Archiv für den Monat September 2013

Heidegger west im Internet an.

Liebe Goodreads-Nutzer,

wem wollt ihr eigentlich was vormachen? Fast 8000 von euch haben „Sein und Zeit“ gelesen? Also, so richtig, von vorne nach hinten, mit anschließendem darüber-Nachdenken um eine fundierte Besprechung zu schreiben? Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das nicht nur untertrieben ist, aber ich vermute, 7500 von euch mogeln bei ihrer Bücherliste.

GoodreadsSeinundZeit

Ich frage mich immer, ob der Buchumschlag von „Sein und Zeit“ eigentlich auch von Hugo Boss entworfen wurde, wegen der Farbwahl. Und wenn wir schon beim Thema „Heidegger“ sind: Das hier ist mein Lieblingslied:

Advertisements

Taiye Selasi – Diese Dinge geschehen nicht einfach so

IMG_0807

Wer mein Geschreibe hier schon etwas länger liest, weiß, dass ich literarische Vorurteile habe. Und: Ich habe davon echt viele. Oft kaufe ich Bücher schon nicht, weil irgendjemand auf der Buchrückseite oder -vorderseite sie empfiehlt. So wollte ich beispielsweise „Stoner“ von John Williams kaufen, habe dann im Buchladen gesehen, dass man ausgerechnet Tom Hanks (warum eigentlich? Warum sollte ich dessen Urteil über Bücher eigentlich interessanter finden als das etwa meiner Nachbarin?) mit seiner Empfehlung dieses Buches auf dem Buch verewigen musste. Und da wollte ich es schon nicht mehr lesen, denn auch wenn ich Tom Hanks primär aus „Forrest Gump“ und natürlich persönlich überhaupt nicht kenne, kann ich mir nicht vorstellen, dass wir eine große Schnittmenge gemeinsamer Vorlieben haben – um ehrlich zu sein kann ich mir ihn nur immer beim Pralinen- und Shrimps-Essen vorstellen, „Forrest Gump“ sei Dank, zudem wiederholt er dabei penetrant die Sätze „Ich bin klein kluger Mann, aber ich weiß, was Liebe ist“ und „Meine Mama hat gesagt, das Leben sei wie eine Schachtel Pralinen“. Übrigens mag ich keine Pralinen.
„Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ wird jedenfalls von der Autorin von „Eat, pray, love“ empfohlen und hätte ich mal meinen literarischen Vorurteilen Glauben geschenkt, hätte ich gewusst, dass das damit schon nichts für mich ist, weil die Autorin von „Eat, pray, love“ sicher nicht dieselben Bücher mag wie ich.

Zur Sache: Nachdem „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ schon einen gewissen Hype hinter sich hat und jeder schon bestimmt drölfhundert Besprechungen gelesen hat, hier nur noch einmal in Kürze: Es handelt sich um die Familiengeschichte einer über den Globus – sofern man Afrika, England und die USA als „Globus“ bezeichnen möchte – verteilten Familie mit afrikanischen Wurzeln, die anlässlich der Beerdigung des Ehemannes und Vaters Kweku in Ghana zusammentrifft. Die Darstellung einer entwurzelten Familie auf der Suche nach Heimat und mit ihrem Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg ist dabei überaus gelungen und klug beobachtet und dargestellt, und das stellt tatsächlich den Punkt dar, der das Buch wirklich lesenswert macht. Die Probleme, die hier glaubwürdig geschildert werden, sind die aller gesellschaftlichen Aufsteiger – ob nun mit Migrationshintergrund oder ohne –, die eben zu keinem Milieu ganz gehören und sich nach nichts mehr sehnen, als danach, irgendwo dazuzugehören, irgendwo angekommen zu sein, nicht mehr beweisen zu müssen, dass man mir Recht hier oder dort ist, und sei es nur sich selbst.

Leider hält aber Selasi die Spannungen, die sie so aufbaut, selbst nicht aus, und so müssen natürlich bis zum Buchende alle Leiden gestillt und jeder Kratzer mit einem Pflaster überklebt sein: Dass das hart am Folklore-Kitsch und Lächerlichen vorbeischrammt, wenn die Ehefrau eine Erscheinung ihres verstorbenen Ehemannes ausgerechnet durch dessen Pantoffeln haben muss, um sich mit ihm zu versöhnen (hätte das Buch nicht auf ohne diese Versöhnung auskommen können?) oder die jüngste Tochter, die zeitlebens darunter leidet, kein großes Talent zu haben, sich urplötzlich als Reinkarnation der eigenen Tante und als begnadete Tänzerin herausstellt. Und der große Bruder findet seine Heimat natürlich – schnief – in der Liebe. Am Ende sind alle glücklich und der Leser kann versöhnt das Buch zuschlagen, denn er wurde tatsächlich gut unterhalten und hat bald darauf alles auch wieder vergessen. Ein Happy End ist schön, ein Happy End tut niemandem weh, und deswegen ist es leider ein bisschen seicht. Ein bisschen weniger Auflösung, ein bisschen mehr Auseinandersetzung mit den vorhandenen Spannungen hätte dem Buch für mein Empfinden gut getan.

Als nervig empfand ich zudem oft Selasis Schreibstil, insbesondere in dem Teil des Buches, der Kwekus Tod darstellt: Hier versucht die Autorin, durch ständiges Wiederholen derselben Sachverhalte in immer ähnlich-anderen Formulierungen, die Zeit extrem zu dehnen, um Kwekus Sterben wie in Zeitlupe darzustellen. Das ist eine nette Idee, die mich so genervt hat, dass ich das Buch fast abgebrochen hätte. Kleine Kostprobe dazu? Bitte sehr, der Anfang von Kapitel 3 liest sich so:

Tautropfen auf Gras.

Tautropfen auf Grashalmen, wie Diamanten, großzügig verstreut aus der Tasche eines Elementargeistes, der zufällig vorbeikam und mit leichten, geschmeidigen Schritten durch Kweku Sais Garten ging, kurz bevor Kweku selbst dort erschien. Der ganze Garten glitzert, blinzelt und kichert, wie Schulmädchen, die verlegen verstummen, wenn der Liebste sich nähert. Glitzernder Mangobaum, Herrscher, strotzend im Zentrum, mit den kräftigen, leuchtend grünen Blättern und den leuchtend gelben Früchten; glitzernder Brunnen, jetzt voller Risse und umgeben von Unkraut, das Weiß blüht, aber die Statue steht noch da, die »Mutter von Zwillingen«, iya-ibeji, ein Geschenk für seine Ex- frau Folasadé, jetzt verlassen im Brunnen, mit ihren handgemeißelten Zwillingen; glitzernde Blumen, die Folasadé an ihren Blüten, ihren Gesichtern erkennen konnte, die englischen Namen, die lateinischen Namen, eine Million verschiedener Rosatöne; leuchtender Himmel, das weiche Grau des Südens ohne Sonnenlicht, glitzernde Wolken an den Rändern.

Glitzernder Garten.

Glitzernd nass.

Was natürlich noch auf keinen Fall vergessen werden darf und ständig betont werden muss, wenn man über das Buch spricht, ist, dass die Autorin gut aussieht und in Oxford und Yale studiert hat, das ist nämlich für das Buch mindestens genauso wichtig wie die Meinung von Tom Hanks für „Stoner“. Tatsächlich erklärt das aber vielleicht das große Selbstbewusstsein, mit dem Taiye Selasi sich in Verbindung zu dem von ihr im Roman erwähnten Achebe bringt. Das ist das einzige, was ich aus dem Buch wirklich längerfristig mitgenommen habe: Es hat mich an „Alles zerfällt“ erinnert, das hier schon viel zu lange ungelesen herumliegt. Ansonsten ist „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ ein kluger und sicher schöner Roman, von dem man sich gut unterhalten lassen kann, mir war er aber ein bisschen zu schön.

Eugen Ruge – Cabo de Gata

rugeCabodeGata

Alles, wirklich alles ist großartig, wenn man eine Katze darin vorkommen lässt. Das Internet ist der beste Beweis dafür, schließlich wurde es sogar von Katzen erfunden. So ist es quasi ein Geniestreich von Eugen Ruge, eine Novelle (wenn man so will) mit Katze darin zu schreiben – da ist ja schon von vorneherein klar, dass das nicht schief gehen kann.

Eugen Ruge erzählt in „Cabo de gata“ wohl zumindest in Ansätzen autobiographisch von einem Aussteiger, der sich mühsam aus allen sozialen Vernetzungen herausschneidet, alles Geld zusammenkratzt, das er kriegen kann, und sich aufmacht auf eine nicht italienische, dafür aber spanische Reise, um dort einen Roman zu schreiben. Während sich jedoch Goethe bei seiner italienischen Reise aus Künstler neu finden konnte, geht es in „Cabo de Gata“ um das Scheitern: Der Versuch des Ausbruchs misslingt ebenso wie der vorherige Versuch, sich glücklich in die Gesellschaft zu integrieren. Und dennoch ist die Reise nicht umsonst, denn es gibt sie, die kleinen und großen Momente des Glücks, es gibt den perfekten Augenblick, und – wie sollte es anders sein – schuld ist natürlich eine Katze.

All dies wird in einem distanzierten, dankenswerterweise kein bisschen kitschigen Stil erzählt, und daran wird es wohl auch liegen, dass mich die wohl am ehesten als philosophisch zu bezeichnenden Passagen der Novelle nicht genervt haben, obwohl ich bei derartigen Passagen sonst schnell schlechte Laune kriege, eben immer dann, wenn jemand tiefgründiger tut, als er ist. Das ist hier aber nicht der Fall. Um bei den Goethe-Faust-Bezügen (was auch immer diese hier zu suchen haben) zu bleiben: Die alte Erkenntnis „es irrt der Mensch, solang er strebt“, beantwortet Ruge damit, dass die Lösung darin läge, nicht mehr nach etwas zu streben (was ja auch Fausts Wunsch wäre). Und tatsächlich gelingt es ihm auch, zumindest zeitweilig, nicht mehr zu streben, sondern einfach glücklich, zeitlos zu sein. Aber natürlich scheitert auch das.

„Cabo de Gata“ ist eine wirklich wunderbare, unaufdringlich-nachdenkliche Novelle, die eine eigentlich traurige Geschichte so leicht erzählt, dass man dabei glücklich ist (und manchmal sogar laut lacht). Mit Sicherheit ist es nicht das wichtigste Buch der Welt, sicher auch nicht das wichtigste des Autors, aber ich habe es unglaublich gerne gelesen.

P.S.: CATLEIDOSCOPE!