermutet, dass der Roman auch deswegen so wenig Aufmerksamkeit bekommt, weil er genau der Schicht gegen das Schienbein tritt, die den Literaturmarkt dominiert: Dem deutschen Bildungsbürgertum. Wie dem auch sei: Das Buch von Gardi ist mit 140 Seiten recht kurz, es ist entgegen eventuell vorhandener Vorurteile gut zu verstehen und zu lesen, sehr unterhaltsam und gar nicht dumm und sollte unbedingt auch gelesen werden.

Bachtyar Ali – Der letzte Granatapfel

Wenn ich mich recht entsinne, steht iBachtyar Granatapfelm Koran, dass die Rechtgläubigen nach ihrem Tod in einem Garten sein werden, in dem Bäche fließen und unter anderem Granatapfelbäume stehen – einen Abglanz dieser allerletzten, paradiesischen Granatapfelbäume finden die Figuren in dem „letzten Granatapfelbaum“, wie sie ihn nennen, einem Granatapfelbaum, der fern von der Zivilisation auf einem Berg – in der religiösen Symbolik oft ein göttlicher Ort – in paradiesischer Schönheit und Abgeschiedenheit steht. Dieser Ort und dieser Baum sind Vorgeschmack auf das Paradies, auf eine bessere Welt und dadurch auch Ort und Baum der Erkenntnis: Hier, unter diesem Baum, kommen die Figuren des Romans auf Ideen für ein besseres Zusammenleben und für ihren weiteren Lebensweg. Hier werden Versprechen unter Freunden niedergelegt, hier finden Kranke Frieden. Darüber hinaus steht der Granatapfel in vielen Kulturen für Furchtbarkeit und Leben, weil er so viele Kerne hat. Und auch das passt zum Roman „Der letzte Granatapfel“, denn hier verbinden drei gläserne Granatäpfel die Leben dreier Jungen miteinander, die irgendwie doch nur einer sind, da am Ende die Erkenntnis steht, dass alle Menschen miteinander verbunden sind: Die vielen Kerne des Granatapfels stehen für die vielen Menschen, die zusammen aber ein Granatapfel sind. Oder so ähnlich.

Der letzte Granatapfel“ von Bachtyar Ali ist eigentlich schon 2002 erschienen, allerdings auf Sorani. Bachtyar Ali ist Kurde und lebt zwar seit geraumer Zeit als Schriftsteller in Deutschland, ist hierzulande aber bisher praktisch unbekannt gewesen, da er eben nicht auf Deutsch, sondern in einer der kurdischen Sprachen, die im Irak gesprochen werden, eben auf Sorani, schreibt. Auch hier – wie in Varatharajahs „Vor der Zunahme der Zeichen“ – sind Sprache und Tod verbunden: Nicht nur, dass Sorani zu sprechen vermutlich in einigen Regionen der Welt lebensgefährlich sein kann, gerade deswegen ist die Sprache eben auch in gewissem Maße vom Tod bedroht. Dagegen schreibt Bachtyar Ali an, und glücklicherweise ist nun einer der Romane auch auf Deutsch erschienen, die unter denen, die Sorani beherrschen, wohl schon länger bekannt sind. Dass es so lange gedauert hat und so schwierig war, einen Roman von Ali zu übersetzen, liegt wohl daran, dass es praktisch keine Übersetzer für Sorani gibt. Umso schöner, dass es nun geklappt hat, denn „Der letzte Granatapfel“ ist ein großartiges, zutiefst humanes, unbedingt wichtiges Buch und ganz große Weltliteratur, man entschuldige bitte meinen Ausflug in das Bildungsbürgervokabular, andere Floskeln fallen mir nicht ein, um zu umschreiben, was ich meine.

Ali bedient sich der Erzählstrategien mündlichen Erzählens und zahlreicher Bilder und Motive aus der orientalischen Kultur, wie ich vermute, denn grundsätzlich hatte ich das Gefühl, immer wieder Bilder und Anspielungen nicht ganz zu verstehen, und der Roman ist in seiner ganzen Sprache und Art zu erzählen sehr weit weg von lakonisch erzählten Mittelstandsproblemen der deutschen Literatur. Man braucht deswegen schon recht lange, um sich an Sprache und Erzählstil zu gewöhnen, aber das lohnt sich.

Der Erzähler ist ein älterer Herr, Muzafari, der auf einem Flüchtlingsboot auf dem Weg nach England irgendwo orientierungslos im Meer treibt und seinen Mitreisenden davon erzählt, wie er nach 21 Jahren Gefangenschaft, während der er von dem Anführer der kurdischen Revolution, Jakobi Snauber, für tot und zum Märtyrer des Revolution erklärt wurde, freigelassen worden ist und sich auf den Weg gemacht hat, um seinen Sohn Saryasi zu finden. Er hat Saryasi mehr oder weniger gefunden – letztlich findet er gleich drei Jungen diesen Namens. Welcher sein leiblicher Sohn ist, ist nicht nur ungewiss, sondern auch zunehmend unwichtig.

Das Umhertreiben auf dem Wasser spielt dabei immer wieder eine wichtige Rolle: Nicht nur Muzafari selbst treibt orientierungslos auf dem Meer herum, auch davor wird das Leben immer wieder mit einer Flut vergleichen, die den Menschen erfasst und mit sich reißt.

„Ist nicht jede Geschichte ein kleiner Bach, der in einen See fließt und am Ende als Fluss mit Tausenden anderer Geschichten in den Ozean mündet?“ (S. 277)

Geheimnis und Wahrheit

So verhält es sich vor allem mit einem Freund der Saryasis, Mohamadi Glasherz, den die Flut oder eben das Leben quasi ins Verderben stürzt. Mohamadi heißt deswegen „Glasherz“, weil er ein zerbrechliches, reines Herz hat, das wie Glas ist. Sein Wunsch ist es, in einer Welt voller Geheimnisse, Heimlichkeiten, Intrigen und Lügen alle Geheimnisse auf der Welt aufzudecken, alles durchsichtig wie Glas zu machen, denn wie später eine andere Figur sagen wird:

„Wo es viele Geheimnisse gibt, gibt es auch viel Hass.“ (S. 187)

Allerdings haben die Machthabenden eine ganz andere Sichtweise auf „Geheimnisse“: Jakobi Snauber weist in einer ausführlichen Diskussion mit Muzafari darauf hin, dass es gerade Geheimnisse seien, die den Frieden erhalten können. Natürlich entgegen aller Erfahrung, denn in dem Land voller Geheimnisse herrschen Krieg und Elend. Aber auch Mohamadi ist mit seinem Weg wenig erfolgreich: Er stirbt an gebrochenem Herzen – ein Herz aus Glas hält der Welt nicht Stand. Beide Perspektiven sind falsch und damit eins. Das ist eigentlich die grundlegende Erkenntnis des Romans: Alles ist eins, alle Perspektiven sind nur zwei Seiten derselben Medaille, letztlich führt jeder Weg zum identischen Ergebnis, weil alle Dinge zusammenhängen.

Krieg und Menschlichkeit

Mohamadi Glasherz wird von der Flut zu den zwei weißen Schwestern gespült, in eine davon verliebt er sich – leider wird die Liebe aber nicht erwidert. Er stirbt während des Krieges nicht am Krieg, sondern an der Liebe, und dieser Tod ist ihm lieber als der Tod durch den Krieg. Aber: Auch die Reinheit, die Unschuld rettet die Menschen hier nicht vor dem Tod – und leider rettet ihre Unschuld vor allem nicht einmal die Kinder. Der Name „Saryasi“ steht im Laufe des Romans symbolisch für alle Kinder des Krieges, die ohne Familie allein durchkommen müssen oder die in anderer Weise Opfer des Krieges wurden – alle diese Kinder sind identisch, sie teilen ein Schicksal. Nicht zuletzt ist „Der letzte Granatapfel“ ein Roman gegen den Krieg, der unabhängig von seinem Anlass nur Leid schafft, und dazu führt, dass Menschen, die Brüder sein sollten, einander töten.

„Ja, wir sind Brüder. Alle in Elend lebenden Menschen dieser Welt sind Brüder.“ (S. 210)

Klingt kommunistisch, ist aber nicht kommunistisch. Es geht nicht um den Klassenkampf der Unterdrückten. Es geht vielmehr um die Frage, wie Menschen besser miteinander leben können oder wie sie eigentlich miteinander leben sollten. Und die Antwort des Romans ist: In Verständnis, in umfassender Geschwisterlichkeit. Für dieses paradiesische Ideal steht der Berg mit dem letzten Granatapfelbaum:

„Die Erde versank im Blut, aber für sie öffnete sich eine Zaubertür. Eine Tür in eine imaginäre Welt, in der Mensch und Erde bis zum Tode befreundet und vereint bleiben.“ (S. 126)

Teil an der inneren Unschuld der Kinder hätten gern die Machthaber, die eben diese Reinheit auf ihrem Weg zur Macht verloren haben, so will Jakobi Snauber, nachdem er alle Macht und alle weltlichen Genüsse bereits erlangt hat, „auch über Reinheit, Schönheit und Weisheit gebieten“ (S. 57). Und obwohl das aller Logik widerspricht, da Jakobi völlig gegensätzliche, unmenschliche Prinzipien vertritt und entgegen jeder Menschlichkeit gehandelt hat, erkennt Muzafari schließlich, dass auch Jakobi Teil der einen Menschheit, der einen Bruderschaft der Menschen ist:

„Als ich ihn umarmte, war es, als würde ich in Wirklichkeit mich selbst umarmen. Ich hielt für einen Augenblick inne. Ich schloss die Augen, und wie ein Blitz durchzuckte mich ein gefährlicher Gedanke: Jenes Leben in Abgeschiedenheit, das er sich wünscht, war nichts anderes als ein neuer, zusätzlicher Schwur, den wir hätten besiegeln müssen. Ein Traum wie die anderen großen Träume unter dem Granatapfelbaum. Er und ich, wir waren eine Person, die geteilt worden war. So wie die Saryasis eine Person waren und geteilt worden waren. War das möglich? Er mit so viel Furcht einflößender Macht, und ich, ein gebrochener Mann! Wie konnten zwei solche Hälften vereint werden? Gemeinsam waren wir ein zerbrochenes Wesen, ein zerbrochener Vater“ (S. 325)

Der Gedanke ist „gefährlich“, wie es hier heißt, weil er alle Gewohnheiten umstößt: Er setzt die Utopie gegenseitigen Verständnisses und umfassender Menschlichkeit radikal um, indem hier einer, dem Unrecht widerfuhr, in dem, der ihm das Unrecht zufügte, sich selbst erkennt.

Und das mag abgedroschen klingen, wenn ich das hier so darstelle. Aber das ist ein großer Roman mit einer großen Idee, der unglaubliches Leid beschreibt und nach einer Lösung dafür sucht – wenn er diese Lösung auch von Anfang an als paradiesische Lösung kennzeichnet, womit die Umsetzbarkeit dieser Lösung von Anfang an wenig realistisch ist. „Der letzte Granatapfel“ belehrt nicht, er gibt keine einfache Lösung vor, sondern er sucht nach Wegen und ist dabei offen und widersprüchlich und ein bisschen verwirrend. Wie schön, dass man diesen Roman jetzt auch lesen kann, wenn man kein Sorani beherrscht, denn dieser Roman enthält Gedanken und Fragen, die eben nicht überholt oder abgedroschen sind, und die es wert sind, dass sie in genau der Ernsthaftigkeit diskutiert werden, wie es in diesem Buch der Fall ist. Ganz ohne Ironie und Lakonie, die solche Gedanken gleich zu Hirnfürzen naiver Alt-Hippies machen, wie es vielleicht in der deutschen Literatur der einen Autorin oder des anderen Autors der Fall wäre. „Der letzte Granatapfel“ ist ein sehr schöner Roman, aber kein leicht zu lesender.

(Am Rande gibt es übrigens noch zahlreiche andere Romanelemente, die interessant dargestellt sind, so zum Beispiel hier das Verhalten einer ausländischen Hilfsorganisation, die sich nicht nur den Kindern gegenüber auch recht unmenschlich verhält, indem sie sie zum Forschungsobjekt verdinglicht, sondern die auch dazu beiträgt, dass das Leid, das den Kindern angetan wurde, von der Bevölkerung ausgeblendet werden kann, weil die Kinder hinter Krankenhausmauern versteckt und damit unsichtbar sind. Auch die ländlichen Moralvorstellungen kommen nicht ganz ungeschoren weg: Eines der Kinder ist in dieser Klinik, weil es angezündet wurde, als es neben einem Mädchen auf einem Feld einschlief, wobei das Mädchen völlig verbrannte.)

An African City

Eine junge Frau, die jahrelang in Amerika gearbeitet hat, kehrt zurück nach Ghana, um dort zu arbeiten und um dort ihre große Liebe wiederzusehen. Zurück in Ghana trifft sie sich regelmäßig mit ihren Freundinnen in Bars und Restaurants. Auch diese haben eine Zeit im Ausland verbracht und sind jetzt „back home“ – und sie reden über das, was ihnen in Ghana auffällt, über die Liebe, über Arbeit und über Sex. Wer sich jetzt an eine Mischung aus „Sex and the city“ und Adichies „Americanah“ oder Selasis „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ erinnert fühlt, liegt damit wohl genau richtig, denn genau das soll die Webserie „An African City“ auch sein: „Sex and the city“ für kosmopolitische Afrikanerinnen. Die Serie ist merkbar eine low-budget-Produktion, aber trotzdem ist es sehenswert, wenn hier über Korruption, Gleichberechtigung, Schönheitsideale und AIDS, um nur einige der Themen zu nennen, gesprochen wird. Und sowohl Selasis als auch Adichies Roman kommen auch tatsächlich in der Serie vor, wenn Figuren der Serie eben genau diese Bücher in der Hand halten und sie lesen („Ghana must go“ sieht man in Episode 3, „Americanah“ in Episode 7).

Und es ist doch interessant, wie hier kulturelle Repräsentation in Literatur und dann im Netz dazu beitragen, dass eine Gruppierung global sichtbar wird. Das sind Dinge, die auch Literatur bewirken kann, wenn sie eben eine Form ist, in der Menschen von sich hören lassen können.

Natürlich gibt es aber auch berechtigte Kritik nicht nur an dieser Serie, sondern auch an den Büchern, die Autoren wie Adichie, Selasi oder Cole schreiben: Sie repräsentieren eben nur die Teile Afrikas, die es sich überhaupt leisten können, ins Ausland zu gehen, zu studieren, Bücher zu schreiben und zurückzukehren, und also: Die Oberschicht. Die Art und Weise, wie Afrika dargestellt wird – und das wird gerade in der Serie mit ihren Überspitzungen deutlich – ist eben eine sehr westliche: Man findet alle Klischees, die man als in den westlichen Industrienationen sozialisierter Mensch eben so von Afrika haben kann und es wird all das kritisiert, was aus westlicher Sicht so zu kritisieren wäre, eine andere Sicht wird nicht dargestellt. Afrikanische Blogs kritisieren daher wohl auch zurecht, dass Afrika hier zu genau dem Klischee verkommt, das der Westen von ihm haben will, dass eben stärker afrikanisch geprägte Kultur und Sichtweisen nicht zum Ausdruck kommen und eben nur die Probleme der afrikanischen Oberschicht zum Ausdruck kommen, nicht die der Unterschicht – diese wird nur durch den Blick der Oberschicht repräsentiert.

Das ist natürlich alles bestimmt richtig und man sollte es im Kopf haben, wenn man Bücher von den genannten Autoren liest oder diese Serie ansieht – aber wer wäre ich, Afrikanerinnen vorzuwerfen, sie wären nicht afrikanisch genug. Und trotz der Kritik sind die genannten Bücher und solche Serien doch ein Schritt, um einen Kontinent, der vom Westen mitunter noch mit Klischees assoziiert wird, die eher der Kolonialzeit entstammen, in einem anderen Licht zu sehen, denke ich. Insofern: Schaut euch diese wirklich ganz kurzweilige Serie ruhig mal an, gerade dann, wenn ihr Bücher von Adichie, Selasi oder Cole lest.

Und zur Serie geht es hier: http://www.anafricancity.tv/

Buchblogger und „Demokratisierung“

Seit Menschen sich im Internet über die Bücher äußern, die sie gelesen oder meinetwegen auch nur gekauft haben, gibt es auch diese Debatte, vorwiegend geführt zwischen dem etablierten Medium der sog. Literaturvermittlung, also dem Feuilleton, und den Buchbloggern. Für gewöhnlich sind die Vorwürfe des Feuilleton immer wieder ähnlich: Buchblogger haben kein Fachwissen, sie urteilen rein subjektiv, sie können kein Deutsch (im Sinne von: inkorrekter Verwendung von Interpunktion oder Fehlern bei der Orthographie oder aber fehlenden „n“s). Gerne, gerade bei Oliver Jungen, werden sexistische Klischees bemüht, wenn er durchaus in abwertendem Tonfall sinngemäß schreibt: Das sind vor allem Frauen und die lesen nur gefühligen Quatsch (so beispielsweise in dem FAZ-Artikel „Wie ensteht ein Mega-Bestseller? Heißkalte Küsse: Verlage umwerben Buchblogger mit einer „Litblog Convention“ in Köln“ vom 6.6.2016).[Nachtrag unten, Fußnote 1] Die Debatte, die geführt wird, wird natürlich von den betreffenden Journalisten, ob sie das nun offen sagen wollen oder nicht, nicht geführt, um die Kultur des Abendlandes zu retten, denn vermutlich wissen Literaturkritiker auch selbst, dass die Kultur des Abendlandes nicht sie braucht, sondern dass sie die Kultur des Abendlandes brauchen, um zu überleben. Jahrhundertelang ist die Literatur recht gut ohne professionelle Kritiker ausgekommen, es ist anzunehmen, dass auch heute gute und schlechte Texte geschrieben würden, wenn es keine Kritiker gäbe, und am Ende würde sich – wie früher auch – erst im Urteil der folgenden Jahrzehnte und Jahrhunderte irgendwie entscheiden, welcher Text überzeitlich relevant und ästhetisch ist und welcher nicht. In dieser Debatte geht es selbstverständlich in erster Linie um Deutungshoheit, und also um Macht. Was da ja eigentlich kommuniziert wird – und das ist auch etwas, das durch unser Schulsystem kommuniziert wird –, ist: Du darfst erst eine Meinung zu Literatur haben, wenn du das studiert hast, wenn du durch die richtigen Sprachspiele dein ja immer subjektives Urteil als objektiv ausgeben und vor allem: Wenn du dich sprachlich fehlerfrei ausdrücken kannst, und das nicht nur im Sinne von „gepflegtes, gut lesbares, verständliches Deutsch“, sondern im Sinne von „selbst der größte Erbsenzähler findet da keinen Kommafehler mehr“, wobei so getan wird, als würden Journalisten, auch großer Zeitungen wie der SZ, so ein wahnsinnig tolles Deutsch schreiben. Es geht um die Frage: Wer darf festlegen, was kulturell wichtig ist und wer nicht. Und es tut mir leid, wenn ich jetzt auf einen schon beinahe platten Topos zurückgreifen muss: Natürlich wird diese Machtposition vorwiegend von weißen Männern verteidigt, die Zahl der People of Color im Bereich der professionellen Literaturkritik in Deutschland ist verschwindend gering, natürlich gibt es einige Frauen, zumindest aber dann wenn man den Fernseher anschaltet, um Literatursendungen zu sehen, beschränkt sich die Zahl der Frauen, die da vorkommen, auf ein sehr überschaubares Grüppchen, das man an einer Hand abzählen kann, und das mitunter ja durchaus geschlechtsstereotyp ausgewählt (Frau Westermann) und von männlichen Kollegen angegriffen wird (Frau Löffler), was bei den Zuschauern ja weniger zu einem Aufschrei führt, als zu einem ins-Fäustchen-Lachen mit dem Gedanken: „Höhöhö, der traut sich was, der Reich-Ranicki/der Biller.“ Keinem von beiden schadet ja ihr Verhalten nachhaltig, obwohl sie sich mitunter hochgradig unsachlich verhalten, werden sie als sachliche Kritiker ernstgenommen. Was es für die Ernstnahme weiblicher Stimmen im Literaturbetrieb bedeutet, wenn im Literarischen Quartett in seiner derzeitigen Besetzung eine Frau nahezu systematisch vorgeführt wird, liegt ja auch auf der Hand, da wird ja auch das Gefühl vermittelt: Die Männer können sachlich über Literatur reden, die Frau kann das nicht. Versteht mich nicht falsch: Ich finde das Literarische Quartett großartig und sehr witzig, aber unproblematisch ist das eben nicht.

Natürlich ist die Buchbloggerszene empört ob der Angriffe durch den Feuilleton, sie fühlt sich missverstanden, verständlicherweise aber auch ausgegrenzt, denn genau das ist ja eigentlich auch das Ziel. Vor allem bloggende Frauen, aber natürlich auch Männer, reagieren nahezu nach Lehrbuch frauentypisch mit einem bescheiden-beleidigten: „Ich will ja auch gar kein Literaturkritiker sein“. Warum eigentlich nicht? Weil man so lange eingeredet bekommen hat, dass die eigene Stimme es nicht wert ist, gehört zu werden, dass man es jetzt glaubt? Ist „Literaturkritiker“ ein geschützter Begriff, den man erst führen darf, wenn man dafür bezahlt wird? Ich kenne schon Buchblogs von Frauen (Ergänzung: und natürlich auch von Männern), die dem Feuilleton eben inhaltlich in Nichts nachstehen. Andere, und pardon, es sind meinem Eindruck nach eher bloggende Männer, reagieren dagegen mit: „Ich finde, man sollte zwischen Buchbloggern und Literaturbloggern unterscheiden, ich will auch nicht mit diesen young-adult-lesenden Mädchen mit ihren rosa Blogs in einen Topf geworfen werden.“ Besonders drollig ist es auch, wenn Blogger Statistiken zum Leseverhalten erheben, die dann, erneut meinem Eindruck nach vor allem von Männern mit dem Hinweis darauf geteilt werden, dass ja mehr Männer als Frauen Klassiker lesen. Ein Schelm, der da nicht denkt, dass hier klassische Verhaltensmuster zur Machtverteilung aus der Gesamtgesellschaft und aus dem Feuilleton in die Bloggerszene übernommen werden. Ich bin nicht frei von diesen Mechanismen, ich weiß, dass ich einen Hang zum kulturellen Dünkel habe, versuche aber schon, mich da selbst zu hinterfragen (wobei Ausrutscher passieren), und möchte auch weiterhin versuchen, mir da in Zukunft auch an die eigene Nase zu fassen. Das bedeutet nicht, dass man alles toll finden muss, was andere machen. Esoterik und Engelchen werde ich weiterhin doof finden, nicht wegen kulturellem Dünkel, sondern weil ich eben mit Esoterik nichts anfangen kann. Auch Debatten um Qualität müssen weiterhin möglich sein. Auch die LeserInnen sog. „Unterhaltungsliteratur“ müssen mal aus ihrer „Das ist voll arrogant, dass du meinen Buchgeschmack nicht toll findest“-Ecke rauskommen, und halt einfach mal inhaltlich sagen können: Ich mag dieses und jenes Buch/Genre aus diesem und jenem Grund. Man muss diskutieren können, ohne dass eine Seite schon aus Prinzip eingeschnappt ist. Kritik, auch nicht-konstruktive Kritik, muss möglich sein. Aber eben nicht, wenn das Ziel dabei nur ist, die eigene Machtposition zu stärken, und nicht, wenn stereotype Argumentationsmuster bedient werden, deren einziger Zweck die Reproduktion von Ausgrenzung ist.

Die Bloggerszene hat aber all den Vorwürfen des Feuilletons natürlich etwas entgegenzusetzen, nämlich einen Begriff, den sie ihm wiederholt entgegenschmettert: Demokratisierung. Mich hat dieser Begriff lange verwirrt und er verwirrt mich noch, denn ich nehme die meisten Buchblogs nicht gerade als politisch wahnsinnig aktiv wahr. Aufmerken lässt es mich dann, wenn in einem heute erschienen Interview Felicitas von Lovenberg in ihrer Rolle als Verlegerin, nicht als Literaturkritikern, den Begriff „Demokratisierung“ verwendet, und zwar dann, wenn es um die Notwendigkeit neuer Wege geht, um Bücher zu verkaufen, nicht unbedingt wenn es darum geht, sie zu besprechen (hier ist die Literaturkritik dann eine Form von Buch-PR). Was meinen die also alle mit „Demokratisierung“? Grundsätzlich wohl so etwas wie: Jeder soll mitreden dürfen. Das ist richtig und wichtig und da hat sich gerade durch die Buchbloggerei einiges getan: Auch Genre-Literatur hat jetzt Plattformen, auf denen über sie diskutiert wird, Männer wie Frauen können sich gleichermaßen frei zu Literatur äußern, es gibt junge Buchblogger, es gibt alte Buchblogger, es gibt studierte Literaturwissenschaftler, es gibt Leute, die haben gar nicht studiert und äußern sich in ebenso lesenswerter Weise. Und vor lauter Freude über diese neugewonnene Vielfalt wird dann übersehen, dass zu „Demokratisierung“, denn das ist ein politischer Begriff, mehr gehören würde: Wenn ich mir die Buchblogger und Booktuber ansehe, dann sehe ich fast nur Weiße. Ich kenne viele People of Color, die viel lesen. Ich weiß von einigen, die politisch motivierte Blogs schreiben. Ich kenne kaum Buchblogger.

Der Verdacht liegt nahe, dass hier Mechanismen, die die Streiter der Hochkultur im Feuilleton vorgeben, bis in die Sphäre der Blogger fortwirken: Irgendetwas an der Art und Weise, wie über Literatur gesprochen und geschrieben wird, scheint dazu zu führen, dass sich einige nicht an diesem Gespräch beteiligen wollen. Und das finde ich sehr schade. Die amerikanische Booktuberin „mynameismarines“ hat dazu ein wie ich finde bedenkenswertes Video erstellt, von dem ich mir wünschen würde, dass es viel öfter angesehen und durchdacht worden wäre:

Wenn die Blogger es ernst meinen mit der „Demokratisierung“ und das nicht nur ein der Politik entlehnter Begriff zur Beschreibung neuer Vermarktungsstrategien sein soll, dann müssen wir doch auch über Literaturvermittlung nachdenken und darüber, wie wir Leuten, die offensichtlich beigebracht bekommen haben, dass sie sich nicht beteiligen dürfen, wenn es um deutsche Kultur geht, zeigen, dass wir ihre Stimmen gerne hören oder lesen würden.

Ich würde mir da – wie geschrieben – gerne in Zukunft auch gerne an die eigene Nase fassen. Und wenn jemand eine schlaue Idee dazu hat, wie man das anpacken kann, dann wäre ich darum sehr dankbar. Wenn es beim Bloggen um „Demokratisierung“ gehen soll, dann müsste man sich doch erst einmal überlegen, was dieser Begriff bedeutet – gesellschaftlich und politisch – und welche Ziele man damit verfolgt. Sonst ist dieser Begriff eine ziemlich leere Worthülse, die ohne inhaltliche Füllung und ohne Ziel lediglich als Blendgranate der Selbstrechtfertigung dient.

Widersprochen werden darf mir gerne in den Kommentaren, ich bin mir nämlich unsicher, ob das vielleicht ein dummer Beitrag ist oder einer, der nur Resultat meiner verzerrten Weltsicht ist. Vielleicht ist alles ganz anders.

[1] Nachtrag (4.8.’16, 21:47 Uhr) zu dem Artikel von Oliver Jungen und dem von mir ihm unterstellten Sexismus, das würde ich gerne noch mit einer Passage aus dem genannten Artikel belegen: „Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“ Um ehrlich zu sein habe ich eine dümmer-sexistische Passage noch selten in einer Zeitung wie der FAZ gelesen. Junge Frauen, so Oliver Jungen, lesen nur Müll, quatschen die ganze Zeit, schminken sich alle und wollen von Spaniern flachgelegt werden. Ich bin immer froh, wenn Männer mir erklären, wie Frauen eigentlich so sind.