Archiv für den Monat Juli 2014

Donna Tartt – Der Distelfink

Distelfink

„Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“ – da sind sich Hippokrates, Donna Tartt und der Protagonist ihres Romans „Der Distelfink“ wohl einig. Theodor Decker verliert in diesem dicken Bestseller im Alter von 13 Jahren seine Mutter, stiehlt ohne weitere Absichten das berühmte Gemälde „Der Distelfink“ von Carel Fabritius und wird von da an mehr oder weniger von diesem Bild geleitet, von dem Wunsch, es zu besitzen, zu verbergen, zu bewahren – und gleichzeitig: es zurückzugeben. Das Kunstwerk scheint ihm wichtiger als sein eigenes Leben, mit dessen Verlust verliert auch sein Leben scheinbar seinen Sinn, denn letztlich ist dieses Gemälde unsterblich, ewig – im Gegensatz zur Existenz Theo Deckers.

Sein Leben meint es nicht sehr gut mit ihm, man durchleidet mit Theo einen Abwärtsweg und hofft seitenlang schlichtweg, dass der Bub auf die richtige Spur zurückfindet. Denn genau dies gelingt Donna Tartt: Sie erzählt eine Geschichte, die man lesen will, mit der man mitfiebert und die man gar nicht aus der Hand legen will. Damit ist wohl auch der große kommerzielle Erfolg des Romans zu erklären.

Dabei geht Tartt sehr detailliert vor: Mit einer soziologisch brillanten Beobachtungs- und Darstellungsgabe führt sie den Leser in die obersten und untersten Gesellschaftsschichten Amerikas, stellt ihm einen nahezu verzaubert wirkenden Antiquitätenladen vor Augen, zeigt ihm (in mehrfachem Sinne) eine Welt hinter der Welt. Daher rühren wohl auch die in der Presse mehrfach gezogenen Vergleichslinien zu Charles Dickens.

Vor allem aber an diesem metaphysischen Anspruch, das Leben hinter dem auf den ersten Blick Sichtbaren, die Welt hinter der Welt darzustellen, droht der Roman aber auch zu scheitern. Über weiter Strecken ist dies durchaus gelungen: „Der Distelfink“ enthält beispielsweise wunderbare Passagen über Kunst und antike Gegenstände, auch einige nahezu philosophische Stellen über das Leben und das Schicksal. Aber eben nur einige: Insbesondere gegen Ende ergeht sich die Autorin vor allem durch den Mund Boris‘ in lebensphilosophischen Überlegungen über Gut und Böse und über das Schicksal, die nicht nur gewollt, sondern auch platt wirken. Nur mit Müh‘ und Not reißt der Schluss hier das Ruder noch einmal herum. Es wäre schön gewesen, wenn Donna Tartt es ihren Lesern zugemutet hätten, sich all dies, was hier so mit dem Vorschlaghammer auf den Punkt gesprochen wird, aus der Handlung und deren Darstellung zu erschließen – denn das Erzählen von Geschichten liegt der Autorin deutlich mehr als das explizite Formulieren von Gedanken zu Gut und Böse.

Dennoch habe ich das Buch mit großer Freude gelesen und mit dem Gefühl, dass ich dieses Buch noch einmal lesen würde, aus der Hand gelegt – und dieses Gefühl hat man ja nicht bei jedem Buch. „Der Distelfink“ erzählt eine Geschichte, die den Leser unweigerlich in ihren Bann zieht. Ob das Donna Tartt zu künstlerischer Unsterblichkeit verhelfen wird, ob es sich wirklich um ein „Meisterwerk“ handelt, wie einige Kritiker meinen, wird sich weisen – möglich ist es. Genauso möglich ist es allerdings, dass es sich hier lediglich um wirklich gut gemachte, anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur handelt. Allein: Wen kümmert’s, solange es ein gutes Buch ist?

Toni Morrison – Heimkehr

9783498045258Nach Hause zu kommen war in der Literatur noch nie leicht, das wissen wir ja schon seit Homers „Odyssee“ – man irrt immer ein bisschen herum, muss allerlei Gefahren durchleiden und gegen manchen Feind oder gar ein Monster kämpfen und im Handumdrehen sind ein paar Jahre vergangen und eigentlich ist es auch schon fast zu spät. Und weil das alles ein ziemlicher Aufwand ist, meint „Heimkehr“ nicht einfach, in die eigenen vier Wände zurückzukommen, sondern seinen Platz in der Welt, inneren Frieden zu finden.

Auf der Suche nach einer solchen „Heimkehr“ befinden sich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts inmitten des rassistisch geprägten Amerikas der vom Tod der Freunde traumatisiert aus dem Krieg zurückkehrende Frank „Smart“ Money und seine Schwester Cee. Um herauszufinden, wo man hingehört, muss man erst einmal die Welt gesehen haben, und so verlassen beide ein paar Jahre zuvor schon jung ihr Heimatdorf, in dem sie – vor allem Cee – wenig Zuneigung und vor allem nie das Gefühl erfahren haben, am richtigen Ort und erwünscht zu sein. Smart zieht in den Krieg und kann nach seiner Rückkehr die Erinnerungen nur durch Alkohol betäuben – er leidet nicht nur unter dem Rassismus Amerikas, sondern auch unter sich selbst. Cee heiratet den falschen Mann, nimmt den falschen Job bei einem Monster von einem Arzt an – und kann in letztem Augenblick von ihrem Bruder aus dessen Fängen befreit werden. Die Geschichte der beiden ist so voller Leid, dass selbst der in der Rahmenhandlung zum Erzählen auffordernde Frank mit gutem Grund bezweifelt, dass diese Geschichte überhaupt erzählt werden kann. Tatsächlich kann man solche Dinge nicht beschreiben, nicht schildern, wohl auch kaum erzählen – aber in gewisser Weise vielleicht singen, und eben dies tut Toni Morrison mit ihrer stellenweise nahezu lyrischen Sprache, die dieses Buch so wunderbar macht.

Da mag auch der kleine Wermutstropfen, dass das Happy End, die gelungene Heimkehr, die sogar die Leichen und Traumata der Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes begraben kann, doch sehr herbeigeschrieben und ein wenig platt wirkt, auch zu verschmerzen sein. Vielleicht ist es nicht der größte Wurf Toni Morrisons. Mag sein, dass sie das Potential der Geschichte und ihrer Fähigkeiten nicht voll ausgeschöpft hat. Aber hin und wieder braucht man auch mal ein Happy End, und darum ist dieses Buch eine Bereicherung.