Archiv für den Monat August 2016

Bachtyar Ali – Der letzte Granatapfel

Wenn ich mich recht entsinne, steht iBachtyar Granatapfelm Koran, dass die Rechtgläubigen nach ihrem Tod in einem Garten sein werden, in dem Bäche fließen und unter anderem Granatapfelbäume stehen – einen Abglanz dieser allerletzten, paradiesischen Granatapfelbäume finden die Figuren in dem „letzten Granatapfelbaum“, wie sie ihn nennen, einem Granatapfelbaum, der fern von der Zivilisation auf einem Berg – in der religiösen Symbolik oft ein göttlicher Ort – in paradiesischer Schönheit und Abgeschiedenheit steht. Dieser Ort und dieser Baum sind Vorgeschmack auf das Paradies, auf eine bessere Welt und dadurch auch Ort und Baum der Erkenntnis: Hier, unter diesem Baum, kommen die Figuren des Romans auf Ideen für ein besseres Zusammenleben und für ihren weiteren Lebensweg. Hier werden Versprechen unter Freunden niedergelegt, hier finden Kranke Frieden. Darüber hinaus steht der Granatapfel in vielen Kulturen für Furchtbarkeit und Leben, weil er so viele Kerne hat. Und auch das passt zum Roman „Der letzte Granatapfel“, denn hier verbinden drei gläserne Granatäpfel die Leben dreier Jungen miteinander, die irgendwie doch nur einer sind, da am Ende die Erkenntnis steht, dass alle Menschen miteinander verbunden sind: Die vielen Kerne des Granatapfels stehen für die vielen Menschen, die zusammen aber ein Granatapfel sind. Oder so ähnlich.

Der letzte Granatapfel“ von Bachtyar Ali ist eigentlich schon 2002 erschienen, allerdings auf Sorani. Bachtyar Ali ist Kurde und lebt zwar seit geraumer Zeit als Schriftsteller in Deutschland, ist hierzulande aber bisher praktisch unbekannt gewesen, da er eben nicht auf Deutsch, sondern in einer der kurdischen Sprachen, die im Irak gesprochen werden, eben auf Sorani, schreibt. Auch hier – wie in Varatharajahs „Vor der Zunahme der Zeichen“ – sind Sprache und Tod verbunden: Nicht nur, dass Sorani zu sprechen vermutlich in einigen Regionen der Welt lebensgefährlich sein kann, gerade deswegen ist die Sprache eben auch in gewissem Maße vom Tod bedroht. Dagegen schreibt Bachtyar Ali an, und glücklicherweise ist nun einer der Romane auch auf Deutsch erschienen, die unter denen, die Sorani beherrschen, wohl schon länger bekannt sind. Dass es so lange gedauert hat und so schwierig war, einen Roman von Ali zu übersetzen, liegt wohl daran, dass es praktisch keine Übersetzer für Sorani gibt. Umso schöner, dass es nun geklappt hat, denn „Der letzte Granatapfel“ ist ein großartiges, zutiefst humanes, unbedingt wichtiges Buch und ganz große Weltliteratur, man entschuldige bitte meinen Ausflug in das Bildungsbürgervokabular, andere Floskeln fallen mir nicht ein, um zu umschreiben, was ich meine.

Ali bedient sich der Erzählstrategien mündlichen Erzählens und zahlreicher Bilder und Motive aus der orientalischen Kultur, wie ich vermute, denn grundsätzlich hatte ich das Gefühl, immer wieder Bilder und Anspielungen nicht ganz zu verstehen, und der Roman ist in seiner ganzen Sprache und Art zu erzählen sehr weit weg von lakonisch erzählten Mittelstandsproblemen der deutschen Literatur. Man braucht deswegen schon recht lange, um sich an Sprache und Erzählstil zu gewöhnen, aber das lohnt sich.

Der Erzähler ist ein älterer Herr, Muzafari, der auf einem Flüchtlingsboot auf dem Weg nach England irgendwo orientierungslos im Meer treibt und seinen Mitreisenden davon erzählt, wie er nach 21 Jahren Gefangenschaft, während der er von dem Anführer der kurdischen Revolution, Jakobi Snauber, für tot und zum Märtyrer des Revolution erklärt wurde, freigelassen worden ist und sich auf den Weg gemacht hat, um seinen Sohn Saryasi zu finden. Er hat Saryasi mehr oder weniger gefunden – letztlich findet er gleich drei Jungen diesen Namens. Welcher sein leiblicher Sohn ist, ist nicht nur ungewiss, sondern auch zunehmend unwichtig.

Das Umhertreiben auf dem Wasser spielt dabei immer wieder eine wichtige Rolle: Nicht nur Muzafari selbst treibt orientierungslos auf dem Meer herum, auch davor wird das Leben immer wieder mit einer Flut vergleichen, die den Menschen erfasst und mit sich reißt.

„Ist nicht jede Geschichte ein kleiner Bach, der in einen See fließt und am Ende als Fluss mit Tausenden anderer Geschichten in den Ozean mündet?“ (S. 277)

Geheimnis und Wahrheit

So verhält es sich vor allem mit einem Freund der Saryasis, Mohamadi Glasherz, den die Flut oder eben das Leben quasi ins Verderben stürzt. Mohamadi heißt deswegen „Glasherz“, weil er ein zerbrechliches, reines Herz hat, das wie Glas ist. Sein Wunsch ist es, in einer Welt voller Geheimnisse, Heimlichkeiten, Intrigen und Lügen alle Geheimnisse auf der Welt aufzudecken, alles durchsichtig wie Glas zu machen, denn wie später eine andere Figur sagen wird:

„Wo es viele Geheimnisse gibt, gibt es auch viel Hass.“ (S. 187)

Allerdings haben die Machthabenden eine ganz andere Sichtweise auf „Geheimnisse“: Jakobi Snauber weist in einer ausführlichen Diskussion mit Muzafari darauf hin, dass es gerade Geheimnisse seien, die den Frieden erhalten können. Natürlich entgegen aller Erfahrung, denn in dem Land voller Geheimnisse herrschen Krieg und Elend. Aber auch Mohamadi ist mit seinem Weg wenig erfolgreich: Er stirbt an gebrochenem Herzen – ein Herz aus Glas hält der Welt nicht Stand. Beide Perspektiven sind falsch und damit eins. Das ist eigentlich die grundlegende Erkenntnis des Romans: Alles ist eins, alle Perspektiven sind nur zwei Seiten derselben Medaille, letztlich führt jeder Weg zum identischen Ergebnis, weil alle Dinge zusammenhängen.

Krieg und Menschlichkeit

Mohamadi Glasherz wird von der Flut zu den zwei weißen Schwestern gespült, in eine davon verliebt er sich – leider wird die Liebe aber nicht erwidert. Er stirbt während des Krieges nicht am Krieg, sondern an der Liebe, und dieser Tod ist ihm lieber als der Tod durch den Krieg. Aber: Auch die Reinheit, die Unschuld rettet die Menschen hier nicht vor dem Tod – und leider rettet ihre Unschuld vor allem nicht einmal die Kinder. Der Name „Saryasi“ steht im Laufe des Romans symbolisch für alle Kinder des Krieges, die ohne Familie allein durchkommen müssen oder die in anderer Weise Opfer des Krieges wurden – alle diese Kinder sind identisch, sie teilen ein Schicksal. Nicht zuletzt ist „Der letzte Granatapfel“ ein Roman gegen den Krieg, der unabhängig von seinem Anlass nur Leid schafft, und dazu führt, dass Menschen, die Brüder sein sollten, einander töten.

„Ja, wir sind Brüder. Alle in Elend lebenden Menschen dieser Welt sind Brüder.“ (S. 210)

Klingt kommunistisch, ist aber nicht kommunistisch. Es geht nicht um den Klassenkampf der Unterdrückten. Es geht vielmehr um die Frage, wie Menschen besser miteinander leben können oder wie sie eigentlich miteinander leben sollten. Und die Antwort des Romans ist: In Verständnis, in umfassender Geschwisterlichkeit. Für dieses paradiesische Ideal steht der Berg mit dem letzten Granatapfelbaum:

„Die Erde versank im Blut, aber für sie öffnete sich eine Zaubertür. Eine Tür in eine imaginäre Welt, in der Mensch und Erde bis zum Tode befreundet und vereint bleiben.“ (S. 126)

Teil an der inneren Unschuld der Kinder hätten gern die Machthaber, die eben diese Reinheit auf ihrem Weg zur Macht verloren haben, so will Jakobi Snauber, nachdem er alle Macht und alle weltlichen Genüsse bereits erlangt hat, „auch über Reinheit, Schönheit und Weisheit gebieten“ (S. 57). Und obwohl das aller Logik widerspricht, da Jakobi völlig gegensätzliche, unmenschliche Prinzipien vertritt und entgegen jeder Menschlichkeit gehandelt hat, erkennt Muzafari schließlich, dass auch Jakobi Teil der einen Menschheit, der einen Bruderschaft der Menschen ist:

„Als ich ihn umarmte, war es, als würde ich in Wirklichkeit mich selbst umarmen. Ich hielt für einen Augenblick inne. Ich schloss die Augen, und wie ein Blitz durchzuckte mich ein gefährlicher Gedanke: Jenes Leben in Abgeschiedenheit, das er sich wünscht, war nichts anderes als ein neuer, zusätzlicher Schwur, den wir hätten besiegeln müssen. Ein Traum wie die anderen großen Träume unter dem Granatapfelbaum. Er und ich, wir waren eine Person, die geteilt worden war. So wie die Saryasis eine Person waren und geteilt worden waren. War das möglich? Er mit so viel Furcht einflößender Macht, und ich, ein gebrochener Mann! Wie konnten zwei solche Hälften vereint werden? Gemeinsam waren wir ein zerbrochenes Wesen, ein zerbrochener Vater“ (S. 325)

Der Gedanke ist „gefährlich“, wie es hier heißt, weil er alle Gewohnheiten umstößt: Er setzt die Utopie gegenseitigen Verständnisses und umfassender Menschlichkeit radikal um, indem hier einer, dem Unrecht widerfuhr, in dem, der ihm das Unrecht zufügte, sich selbst erkennt.

Und das mag abgedroschen klingen, wenn ich das hier so darstelle. Aber das ist ein großer Roman mit einer großen Idee, der unglaubliches Leid beschreibt und nach einer Lösung dafür sucht – wenn er diese Lösung auch von Anfang an als paradiesische Lösung kennzeichnet, womit die Umsetzbarkeit dieser Lösung von Anfang an wenig realistisch ist. „Der letzte Granatapfel“ belehrt nicht, er gibt keine einfache Lösung vor, sondern er sucht nach Wegen und ist dabei offen und widersprüchlich und ein bisschen verwirrend. Wie schön, dass man diesen Roman jetzt auch lesen kann, wenn man kein Sorani beherrscht, denn dieser Roman enthält Gedanken und Fragen, die eben nicht überholt oder abgedroschen sind, und die es wert sind, dass sie in genau der Ernsthaftigkeit diskutiert werden, wie es in diesem Buch der Fall ist. Ganz ohne Ironie und Lakonie, die solche Gedanken gleich zu Hirnfürzen naiver Alt-Hippies machen, wie es vielleicht in der deutschen Literatur der einen Autorin oder des anderen Autors der Fall wäre. „Der letzte Granatapfel“ ist ein sehr schöner Roman, aber kein leicht zu lesender.

(Am Rande gibt es übrigens noch zahlreiche andere Romanelemente, die interessant dargestellt sind, so zum Beispiel hier das Verhalten einer ausländischen Hilfsorganisation, die sich nicht nur den Kindern gegenüber auch recht unmenschlich verhält, indem sie sie zum Forschungsobjekt verdinglicht, sondern die auch dazu beiträgt, dass das Leid, das den Kindern angetan wurde, von der Bevölkerung ausgeblendet werden kann, weil die Kinder hinter Krankenhausmauern versteckt und damit unsichtbar sind. Auch die ländlichen Moralvorstellungen kommen nicht ganz ungeschoren weg: Eines der Kinder ist in dieser Klinik, weil es angezündet wurde, als es neben einem Mädchen auf einem Feld einschlief, wobei das Mädchen völlig verbrannte.)

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An African City

Eine junge Frau, die jahrelang in Amerika gearbeitet hat, kehrt zurück nach Ghana, um dort zu arbeiten und um dort ihre große Liebe wiederzusehen. Zurück in Ghana trifft sie sich regelmäßig mit ihren Freundinnen in Bars und Restaurants. Auch diese haben eine Zeit im Ausland verbracht und sind jetzt „back home“ – und sie reden über das, was ihnen in Ghana auffällt, über die Liebe, über Arbeit und über Sex. Wer sich jetzt an eine Mischung aus „Sex and the city“ und Adichies „Americanah“ oder Selasis „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ erinnert fühlt, liegt damit wohl genau richtig, denn genau das soll die Webserie „An African City“ auch sein: „Sex and the city“ für kosmopolitische Afrikanerinnen. Die Serie ist merkbar eine low-budget-Produktion, aber trotzdem ist es sehenswert, wenn hier über Korruption, Gleichberechtigung, Schönheitsideale und AIDS, um nur einige der Themen zu nennen, gesprochen wird. Und sowohl Selasis als auch Adichies Roman kommen auch tatsächlich in der Serie vor, wenn Figuren der Serie eben genau diese Bücher in der Hand halten und sie lesen („Ghana must go“ sieht man in Episode 3, „Americanah“ in Episode 7).

Und es ist doch interessant, wie hier kulturelle Repräsentation in Literatur und dann im Netz dazu beitragen, dass eine Gruppierung global sichtbar wird. Das sind Dinge, die auch Literatur bewirken kann, wenn sie eben eine Form ist, in der Menschen von sich hören lassen können.

Natürlich gibt es aber auch berechtigte Kritik nicht nur an dieser Serie, sondern auch an den Büchern, die Autoren wie Adichie, Selasi oder Cole schreiben: Sie repräsentieren eben nur die Teile Afrikas, die es sich überhaupt leisten können, ins Ausland zu gehen, zu studieren, Bücher zu schreiben und zurückzukehren, und also: Die Oberschicht. Die Art und Weise, wie Afrika dargestellt wird – und das wird gerade in der Serie mit ihren Überspitzungen deutlich – ist eben eine sehr westliche: Man findet alle Klischees, die man als in den westlichen Industrienationen sozialisierter Mensch eben so von Afrika haben kann und es wird all das kritisiert, was aus westlicher Sicht so zu kritisieren wäre, eine andere Sicht wird nicht dargestellt. Afrikanische Blogs kritisieren daher wohl auch zurecht, dass Afrika hier zu genau dem Klischee verkommt, das der Westen von ihm haben will, dass eben stärker afrikanisch geprägte Kultur und Sichtweisen nicht zum Ausdruck kommen und eben nur die Probleme der afrikanischen Oberschicht zum Ausdruck kommen, nicht die der Unterschicht – diese wird nur durch den Blick der Oberschicht repräsentiert.

Das ist natürlich alles bestimmt richtig und man sollte es im Kopf haben, wenn man Bücher von den genannten Autoren liest oder diese Serie ansieht – aber wer wäre ich, Afrikanerinnen vorzuwerfen, sie wären nicht afrikanisch genug. Und trotz der Kritik sind die genannten Bücher und solche Serien doch ein Schritt, um einen Kontinent, der vom Westen mitunter noch mit Klischees assoziiert wird, die eher der Kolonialzeit entstammen, in einem anderen Licht zu sehen, denke ich. Insofern: Schaut euch diese wirklich ganz kurzweilige Serie ruhig mal an, gerade dann, wenn ihr Bücher von Adichie, Selasi oder Cole lest.

Und zur Serie geht es hier: http://www.anafricancity.tv/

Buchblogger und „Demokratisierung“

Seit Menschen sich im Internet über die Bücher äußern, die sie gelesen oder meinetwegen auch nur gekauft haben, gibt es auch diese Debatte, vorwiegend geführt zwischen dem etablierten Medium der sog. Literaturvermittlung, also dem Feuilleton, und den Buchbloggern. Für gewöhnlich sind die Vorwürfe des Feuilleton immer wieder ähnlich: Buchblogger haben kein Fachwissen, sie urteilen rein subjektiv, sie können kein Deutsch (im Sinne von: inkorrekter Verwendung von Interpunktion oder Fehlern bei der Orthographie oder aber fehlenden „n“s). Gerne, gerade bei Oliver Jungen, werden sexistische Klischees bemüht, wenn er durchaus in abwertendem Tonfall sinngemäß schreibt: Das sind vor allem Frauen und die lesen nur gefühligen Quatsch (so beispielsweise in dem FAZ-Artikel „Wie ensteht ein Mega-Bestseller? Heißkalte Küsse: Verlage umwerben Buchblogger mit einer „Litblog Convention“ in Köln“ vom 6.6.2016).[Nachtrag unten, Fußnote 1] Die Debatte, die geführt wird, wird natürlich von den betreffenden Journalisten, ob sie das nun offen sagen wollen oder nicht, nicht geführt, um die Kultur des Abendlandes zu retten, denn vermutlich wissen Literaturkritiker auch selbst, dass die Kultur des Abendlandes nicht sie braucht, sondern dass sie die Kultur des Abendlandes brauchen, um zu überleben. Jahrhundertelang ist die Literatur recht gut ohne professionelle Kritiker ausgekommen, es ist anzunehmen, dass auch heute gute und schlechte Texte geschrieben würden, wenn es keine Kritiker gäbe, und am Ende würde sich – wie früher auch – erst im Urteil der folgenden Jahrzehnte und Jahrhunderte irgendwie entscheiden, welcher Text überzeitlich relevant und ästhetisch ist und welcher nicht. In dieser Debatte geht es selbstverständlich in erster Linie um Deutungshoheit, und also um Macht. Was da ja eigentlich kommuniziert wird – und das ist auch etwas, das durch unser Schulsystem kommuniziert wird –, ist: Du darfst erst eine Meinung zu Literatur haben, wenn du das studiert hast, wenn du durch die richtigen Sprachspiele dein ja immer subjektives Urteil als objektiv ausgeben und vor allem: Wenn du dich sprachlich fehlerfrei ausdrücken kannst, und das nicht nur im Sinne von „gepflegtes, gut lesbares, verständliches Deutsch“, sondern im Sinne von „selbst der größte Erbsenzähler findet da keinen Kommafehler mehr“, wobei so getan wird, als würden Journalisten, auch großer Zeitungen wie der SZ, so ein wahnsinnig tolles Deutsch schreiben. Es geht um die Frage: Wer darf festlegen, was kulturell wichtig ist und wer nicht. Und es tut mir leid, wenn ich jetzt auf einen schon beinahe platten Topos zurückgreifen muss: Natürlich wird diese Machtposition vorwiegend von weißen Männern verteidigt, die Zahl der People of Color im Bereich der professionellen Literaturkritik in Deutschland ist verschwindend gering, natürlich gibt es einige Frauen, zumindest aber dann wenn man den Fernseher anschaltet, um Literatursendungen zu sehen, beschränkt sich die Zahl der Frauen, die da vorkommen, auf ein sehr überschaubares Grüppchen, das man an einer Hand abzählen kann, und das mitunter ja durchaus geschlechtsstereotyp ausgewählt (Frau Westermann) und von männlichen Kollegen angegriffen wird (Frau Löffler), was bei den Zuschauern ja weniger zu einem Aufschrei führt, als zu einem ins-Fäustchen-Lachen mit dem Gedanken: „Höhöhö, der traut sich was, der Reich-Ranicki/der Biller.“ Keinem von beiden schadet ja ihr Verhalten nachhaltig, obwohl sie sich mitunter hochgradig unsachlich verhalten, werden sie als sachliche Kritiker ernstgenommen. Was es für die Ernstnahme weiblicher Stimmen im Literaturbetrieb bedeutet, wenn im Literarischen Quartett in seiner derzeitigen Besetzung eine Frau nahezu systematisch vorgeführt wird, liegt ja auch auf der Hand, da wird ja auch das Gefühl vermittelt: Die Männer können sachlich über Literatur reden, die Frau kann das nicht. Versteht mich nicht falsch: Ich finde das Literarische Quartett großartig und sehr witzig, aber unproblematisch ist das eben nicht.

Natürlich ist die Buchbloggerszene empört ob der Angriffe durch den Feuilleton, sie fühlt sich missverstanden, verständlicherweise aber auch ausgegrenzt, denn genau das ist ja eigentlich auch das Ziel. Vor allem bloggende Frauen, aber natürlich auch Männer, reagieren nahezu nach Lehrbuch frauentypisch mit einem bescheiden-beleidigten: „Ich will ja auch gar kein Literaturkritiker sein“. Warum eigentlich nicht? Weil man so lange eingeredet bekommen hat, dass die eigene Stimme es nicht wert ist, gehört zu werden, dass man es jetzt glaubt? Ist „Literaturkritiker“ ein geschützter Begriff, den man erst führen darf, wenn man dafür bezahlt wird? Ich kenne schon Buchblogs von Frauen (Ergänzung: und natürlich auch von Männern), die dem Feuilleton eben inhaltlich in Nichts nachstehen. Andere, und pardon, es sind meinem Eindruck nach eher bloggende Männer, reagieren dagegen mit: „Ich finde, man sollte zwischen Buchbloggern und Literaturbloggern unterscheiden, ich will auch nicht mit diesen young-adult-lesenden Mädchen mit ihren rosa Blogs in einen Topf geworfen werden.“ Besonders drollig ist es auch, wenn Blogger Statistiken zum Leseverhalten erheben, die dann, erneut meinem Eindruck nach vor allem von Männern mit dem Hinweis darauf geteilt werden, dass ja mehr Männer als Frauen Klassiker lesen. Ein Schelm, der da nicht denkt, dass hier klassische Verhaltensmuster zur Machtverteilung aus der Gesamtgesellschaft und aus dem Feuilleton in die Bloggerszene übernommen werden. Ich bin nicht frei von diesen Mechanismen, ich weiß, dass ich einen Hang zum kulturellen Dünkel habe, versuche aber schon, mich da selbst zu hinterfragen (wobei Ausrutscher passieren), und möchte auch weiterhin versuchen, mir da in Zukunft auch an die eigene Nase zu fassen. Das bedeutet nicht, dass man alles toll finden muss, was andere machen. Esoterik und Engelchen werde ich weiterhin doof finden, nicht wegen kulturellem Dünkel, sondern weil ich eben mit Esoterik nichts anfangen kann. Auch Debatten um Qualität müssen weiterhin möglich sein. Auch die LeserInnen sog. „Unterhaltungsliteratur“ müssen mal aus ihrer „Das ist voll arrogant, dass du meinen Buchgeschmack nicht toll findest“-Ecke rauskommen, und halt einfach mal inhaltlich sagen können: Ich mag dieses und jenes Buch/Genre aus diesem und jenem Grund. Man muss diskutieren können, ohne dass eine Seite schon aus Prinzip eingeschnappt ist. Kritik, auch nicht-konstruktive Kritik, muss möglich sein. Aber eben nicht, wenn das Ziel dabei nur ist, die eigene Machtposition zu stärken, und nicht, wenn stereotype Argumentationsmuster bedient werden, deren einziger Zweck die Reproduktion von Ausgrenzung ist.

Die Bloggerszene hat aber all den Vorwürfen des Feuilletons natürlich etwas entgegenzusetzen, nämlich einen Begriff, den sie ihm wiederholt entgegenschmettert: Demokratisierung. Mich hat dieser Begriff lange verwirrt und er verwirrt mich noch, denn ich nehme die meisten Buchblogs nicht gerade als politisch wahnsinnig aktiv wahr. Aufmerken lässt es mich dann, wenn in einem heute erschienen Interview Felicitas von Lovenberg in ihrer Rolle als Verlegerin, nicht als Literaturkritikern, den Begriff „Demokratisierung“ verwendet, und zwar dann, wenn es um die Notwendigkeit neuer Wege geht, um Bücher zu verkaufen, nicht unbedingt wenn es darum geht, sie zu besprechen (hier ist die Literaturkritik dann eine Form von Buch-PR). Was meinen die also alle mit „Demokratisierung“? Grundsätzlich wohl so etwas wie: Jeder soll mitreden dürfen. Das ist richtig und wichtig und da hat sich gerade durch die Buchbloggerei einiges getan: Auch Genre-Literatur hat jetzt Plattformen, auf denen über sie diskutiert wird, Männer wie Frauen können sich gleichermaßen frei zu Literatur äußern, es gibt junge Buchblogger, es gibt alte Buchblogger, es gibt studierte Literaturwissenschaftler, es gibt Leute, die haben gar nicht studiert und äußern sich in ebenso lesenswerter Weise. Und vor lauter Freude über diese neugewonnene Vielfalt wird dann übersehen, dass zu „Demokratisierung“, denn das ist ein politischer Begriff, mehr gehören würde: Wenn ich mir die Buchblogger und Booktuber ansehe, dann sehe ich fast nur Weiße. Ich kenne viele People of Color, die viel lesen. Ich weiß von einigen, die politisch motivierte Blogs schreiben. Ich kenne kaum Buchblogger.

Der Verdacht liegt nahe, dass hier Mechanismen, die die Streiter der Hochkultur im Feuilleton vorgeben, bis in die Sphäre der Blogger fortwirken: Irgendetwas an der Art und Weise, wie über Literatur gesprochen und geschrieben wird, scheint dazu zu führen, dass sich einige nicht an diesem Gespräch beteiligen wollen. Und das finde ich sehr schade. Die amerikanische Booktuberin „mynameismarines“ hat dazu ein wie ich finde bedenkenswertes Video erstellt, von dem ich mir wünschen würde, dass es viel öfter angesehen und durchdacht worden wäre:

Wenn die Blogger es ernst meinen mit der „Demokratisierung“ und das nicht nur ein der Politik entlehnter Begriff zur Beschreibung neuer Vermarktungsstrategien sein soll, dann müssen wir doch auch über Literaturvermittlung nachdenken und darüber, wie wir Leuten, die offensichtlich beigebracht bekommen haben, dass sie sich nicht beteiligen dürfen, wenn es um deutsche Kultur geht, zeigen, dass wir ihre Stimmen gerne hören oder lesen würden.

Ich würde mir da – wie geschrieben – gerne in Zukunft auch gerne an die eigene Nase fassen. Und wenn jemand eine schlaue Idee dazu hat, wie man das anpacken kann, dann wäre ich darum sehr dankbar. Wenn es beim Bloggen um „Demokratisierung“ gehen soll, dann müsste man sich doch erst einmal überlegen, was dieser Begriff bedeutet – gesellschaftlich und politisch – und welche Ziele man damit verfolgt. Sonst ist dieser Begriff eine ziemlich leere Worthülse, die ohne inhaltliche Füllung und ohne Ziel lediglich als Blendgranate der Selbstrechtfertigung dient.

Widersprochen werden darf mir gerne in den Kommentaren, ich bin mir nämlich unsicher, ob das vielleicht ein dummer Beitrag ist oder einer, der nur Resultat meiner verzerrten Weltsicht ist. Vielleicht ist alles ganz anders.

[1] Nachtrag (4.8.’16, 21:47 Uhr) zu dem Artikel von Oliver Jungen und dem von mir ihm unterstellten Sexismus, das würde ich gerne noch mit einer Passage aus dem genannten Artikel belegen: „Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“ Um ehrlich zu sein habe ich eine dümmer-sexistische Passage noch selten in einer Zeitung wie der FAZ gelesen. Junge Frauen, so Oliver Jungen, lesen nur Müll, quatschen die ganze Zeit, schminken sich alle und wollen von Spaniern flachgelegt werden. Ich bin immer froh, wenn Männer mir erklären, wie Frauen eigentlich so sind.