Bachtyar Ali – Der letzte Granatapfel

Wenn ich mich recht entsinne, steht iBachtyar Granatapfelm Koran, dass die Rechtgläubigen nach ihrem Tod in einem Garten sein werden, in dem Bäche fließen und unter anderem Granatapfelbäume stehen – einen Abglanz dieser allerletzten, paradiesischen Granatapfelbäume finden die Figuren in dem „letzten Granatapfelbaum“, wie sie ihn nennen, einem Granatapfelbaum, der fern von der Zivilisation auf einem Berg – in der religiösen Symbolik oft ein göttlicher Ort – in paradiesischer Schönheit und Abgeschiedenheit steht. Dieser Ort und dieser Baum sind Vorgeschmack auf das Paradies, auf eine bessere Welt und dadurch auch Ort und Baum der Erkenntnis: Hier, unter diesem Baum, kommen die Figuren des Romans auf Ideen für ein besseres Zusammenleben und für ihren weiteren Lebensweg. Hier werden Versprechen unter Freunden niedergelegt, hier finden Kranke Frieden. Darüber hinaus steht der Granatapfel in vielen Kulturen für Furchtbarkeit und Leben, weil er so viele Kerne hat. Und auch das passt zum Roman „Der letzte Granatapfel“, denn hier verbinden drei gläserne Granatäpfel die Leben dreier Jungen miteinander, die irgendwie doch nur einer sind, da am Ende die Erkenntnis steht, dass alle Menschen miteinander verbunden sind: Die vielen Kerne des Granatapfels stehen für die vielen Menschen, die zusammen aber ein Granatapfel sind. Oder so ähnlich.

Der letzte Granatapfel“ von Bachtyar Ali ist eigentlich schon 2002 erschienen, allerdings auf Sorani. Bachtyar Ali ist Kurde und lebt zwar seit geraumer Zeit als Schriftsteller in Deutschland, ist hierzulande aber bisher praktisch unbekannt gewesen, da er eben nicht auf Deutsch, sondern in einer der kurdischen Sprachen, die im Irak gesprochen werden, eben auf Sorani, schreibt. Auch hier – wie in Varatharajahs „Vor der Zunahme der Zeichen“ – sind Sprache und Tod verbunden: Nicht nur, dass Sorani zu sprechen vermutlich in einigen Regionen der Welt lebensgefährlich sein kann, gerade deswegen ist die Sprache eben auch in gewissem Maße vom Tod bedroht. Dagegen schreibt Bachtyar Ali an, und glücklicherweise ist nun einer der Romane auch auf Deutsch erschienen, die unter denen, die Sorani beherrschen, wohl schon länger bekannt sind. Dass es so lange gedauert hat und so schwierig war, einen Roman von Ali zu übersetzen, liegt wohl daran, dass es praktisch keine Übersetzer für Sorani gibt. Umso schöner, dass es nun geklappt hat, denn „Der letzte Granatapfel“ ist ein großartiges, zutiefst humanes, unbedingt wichtiges Buch und ganz große Weltliteratur, man entschuldige bitte meinen Ausflug in das Bildungsbürgervokabular, andere Floskeln fallen mir nicht ein, um zu umschreiben, was ich meine.

Ali bedient sich der Erzählstrategien mündlichen Erzählens und zahlreicher Bilder und Motive aus der orientalischen Kultur, wie ich vermute, denn grundsätzlich hatte ich das Gefühl, immer wieder Bilder und Anspielungen nicht ganz zu verstehen, und der Roman ist in seiner ganzen Sprache und Art zu erzählen sehr weit weg von lakonisch erzählten Mittelstandsproblemen der deutschen Literatur. Man braucht deswegen schon recht lange, um sich an Sprache und Erzählstil zu gewöhnen, aber das lohnt sich.

Der Erzähler ist ein älterer Herr, Muzafari, der auf einem Flüchtlingsboot auf dem Weg nach England irgendwo orientierungslos im Meer treibt und seinen Mitreisenden davon erzählt, wie er nach 21 Jahren Gefangenschaft, während der er von dem Anführer der kurdischen Revolution, Jakobi Snauber, für tot und zum Märtyrer des Revolution erklärt wurde, freigelassen worden ist und sich auf den Weg gemacht hat, um seinen Sohn Saryasi zu finden. Er hat Saryasi mehr oder weniger gefunden – letztlich findet er gleich drei Jungen diesen Namens. Welcher sein leiblicher Sohn ist, ist nicht nur ungewiss, sondern auch zunehmend unwichtig.

Das Umhertreiben auf dem Wasser spielt dabei immer wieder eine wichtige Rolle: Nicht nur Muzafari selbst treibt orientierungslos auf dem Meer herum, auch davor wird das Leben immer wieder mit einer Flut vergleichen, die den Menschen erfasst und mit sich reißt.

„Ist nicht jede Geschichte ein kleiner Bach, der in einen See fließt und am Ende als Fluss mit Tausenden anderer Geschichten in den Ozean mündet?“ (S. 277)

Geheimnis und Wahrheit

So verhält es sich vor allem mit einem Freund der Saryasis, Mohamadi Glasherz, den die Flut oder eben das Leben quasi ins Verderben stürzt. Mohamadi heißt deswegen „Glasherz“, weil er ein zerbrechliches, reines Herz hat, das wie Glas ist. Sein Wunsch ist es, in einer Welt voller Geheimnisse, Heimlichkeiten, Intrigen und Lügen alle Geheimnisse auf der Welt aufzudecken, alles durchsichtig wie Glas zu machen, denn wie später eine andere Figur sagen wird:

„Wo es viele Geheimnisse gibt, gibt es auch viel Hass.“ (S. 187)

Allerdings haben die Machthabenden eine ganz andere Sichtweise auf „Geheimnisse“: Jakobi Snauber weist in einer ausführlichen Diskussion mit Muzafari darauf hin, dass es gerade Geheimnisse seien, die den Frieden erhalten können. Natürlich entgegen aller Erfahrung, denn in dem Land voller Geheimnisse herrschen Krieg und Elend. Aber auch Mohamadi ist mit seinem Weg wenig erfolgreich: Er stirbt an gebrochenem Herzen – ein Herz aus Glas hält der Welt nicht Stand. Beide Perspektiven sind falsch und damit eins. Das ist eigentlich die grundlegende Erkenntnis des Romans: Alles ist eins, alle Perspektiven sind nur zwei Seiten derselben Medaille, letztlich führt jeder Weg zum identischen Ergebnis, weil alle Dinge zusammenhängen.

Krieg und Menschlichkeit

Mohamadi Glasherz wird von der Flut zu den zwei weißen Schwestern gespült, in eine davon verliebt er sich – leider wird die Liebe aber nicht erwidert. Er stirbt während des Krieges nicht am Krieg, sondern an der Liebe, und dieser Tod ist ihm lieber als der Tod durch den Krieg. Aber: Auch die Reinheit, die Unschuld rettet die Menschen hier nicht vor dem Tod – und leider rettet ihre Unschuld vor allem nicht einmal die Kinder. Der Name „Saryasi“ steht im Laufe des Romans symbolisch für alle Kinder des Krieges, die ohne Familie allein durchkommen müssen oder die in anderer Weise Opfer des Krieges wurden – alle diese Kinder sind identisch, sie teilen ein Schicksal. Nicht zuletzt ist „Der letzte Granatapfel“ ein Roman gegen den Krieg, der unabhängig von seinem Anlass nur Leid schafft, und dazu führt, dass Menschen, die Brüder sein sollten, einander töten.

„Ja, wir sind Brüder. Alle in Elend lebenden Menschen dieser Welt sind Brüder.“ (S. 210)

Klingt kommunistisch, ist aber nicht kommunistisch. Es geht nicht um den Klassenkampf der Unterdrückten. Es geht vielmehr um die Frage, wie Menschen besser miteinander leben können oder wie sie eigentlich miteinander leben sollten. Und die Antwort des Romans ist: In Verständnis, in umfassender Geschwisterlichkeit. Für dieses paradiesische Ideal steht der Berg mit dem letzten Granatapfelbaum:

„Die Erde versank im Blut, aber für sie öffnete sich eine Zaubertür. Eine Tür in eine imaginäre Welt, in der Mensch und Erde bis zum Tode befreundet und vereint bleiben.“ (S. 126)

Teil an der inneren Unschuld der Kinder hätten gern die Machthaber, die eben diese Reinheit auf ihrem Weg zur Macht verloren haben, so will Jakobi Snauber, nachdem er alle Macht und alle weltlichen Genüsse bereits erlangt hat, „auch über Reinheit, Schönheit und Weisheit gebieten“ (S. 57). Und obwohl das aller Logik widerspricht, da Jakobi völlig gegensätzliche, unmenschliche Prinzipien vertritt und entgegen jeder Menschlichkeit gehandelt hat, erkennt Muzafari schließlich, dass auch Jakobi Teil der einen Menschheit, der einen Bruderschaft der Menschen ist:

„Als ich ihn umarmte, war es, als würde ich in Wirklichkeit mich selbst umarmen. Ich hielt für einen Augenblick inne. Ich schloss die Augen, und wie ein Blitz durchzuckte mich ein gefährlicher Gedanke: Jenes Leben in Abgeschiedenheit, das er sich wünscht, war nichts anderes als ein neuer, zusätzlicher Schwur, den wir hätten besiegeln müssen. Ein Traum wie die anderen großen Träume unter dem Granatapfelbaum. Er und ich, wir waren eine Person, die geteilt worden war. So wie die Saryasis eine Person waren und geteilt worden waren. War das möglich? Er mit so viel Furcht einflößender Macht, und ich, ein gebrochener Mann! Wie konnten zwei solche Hälften vereint werden? Gemeinsam waren wir ein zerbrochenes Wesen, ein zerbrochener Vater“ (S. 325)

Der Gedanke ist „gefährlich“, wie es hier heißt, weil er alle Gewohnheiten umstößt: Er setzt die Utopie gegenseitigen Verständnisses und umfassender Menschlichkeit radikal um, indem hier einer, dem Unrecht widerfuhr, in dem, der ihm das Unrecht zufügte, sich selbst erkennt.

Und das mag abgedroschen klingen, wenn ich das hier so darstelle. Aber das ist ein großer Roman mit einer großen Idee, der unglaubliches Leid beschreibt und nach einer Lösung dafür sucht – wenn er diese Lösung auch von Anfang an als paradiesische Lösung kennzeichnet, womit die Umsetzbarkeit dieser Lösung von Anfang an wenig realistisch ist. „Der letzte Granatapfel“ belehrt nicht, er gibt keine einfache Lösung vor, sondern er sucht nach Wegen und ist dabei offen und widersprüchlich und ein bisschen verwirrend. Wie schön, dass man diesen Roman jetzt auch lesen kann, wenn man kein Sorani beherrscht, denn dieser Roman enthält Gedanken und Fragen, die eben nicht überholt oder abgedroschen sind, und die es wert sind, dass sie in genau der Ernsthaftigkeit diskutiert werden, wie es in diesem Buch der Fall ist. Ganz ohne Ironie und Lakonie, die solche Gedanken gleich zu Hirnfürzen naiver Alt-Hippies machen, wie es vielleicht in der deutschen Literatur der einen Autorin oder des anderen Autors der Fall wäre. „Der letzte Granatapfel“ ist ein sehr schöner Roman, aber kein leicht zu lesender.

(Am Rande gibt es übrigens noch zahlreiche andere Romanelemente, die interessant dargestellt sind, so zum Beispiel hier das Verhalten einer ausländischen Hilfsorganisation, die sich nicht nur den Kindern gegenüber auch recht unmenschlich verhält, indem sie sie zum Forschungsobjekt verdinglicht, sondern die auch dazu beiträgt, dass das Leid, das den Kindern angetan wurde, von der Bevölkerung ausgeblendet werden kann, weil die Kinder hinter Krankenhausmauern versteckt und damit unsichtbar sind. Auch die ländlichen Moralvorstellungen kommen nicht ganz ungeschoren weg: Eines der Kinder ist in dieser Klinik, weil es angezündet wurde, als es neben einem Mädchen auf einem Feld einschlief, wobei das Mädchen völlig verbrannte.)

An African City

Eine junge Frau, die jahrelang in Amerika gearbeitet hat, kehrt zurück nach Ghana, um dort zu arbeiten und um dort ihre große Liebe wiederzusehen. Zurück in Ghana trifft sie sich regelmäßig mit ihren Freundinnen in Bars und Restaurants. Auch diese haben eine Zeit im Ausland verbracht und sind jetzt „back home“ – und sie reden über das, was ihnen in Ghana auffällt, über die Liebe, über Arbeit und über Sex. Wer sich jetzt an eine Mischung aus „Sex and the city“ und Adichies „Americanah“ oder Selasis „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ erinnert fühlt, liegt damit wohl genau richtig, denn genau das soll die Webserie „An African City“ auch sein: „Sex and the city“ für kosmopolitische Afrikanerinnen. Die Serie ist merkbar eine low-budget-Produktion, aber trotzdem ist es sehenswert, wenn hier über Korruption, Gleichberechtigung, Schönheitsideale und AIDS, um nur einige der Themen zu nennen, gesprochen wird. Und sowohl Selasis als auch Adichies Roman kommen auch tatsächlich in der Serie vor, wenn Figuren der Serie eben genau diese Bücher in der Hand halten und sie lesen („Ghana must go“ sieht man in Episode 3, „Americanah“ in Episode 7).

Und es ist doch interessant, wie hier kulturelle Repräsentation in Literatur und dann im Netz dazu beitragen, dass eine Gruppierung global sichtbar wird. Das sind Dinge, die auch Literatur bewirken kann, wenn sie eben eine Form ist, in der Menschen von sich hören lassen können.

Natürlich gibt es aber auch berechtigte Kritik nicht nur an dieser Serie, sondern auch an den Büchern, die Autoren wie Adichie, Selasi oder Cole schreiben: Sie repräsentieren eben nur die Teile Afrikas, die es sich überhaupt leisten können, ins Ausland zu gehen, zu studieren, Bücher zu schreiben und zurückzukehren, und also: Die Oberschicht. Die Art und Weise, wie Afrika dargestellt wird – und das wird gerade in der Serie mit ihren Überspitzungen deutlich – ist eben eine sehr westliche: Man findet alle Klischees, die man als in den westlichen Industrienationen sozialisierter Mensch eben so von Afrika haben kann und es wird all das kritisiert, was aus westlicher Sicht so zu kritisieren wäre, eine andere Sicht wird nicht dargestellt. Afrikanische Blogs kritisieren daher wohl auch zurecht, dass Afrika hier zu genau dem Klischee verkommt, das der Westen von ihm haben will, dass eben stärker afrikanisch geprägte Kultur und Sichtweisen nicht zum Ausdruck kommen und eben nur die Probleme der afrikanischen Oberschicht zum Ausdruck kommen, nicht die der Unterschicht – diese wird nur durch den Blick der Oberschicht repräsentiert.

Das ist natürlich alles bestimmt richtig und man sollte es im Kopf haben, wenn man Bücher von den genannten Autoren liest oder diese Serie ansieht – aber wer wäre ich, Afrikanerinnen vorzuwerfen, sie wären nicht afrikanisch genug. Und trotz der Kritik sind die genannten Bücher und solche Serien doch ein Schritt, um einen Kontinent, der vom Westen mitunter noch mit Klischees assoziiert wird, die eher der Kolonialzeit entstammen, in einem anderen Licht zu sehen, denke ich. Insofern: Schaut euch diese wirklich ganz kurzweilige Serie ruhig mal an, gerade dann, wenn ihr Bücher von Adichie, Selasi oder Cole lest.

Und zur Serie geht es hier: http://www.anafricancity.tv/

Buchblogger und „Demokratisierung“

Seit Menschen sich im Internet über die Bücher äußern, die sie gelesen oder meinetwegen auch nur gekauft haben, gibt es auch diese Debatte, vorwiegend geführt zwischen dem etablierten Medium der sog. Literaturvermittlung, also dem Feuilleton, und den Buchbloggern. Für gewöhnlich sind die Vorwürfe des Feuilleton immer wieder ähnlich: Buchblogger haben kein Fachwissen, sie urteilen rein subjektiv, sie können kein Deutsch (im Sinne von: inkorrekter Verwendung von Interpunktion oder Fehlern bei der Orthographie oder aber fehlenden „n“s). Gerne, gerade bei Oliver Jungen, werden sexistische Klischees bemüht, wenn er durchaus in abwertendem Tonfall sinngemäß schreibt: Das sind vor allem Frauen und die lesen nur gefühligen Quatsch (so beispielsweise in dem FAZ-Artikel „Wie ensteht ein Mega-Bestseller? Heißkalte Küsse: Verlage umwerben Buchblogger mit einer „Litblog Convention“ in Köln“ vom 6.6.2016).[Nachtrag unten, Fußnote 1] Die Debatte, die geführt wird, wird natürlich von den betreffenden Journalisten, ob sie das nun offen sagen wollen oder nicht, nicht geführt, um die Kultur des Abendlandes zu retten, denn vermutlich wissen Literaturkritiker auch selbst, dass die Kultur des Abendlandes nicht sie braucht, sondern dass sie die Kultur des Abendlandes brauchen, um zu überleben. Jahrhundertelang ist die Literatur recht gut ohne professionelle Kritiker ausgekommen, es ist anzunehmen, dass auch heute gute und schlechte Texte geschrieben würden, wenn es keine Kritiker gäbe, und am Ende würde sich – wie früher auch – erst im Urteil der folgenden Jahrzehnte und Jahrhunderte irgendwie entscheiden, welcher Text überzeitlich relevant und ästhetisch ist und welcher nicht. In dieser Debatte geht es selbstverständlich in erster Linie um Deutungshoheit, und also um Macht. Was da ja eigentlich kommuniziert wird – und das ist auch etwas, das durch unser Schulsystem kommuniziert wird –, ist: Du darfst erst eine Meinung zu Literatur haben, wenn du das studiert hast, wenn du durch die richtigen Sprachspiele dein ja immer subjektives Urteil als objektiv ausgeben und vor allem: Wenn du dich sprachlich fehlerfrei ausdrücken kannst, und das nicht nur im Sinne von „gepflegtes, gut lesbares, verständliches Deutsch“, sondern im Sinne von „selbst der größte Erbsenzähler findet da keinen Kommafehler mehr“, wobei so getan wird, als würden Journalisten, auch großer Zeitungen wie der SZ, so ein wahnsinnig tolles Deutsch schreiben. Es geht um die Frage: Wer darf festlegen, was kulturell wichtig ist und wer nicht. Und es tut mir leid, wenn ich jetzt auf einen schon beinahe platten Topos zurückgreifen muss: Natürlich wird diese Machtposition vorwiegend von weißen Männern verteidigt, die Zahl der People of Color im Bereich der professionellen Literaturkritik in Deutschland ist verschwindend gering, natürlich gibt es einige Frauen, zumindest aber dann wenn man den Fernseher anschaltet, um Literatursendungen zu sehen, beschränkt sich die Zahl der Frauen, die da vorkommen, auf ein sehr überschaubares Grüppchen, das man an einer Hand abzählen kann, und das mitunter ja durchaus geschlechtsstereotyp ausgewählt (Frau Westermann) und von männlichen Kollegen angegriffen wird (Frau Löffler), was bei den Zuschauern ja weniger zu einem Aufschrei führt, als zu einem ins-Fäustchen-Lachen mit dem Gedanken: „Höhöhö, der traut sich was, der Reich-Ranicki/der Biller.“ Keinem von beiden schadet ja ihr Verhalten nachhaltig, obwohl sie sich mitunter hochgradig unsachlich verhalten, werden sie als sachliche Kritiker ernstgenommen. Was es für die Ernstnahme weiblicher Stimmen im Literaturbetrieb bedeutet, wenn im Literarischen Quartett in seiner derzeitigen Besetzung eine Frau nahezu systematisch vorgeführt wird, liegt ja auch auf der Hand, da wird ja auch das Gefühl vermittelt: Die Männer können sachlich über Literatur reden, die Frau kann das nicht. Versteht mich nicht falsch: Ich finde das Literarische Quartett großartig und sehr witzig, aber unproblematisch ist das eben nicht.

Natürlich ist die Buchbloggerszene empört ob der Angriffe durch den Feuilleton, sie fühlt sich missverstanden, verständlicherweise aber auch ausgegrenzt, denn genau das ist ja eigentlich auch das Ziel. Vor allem bloggende Frauen, aber natürlich auch Männer, reagieren nahezu nach Lehrbuch frauentypisch mit einem bescheiden-beleidigten: „Ich will ja auch gar kein Literaturkritiker sein“. Warum eigentlich nicht? Weil man so lange eingeredet bekommen hat, dass die eigene Stimme es nicht wert ist, gehört zu werden, dass man es jetzt glaubt? Ist „Literaturkritiker“ ein geschützter Begriff, den man erst führen darf, wenn man dafür bezahlt wird? Ich kenne schon Buchblogs von Frauen (Ergänzung: und natürlich auch von Männern), die dem Feuilleton eben inhaltlich in Nichts nachstehen. Andere, und pardon, es sind meinem Eindruck nach eher bloggende Männer, reagieren dagegen mit: „Ich finde, man sollte zwischen Buchbloggern und Literaturbloggern unterscheiden, ich will auch nicht mit diesen young-adult-lesenden Mädchen mit ihren rosa Blogs in einen Topf geworfen werden.“ Besonders drollig ist es auch, wenn Blogger Statistiken zum Leseverhalten erheben, die dann, erneut meinem Eindruck nach vor allem von Männern mit dem Hinweis darauf geteilt werden, dass ja mehr Männer als Frauen Klassiker lesen. Ein Schelm, der da nicht denkt, dass hier klassische Verhaltensmuster zur Machtverteilung aus der Gesamtgesellschaft und aus dem Feuilleton in die Bloggerszene übernommen werden. Ich bin nicht frei von diesen Mechanismen, ich weiß, dass ich einen Hang zum kulturellen Dünkel habe, versuche aber schon, mich da selbst zu hinterfragen (wobei Ausrutscher passieren), und möchte auch weiterhin versuchen, mir da in Zukunft auch an die eigene Nase zu fassen. Das bedeutet nicht, dass man alles toll finden muss, was andere machen. Esoterik und Engelchen werde ich weiterhin doof finden, nicht wegen kulturellem Dünkel, sondern weil ich eben mit Esoterik nichts anfangen kann. Auch Debatten um Qualität müssen weiterhin möglich sein. Auch die LeserInnen sog. „Unterhaltungsliteratur“ müssen mal aus ihrer „Das ist voll arrogant, dass du meinen Buchgeschmack nicht toll findest“-Ecke rauskommen, und halt einfach mal inhaltlich sagen können: Ich mag dieses und jenes Buch/Genre aus diesem und jenem Grund. Man muss diskutieren können, ohne dass eine Seite schon aus Prinzip eingeschnappt ist. Kritik, auch nicht-konstruktive Kritik, muss möglich sein. Aber eben nicht, wenn das Ziel dabei nur ist, die eigene Machtposition zu stärken, und nicht, wenn stereotype Argumentationsmuster bedient werden, deren einziger Zweck die Reproduktion von Ausgrenzung ist.

Die Bloggerszene hat aber all den Vorwürfen des Feuilletons natürlich etwas entgegenzusetzen, nämlich einen Begriff, den sie ihm wiederholt entgegenschmettert: Demokratisierung. Mich hat dieser Begriff lange verwirrt und er verwirrt mich noch, denn ich nehme die meisten Buchblogs nicht gerade als politisch wahnsinnig aktiv wahr. Aufmerken lässt es mich dann, wenn in einem heute erschienen Interview Felicitas von Lovenberg in ihrer Rolle als Verlegerin, nicht als Literaturkritikern, den Begriff „Demokratisierung“ verwendet, und zwar dann, wenn es um die Notwendigkeit neuer Wege geht, um Bücher zu verkaufen, nicht unbedingt wenn es darum geht, sie zu besprechen (hier ist die Literaturkritik dann eine Form von Buch-PR). Was meinen die also alle mit „Demokratisierung“? Grundsätzlich wohl so etwas wie: Jeder soll mitreden dürfen. Das ist richtig und wichtig und da hat sich gerade durch die Buchbloggerei einiges getan: Auch Genre-Literatur hat jetzt Plattformen, auf denen über sie diskutiert wird, Männer wie Frauen können sich gleichermaßen frei zu Literatur äußern, es gibt junge Buchblogger, es gibt alte Buchblogger, es gibt studierte Literaturwissenschaftler, es gibt Leute, die haben gar nicht studiert und äußern sich in ebenso lesenswerter Weise. Und vor lauter Freude über diese neugewonnene Vielfalt wird dann übersehen, dass zu „Demokratisierung“, denn das ist ein politischer Begriff, mehr gehören würde: Wenn ich mir die Buchblogger und Booktuber ansehe, dann sehe ich fast nur Weiße. Ich kenne viele People of Color, die viel lesen. Ich weiß von einigen, die politisch motivierte Blogs schreiben. Ich kenne kaum Buchblogger.

Der Verdacht liegt nahe, dass hier Mechanismen, die die Streiter der Hochkultur im Feuilleton vorgeben, bis in die Sphäre der Blogger fortwirken: Irgendetwas an der Art und Weise, wie über Literatur gesprochen und geschrieben wird, scheint dazu zu führen, dass sich einige nicht an diesem Gespräch beteiligen wollen. Und das finde ich sehr schade. Die amerikanische Booktuberin „mynameismarines“ hat dazu ein wie ich finde bedenkenswertes Video erstellt, von dem ich mir wünschen würde, dass es viel öfter angesehen und durchdacht worden wäre:

Wenn die Blogger es ernst meinen mit der „Demokratisierung“ und das nicht nur ein der Politik entlehnter Begriff zur Beschreibung neuer Vermarktungsstrategien sein soll, dann müssen wir doch auch über Literaturvermittlung nachdenken und darüber, wie wir Leuten, die offensichtlich beigebracht bekommen haben, dass sie sich nicht beteiligen dürfen, wenn es um deutsche Kultur geht, zeigen, dass wir ihre Stimmen gerne hören oder lesen würden.

Ich würde mir da – wie geschrieben – gerne in Zukunft auch gerne an die eigene Nase fassen. Und wenn jemand eine schlaue Idee dazu hat, wie man das anpacken kann, dann wäre ich darum sehr dankbar. Wenn es beim Bloggen um „Demokratisierung“ gehen soll, dann müsste man sich doch erst einmal überlegen, was dieser Begriff bedeutet – gesellschaftlich und politisch – und welche Ziele man damit verfolgt. Sonst ist dieser Begriff eine ziemlich leere Worthülse, die ohne inhaltliche Füllung und ohne Ziel lediglich als Blendgranate der Selbstrechtfertigung dient.

Widersprochen werden darf mir gerne in den Kommentaren, ich bin mir nämlich unsicher, ob das vielleicht ein dummer Beitrag ist oder einer, der nur Resultat meiner verzerrten Weltsicht ist. Vielleicht ist alles ganz anders.

[1] Nachtrag (4.8.’16, 21:47 Uhr) zu dem Artikel von Oliver Jungen und dem von mir ihm unterstellten Sexismus, das würde ich gerne noch mit einer Passage aus dem genannten Artikel belegen: „Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“ Um ehrlich zu sein habe ich eine dümmer-sexistische Passage noch selten in einer Zeitung wie der FAZ gelesen. Junge Frauen, so Oliver Jungen, lesen nur Müll, quatschen die ganze Zeit, schminken sich alle und wollen von Spaniern flachgelegt werden. Ich bin immer froh, wenn Männer mir erklären, wie Frauen eigentlich so sind.

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

Bazyar TeheranDer Buchumschlag ist so blau wie die Tür des Hauses der Teheraner Verwandtschaft, die Laleh 1999 besucht. Und wie sich in Shida Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ die Stimmen von vier Figuren aus zwei Generationen (mit einem kurzen Epilog einer fünften Figur) abwechseln, so überlagern sich auf dem Buchumschlag quasi vier solche Türen in Form von Rechtecken, durch die man immer wieder neu Zugang zur Geschichte dieser Familie erhält.

Shida Bazyar lässt ihre Figuren in Schlaglichtern im Abstand von jeweils zehn Jahren von der iranischen Revolution, der Flucht aus dem Iran und dem Ankommen in Deutschland, dem Großwerden und Leben in Deutschland erzählen. So begleitet der Leser zunächst den Kommunisten Behsad durch die Straßen von Teheran im Jahr 1979, erlebt mit ihm die Euphorie über die Zeitwende, die die Revolution bringen soll, und die Enttäuschung, als er und seine Genossen merken, wie ihnen die Zukunft entgleitet. Zehn Jahre später wird aus der Perspektive Nahids, seiner Frau, von der Flucht aus dem Iran und der Schwierigkeit des Ankommens in Deutschland, dem – so hoffen sie und ihr Mann zeitlebens – vorübergehenden Exil, von den Orientierungsschwierigkeiten und Identitätskonflikten, die die andere Kultur auslöst, erzählt. Wieder zehn Jahre später, 1999, schildert Laleh, die älteste Tochter, wie es sich anfühlt, immer zwischen den Stühlen zu sitzen, weder in Deutschland, noch im Iran, den sie mit der Mutter besucht, wirklich dazuzugehören, wie es ist, immer für die Eltern übersetzen zu müssen und das Gefühl von „Zuhause“, das sie in den frühesten Kindheitsjahren im Iran erfahren hat, verloren zu haben. Auch ihr jüngerer Bruder Mo, der 2009 einen Einblick in sein Studentenleben in Deutschland gewährt, ist zerrissen – während er im Fernsehen beobachtet, wie junge Leute seinen Alters im Iran im Zuge der grünen Revolution ihr Leben riskieren, finden in Deutschland vergleichsweise alberne Bildungsstreiks gegen die Studiengebühren statt, und ihn plagen Albträume.

Bazyar gelingt es in diesen kurzen Schlaglichtern, die Atmosphäre und Stimmung der jeweiligen Orte und zeitlichen Phasen einzufangen, und sie erzeugt durch die Erzählweise nahezu durchgehend im inneren Monolog der Figuren – auch direkte Rede wird nicht mit Anführungszeichen markiert, alles wird aus der rein subjektiven Perspektive der jeweils erzählenden Figur dargestellt – ein hohes Maß an emotionaler Nähe zu den Figuren. So erfährt der Leser beispielsweise, und das fand ich einen recht interessanten Aspekt in dem Roman, wie die Figur Laleh sich nicht nur innerlich fremd fühlt, sondern wie dieses Fremdheitsgefühl von ihr permanent körperlich erfahren wird: In Deutschland fällt sie durch ihr Aussehen auf und dadurch, dass sie kein MakeUp trägt, im Iran fällt sie durch ihre Körperhaltung und ihre Bewegungen auf, zudem dadurch, dass sie ständig angefasst wird. Shida Bazyar erzählt durch die unterschiedlichen Perspektiven der Figuren äußerst vielschichtig und niemals selbstmitleidig oder pathetisch von Politik, Fremdheit, Flucht, Hoffnung und Zerrissenheit.

Dabei hält sie auch fast immer den schmalen Grat zwischen emotionaler Nähe und Kitsch ein – allerdings schrammt sie mit dem Epilog, ohne den ich das Buch lieber gemocht hätte, und mit Sätzen wie

„Aber ich lache ihn an, er hält meine Hand und ich halte seine und denke, dass es egal ist, was er redet und was ich davon hören will und was nicht, wenn wir uns am Ende an der Hand halten.“ (S. 200f.)

schon wirklich hart am Kitsch vorbei. Insgesamt hätte ich mir hier und da schon mehr Distanz und mehr Ecken und Kanten gewünscht, so ist es eben ein Buch, dass vom CSU-Anhänger bis zum ProAsyl-Fördermitglied jeder lesen kann, ohne dass irgendwas daran irgendwen provozieren müsste. Es stimmt den einen oder anderen höchstens nachdenklich oder berührt ihn. Aber das ist ja auch in Ordnung, es ist einfach ein Roman, der eine Familiengeschichte erzählt, kein Appell oder Manifest. Und es ist ein sehr guter Roman, den ich jedem empfehlen würde – was ja immer ein zweischneidiges Schwert ist, wenn ein Roman eben so ist, dass man ihn wirklich jedem auch bedingungslos empfehlen könnte, so wie Romane von Ian McEwan. Irgendwie mit ernsthafter Thematik, irgendwie schon auch ergreifend, aber dann doch auch wieder konsumierbar. Ich habe – ob das nun berechtigt ist oder nicht – beim Lesen immer wieder an „Drachenläufer“ von Hosseini denken müssen, ohne dass ich jetzt begründen könnte, woher diese Assoziation kommt, vermutlich am ehesten von der Grundatmosphäre resignierter Traurigkeit, die beide Romane durchaus gelungen durchzieht, „Drachenläufer“ ist ja schon ein gutes Buch. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob diese Assoziation mit Hosseini positiv ist. Es ist auch für mich auffällig, dass ich mir während des Lesens gar keine Notizen gemacht habe, was ich sonst immer tue, weil mir hier einfach nichts aufgefallen ist, weil der Text sich derartig glatt liest. Das kann natürlich ein positives Zeichen für die gelungene, runde Komposition sein, es kann aber eben auch ein Zeichen dafür sein, dass der Text trotz all der schwierigen und schwerwiegenden Themen eben recht gefällig ist und zumindest ich über den Schmerz der Figuren, der ja im Buch ist, recht glatt hinweglesen konnte. Aber vielleicht bin auch ich einfach ein Eisklotz und habe keine Gefühle, das ist wohl am wahrscheinlichsten. Jedenfalls fällt es mir daher schwer, überhaupt etwas Sinnvolles über den Roman zu schreiben, was mich natürlich nicht vom Schreiben abhält, wo kämen wir denn da hin, wenn „sinnvoll“ auf einmal ein Kriterium für meine Blogbeiträge würde.

Wie dem auch sei: Ich habe „Nachts ist es leise in Teheran“ gerne gelesen, es ist wirklich und trotz allem Gemecker im letzten Absatz dieses Beitrags ein sehr gutes Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und das jeder lesen sollte – und jeder mit Gewinn lesen kann, wie ich denke. Schon alleine, damit die jüngste Geschichte des Iran nicht so in Vergessenheit gerät, wie es bereits der Fall ist.

Philipp Krömer – Ymir

Krömer YmirSchöpfung scheint eine recht ungemütliche Angelegenheit zu sein, zumindest jenseits der Bibel. Was am Anfang der Bibel nach „Gott räumt auf“ aussieht – am Anfang war Tohuwabohu, dann fängt Gott an, Ordnung zu machen – ist in der heutigen Naturwissenschaft mit Lärm verbunden („Urknall“) und in den meisten antiken Schöpfungsmythen mit dem Kampf zwischen unterschiedlichen Gottheiten. Im alten Babylonien mussten im ursprünglichen Götterkampf Abzu und Tiamat dran glauben, im antiken Griechenland ist die Geschichte der Weltentstehung voller Väter, die ihre Söhne fressen, und voller Söhne, die ihren Vätern dafür den Schädel einschlagen.

Wie ich nun durch die Lektüre von Philipp Krömers „Ymir“ lernen durfte, ist auch in der germanischen Mythologie die Schöpfung der Welt eine recht blutige Angelegenheit, schließlich wurde die Welt aus dem Körper des Riesen Ymir erschaffen, der zuvor von Odin erschlagen wurde. Wenn wir nun also beispielsweise Bäume fällen, schneiden wir quasi Ymir die Haare.

Der brave Bürger

Dieser Mythos erweist sich in Krömers Roman auf skurrile Weise als wahr: Der Erzähler berichtet davon, zur Zeit des Nationalsozialismus Teil eines dreiköpfigen Expeditionsteams gewesen zu sein, das auf Island eine Höhle erkunden soll. Das Team, das schon recht früh den Verdacht hat, es hier mit einer anatomischen Reise durch Ymirs Körper zu tun zu haben, entdeckt in den tiefen von Ymirs Gedärm den Urarier, eine Art blinden, blonden Yeti, nur um diesen gleich auszurotten, und stirbt leider, mit Ausnahme des Erzählers selbst, in den tiefen von Ymirs Innereien. Gegliedert ist der Roman entsprechend nach den Organen, die die drei Forscher durchwandern, wobei am Kapitelanfang jeweils durch eine anatomische Zeichnung aus einem Lehrbuch zur Naturheilkunde von 1938 angezeigt wird, wo in Ymirs Kadaver sich die Erzählung gerade befindet. Begleitet werden diese Kapitelanfänge jeweils von ironisch passenden Zitaten aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“, doch dazu später mehr.

Nun kann man wohl ein Buch, das seine Handlung zur Zeit des Nationalsozialismus verortet und sich mit nordischer Mythologie und Wagner beschäftigt, kaum lesen, ohne nach einer Bewertung von eben diesem zu suchen. Krömer erzählt hier eben nicht nur von einer skurrilen Wanderung durch die nordische Mythologie, sondern er karikiert die politische Haltung und die ästhetische Ideologie der intellektuell-künstlerischen „Elite“ zur Zeit des Nationalsozialismus.

Denn es stirbt nicht nur der Vertreter des Regimes, „KleinHeinrich“ in Persiflage auf Heinrich Himmler genannt, schon hierin also Karikatur, als erstes, sondern auch der zweite überzeugte Vertreter nationalsozialistischer Esoterik, Ästhetik und Ideologie, „VonUndZu“, wird im wahrsten Sinne des Wortes sein Ende in der germanischen Mythologie finden. Überleben wird ausgerechnet ein Mitläufer, der Erzähler, der als verarmter Schriftsteller die Karrierechance, die Himmler ihm bot, eben an dieser Expedition teilzunehmen und über diese zu berichten, eher aus pragmatischen Gründen als aus Überzeugung nutzt. Er bezeichnet sich über weite Strecken des Romans hin als „braven Bürger“, eine Selbstzuschreibung, die immer wieder aufgegriffen wird, um das Ausführen von Befehlen zu rechtfertigen – aber eben auch eine Selbstzuschreibung, die von Anfang an gebrochen wird. So denkt sich der Erzähler, als er einen Rückzugsbunker für die NSDAP-Elite besichtigt:

„Sich so hinter seinen Mannen zu verstecken (in einem Bunker unter der Erde), ist das nicht ein bisschen – feige? Spreche ich aber nicht aus.

‚Vertrauensbeweis‘, sagt Schnurri und ich nicke (als braver Bürger).“ (S. 63)

Der Mitläufer und „brave Bürger“ wird aber, als er die Gesellschaft der Ur-Arier kennenlernt, die ihn und VonUndZu freundlich aufnehmen, zu einem Mann mit Überzeugungen, der sich gegen Befehle stellt oder doch zumindest behauptet, das zu tun, denn was nun an der Geschichte wahr und was erfunden ist, bleibt durch vielfältige Brüche im Erzählverhalten offen: Der Erzähler ist strikt entschlossen, die Existenz der Gemeinschaft der Ur-Arier geheim zu halten und davon später von nichts zu berichten, um diese zu schützen – natürlich berichtet er aber eben dann durch seine Rolle als Erzähler in diesem Buch doch davon. Zudem rächt er sich recht grausam an VonUndZu, der für den Tod der gesamten Gemeinschaft der Ur-Arier verantwortlich ist, und verhält sich auch damit nicht systemkonform. Am Ende überlebt also einer, dem menschliches Verhalten wichtiger ist als das Erfüllen von Befehlen oder der Glaube an die nationalsozialistische Ideologie.

„Alle tot“, schreie ich. „Dabei war das doch die einzig mögliche aller besten Welten!“ (S. 184)

Indem Leibniz‘ Theodizee anzitiert wird, wird nicht der Traum von 1000-jährigen Reich als die einzig mögliche beste Welt bezeichnet, sondern die tierische Gemeinschaft der Ur-Arier, die die Fremden ohne alle Vorurteile aufnimmt und versorgt.

Brüchige Mythologie, brüchige ästhetische Ideologie

Aber auch der kulturelle Überbau des Nationalsozialismus wird durch den Kakao gezogen: Die Geschichte vom nordischen Schöpfungsmythos wird schlampig und mit albernen Versprechern erzählt, am Anfang der Expedition erbrechen sich alle Teilnehmer im Flugzeug und kotzen damit in Ymirs Hirnschale, aus der der Himmel gemacht ist:

„Wo kommen die drei Burschen auf einmal her? Wenn man fragen darf!“ (Als Oberstudienrat darf man natürlich.)

„Sie entstammen in direkter Linie Ymirs Milchkuh Audhumla. Aus einem Stein leckt sie Burri, dessen Sohn Burr mit der Tochter des Riesen… äähm …“

„Ja?“

„Lückenhaft, Karl! Also zurück zur Erschaffung der Welt. Ich hoffe, du hast gelernt.“

„Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,
aus dem Blute das Brandungsmeer,
das Gebirg aus den Knochen“
„Na also, Karl, sagt der die Edda her wie seinen Goethe.“
„die Bäume aus dem Haar,
aus der Birnschale der Himmel.“
„Aus der?“
„Äähm HIRNschale.“
„Das will ich meinen.“ (S. 38)

Noch deutlicher wird die Ironisierung nationalsozialistischer Ästhetik, wenn die Erzählung Ymirs Innereien erreicht hat. Schon auf der Grenze zu diesen verschmäht der nordische Typ, in der Rasseterminologie der Nazis gesprochen, die nordische Kost, den Gammelhai, und kann so gar nichts mit seinen Wurzeln anfangen. Im Darm Ymirs deckt der homosexuelle Erzähler das Homoerotische hinter dem Männlichkeitskult und der Sportbegeisterung des Nationalsozialismus auf, wenn er durch den nackten VonUndZu, in den er verliebt ist, „an Riefenstahls Olympiafilm“ (S. 159) erinnert wird. Vor allem aber erweist sich der Ur-Arier, Stammvater der „Herrenrasse“, als wenig edel, er riecht nach nassem Hund (S. 145) und ist dazu auch „behaart wie ein – Pekinese“ (S. 149), gleicht mehr einem Hund als einem Mensch. Da er im lichtlosen Inneren von Ymirs Gedärm lebt, hat er keine Augen, dafür aber ein überaus gut entwickeltes Gehör, das VonUndZu mit dem nach nationalsozialistischem Empfinden Gipfel deutscher Kunst, also mit Richard Wagner, konfrontiert – das Abspielen von „Tristan und Isolde“ führt zum Tod aller Ur-Arier. Richard Wagner hat sie umgebracht.

Das Gesamtkunstwerk und irritierendes Erzählen

Eben dieser, also Richard Wagner, strebte ja nun nach dem sog. „Gesamtkunstwerk“, seine Oper sollte alle Kunstformen, Musik, bildende Kunst (im Bühnenbild) und Literatur (im Libretto) zu etwas Höherem, Größeren vereinen. In seinem Aufsatz „Gesamtkunstwerk und Identitätssystem“ bestimmt Odo Marquard aber nicht allein in der Vereinigung der Kunstformen das Wesen des „Gesamtkunstwerkes“, sondern es überschreitet auch die Grenze „von Kunst und Wirklichkeit; denn zum Gesamtkunstwerk gehört die Tendenz zur Tilgung der Grenze zwischen ästhetischem Gebilde und Realität.“ Marquard unterscheidet im Folgenden dann unterschiedliche Typen des Gesamtkunstwerkes, wobei er Richard Wagners Verständnis des Terminus „Gesamtkunstwerk“ dem „direkt positiven Gesamtkunstwerk“ zuordnet, das eben unterschiedliche Kunstformen zu vereinen suche. Von diesem unterscheidet er das „direkt negative Gesamtkunstwerk“, in dem „alle Einzelkünste in einem Antikkunstwerk zerstört [werden], um dadurch die Dignität der Wirklichkeit zu gewinnen“, ferner „bei dem – zur Erschütterung der vorhandenen Gesellschaft – alle etablierten Kunstarten gesamtästhetisch durch einen großen Anti-Akt zerstört werden, um die politischrevolutionäre Wirklichkeit zu gewinnen“.

Nun lässt sich genau dies auf den Roman „Ymir“ anwenden. Dieser ist oberflächlich betrachtet ein direkt positives Gesamtkunstwerk, denn der Roman besteht ja nicht nur aus Text, erzählt also nicht nur etwas, sondern er wird, wie oben bereits angesprochen, von thematisch passenden Bildern aus einem medizinischen Lehrbuch von 1938 begleitet, hier verbinden sich also Literatur und – wenn man so will – bildende Kunst. Dabei bleibt es aber nicht, denn zum einen wird durch das wiederholte Zitieren und Variieren des Librettos zu Richard Wagners „Tristan und Isolde“, manchmal gar in einer die Aussprache des Singens nachahmenden Form, die Musik als Kunstform mit in die Literatur integriert:

„Miild und laaise
wiie er lächelt,
wiie das Aauge
hoold er ööffnet,
seehr ihrs Frohoinde?
Seeht ihrs niiecht?“ (S. 188)

Hinzu kommt der Einbezug von Geräuschen durch die Veränderung von Schriftgrößen:

„Immer leiser tönt seine Stimme, die da ruft: „ich hasse dich ich hasse dich ich hasse dich!“ (S. 188)

Krömer verbindet also Literatur, Zeichnung und Akustik zu einem Gesamtkunstwerk und überschreitet die Grenze zwischen Kunstwerk und Realität, wenn er gleich zu Beginn des Romans den Leser in die Realität des Romans hineinnimmt, indem er eine besondere Erzählsituation erschafft:

„Alles, was Sie tun müssen, um Zutritt zu meiner Geschichte zu erhalten, ist, diese Seite als schwere Eichentüre zu begreifen. Und anzuklopfen.
Klopfen Sie!“ (S. 9)

So der Beginn des Romans. Immer wieder wird diese künstliche Realität aufgegriffen, wenn die Erzählung unterbrochen wird, um den Leser anzusprechen und ihn wieder in die künstlich erschaffene Erzählsituation hineinzunehmen. Das ist schon verdammt clever gemacht.

Aber es ist eben kein „direkt positives Gesamtkunstwerk“, sondern ein „direkt negatives Gesamtkunstwerk“, denn tatsächlich ist all das eben etwas irritierend: Am Ende stehen die Zeichnungen von Hunden, die für ein Experiment festgeschnallt wurden, nachdem die hundeähnlichen Urarier in einem Experiment umgebracht wurden, manche der Zeichnungen sind etwas eklig (zumindest ich sehe auch Zeichnungen von offenen Brüchen nicht so gerne) oder befremdlich, die Nachahmung von Lauten und Tönen irritiert beim Lesen, da sie ungewohnt ist, und tatsächlich untergräbt der Erzähler seine eigene Glaubwürdigkeit und die Glaubwürdigkeit des Erzählten nicht nur im Verlauf des Romans, sondern insbesondere am Ende so massiv, dass man am Ende nicht mehr weiß, was nun zumindest die erzählerische Realität ist und was nicht. Die etablierten Kunstarten, die hier verbunden werden, werden also zerstört, um eine politische Wirklichkeit – die Lächerlichkeit des Nationalsozialismus in seinen politischen, ideologischen und ästhetischen Idealen – zum Ausdruck zu bringen. Kompositorisch und erzählerisch bewegt sich „Ymir“ damit auf einem so hohen Niveau, wie wohl eben nur ganz wenige Romane, und hinterlistiger wurde der Nationalsozialismus wohl in der Gegenwartsliteratur nie kritisiert.

Allein: An emotionaler Tiefe fehlt es bei allem Witz und aller Kunstfertigkeit des Erzählens hier dann leider doch, es ist ein Roman, bei dessen Lektüre man aus dem Staunen nicht heraus kommt und bei dem ich mich immer wieder darüber gefreut habe, wie abgefahren (pardon, das ist das treffendste Wort, das mir einfällt, bin ja kein Dichter) hier erzählt wird. Irgendwie getroffen hat er mich aber leider nicht, und das wäre mir dann bei Literatur doch wichtig. Wie dem auch sei: Krömer sollte man im Auge behalten, man weiß ja nicht, was der als nächstes anstellt.

 

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom homunculus-Verlag als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.

Stefanie Sargnagel – In der Zukunft sind wir alle tot

Sargnagel ZukunftEs ist gar nicht so leicht, über Stefanie Sargnagels neues-altes Buch „In der Zukunft sind wir alle tot“ zu schreiben – wenn man da ernsthaft heranginge und es als Literatur behandeln würde, würde man dem Ganzen nicht gerecht, denn eine Autorin, die selbst nie irgendwas ernsthaft macht, kann wohl kaum wollen, dass sie ernsthaft analysiert wird. Man kann sie schon zur Aphoristikerin verklären, man kann aber auch einfach schreiben: Da ist eine junge Frau, die einen riesen Spaß dran hat, so zu tun, als wäre ihr alles richtig egal, da ist eine junge Frau, die sich selbst zur Kunstfigur macht, und dabei so witzig und klug ist, wie es der ein oder andere Journalist, der über sie schreibt, und vor allem ihre Kritiker gerne wären.

Da ist zum einen dieses Buch, das bereits 2014 erschienen ist und nun vom Mikrotext-Verlag in einer aktualisierten, erweiterten Fassung veröffentlicht wird und dessen Titel ja nach wie vor großartig ist, weil er genau diese Brechung vollzieht, die Stefanie Sargnagel ständig bemüht: Da wird das Große, Hoffnungsvolle, die „Zukunft“ aufgegriffen und gleich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: „sind wir alle erfolgreich“ wäre positiv, „sind wir alle unglücklich“ wäre weinerlich, „sind wir alle tot“ ist einfach eine nicht ganz angenehme Tatsache, die man aber wohl nicht abstreiten kann. Diese kurzen, in sich gebrochenen Kommentare hat Stefanie Sargnagel so weit perfektioniert, dass sie mit ihnen nicht nur eine recht große Fangemeinschaft auf facebook um sich sammeln, sondern inzwischen auch eben drei Bücher damit veröffentlichen konnte. Wie auch die anderen Bücher besteht auch „In der Zukunft sind wir alle tot“ aus gesammelten Facebook-Statusupdates, thematisch sortiert nach solchen, die um die Tätigkeit Stefanie Sargnagels im CallCenter kreisen und (also neuen, erweiterten Teil des Buches) solchen, die um die sog. „Flüchtlingskrise“ 2015 herum entstanden sind. Im ersten Teil, „Rufnummernauskunft, Stefanie Fröhlich, was kann ich für Sie tun?“, sind Statusupdates von 2013 bis 2014 versammelt, in denen Sargnagel abwechselnd ihren Lebensstil und ihren Job als einzig möglichen feiert oder als „Todesstrafe“ und „Hölle“ beklagt. Sie bringt damit wohl – wie schon in den letzten Büchern – durchaus treffend das Lebensgefühl und Dilemma einer Situation, in der viele aus dem einen oder anderen Grund in miesen Jobs feststeckende Jungakademiker sich befinden, auf den Punkt. Viele dieser hier gesammelten Nachrichten sind witzig, andere leider ein bisschen zu selbstmitleidig. Insgesamt macht Sargnagel hier genau das, was sie im Vorwort bereits ankündigt: Sie stellt einerseits fest, dass ein normaler 40-Stunden-Job „mein persönlicher Untergang gewesen“ wäre, andererseits bezeichnet sie ihre Lohnarbeit eben als „Sweat Shop“. Das ist alles so lesenswert, wie ihre vorherigen Bücher, aber eben auch auf Dauer ein bisschen langweilig, weil das, was Sargnagel macht, wenig Überraschendes und wenig Varianten zulässt. Dass man aber das, was Stefanie Sargnagel eben wirklich bis zur Kunstform perfektioniert hat, verkennen würde, würde man es als bloße Witzelei abtun, wird an solchen Zweizeilern deutlich, die zeigen, dass Sargnagel eine in ihrem Spott durchaus scharfe Beobachterin und Analytikerin ihrer Generation ist:

„Ok, ich probier auch mal irgendetwas zu unserer Generation zu sagen: Sie ist mit dem Irrglauben aufgewachsen, man hätte die Pflicht, im Leben glücklich zu sein.“ (S. 68)

Sehr viel besser und variantenreicher, großartig beobachtet und wirklich witzig ist der zweite Teil des Buches, „Refugee McMoments“, der Statusupdates aus dem Jahr 2015 versammelt und hier eine Willkommenskultur kommentiert, die Flüchtlingshilfe zum lifestyle-Happening macht – freilich ohne die Willkommenskultur an und für sich abzulehnen. Da sind zum einen die, die ihr eigenes Helfen permanent selbst dokumentieren und im Internet herumposaunen müssen, für die Sargnagel ein

„Ich mach T-Shirts ‚Flüchtlingsstrom 2015 – ich war dabei‘“ (S. 81)

und ein

„Ich will auch einen 15-jährigen Mohammed kennenlernen und mich anfreunden oder einer traurigen Oma Taschentücher geben oder ein Kinderlachen auslösen und so was, wie das, was ihr alle postet. Oida, ich verpass alle Refugee McMoments die ganze Zeit wegen meiner 50 Jobs“ (S. 81)

übrig hat. Und da sind die, die sich in dieser Situation, wo eben auf einmal alle sich mal kurzfristig nahezu darum streiten, auch mal ein Wasserfläschchen reichen zu dürfen, damit brüsten, dass sie ja schon viel länger Flüchtlingshilfe leisten und deswegen viel besser sind als alle anderen:

„Ich mochte Flüchtlingshilfe lieber, als sie noch mehr Underground war.“ (S. 96)

Und da sind natürlich die, die die Willkommenskultur ablehnen, die eine bedrohliche Zukunft durch zuwandernde IS-Terroristen oder wachsenden Rechtsradikalismus beschwören, die Sargnagel auch nicht besser wegkommen lässt:

„Ich weiß jetzt auch nicht mehr, ob man jetzt zum Salafismus oder zum Nationalsozialismus wechseln muss, um eine halbwegs komfortable Zukunft zu haben. Ich üb erst mal Landschaftsmalen.“ (S. 96)

Wie Sargnagel hier rundum Watschen verteilt, ohne dabei irgendwann politisch fragwürdig zu werden, ist schon wirklich lesenswert, und zeigt, dass Sargnagel eben dann, wenn es nicht um sie selbst und ihr Leben, sondern Politik und Gesellschaft geht, zu ihrer wirklichen Form aufläuft. Daher ist es sehr erfreulich, dass Mikrotext die alte Ausgabe von „In der Zukunft sind wir alle tot“ um eben diese Anmerkungen zur sog. „Flüchtlingskrise“ erweitert hat.

Und da ist ja aber eben nicht nur das von Sargnagel Geschriebene, da ist auch sie selbst, als den Kulturbetrieb vorführende Kunstfigur. Da sind Journalisten, die meinen, sie sähen schlauer aus als sie, wenn sie versuchen, ihr möglichst „krasse“ Geschichten zu entlocken, und da sind Kulturmenschen, die meinen, sie wären irgendwie intellektuell überlegen und witziger als sie, wenn sie sie zum Bachmannpreis einladen, über den sie sich letztes Jahr schrieb, er sei wie „Deutschland such den  Superstar für Streber“. Wer ihr Vorstellungsvideo gesehen hat, weiß, dass sie eigentlich jetzt schon gewonnen hat, und dass eine 20-minütige Jurydiskussion über ihren Text, sollte dieser im Stile des Videos gehalten sein, eigentlich nur peinlich für die Jury werden kann, denn entweder man redet darüber gar nicht oder die Interpretationen werden ähnlich unfreiwillig komisch wie bei Hape Kerkelings „Hurz“. Was zumindest die Kunstfigur Stefanie Sargnagel von Literatursendungen hält, kann man ebenfalls in „In der Zukunft sind wir alle tot“ lesen:

„Gestern habe ich wieder diese Literatursendung ‚er.lesen‘ geschaut. Das ist so eine Sendung, in der sich alte affige Männer treffen und ihre Lieblingsthemen sind, dass ‚Neger‘ ein tolles Wort ist und Feminismus irgendwie lächerlich.“ (S. 35)

Vielleicht hat Stefanie Sargnagel aber auch einen ernst gemeinten Text beim Bachmannpreis eingereicht. In Wahrheit kann das niemand einschätzen, weil sie eben einfach macht, was sie will. Auch deswegen hat sie schon jetzt gewonnen.

Wenn Dana Buchzik Ende letzten Jahres über Sargnagel schrieb, ihre Bücher würden nicht verlegt werden, wenn sie 20 Jahre älter wäre, so unterschätzt sie diese Figur, die eben über generationsbezogene Themen hinaus durchaus eine politisch-gesellschaftliche Beobachtungsgabe hat und der man auch eine Fähigkeit zur Weiterentwicklung zusprechen sollte. Stefanie Sargnagel ist eine großartige Kommentatorin. „In der Zukunft sind wir alle tot“ ist eine Sammlung witziger, bissiger und genauer Analysen zum beginnenden 21. Jahrhundert. Es ist keine Literatur nach meinem Verständnis, eher ein Zeitdokument. Aber das muss ja nichts schlechtes sein, im Gegenteil: Pointiertere Kommentare zum Zeitgeschehen findet man in keiner Zeitung, schon gar nicht in den Onlinezeitungen, die eigentlich genau für die Generation gemacht wären, zu der Sargnagel gehört.

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag Mikrotext als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.

Siegfried Lenz – Der Überläufer

Lenz ÜberläuferTatsächlich ist die deutsche Literaturgeschichte gar nicht so reich an Soldatenfiguren, obwohl es ja durchaus immer genug Soldaten gegeben hätte und die vermutlich auch immer ausreichend Erzählstoff geboten hätten. Dass wir vor 1900 Soldatenfiguren – als Soldaten, nicht als edle Heerführer wie Wallenstein oder als Vertreter der (preußischen) Oberschicht – fast nur bei Jakob Michael Reinhold Lenz und bei Büchner finden, hat wohl poetologisch-ästhetische Gründe: Deren Elend war dann doch zu elendig für die betuchtere, gebildete Leserschaft. Literatur, die sich mit dem Krieg selbst und den Soldaten darin beschäftig, entsteht dann vor allem mit den beiden Weltkriegen, insbesondere Borcherts „Draußen vor der Tür“, aber auch Bölls „Wo warst du, Adam?“ sind inzwischen nahezu klassische Beispiele dafür. Praktisch zeitgleich zu dem Titel Bölls entstand um 1951 der eigentlich zweite Roman von Siegfried Lenz, „Der Überläufer“.

Und dessen Entstehungsgeschichte, die im Nachwort des Bandes dargestellt wird, ist fast spannender als der Roman selbst: Das Manuskript wurde nämlich deswegen trotz eines existierenden Verlagsvertrages nicht gedruckt und dann im Archiv vergessen, weil die Geschichte um einen deutschen Soldaten der Wehrmacht, der an der Ostfront zur Roten Armee überläuft, um sein Leben zu retten, und der später aus der Sowjetzone in den Westen flieht, um abermals sein Leben zu retten „im politischen Klima der Adenauer-Zeit und angesichts der bedrohlichen Verhärtung zwischen den Westmächten und dem Ostblock schlicht unvorstellbar ist“ (S. 347). Gerade angesichts dieser Handlung ist es aber bedauerlich und nicht ganz nachvollziehbar, warum in der nun gedruckten Fassung der von Lenz selbst sehr treffend hinzugefügte Untertitel „Der Tod macht die Musik“ (S. 358) weggelassen wurde, trifft dieser doch genau das Verhalten der Überläuferfigur, um die es geht: Walter Proska eignet sich nicht dafür, für irgendwelche Ideen heroisch in den Tod zu gehen, sondern sein Verhalten wird maßgeblich von dem Versuch geleitet, den eigenen Tod zu vermeiden. Deswegen erschießt er andere Soldaten, bevor sie ihn erschießen können – ganz im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten in der Wehrmacht, Willi, den alle nur als „Schwein“ bezeichnen und der durchaus auch einfach aus Grausamkeit und Verrohung heraus tötet – und deswegen läuft er über, als ihm keine andere Möglichkeit bleibt.

Keiner der Soldaten, auf die man in Lenz‘ Roman trifft, scheint sonderlich von hehren Propagandaidealen, wie sie das Naziregime ja gerne vermitteln wollte, beeindruckt – keiner weiß so recht, warum er in diesem Krieg ist – im Gegensatz zu den entschlossen wirkenden russischen Partisanen -, keiner fühlt sich der „Klicke“, die für diesen Krieg verantwortlich ist, irgendwie verpflichtet oder gar verbunden – Proska bezeichnet sie sogar ganz offen als „böse“, und schiebt ihr damit all das Böse zu, das er tut –, jeder wäre lieber wo anders und vor allem: Eigentlich geht keiner von ihnen davon aus, den Krieg zu überleben. Lenz stellt hier mit all seiner Sprache, die sich einerseits durch eine große Einfachheit, gleichzeitig aber durch einen an manchen Stellen nahezu expressionistischen Bilderreichtum auszeichnet, der dann doch wieder an „Draußen vor der Tür“, das ja auch expressionistische Züge hat, erinnert, Krieg und seine Folgen für die Soldaten so dar, wie er ist: Trostlos, hoffnungslos und verrohend, als Trauma, das man, auch wenn man es überlebt, nie wieder los wird:

„Wir werden immer hier bleiben, Baffi. Und wenn man uns zurückholt, werden wir uns an kein anderes Nest gewöhnen können. Wer die Rokitno-Sümpfe geschluckt hat, kann sie nie wieder ausspucken. Wer diese Luft einmal geatmet hat, dem bleibt sie in den Lungen stecken. Wir werden nie mehr freikommen, nie mehr.“ (S. 127)

Nicht alle Soldaten werden dadurch aber zu Überläufern. Zu dem sich anpassenden, biegsamen Proska stellt der so groß gewachsene wie geradlinige Zwiczosbirski eine Gegenfigur dar. Er hat seinen eigenen Willen und seine eigenen Entscheidungen, für die er auch Konflikte mit seinen Vorgesetzten einzugehen bereit ist, er hat sich trotz des Krieges menschliche Gefühle wie Freundschaft und Solidarität bewahrt, immer wieder wird auf seine Gutmütigkeit hingewiesen. Wie wenig er bereit ist, eine einmal getroffene Entscheidung zurückzunehmen, und welchen Preis er dafür zu zahlen auch bereit ist, wird in seinem Kampf mit einem alten Hecht deutlich, den er unbedingt fangen will. Diesen Kampf kann und will er auch dann nicht aufgeben, wenn er sich selbst dadurch in Lebensgefahr bringt, und er führt in den vorübergehenden Wahnsinn. Proskas Überläufertum steht hier geradliniger Wahnsinn gegenüber. Im Gegensatz zu Proska scheint Zwiczosbirski nicht zur Roten Armee überzulaufen, sondern in Kriegsgefangenschaft zu geraten – Jahre später sieht Proska ihn oder glaubt, ihn zu sehen, allerdings lehnt dieser jeden Versuch der Kontaktaufnahme durch Proska ab. Der Überläufer Proska ist sozial von dem, dessen Trauma er teilt, isoliert, wie er von allen Menschen in der Sowjetzone isoliert ist. Wer selbst keine Solidarität zeigt, erfährt auch keine – und so ist es erstaunlich, dass er durch seine Mitarbeiter vor der Verhaftung gewarnt wird und so in den Westen fliehen kann.

Vervollständigt wird diese soziale Isolation durch die Trennung von der Schwester, dem einzigen noch lebenden Familienmitglied. Der Versuch, zu ihr Kontakt auszunehmen, ihr eine große Schuld zu gestehen, die Proska auf sich geladen hat, scheitert: Der Brief mit dem Geständnis, den Proska ihr schickt, hält er bald wieder als unzustellbar in den Händen – der „Assistent des Gewissens“ (S. 298) kann sein Gewissen nicht erleichtern.

„Der Überläufer“ ist ein Buch über den Krieg und seine psychischen wie sozialen Folgen, darüber, wie man überlebt, wenn man ständig den Tod vor Augen hat. Wer Lenz mag und sich dafür interessiert, wie Literatur mit existentiellen Krisen umzugehen vermag, wird hier ein sehr interessantes Buch finden. Wer eine flotte Geschichte mit viel Gefühl und Spannung erzählt bekommen will, wird enttäuscht werden.

Schade, dass der Roman nicht 1952 veröffentlich wurde – er wäre für die damalige Zeit interessanter gewesen, als er es vielleicht für die heutige ist.