Hier ist jetzt Schluss, weiter geht’s auf 54books

Wie ihr in diesem schönen Blogbeitrag auf 54books nachlesen könnt, gebe ich Kulturgeschwätz auf und schreibe in Zukunft auf 54books. Vielen Dank allen, die mir hier gefolgt sind, die irgendwie mit mir interagiert haben, ihr seid die schönsten und klügsten Menschen im ganzen Internet!

Der Blog hier bleibt aus Nostalgiegründen stehen, meine alten Beiträge werden aber nach und nach auf 54books neu veröffentlicht.

Ich würde mich freuen, wenn die eine oder der andere von euch auch weiterhin mein Geschreibe lesen würde, mit mir diskutieren würde, mir lustige Mails schreiben würde – dann sehen wir uns sehr gerne wieder auf 54books!

10 Gründe, warum „Air“ von Lukas Vering den Blogbuster 2017 gewinnen sollte.

blogbuster-logoDer Blogbuster-Preis 2017 neigt sich dem Ende zu, in ein paar Tagen – am 11.4. – wird die Shortlist bekannt gegeben. Um der Fachjury etwas die Entscheidung zu erleichtern, habe ich mal zehn gute Gründe zusammengestellt, die dafür sprechen, dass „Air“ von Lukas Vering gewinnen sollte:

  1. Der Roman schafft etwas, was nicht viele Romane schaffen: Er erzeugt eine – in diesem Fall beklemmende – Stimmung, die er auch bis zum Schluss aufrechterhält.
  2. In „Air“ geht es mindestens genauso sehr um uns und die Art, wie wir leben und wie wir unsere Welt gestalten, wie um die Figuren in dem Roman.
  3. Es ist ein Roman, der etwas zu sagen hat.
  4. Das Ende ist so gut!
  5. Wie in der Realität auch so sind auch in der Zukunft, die „Air“ entwirft, nicht alle Menschen heterosexuell. Diversity und so, ne.
  6. Die Nebenhandlungen beleuchten die Welt aus „Air“ nochmal aus anderen Blickwinkeln, und zeigen damit, dass man Dinge auch immer ganz anders sehen kann
  7. Lukas Vering hat eine wahnsinnig komplexe, in sich bis ins Detail stimmige Welt entworfen.
  8. Der Autor ist ein superguter Typ.
  9. Nach dem Lesen sieht man Luft anders.
  10. Last but not least: „Air“ mag auf den ersten Blick aussehen wie „schon wieder eine Dystopie“. Aber ich habe beim Lesen nicht das Gefühl gehabt, „schon wieder eine Dystopie“ zu lesen, die irgendwie austauschbar wäre. Ich erinnere mich noch Monate nachdem ich „Air“ gelesen habe an den Roman. Und das ist vielleicht das wichtigste.

Und dann gibt es noch einen weiteren wichtigen Grund: Wir haben als einzige einen formschönen Hashtag. #loveisintheAir

Fatma Aydemir – Ellbogen

Aydemir EllenbogenDieses Buch habe ich leider nicht verstanden. Ich bemühe mich ja wirklich, erst zu verstehen, worauf ein Roman raus will, um ihn dann danach zu beurteilen, aber hier: Keine Chance. Ich weiß nicht, welchen Anspruch die Autorin hier verfolgt, ich entnehme den Danksagungen am Ende des Romans, dass sie aufgrund ihrer Fragen einen Roman geschrieben hat, nicht weil sie Antworten hat. Dass es ihr darum gegangen wäre, Fragen aufzuwerfen, kann vielleicht der Grund für meine Verwirrung sein, und wenn das wirklich das Ziel war, dann ist das gelungen. Um ehrlich zu sein hatte ich aber leider eher den Eindruck, dass meine Verwirrung mehr daran lag, dass hier einiges nicht zu Ende gedacht worden ist.

„Ellbogen“ erzählt in drei Abschnitten von der jungen „Deutschtürkin“ Hazal aus Wedding, die in ihrem Leben vor allem die Erfahrung gemacht hat, wie ein Fußabstreifer behandelt zu werden – von Deutschen wie von ihrer Familie. Die Wut, die sich darüber in ihr anstaut, entlädt sich an ihrem 18. Geburtstag, nachdem sie mit zwei Freundinnen nicht in einen Club gelassen wurde, nachdem also wieder eine Tür vor ihr verschlossen und nicht geöffnet wurde. Ihre Wut trifft einen deutschen Studenten, von dem sie sich erniedrig fühlt. Hazal und ihre Freundinnen verprügeln ihn, Hazal stößt ihn aus dem Affekt auf die Gleise und daraufhin tut Hazal eigentlich für den Rest des Romans, und das dürften so ungefähr 2/3 des Romans sein, nur noch eins: Weglaufen. Erst vom Unfallort, dann nach Istanbul, dann von ihrem Freund, dann vor ihrer Tante, dann vor dem Putschversuch gegen Erdogan. Und da liegt dann auch mein Problem, das ich mit dem Roman habe.

Einblicke

Dabei ist vieles an „Ellbogen“ sehr gut gemacht, und da sieht man auch, dass Aydemir eine tolle Schriftstellerin wäre: Den ganzen zweiten Teil des Romans fand ich gut. Die Darstellung von Hazals Innenleben, ihrer Wut und der Gründe dafür, ihre Wahrnehmung einer Welt, die ihr keine Möglichkeiten lässt, sind fantastisch und ich bin froh, dass sowas mal so erzählt wurde. Man merkt auch, dass Aydemir ihre Figur mag, auch wenn diese Figur an einigen Punkten unsympathisch ist – damit kann Fatma Aydemir definitiv schon mal mehr als Juli Zeh.

Dass der Film „Gegen die Wand“, der im Roman auch erwähnt wird, ein Vorbild war, ist sehr deutlich: Hazal teilt mit Sibel aus diesem Film den Wunsch nach Freiheit, den Junkie-Mann, die Selbstmordversuche, die eigentlich nicht auf den Tod sondern das Leben abzielen, und Istanbul als Fluchtort. Da ist es bei einigem sehr offensichtlich, wo es herkommt, aber das macht ja nichts.

Vieles wurde auch sonst wahnsinnig gut beobachtet und erzählt, um nur ein paar Beispiele von sehr vielen zu nennen: Der sehr deutsche Umgang des Ladendetektivs mit Hazal, als diese beim Stehlen erwischt wurde, und er ihr mit Abschiebung droht – und wie sehr sie das trifft. Die Misogynie gerade auch von Frauen in einigen türkischen Communitys und misogyne Strukturen in der Türkei, wenn Hazals Großmutter den Vorwurf, dass ihr nur noch ein Penis fehle, um sie zum Mann zu machen, da sie so schlecht über Frauen spricht, als Kompliment sieht, oder wenn eine Frau in der Türkei ihren Mann, der sie verprügelt hat, irgendwann umgebracht hat, weil die Polizei ihr nie helfen wollte. Oder die Art und Weise wie auch in der Türkei von einigen (hier Gözde) weiße Haut als Schönheitsideal gesehen wird, das dunklerer Hautfarbe übergeordnet wird. Solche Dinge zu erzählen und ohne die Figur selbstmitleidig wirken zu lassen eben das zu erzählen, was das mit einer jungen Frau macht, das macht „Ellbogen“ zu einem wirklich lesenswerten Buch. Und ich hätte ja gerne eine Lobeshymne geschrieben, aber da ich – wie oben geschrieben habe – leider nicht verstanden habe, was die Autorin hier will, kann ich das Buch eben nur noch  an meinen Maßstäben messen, die aber eben dem Werk äußerliche sind.

Ausblicke

Bemerkenswert an „Ellbogen“ ist ja, dass Deutsche kaum vorkommen, obwohl es ja eben nicht nur Hazals Familie ist, die eine Ursache ihrer Wut ist, die sie erniedrigen und ihr die Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben nehmen, es sind ja insbesondere Strukturen der deutschen Gesellschaft, die sozialen Aufstieg für sie unmöglich machen. Das kommt aber eben nur am Rande vor: Hazal hat keinen Schulabschluss, weil die deutschen Lehrer alle rassistisch sind oder eben nicht ganz richtig im Kopf sind, so Hazal selbst und ihre Tante, Hazal konnte nicht Raumausstatterin werden, weil Deutsche nicht auf den Geschmack von Türken vertrauen. Das kommt vor, aber das sind eben nur einzelne Sätze am Rande, während die Schilderung des Familienlebens viel Platz einnimmt. Es ist nun nicht Aydemirs Schuld, dass ich glaube, dass deutsche Leser der post-Sarrazin-Zeit damit nicht alle werden vernünftig umgehen können, dass da einige das Buch zuschlagen und sich denken „Ach, Mensch, diese Türken, wie die aber auch mit ihren Frauen umgehen, kein Wunder, dass die so werden.“ Dafür kann Aydemir nichts, es ist auch nicht Aufgabe ihres Romans, das zu ändern, aber ich hätte es doch schön gefunden, wenn man es Lesern, die denken, Integration bedeute, dass die anderen sich anpassen, nicht so leicht gemacht hätte. Zumal sich das eben dadurch verschärft, dass eigentlich nur zwei Deutsche merklich auftreten: Der Ladendetektiv und der Student, der ermordet wird. Wer dann noch überlesen will, dass Hazal der Mord durchaus nicht egal ist und ihren Worten, dass ihr das egal sei, Glauben schenkt, kann hier seine xenophoben Klischees schon bestätigt finden. Will sagen: Der Roman spart für mein Empfinden die Verantwortung der deutschen Gesellschaft für Hazals Verhalten zu sehr aus, lässt dann aber einen Deutschen Opfer der Gewalt, die die Folge vor allem von Hazals Sozialisation ist, werden. Dafür kann Aydemir nichts, das ist auch nicht die Aufgabe von Kunst, aber: Das macht es halt deutschen Lesern sehr leicht, ihren Anteil an dem Problem nicht zu reflektieren, und das bestätigt auch Klischees, die eben nach wie vor virulent sind.

Und das Problem ist ja, dass diese Klischees nicht gebrochen werden, zumindest habe ich den Bruch nicht entdeckt. Hazal wirkt in einigen Punkten unsympathisch, ihre Familie wirkt unsympathisch – aber das ist ja hier für einige Leser sicher kein Bruch sondern im Gegenteil die Bestätigung des Klischees. Und das schreibe ich jetzt nicht, weil ich es witzig finde, sondern weil es für mich leider der Leseeindruck war: Der ganze erste Teil des Romans, der Hazals Leben in Wedding bis zum Mord an dem Studenten schildert, hat mich leider an diese Vorstellungs-Filmchen aus der Doku-Soap „Die Mädchengang“ erinnert, die vor ein paar Jahren auf RTL II lief. Ich will gar nicht bestreiten, dass die Realität halt oft ziemlich klischeehaft ist, aber: Wenn man nicht gerade ein Autor des Naturalismus ist, kann es nicht der Anspruch der Kunst sein, Klischees zu bestätigen, nur weil sie in der Realität auch vorkommen. (Mal abgesehen davon ist die Literatur des Naturalismus natürlich sehr sozialkritisch gewesen und hat auch eben nicht einfach Klischees stehen lassen.) Vor allem nicht in Post-Sarrazin-Pegida-Deutschland, vor allem nicht, wenn es auch so viele Familien gibt, in denen es nicht so ist, von denen dieses Buch aber vollständig schweigt. Ich wünsche dem Buch sehr viele sehr kluge Leser, aber wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin: Ich war doch auch bei einigen Lesungen von Autoren sog. „Migrationsliteratur“ und ich hatte nicht den Eindruck, dass das alles superkluge Leute sind, die ihre Privilegien reflektiert und ihre Klischees im Griff hätten. Da ist zwar viel guter Wille, aber wenig Selbstreflexion bei einigen, und ich weiß nicht, was diese Leute lesen, wenn sie das Buch lesen.

Wenn jedenfalls ein Spiegel-Rezensent in dem Buch „viel Wiedererkennbares aus dem Leben von Menschen mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten“ zu erkennen meint, dann weiß ich nicht, ob das nun etwas ist, was ihn und den Roman auszeichnet, aber es überrascht zumindest nicht. Aber: Dafür kann Aydemir nichts. Und es ist nicht die Aufgabe von Literatur, den Leuten die Klischees auszutreiben. Aber schön wäre es eben schon, wenn sie zumindest nicht bestätigt würden.

Laut Klappentext stellt sich „Fatma Aydemirs Debütroman eine große Frage: Was kann in dieser Welt aus einem Mädchen wie Hazal schon werden? Und gibt eine ebenso große Antwort: Alles.“ Die Frage habe ich in dem Roman schon gesehen, aber diese Antwort habe ich tatsächlich nirgendwo gelesen. Prinzipiell finde ich sehr gut, dass der Roman eben nicht damit endet, dass sich Hazal an irgendeine Gesellschaft – die deutsche oder die türkische – einfach anpasst, dass sie versucht, ihren eigenen Weg mit eigenen Entscheidungen zu gehen. Nur funktioniert eben das ja gar nicht, weil die Figur das ja gar nicht tut, denn sie bleibt den ganzen Roman über eine rein reagierende Figur, sie fällt gar keine eigenen, freien Entscheidungen. Sie läuft davon, sie übernimmt nicht die Konsequenzen für ihr Handeln, und die einzige Antwort, die der Text dafür anbietet, ist: Das liegt an ihrer Sozialisation. So macht der Text selbst die Protagonistin zum Opfer ihrer Verhältnisse und gibt ihr keine Möglichkeit, daraus zu entkommen. Der Leser kann dann zwischen einem paternalistisch-mitleidigem oder einem verachtendem oder einfach einem verwirrten Blick auf die Figur wählen. Ich habe mich für den letzteren Entschieden, und einfach mal angenommen, dass hier eben einfach nicht zu Ende gedacht wurde, was das bewirkt, wenn man die Figur eben immer nur reagieren lässt, wenn man sie lieber in ihrer großen Gefängniszelle Türkei, wie sie ihre Situation selbst an einer Stelle benennt, vor allem davonlaufen lässt, als sie sich selbst und damit auch ihre Sozialisationsbedingungen überwinden zu lassen. Wenn der Roman zeigen will, dass aus Hazal „alles“ werden kann, dann ist zumindest das wirklich nicht gelungen. Es ist doch kein Zeichen von Freiheit und Selbstständigkeit, dass sie sich den Konsequenzen ihres Handelns nicht stellt und stattdessen in der Türkei zu jobben anfängt, da die Ursachen für diese Entscheidung ja genau die sind, die in ihrem Inneren durch ihre Sozialisation bewirkt wurden. Der Grundsatz, dass eben Scham schlimmer als Angst sei, ist ja eine Folge der Art und Weise, wie sie aufgewachsen ist. Und darüber kommt sie nicht hinaus.

„Bei den ersten drei Zügen fühlt sich die Welt ganz flauschig an.“ (S. 266)

Und dann ist da auch noch dieser dritte Teil des Romans, mit dem es dann vollends dahin geht: Hier erlebt Hazal die Nacht des Putsches gegen Erdogan. Ohnehin scheitern auch an anderen Stellen die Versuche weitgehend, in den Roman Politik einzubeziehen, da Hazal als Figur das einfach nicht leisten kann, sie macht da auch selbst keinen Hehl daraus: Sie hat sich eben nie für Politik interessiert und versteht darum einiges gar nicht, anderes nur oberflächlich. Entsprechend versteht sie aber auch gar nicht, was während des Putsches vor sich geht – der Hintergrund hat einfach keine erkennbare Funktion für die Handlung, es wirkt so, als habe die Autorin hier noch schnell etwas ganz aktuelles einbeziehen wollen.

Zudem wirkt dieser Teil des Romans dann auch noch wirklich schlampig geschrieben: Der eigene Jargon, der von Aydemir für den Roman entwickelt wurde, funktioniert den Roman über weitestgehend. Da werden Mütter gefickt, Kartoffeln, Kanaken und Fluchtis unterschieden und „Opfer“ und „Muschis“ bemüht. Aber jetzt, im dritten Teil, sind manche Formulierungen einfach schlecht: Da fühlt sich die Welt „flauschig“ an und „das Wasser unter ihm glänzt, als hätte Gül ihr Glitzerpuder draufgekippt“ (S. 250). Und dann noch so abgedroschene Vergleiche wie „das hier so ist, als würde ich in einem Sarg Probe liegen“ (S. 268). Der dritte Teil des Romans, insbesondere die letzten 20 Seiten, sind entweder zu schnell geschrieben oder schlecht lektoriert worden, der Teil fällt aus dem Roman zu sehr raus und liest sich schlicht holprig. Das ist ziemlich schade, denn so ganz unwichtig wäre das Ende vermutlich nicht gewesen.

Wie geschrieben: Ich hätte das Buch gerne an seinen eigenen Maßstäben gemessen, dazu war ich aber leider nicht in der Lage, weil ich nicht weiß, worum es hier gehen soll. Deswegen tut es mir leid, wenn ich eher äußerliche Maßstäbe anlege, die der Sache vielleicht nicht gerecht werden. Fatma Aydemir ist eine tolle Schriftstellerin, ich würde ein Buch, für das sie sich wirklich Zeit gelassen hat und das dann auch ordentlich lektoriert wurde, sehr gerne lesen. Auch „Ellbogen“ kann man ruhig lesen, der mittlere Teil des Romans hat mir wirklich gut gefallen, ich finde – wie oben erwähnt – viele Sachen, die hier erzählt werden, wichtig und gut getroffen. Und ich bin mir sicher, dass der Roman besser ist als das, was einige Leser aus ihm vielleicht machen werden, und vor allem ist der Roman viel, viel besser als sein Klappentext: „Man will Hazal helfen, man will mir ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mir ihr und uns allen weitergeht.“

Aber dieser Klappentext ist eben verräterisch: Hazal wird hier zu einer hilfsbedürftigen Figur erklärt (wie oben gesagt: paternalistisch-mitleidiger Blick), der Figur wird zugemutet, dass sie irgendwas über „uns alle“ zu sagen hätte. Dabei ist sie als Figur eben nicht verallgemeinerbar für „die Frau mit Migrationshintergrund“. Ich bin mir fast sicher, dass Aydemir dieses Ergebnis nicht gewollt hat – was sie gewollt hat, weiß ich ja aber eben leider nicht. Aber es kommt schon nicht von ungefähr, dass der Verlag das auf das Buch schreibt. Der Text selbst macht Hazal zu etwas, was sie als Figur gar nicht sein will: zu einem „Opfer“.

Tijan Sila – Tierchen unlimited

Sila TierchenTijan Sila macht es mit seinem Debütroman „Tierchen unlimited“ der Leserschaft nicht ganz leicht. Er lässt seinen Erzähler im Teenageralter wegen des Bosnienkrieges aus Sarajevo nach Deutschland fliehen, wo er in Hassloch (wie gut dieser Name ist!) in der Pfalz und später in Heidelberg mit allerlei Problemen zu kämpfen hat. Das alles wird nicht chronologisch erzählt, sondern eher anekdotenhaft-assoziativ, es gibt keine Entwicklung des Protagonisten, dieser wurstelt sich viel mehr einfach immer irgendwie durch, und dann ist das Buch auch noch irgendwie witzig – also, wirklich „irgendwie“, denn das ist zum einen verstörend und zum anderen finde ich Bücher nie witzig, bei mir funktioniert Humor in Büchern einfach nicht, weil ich nämlich gar keinen Humor habe. Aber hier habe ich gelacht. Und mich gleich ein bisschen geschämt, denn: Das ist ja sog. „Migrationsliteratur“, da muss man traurig und betroffen sein, darf man da lachen?

Das Absurde und die Farce

Man muss es sogar, vor allem wenn das Lachen verstörend und nicht erleichternd ist, denn 2017 ist es wirklich allerhöchste Zeit, endlich damit aufzuhören, alle Autoren, die irgendwie biografisch selbst einen sog. Migrationshintergrund haben und dann auch noch irgendwelche Figuren migrieren lassen, in ein- und dieselbe Schublade zu packen, die man dann mitleidig-betroffen anschielt. Und „Tierchen unlimited“ ist deswegen so super, weil es alles kaputt macht: Betroffenheit, Schubladen, „Migrationsliteratur“. Und damit macht es das Buch dem Leser schwer, der erst Mal nicht weiß, was er mit diesem Schlamassel, dass das Buch so anrichtet, anfangen soll.

Dabei wird vermutlich nicht jeder den Humor des Romans lustig finden, weil der Roman natürlich eigentlich weder witzig noch lustig und vor allem – auch das macht es dem Leser schwer – nicht ironisch ist. Ironie könnte man ja noch verorten. Aber der Humor in „Tierchen unlimited“ ist eher grotesk und absurd. Und das zu Recht. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser, der als Jude vor den Nationalsozialisten fliehen musste, schreibt in seiner Autobiographie „Bodenlos“:

„Das Wort ‚absurd‘ bedeutet ursprünglich ‚bodenlos‘, im Sinne von ‚ohne Wurzel‘. Etwa wie eine Pflanze bodenlos ist, wenn man sie pflückt, um sie in eine Vase zu stellen. Blumen auf dem Frühstückstisch sind Beispiele absurden Lebens.“ (S. 9)

(Bitte jetzt keine Debatte um etymologische Wahrheiten, hier geht es um poetische Wahrheit, ihr Schlauschlümpfe.)

Der Verlust der „Heimat“ führt für Flusser zu einer absurden Existenz – und genauso absurd wird die Existenz des Erzählers in „Tierchen unlimited“, allerdings eben nicht erst mit der Flucht, sondern bereits in Sarajevo. „Heimat“ wäre ja missverstanden, wollte man darunter einfach nur einen Ort verstehen, Heimat geht schon dann verloren, wenn der Ort, der Heimat war, keine mehr ist, weil man dort nicht mehr sicher ist, wenn das, was vertraut war, eben entfremdet ist. Schon in Sarajevo wird das Leben absurd, wenn der Erzähler sich, während die Stadt beschossen wird, verstecken muss und dabei weniger Angst um sein Leben als vor der Bestrafung durch die Mutter hat. Das Alltägliche – das Zusammenleben mit der Mutter – wird aus dem Alltag herausgerissen, weil der Alltag selbst nicht mehr existiert, und so entsteht eine absurde Spannung zwischen dem Alltäglichen im Nicht-Alltäglichen. Sila bringt das ja auch in einem Bild auf den Punkt, das mit gutem Grund für den Titel des Romans Pate gestanden hat und das etwas weniger beschaulich ist als das Bild der Blumen auf dem Frühstückstisch:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie vier Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken. Menschen wachen in Sarajevo jeden Morgen mit dem Gedanken auf: ‚Lieber Gott, lass mich heute nicht sterben. Ich bin zu jung. Ich habe Besseres verdient.‘ Aber Tierchen haben keine Vorstellung vom Tod. In ihren Schädeln schwappt die Mischung aus Jetzt und Ewigkeit hin und her. Und kleine Gedanken wie: ‚Gnarf, Gnarf, geiler Katzenkadaver.‘“ (S. 27f.)

Der Verlust der Bäume und damit der Nester führt dazu, dass Eichhörnchen absurde Existenzen führen, sie leben als Ratten in der Kanalisation, sie sind von ihrer eigentlichen Lebensweise entfremdet. Und zu genau so einem Tierchen in Bomberjacke wird der Erzähler durch den Krieg, dann verstärkt noch einmal durch die Flucht nach Deutschland, die er für einen „Gehirnfurz“ (S. 155) seiner Eltern hält – wie ein Tierchen glaubt der Erzähler nicht, dass er in diesem Krieg sterben könnte, obwohl er zahlreiche Leichen gesehen hat, in seinem Kopf gibt es auch nur eine Mischung aus Jetzt und Ewigkeit und vielleicht noch Gedanken wie „Computerspiele“ oder „Comics“. Und diesen Zustand verlässt der Erzähler auch nicht mehr, er entwickelt sich einfach nicht weiter: Die Objekte seiner Begierde verändern sich, irgendwann werden teure Kleidung, eine Rolex und schöne Wohnungen interessant, zuvor weckt die Pubertät aber sein Interesse an Mädchen. Und er hat permanent das Gefühl, für alles, das er tut, schulde das Leben ihm einen Lohn, weswegen er sich in Sarajevo genauso wie in Deutschland eben das nimmt, was er möchte oder braucht. Der Tunnel, durch den er mit seiner Familie flieht, ist eben hier kein Symbol der Wiedergeburt, wie das in anderen literarischen Werken der Fall ist (z.B. im Herzog Ernst B, ja, Hallo, ich habe auch Mediävistik studiert, und ich habe meinen Studienabschluss schließlich nur gemacht, um im Internet schlau daherzureden), auch dieses Symbol wird also kaputtgemacht – die Migration steht eben nicht im Zentrum, weil sie letztlich gar nicht so viel an oder in der Figur verändert.

Und deswegen gibt es in diesem Roman keine Dramaturgie und keine Entwicklung. Und deswegen hat dieser Roman auch eben keine chronologische Struktur, sondern es werden assoziativ Anekdoten aneinandergereiht. Das ist nur konsequent, denn alles wiederholt sich und wird dabei nur noch immer absurder: Der Erzähler flieht ja nicht nur in Sarajevo, um sich vor Angriffen entweder feindlicher Soldaten oder der Nachbarskinder zu verstecken, er flieht ja nicht nur aus Sarajevo, um dem Krieg zu entkommen, er flieht ja auch in Deutschland permanent: Vor Neonazi-Brüdern, mit deren Schwestern er (vielleicht) geschlafen hat, vor Rechtsanwalt-Vätern, mit deren Töchtern er geschlafen hat, vor dem Alzheimer seiner Eltern, vor der Freundin des Rechtsanwaltes, bei dem er eingebrochen ist. Und immer trifft er dabei auf tote Neonazis: In Sarajevo, in Deutschland, überall. Der Erzähler führt eine absurde Existenz, man hat nicht den Eindruck, dass er einen Plan für sein Leben entwirft, vielmehr wurstelt er sich so durch, und Sila erzählt darauf auf eine groteske Art und Weise, die oft wirklich lustig ist, aber auf eine eher verstörende Art. Und wie sollte er auch sonst von einem Krieg, den der Erzähler an einer Stelle als „Genozid“ (S. 120) bezeichnet, und seinen Folgen erzählen? Tragisch? Dürrenmatt, der seine Theorie der Groteske und der Komödie vor dem Hintergrund des durch den deutschen Nationalsozialismus verübten Genozids entwickelt hat, würde das vermutlich verneinen (ich konnte ihn aber leider nicht anrufen und fragen):

„Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. […] Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe […].“

Der Erzähler ist nicht schuld an seiner Situation, und der Erzähler kann sein Leben nur als groteske Komödie erzählen. Und wie in den Komödien Dürrenmatts, in denen oft Figuren entindividualisierte Typen sind, die eben nur für eine bestimmte Funktion – den Polizisten, den Bürgermeister, etc. – stehen, wirken in „Tierchen unlimited“ die Figuren ebenfalls ein Stück weit entindividualisiert. Alle Mädchen haben tote Brüder, die Neonazis waren. Alle reichen Familien scheinen irgendwelche Verbindungen zur RAF zu haben. Alle handlungstragenden Figuren mit Migrationshintergrund sind irgendwie kriminell. Sila spielt mit Klischees, überzieht diese aber völlig und lässt eben dadurch die Handlung grotesk wirken.

Zudem entzieht er damit seine Figuren jeder politischen oder emotionalen Vereinnahmung. Der Erzähler, Sarah, sogar Šemso wirken irgendwie auf eine merkwürdige Art und Weise sympathisch, sind es dabei aber gleichzeitig so wenig – der Erzähler stiehlt, Sarah ist recht brutal, Šemso ist ein Nazi – dass man sich mit keiner Figur identifiziert. Und die Figur des Erzählers entzieht sich jedem politischen Klischee: Er ist weder einfach der bemitleidenswerte, „gute“ Geflüchtete, denn er hat ein recht ordentliches Maß an krimineller Energie, noch ist er eben der „böse“ Geflüchtete, denn zum einen ist es drollig, wie er nebenbei auch Torte stiehlt, und zum anderen rührt die kriminelle Energie ja vor allem doch auch aus einem Kriegstrauma.

So oder so: Indem Sila seinen Erzähler gegen Identifikation, politische Einordnung und Entwicklung wappnet und dann auch noch so absurd erzählt, verwirrt er den Leser ganz ordentlich. Und dann bricht er auch noch die Gattung.

Die Bomberjacke und die 90er

Denn „Tierchen unlimited“ ist ja eben nicht einfach ein Stück sog. „Migrationsliteratur“. Es ist gleichzeitig ein Poproman, wir sind hier mitten in der Popkultur der 90er: Es gibt große Computer mit vielen Kabeln und Disketten, es gibt Computerspiele, Comics und Latzhosen, die Christen tragen, um sich als normal zu tarnen. Und vor allem gibt es: Bomberjacken. Die tragen schon die Eichhörnchen, die tragen die Nazis, und die trägt auch der Erzähler, aber eher zufällig. Wenn „Faserland“ von Kracht das Buch der Barbourjacke ist, ist „Tierchen unlimited“ das Buch der Bomberjacke. Und das ist so ja auch sehr stimmig:

Beides sind typische Jacken der 90er (wenn auch die Barbourjacke natürlich „zeitlos“ ist und daher überlebt hat und die Bomberjacke gerade ein Revival feiert). In den 90ern war sowas eben wirklich wichtig: Barbourjacken haben die reichen Schnösel getragen – nicht umsonst trägt auch in „Tierchen unlimited“ die Freundin eines Rechtsanwaltes eine Barbourjacke – Bomberjacken haben Skins, Neonazis und Punks getragen, wenn diese gerade keine Lederjacke getragen haben. Ich weiß ja nicht, wie das heute in der Jugendkultur so ist, aber in den 90ern, als es noch kein Internet gab und alles furchtbar langweilig war, da gab es eben wirklich an einem optischen Erscheinungsbild unterscheidbare Jugendkulturen, die sich auch wirklich gegenseitig recht aggressiv gegenüber standen, was aber nicht bedeutete, dass die Grenzen nicht trotzdem fließend sein konnten. So grotesk überzeichnet „Tierchen unlimited“ hier auch ist, völlig aus der Luft gegriffen ist es nicht: Es gab nun mal in den 90ern eine gar nicht so kleine Neonazi-Szene, und damals trugen die wirklich noch Bomberjacken und Springerstiefel, nicht Seitenscheitel und Hemd wie heute. Dass es in den 90ern – ähnlich wie heute übrigens – vermutlich ganze Landstriche gegeben hat, wo es halt einfach verdammt viele Nazis gab, ist ja nun auch nicht eben unrealistisch.

Und so, wie die Eichhörnchen eben durch den Verlust ihrer Nester zu Ratten in Bomberjacken werden, rutscht der Erzähler in eine absurde Durchwurstelexistenz und trägt eine Bomberjacke, weil er diese mal irgendwem geklaut und dann eben Jahre lang getragen hat. So einfach ist das.

Brüllen, zertrümmern und weg

Sila macht mit „Tierchen unlimited“ also irgendwie alles kaputt, was man kaputt machen kann: Der Humor ist absurd, grotesk, lustig und trotzdem verstörend. Der Roman entzieht sich der Schublade „Migrationsliteratur“, ist aber auch nicht einfach ein Poproman. Die Figuren passen in kein politisches Weltbild, sie sind sympathisch und gleichzeitig auch nicht, zumindest verweigern sie jede Identifikation. Das Ende schließt keine Handlung ab, es gibt keine Entwicklung und also keine Dramaturgie, sondern nur Assoziation. Und mit all dem muss der Leser irgendwie umgehen, und irgendwie steht man am Ende etwas verlassen da. Das fand ich aber nicht so schlimm, denn ich habe „Tierchen unlimited“ gern gelesen. Ich habe gelacht und war dabei ein bisschen verstört.

Vielleicht bin ich durch das Buch aber auch einfach verrückt geworden.

Jedenfalls möchte ich jetzt gerne eine Ente heiraten (S. 129).

Blogbuster: Autoren-Video von Lukas Vering

blogbuster-logo

Lukas Vering, den Autor meines Blogbuster-Favoriten, habe ich hier ja schon per Steckbrief sich vorstellen lassen, und jetzt gibt es auch noch ein Video in bunt und Farbe von ihm, um objektiv zu beweisen, dass er ein so sympathischer wie talentierter Autor ist. Leider war es ihm mangels Equipment nicht möglich, ein aktuelles Video aufzunehmen, darum ist dieses schon zwei Jahre alt, aber das ist eigentlich nur gut, denn in den letzten zwei Jahren haben Talent und sympathisches Charisma noch einmal SO zugenommen, dass das jede Kamera sprengen würde (glauben Sie mir, ich bin sehr vertrauenswürdig):

Lukas V. – Revier-lovin‘ Literat from Kathi Neuh on Vimeo.

#loveisintheAir

Zum Weltfrauentag – Was mich diese Woche so alles gestört hat.

Mittwoch war Weltfrauentag und ich habe viele lustige Glückwunsch-Bildchen bekommen. Stefanie Sprengnagel hat zum 8. März etwas anderes bekommen – eine Hetzkampagne in der Krone. Die Folgen kann man auf ihrem facebook-Profil nachlesen (eine Zusammenfassung der Ereignisse kann man auch hier lesen), das geht von Beschimpfungen bis zu dem Wunsch, die möge doch vergewaltigt werden, und lustiger weise wurde sie nun von facebook für 30 Tage gesperrt – nicht die Leute, die da gegen sie hetzen. Man könnte ja meinen, dass irgendwer aus diesem spaßigen Literaturbetrieb, der die Möglichkeit hat, medienwirksam zu publizieren, so zum Beispiel irgendein Feuilleton-Fritze oder so, dazu mal Stellung beziehen könnte, wenn mit einer Autorin so umgegangen wird. Da ist man doch bei jedem Zeichner von Karikaturen, dem irgendwas angedroht wird, sonst auch recht schnell mit dem abgelutschten Voltaire-„Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen.“-Gelaber zur Stelle. Warum eigentlich bei Sprengnagel nicht? Weil das nicht so schlimm ist, wenn man einer Frau wünscht, dass sie vergewaltigt ist, oder weil sie zu links, zu feministisch ist, oder weil sie ja nur so eine Frau ist, die im Internet schreibt? Nur um das mal festzuhalten: Stefanie Sprengnagel hat in den letzten Jahren in Punkto „öffentlich Diskurse führen“ und „Sozialkritik“ definitiv mehr Mut und mehr Engagement bewiesen als das Feuilleton von FAZ, SZ und der Zeit zusammen. Man muss nicht alle Debatten, die sie lostritt, sinnvoll finden, man muss nicht alle ihre Standpunkte teilen – aber man könnte ja mal ihr Recht dazu, dies zu tun, verteidigen, und ihren Mut, das in einem Österreich, das in weiten Teilen Hofer für wählbar hält, zu machen, zu schätzen wissen. Wenn man von „engagierter Literatur“ spricht, schätze ich, dass wir inzwischen von Sprengnagel reden müssen. Dass das Feuilleton hier schweigt, zeigt für mein Empfinden viel deutlicher als die Anzahl der Autorinnen auf den Shortlists zu Literaturpreisen, welche Bedeutung eine Frau, zumal dann, wenn sie sich klar für Frauenrechte einsetzt, für den Literaturbetrieb hat. Das ist schon eher peinlich.

Und dann war Freitag in München im Literaturhaus die Lesung der Chamisso-Preisträger Senthuran Varatharajah, Barbi Markovic und Abbas Khider. Und mal abgesehen davon, dass der Moderator der Lesung fahrig und unvorbereitet wirkte, hat er Varatharajah tatsächlich gefragt, wie das denn sei, mit so einem Namen, der den Leuten hier so schwer falle, in Deutschland als Autor zu leben. So eine Frage führt natürlich unter dem kulturbürgerlichen Publikum zu einem erlösenden „Hühühü“, hat man doch selbst noch auf der Toilette kurz vor Beginn der Lesung Witzchen über die Unaussprechbarkeit dieses Namens („Wie soll man das aussprechen? Valalalala?“ „Hühühü“) gemacht und sieht jetzt „Hach, wie drollig, sogar der Mann vom SZ-Feuilleton findet den Namen schwierig, na dann hatte ich ja Recht mit meinem harmlosen Späßchen, hühühü“. Keine Ahnung, wieso diese Leute, wenn sie Namen, die nicht „Müller-Lüdenscheit“ lauten, so ulkig finden, zu einer Chamisso-Preis-Lesung gehen, und keine Ahnung, wie diese Leute es verarbeiten, wenn Varatharajah darauf mit Recht antwortet, nachdem er seit 33 Jahren in Deutschland lebe, könne er wohl mit Recht auch sagen, dass sein Name ein deutscher Name sei. Insgesamt hätte ich mir gewünscht, dass jemand, der eine Veranstaltung im Umkreis des Chamisso-Preises moderiert, ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl zeigt und solche Fettnäpfchen meidet. Noch viel mehr hätte ich mir gewünscht, dass Leute, die Witze über Namen machen, bitte zu Hause bleiben, statt zu meinen, sie wären allein deswegen schon irgendwie frei von Ressentiments, weil sie zu dieser Lesung gehen.

Am allermeisten hätte ich mir aber gewünscht, dass sich der Moderator wenigstens vor der Veranstaltung auch nur den Wikipedia-Artikel zu Barbi Markovic durchgelesen hätte, denn hier war die Veranstaltung wirklich beschämend: Er stellte sie mit ihrem Namen vor, nannte den Titel des Romans, bat sie, den Roman hochzuhalten und sagte „und das Cover macht ja auch schon Interesse auf mehr“. Er hätte ja auch „darin kann man gedruckte Wörter und Sätze lesen“ sagen können. Mal abgesehen von dann folgenden random-Fragen wie der danach, warum sie sich „Barbi“ nenne und nach ihrem Geburtsort (beides hätte er im Wikipedia-Artikel nachlesen können, beides hätte Teil seiner Vorstellung der Autorin sein können), verstand er mitunter offensichtlich die Antworten der Autorin nicht. Zum Beispiel wenn diese ihm erklärte, wie sie Verfahren von Döblin aus „Berlin Alexanderplatz“ zu aktualisieren und zu radikalisieren versucht habe, woraufhin er quasi die Frage nochmal stellte, die sie damit eigentlich gerade beantwortet hatte. Oder dann, wenn diese die Superkraft der „Auslöschung“ erklärte, die die Superheldinnen in „Superheldinnen“ eben haben und mit der diese eine Person aus ihrer jetzigen Existenz in eine glücklichere verpflanzen können. Daraufhin fragte der Moderator, ob sie nicht dasselbe tue, wenn sie Texte von Thomas Bernhard oder Döblin popkulturell verfremde, also, ob sie die Texte und die Figuren damit auch in eine glücklichere Existenz verpflanze. Hätte er zugehört, als die Autorin aus „Superheldinnen“ vorgelesen hatte, hätte er hören können, dass sich die Figuren in diesem Roman einsam und unglücklich fühlen – insofern blieb der Autorin, die bei all dem wirklich sehr gefasst blieb, ja nichts anderes übrig, als ihm zu sagen, dass dies ein interessanter Gedanke sei, den sie aber nicht gehabt habe. Er hätte ja wenigstens in die Bücher der Autorin, mit der er da sprechen sollte, hineinlesen können. Dem Fass den Boden ausgeschlagen hat der Abschluss der Lesung, bei der sich der Moderator bei der Autorin und den Autoren bedankte, vor dem Sagen ihres Nachnamens „Barbi [lange, peinliche Pause] Markovic“ aber so lange zögerte, dass man den Eindruck bekam, dass er gerade ernsthaft überlegen musste, wie diese Frau da überhaupt heißt. Es war furchtbar peinlich. Es hätte vermutlich viele interessante Fragen gegeben, die man Barbi Markovic hätte stellen können – zu ihrer Arbeitsweise, zu ihrer Sicht auf Sprache, zu ihrer Sicht auf das Thema „Stadt“, aber dazu hätte man vorher recherchieren müssen, und wenn man das halt nicht tut, kann man keine interessanten Fragen stellen. Und wenn man das nicht kann, dann kommt halt nur Quark raus, dann bekommt der Zuhörer den Eindruck, dass der Moderator nichts über die Autorin weiß, und dann ist vor allem der Interviewteil zu der einen Autorin, die dort war, sehr viel kürzer als der zu den beiden Männern.

Internationaler Weltfrauentag hin und her: Die Gleichberechtigung der Frau im Literaturbetrieb hängt nicht einzig und allein an der Zahl der Auszeichnungen, die an Frauen vergeben werden, oder der Zahl der Nominierungen weiblicher Autorinnen. Daran auch, ja, das ist auch wichtig. Aber es hängt auch daran, wie man eigentlich damit umgeht, wenn eine Frau öffentlich angegangen wird (siehe Stefanie Sprengnagel), und ob jemand, der eine Lesung moderiert, sich auch mit der einen Frau (Barbi Markovic), die auch liest, auseinandergesetzt hat, oder doch lieber nur mit den beiden Männern, und ob die Redezeiten hier gleichmäßig verteilt sind. Da ist noch viel zu tun.

P.S.: Der Auszug aus „Superheldinnen“ von Barbi Markociv, den die Autorin vorgelesen hat, hat mir übrigens sehr gut gefallen, auch die Idee hinter ihrem anderen Buch, „Ausgehen“, finde ich spannend. Ich habe mir beide Bücher bestellt, und wenn ich jemals dazu komme, sie zu lesen, dann kann man das dann irgendwo hier lesen.

Blogbuster: Leseprobe aus „Air“ von Lukas Vering No. 2

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Falls ihr es schon vergessen haben solltet: Lukas Vering und ich wollen ja beim Blogbuster auf dem Glücksschwein zum Sieg reiten. Denn, Achtung, super Hashtag: #loveisintheAir

Bis wir das tun, könnt ihr die vollständige Leseprobe, mit der sich Lukas Vering beworben hat, hier lesen.

Und dann könnt ihr nochmal das schöne Video hier anschauen: