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Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

Angelou Ich weiss warumIn ihrer autobiografischen Erzählung, die erstmals 1969 erschienen ist und von der Kindheit Angelous in den 1930er und 1940er Jahren im Süden Amerikas sowie in St. Louis und San Francisco erzählt, gewährt die Autorin Einblick in das Aufwachsen mit Segregation und Rassismus, mit Angst und Armut, mit der Herabwürdigung von Frauen durch Männer, mit instabilen Familienverhältnissen und dem ständigen Ringen um Stolz, Stabilität, Selbstbewusstsein und so etwas wie Normalität. Die junge Erzählerin muss schon früh erwachsen werden und die Religion, die ihrer Großmutter noch Sinn und Orientierung geben konnte, stellt für sie eher rituelle Sicherheit als einen wirklichen Schutzschild dar. Einen solchen Schutzschild findet sie aber in der Bildung: in Büchern, Wissen und Haltung – und schließlich auch in der eigenen Familie. Erschwert wird der Weg dahin dadurch, dass ihr permanent gespiegelt wird, unzulänglich zu sein, weil sie schwarz ist, weil sie eine Frau ist, aber eben aus ihrer Perspektive wie der ihrer Umwelt wohl weder schön noch weiblich, was ihren Status in den 1940er Jahren mit seinen festen Rollenbildern deutlich schaden konnte. Weiterlesen

Ein Weihnachtsmärchen für die plurale Gesellschaft? Stephen King – Erhebung (feat. Isolde Charim: Ich und die Anderen; René Girard: Das Heilige und die Gewalt; und ein bisschen Charles Dickens)

„Wir leben in einer pluralisierten Gesellschaft. Das ist nicht nur ein relativ neues Faktum. Das ist auch ein unhintergehbares Faktum: Es gibt keinen Weg zurück in eine nicht-pluralisierte, in eine homogene Gesellschaft. Das ist eine einfache Feststellung. Nicht ganz so einfach ist die Klärung der Frage, was das genau bedeutet: Was ist eine pluralisierte Gesellschaft? Welche Auswirkungen hat das für jeden von uns? Oder anders gefragt: Was heißt es eigentlich, in einer solchen Gesellschaft zu leben?“

(Charim: Ich und die Anderen, S. 11)

 

charim ich und die anderenMit diesen Fragen eröffnet Isolde Charim ihren 2018 erschienenen, bedenkenswerten Essay „Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert“. Es sind drängende Fragen des Zusammenlebens in einer Gesellschaft, die in viele Gruppen zu zerfallen scheint, in der ein kollektives „Wir“ zu fehlen scheint, die nicht nur Charim beschäftigen: Auch Tristan Garcia beschäftigt sich in „Wir“ mit ähnlichen Themen, genauso und mit ganz anderem Ansatz Leander Scholz in „Zusammenleben“. Und: Sie beschäftigen auch Stephen King in seiner sehr kurzen neuen Erzählung „Erhebung“.

Diese Erzählung, die gewissermaßen eine Fortsetzung zu „Gwendys Wunschkasten“ ist, ist erneut in der Kleinstadt Castle Rock verortet, und diese Kleinstadt ist gespalten: Explizit zur Zeit der Präsidentschaft Trumps bewegt sich der Protagonist Scott durch eine kirchlich und republikanisch geprägte Kleinstadt, die nicht nur mit einer progressiven Minderheit, sondern jetzt explizit auch mit einem homosexuellen Ehepaar, zwei Frauen, konfrontiert wird, die ein vegetarisches Restaurant eröffnet haben. Die beiden Frauen werden ausgegrenzt, wie sie denken auch von Scott. Und Scott verliert jeden Tag an Gewicht – und bemüht sich darum, ein besseres Verhältnis zu seinen beiden Nachbarinnen Deirdre und Missy, eben diesem Ehepaar, aufzubauen, was sich als gar nicht so einfach erweist. Weiterlesen

Kathleen Collins – Nur einmal. Storys

„For women, then, poetry is not a luxury. It is a vital necessity of our existence. It forms the quality of the light within which we predicate our hopes and dreams toward survival and change, first made into language, then into idea, then into more tangible action. Poetry is not only dream and vision; it is the skeleton architecture of our lives. It lays the foundations for a future of change, a bridge across our fears of what has never been before.“

So bestimmte Audre Lorde in ihrem beeindruckenden[1] Essay „Poetry Is Not a Luxury“ (aus: „Sister Outsider“) das, was Literatur zu leisten vermag: Als Ort sprachgewordener, verdichteter Erfahrung ermöglicht sie die Verbindung mit dem Fühlen anderer, da alles bereits erlebt und gefühlt worden sei, ermöglicht sie neuen Mut, neues Fühlen, neue Kraft, aus denen Handeln und also Veränderung erwachsen können. Literatur als Ort, an dem individuelle Erfahrungen sich verbinden können, da sie sagbar und mitteilbar und fühlbar geworden sind, ist der Ort, aus dem heraus Zukunft entstehen kann.

collins nur einmal

Kathleen Collins, deren Storys 18 Jahre nach ihrem Tod im Jahr 2016 neu entdeckt und zunächst im englischen Sprachraum unter dem Titel „What Happend to Interracial Love?“, jetzt auch in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg unter dem Titel „Nur einmal“ erschienen sind, war wie Audre Lorde Künstlerin und Bügerrechtsaktivisin. Lorde, Schriftstellerin, 1937 geboren und 1992 an den Folgen von Brustkrebs verstorben, und Collins, Filmproduzentin und Autorin, 1942 geboren und 1988 an den Folgen von Brustkrebs verstorben, waren Zeitgenossinnen, die beide in derselben, für das Verhältnis zwischen People of Color und Weißen von Umbrüchen gekennzeichneten Zeit ähnliche Hoffnungen, Enttäuschungen und Formen der Diskriminierung erlebt haben dürften. Nicht nur deswegen lesen sich Collins‘ neu entdeckte Storys wie Beispiele einer Literatur, wie Lorde sie beschreibt. Weiterlesen

Verena Lueken – Alles zählt

9783462047974Vernea Lueken erzählt in „Alles zählt“ von einer mutigen, intelligenten, selbstständigen Frau, die in New York, der einzigen Stadt, in der sie sich beinahe zu Hause fühlt, von einem schon besiegten Gespenst der Vergangenheit eingeholt wird: Krebs. Vor dieser existentiellen Krise schreckt sie nicht zurück, sie stellt sich ihr mit allem Mut und aller Reflektiertheit, sie leitet alleine alle notwendigen Schritte ein, lässt sich operieren, wird danach vor Schmerz beinahe verrückt und befreit sich radikal aus aller von ihr als falsch empfundenen Bevormundung anderer. Und dabei erzählt das Buch von so viel mehr als „nur“ von einer Erkrankung: Es erzählt auch von der Bedeutung, die Musik, Kunst und Literatur in schweren Zeiten haben, wie viel Halt einzelne Sätze oder Songzeilen haben können, es erzählt von Heimatlosigkeit, vom Suchen und von der familiären Liebe. Und daran, meine ich, muss man gute Literatur erkennen können: Wenn sie über das einzelne Schicksal hinaus etwas zu sagen hat, auch für die, die mit diesem Schicksal (glücklicherweise) bisher nicht zu kämpfen hatten.
Da ist beispielsweise der sich leitmotivisch durch den Text ziehende Vers aus einem Gedicht Robert Frosts, der für die Protagonistin schon bei ihren vorherigen Krebserkrankungen ein Halt war, ein Halt, der ihr jetzt angesichts der übermächtigen Schmerzen zu entgleiten droht:

„Sie war sich entglitten, irgendwann über dem Atlantik. Als sei sie aus dem kleinen runden Fenster in der Kabine gerutscht, während gerade niemand achtgab, und dann da draußen verloren gegangen. In vollständiger Einsamkeit. Crossing to safety. Das hatte sie jedes Mal gedacht, wenn sie in New York landete. Als sie diesmal die Stadt verließ, […] da spürte sie, wie diese Sicherheit sich verflüchtigte, schon als sie abhoben.“ (S. 104)

Vor allem aber bin ich Lueken dankbar, dass sie – und solche Bücher sind so selten – eine Protagonistin entwirft, deren Schicksal nicht deswegen interessant sein soll, weil es irgendwie auf einen Mann bezogen ist (sei es aus unglücklicher Liebe oder Verlust oder weiß der Kuckuck warum), sondern eine, die um ihrer selbst willen interessant ist. Eine, die selbstständig ist und nicht den rettenden, strahlenden (männlichen) Helden braucht, der sie rettet, sondern die sich selbst rettet. Das ist nach wie vor so selten. Überhaupt ist diese Frau in ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit, in ihrer aus ihr selbst kommenden Stärke bemerkenswert, die auch daran deutlich wird, dass sie sich weder einen Trost herbeiphantasieren will, um mit ihrer Krankheit fertig zu werden, im Sinne von „Meine Krankheit als Weg“ oder „Meine Krankheit hat auch etwas Positives“, noch Halt in der Gruppe sucht:

„Ihre Abwehr war spontan. In den Faltblättern, die er ihr zusteckte, hieß es, es wäre gut für sie, Menschen zu finden, die das Leben trotz Krebserkrankung für lebenswert hielten und sich gemeinsam mit ihr dafür einsetzen könnten, ihre eigene Lebensqualität zu verbessern. Für sie war das eine ganz erbärmliche Vorstellung. Wie sich andere, die auch krank waren, aber ihr Leben trotzdem für lebenswert hielten, über sie beugen würden und sich für ihre Lebensqualität einsetzen wollten.“ (S. 121)

„Stattdessen fragte sie sich, wie es kam, dass manche Menschen empfanden, für sie habe diese Krankheit auch etwas Gutes gehabt. Wenn sie sie denn überlebten. Als Weckruf. Als Aufforderung, mit ihrem Leben etwas Vernünftiges anzufangen. Oder wenigstens Vegetarier zu werden. Als Mahnung, sich ab und zu mal weder ablenken noch unterhalten zu lassen und der Welt in die Augen zu blicken. Oder zumindest der Familie. Als Erinnerung daran, dass das Leben endlich ist. Sie hatte ein Leben geführt, dessen Endlichkeit ihr sehr bewusst war. Sie brauchte keinen Weckruf, keine Mahnung, keine Erinnerung, die eine Krankheit in ihr abrufen könnte. Sie war seit fünfundzwanzig Jahren Vegetarierin. Sie brauchte diesen Krebs für nichts.
Es schien ihr auch ganz widersinnig, wenn Menschen, die den Eindruck hatten, in ihrem Leben bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie krank wurden, nicht Sinnvolles angefangen zu haben, sich dann entschlossen, den Sinn in dieser Krankheit zu finden.“ (S. 127)

Was der Sinn des Lebens ist, klärt man besser vorher, nicht in einer Krise, so ihre Sichtweise. Diese Frau genügt sich selbst, sie blickt der Sinnlosigkeit ins Gesicht, wie sie ist, und lebt damit, ohne zu verbittern oder zu verzweifeln. Und entsprechend ist ihr größter Wunsch in der Phase der Schmerzen, die sie ihr selbst entfremden, wieder sie selbst sein zu können.

Und erst, als sie dies durch sich selbst erreicht hat, öffnet sie sich interessanterweise tatsächlich für ein männliches Gegenüber, die trifft in Myanmar auf einen Arzt, Nan, den ersten Mann, der in diesem Buch mit ausgeschriebenem Namen und also als Individuum auftritt. Und der mit ihr die – am Ende offen bleibende – Suche nach Heimat teilt.

In diesem Buch bleiben zum Glück viele Fragen offen, es ist kein Leitfaden, wie man am besten mit einer lebensbedrohlichen Krankheit oder unbeschreiblichen Schmerzen umgeht, sondern einfach eine Darstellung. Und auch hierum bin ich sehr froh, denn Lueken wird nirgends betulich oder pathetisch und will den Leser nirgends belehren, sie beschreibt sehr intime Dinge ohne peinlich oder aufdringlich zu werden. Sie erzählt einfach eine Geschichte, und das nicht nur in einer sehr schönen Sprache, sondern auch in einem durchaus kunstvollen, dreigliedrigen Aufbau mit (wie bereits erwähnt) wiederkehrenden Motiven, die innerhalb der mitunter lose wirkenden Erzählbestandteile für Zusammenhang sorgen.

Truman Capote – Wo die Welt anfängt

Capote WeltCapote ist ein hervorragender Beobachter und Geschichtenerzähler. Er hebt nie den Zeigefinger, drängt dem Leser keine Schlüsse auf, sondern traut ihm zu und lässt es zu, dass er selbst etwas aus seinen Erzählungen macht. Das schätze ich sehr. Dass dies bereits in seinen frühen Werken der Fall ist, zeigt sich an „Wo die Welt anfängt“, eine Sammlung von Kurzgeschichten und Erzählungen, die Capote im High School-Alter verfasst hat. Freilich sind diese nicht von gleicher Stärke: Gerade die, in denen Capote versucht, andere Erzähltechniken zu verwenden, sind schwächer, so zum Beispiel „Verkehr nach Westen“. Das ist aber nicht so schlimm, denn einzelne Erzählungen, insbesondere die erste, „Miss Belle Rankin“, sind derartig gut, dass schon ihre Existenz die Existenz der schwächeren Erzählungen rechtfertigt. Capote erzählt mit einer nie pathetisch oder effekthascherisch wirkenden Melancholie, drängt sich dem Leser nie auf und berührt gerade dadurch.

Wenn ich das noch nicht gelesen hätte, würde ich es jetzt tun.

Mehr kann man da nicht sagen, wenn man nicht auf der Biographie des Autors rumreiten oder jede Erzählung einzeln besprechen möchte, tut mir leid. Aber wenn die Besprechung kurz ist, bleibt mehr Zeit für das Buch.

Philip K. Dick – Das Orakel vom Berge

Dick Orakel

In diesem Roman, der durch die an ihn angelehnte Amazon-Serie „The Man in the High Castle“ wieder etwas an Bekanntheit gewonnen hat, entwirft Philip K. Dick, der ja auch die Grundlagen für Filme wie Blade Runner, Total Recall und Minority Report schrieb und den man deswegen ruhig hin und wieder lesen könnte, eine kontrafaktische alternative Geschichte: Der zweite Weltkrieg wurde nicht von den Alliierten, sondern von Deutschland und Japan gewonnen, die sich nun in einer Art kaltem Krieg zu befinden scheinen, Amerika wurde in Besatzungszonen und eine neutrale Zwischenzone in den Rocky Mountains aufgeteilt, die folglich der Rückzugsort für alle die wird, die sich aus unterschiedlichsten Gründen verstecken müssen. Hier lebt auch Hawthorne Abendsen, der Autor des fiktiven Bestsellers „Die Plage der Heuschrecke“ (in der älteren Übersetzung lautet der Titel etwas anders, in jedem Fall handelt es sich aber um eine alttestamentarische Anspielung). Dieses Buch ist in den von Deutschland kontrollierten Gebieten verboten, in den japanischen wie neutralen Zonen dagegen nicht und es entwirft eine Welt, in der Japan und Deutschland den Krieg verloren haben und die Alliierten gewonnen haben. Dick spielt mit Realität und mit der Frage, ob es so etwas wie objektive Erkenntnis der Realität überhaupt gibt – das spiegelt sich in zahlreichen Details, bis hin zu der Reflexion der Frage, dass jeder Leser des genannten Bestsellers diesen auf eine andere Art, aus seinem eigenen Weltbild heraus zu lesen scheint. Und nicht zuletzt stellt er nebenbei im Aufzeigen all der alternativen Geschichtsverläufe und Sichtweisen auf Geschichte die Frage, ob es auch so etwas wie eine gute Lösung in der Geschichte gibt – schon dafür, wie Philip Dick hier über die eigentliche Handlung des Buches hinaus grundsätzliche allgemeinmenschliche Fragen miteinander verwebt, lohnt sich die Lektüre unbedingt.

Dazu trägt auch bei, dass hier das Naziregime nicht, wie ich es zunächst befürchtet habe, zur bloßen Staffage benutzt und damit bagatellisiert wird. Schade ist allerdings, dass einige esoterische Züge, die die zentrale Bedeutung mit sich bringt, die dem I Ging-Orakel in dem Buch zukommt, sich mir immer so völlig entziehen, zudem kommt Frauen (auch im Fall von Juliana) nur eine passive, reagierende Rolle zu, sie können in Geschichte kaum direkt eingreifen, scheinen auch den Wunsch danach kaum zu haben; die Handelnden sind Männer. Ob das zur Ideologie des Buches oder zur Ideologie der Entstehungszeit, den USA der 1960er, gehört, wage ich nach so oberflächlicher Beschäftigung mit dem Buch nicht zu beurteilen. Ähnliches gilt für die Homophobie und die stereotype Darstellung unterschiedlicher Rassen – gerade der letztere Punkt ist in einer Welt, die maßgeblich von einem rassistischen Deutschland kontrolliert wird, wohl unumgänglich, bei ersterem Punkt bin ich mir da nicht so sicher.

Nichts desto trotz: Habe ich gern gelesen.

T. C. Boyle – Hart auf hart

Boyle Hart auf hart

Der Mittelstand hat weltweit ein Problem. Irgendwie gehört er nirgends dazu, ständig muss er um seine Position kämpfen und das bedeutet: Nach unten treten, nach oben kriechen. Das führt nicht nur zu einem Gefühl der permanenten Gefährdung und also Unsicherheit, die aus der ständigen Angst vor dem Statusverlust und eben dem Gefühl, nirgendwo richtig dazuzugehören, resultiert, sondern auch zu einer besonderen Anfälligkeit für extreme Ansichten, gerne auch voller Verschwörungstheorien. So ist es maßgeblich der deutsche Mittelstand, dieses halbgebildete Ungetüm, der den Kopp-Verlag finanziell über Wasser hält und daran glaubt, dass diese chem trails am Himmel irgendeine ganz gefährliche Sache sind.

Vielleicht ist es da ganz tröstlich, dass T.C. Boyle in seinem neuesten Roman „Hart auf hart“ davon erzählt, dass auch der amerikanische Mittelstand spinnt, in besonderer Weise zu Gewalt und extremen Ansichten tendiert. In diesem Buch geht es um Sten, einen ehemaligen High School-Direktor und Vietnam-Veteranen, seinen Sohn Adam und dessen ältere Geliebte Sara. Alle drei teilen eines: Das Gefühl, in dieser Gesellschaft keinen Platz zu haben, nicht dazu zu gehören, obwohl dies objektiv wohl der Fall ist. Deutlich wird das an Sten, einem gesellschaftlichen Aufsteiger, der für sich keinen Platz in der Gemeinschaft findet und finden will, und das unabhängig davon, ob er nun als Volksheld verehrt, als nützliches Gesellschaftsmitglied eingebunden oder als Vater eines Mörders geächtet wird. Letztlich wünscht er sich immer nur eins: Einen Drink und seine Ruhe. Einige dieser Gewohnheiten – das Trinken zur Beruhigung – und seiner Charaktereigenschaften – allen voran der Jähzorn und eine Neigung zu affektgesteuerten Reaktionen – teilt Sten mit seinem Sohn Adam. Jedoch ist Adam, ob nun seine psychischen Probleme angeboren oder durch seinen Drogenkonsum hervorgerufen wurden, viel extremer als Sten. Während sein Vater noch in der Gesellschaft seinen Platz zu finden sucht, hat Adam sich schon längst sein Vorbild in der wildromantischen Figur des Waldläufers Colter gefunden und die Gesellschaft verlassen. Er lebt im Wald, baut Opium an und tötet aus seinen wirren Verschwörungstheorien und dem Wunsch nach vollständiger Unabhängigkeit von der Gesellschaft heraus alles, was ihm als störend über den Weg kommt. Hin und wieder hat er Sex mit der sehr viel älteren Sara, halb Geliebte, halb Mutterfigur für ihn und selbst eine Außenseiterin, die rechtsextremen Verschwörungstheorien anhängt und lieber ins Gefängnis geht, als sich beim Autofahren anzuschnallen.

Anhand dieser drei Figuren durchmisst Boyle unterschiedliche Stadien des Außenseitertums und der Rebellion gegen die Gesellschaft: Während es Sten noch am besten gelingt, sich an soziale Konventionen zu halten, steht Sara schon deutlich außerhalb der Gesellschaft, der sie jedoch eher passiven Widerstand leistet. Sten versteht das Verhalten seiner Mitmenschen und weiß, wann er sich wie zu verhalten hat, auch wenn er sich nicht immer im Griff hat; Sara dagegen gelingt es meist schon nicht, soziale Vorgänge angemessen wahrzunehmen und zu beurteilen. Eine routinemäßige Verkehrskontrolle ist für sie ein massiver Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte. Adam ist das äußerste Extrem, er isoliert sich nahezu vollständig, greift Vertreter der Gesellschaft gewaltsam an und ist selbst in seinen klareren Momenten nicht in der Lage, Realität angemessen wahrzunehmen. Diese Kartographie des Mittelstandes gelingt Boyle in einem handlungsmäßig recht vorhersehbaren, dafür atmosphärisch aber äußerst gelungenen Roman. Am Ende gibt es für keinen von ihnen ein Leben außerhalb der Gesellschaft.

Selbst Sigmund Freud hätte seine Freude an diesem Roman und ganz besonders an der Figur Adams, für den Sara eben wie bereits angemerkt beides gleichzeitig ist: Mutter und Geliebte. Dies rührt auch daher, dass er wohl zeitlebens gegen die übermächtige Vaterfigur Stens nicht angekommen ist. Für eine psychoanalytische Interpretation wäre der Roman ein gefundenes fressen – dies zeigt aber nur umso mehr Boyles große Fähigkeit, psychologisch genau zu beobachten und zu erzählen. Interessant wäre auch ein theologischer Blick auf das Buch, schließlich sind mit den drei Hauptfiguren auch drei große biblische Urgestalten vertreten: Der erste Mann Adam – auf den auch wiederholt angespielt wird –, der nach dem Sündenfall aus dem Paradies der Gesellschaft verstoßen ist; die Erzmutter Sara, die erst im Alter von 40 Jahren ein Kind (Adam) bekommt, und Sten, also Stein bzw. der Erzvater Isaak, der diesmal nicht selbst geopfert werden soll (oder doch?), sondern sein Kind Adam opfern muss. Irgendetwas Schlaues wird sich T. C. Boyle bei alledem gedacht haben. Da ich das ja aber nicht alles allein durchdenken kann, solltet ihr alle schnell „Hart auf hart“ lesen, damit ihr mir das dann erklären könnt. Zudem ist es ein gutes Buch, das kann man schon mal lesen.