Abbas Khider – Brief in die Auberginenrepublik

KhiderBrief

Der 27-jährige Salim hat mit seinen Freunden im Irak verbotene Bücher gelesen, was Grund genug für das Regime unter Saddam Hussein war, ihn als politisch gefährlich einzustufen und gefangen zu nehmen. Salim gelang die Flucht nach Libyen, eins jedoch hat ihm nie Ruhe gelassen: Er wollte seiner früheren Freundin und bis heute Geliebten Samia, die ebenfalls zu dem Kreis der verbotene Bücher lesenden Freunde gehörte, einen Brief schreiben. Dies ist jedoch auf legalem Wege nicht möglich, da ein Brief von einem politisch Verfolgten Samia in große Gefahr brächte – zwei Jahre und eine größere Summe Geldes hat es Salim gekostet, seinen Brief auf einem Schmugglerweg in den Irak zu schleusen.

Eben dieser Weg des Briefes strukturiert den Roman: Der Brief geht durch viele Hände, durch die Hände derer, die den Brief jeweils etappenweise bis nach Bagdad schmuggeln. Jedes Kapitel erzählt die Geschichte einer anderen Person, die diesen Brief in die Hände bekommt, womit jedes Kapitel in gewisser Weise für sich steht. Dadurch lernt der Leser ganz unterschiedliche Figuren kennen, die zu dem Regime ihres jeweiligen Heimatlandes ganz unterschiedliche Einstellungen haben, so dass ein facettenreiches Panorama von Regimetreuen wie -kritikern zu Wort kommt. Bemerkenswert dabei ist, dass alle Figuren – politisch Verfolgte ebenso wie Polizisten, Folterer wie Gefolterte – ganz einfach als Menschen dargestellt werden, ohne jede Wertung oder auffällige Sympathielenkung. So vermeidet der Autor es, platt oder moralisierend zu wirken, und zeichnet ein vielfältiges, interessantes Bild von der Gesellschaft des Nahen Ostens. Interessant ist auch, dass praktisch alle Figuren des Romans Bezug auf die westlichen Länder, insbesondere auf die USA nehmen und ihre Hoffnungen, ihre Wut, ihre enttäuschten Hoffnungen zum Ausdruck bringen. Das  ist für den Leser sehr aufschlussreich und hilft, die Haltungen der Menschen im Nahen Osten in dieser Hinsicht besser zu verstehen (in ganz ähnlicher Weise aufschlussreich ist hier auch der letzte Roman des Autors, „Die Orangen des Präsidenten“, der ebenfalls sehr lesenswert ist).

Interessant ist auch die sprachliche Gestaltung des Romans: Freilich ist die Sprache insgesamt als eher schnörkellos und schlicht zu bezeichnen, dennoch gelingt es Khider gut, die Sprache dem (Bildungs-)Stand der jeweiligen Figur anzupassen und deutliche stilistische Unterschiede zwischen innerem Monolog, gesprochener Alltagssprache und dem Liebesbrief herzustellen.

„Brief in die Auberginenrepublik“ ist ein gutes, interessantes, unterhaltsames Buch, das man ruhig mal lesen kann, allerdings mochte ich „Die Orangen des Präsidenten“ lieber – am besten wäre es also, gleich alle beide zu lesen. Die Bezeichnung als „Meisterwerk“, die ja bereits fiel, ist aber überzogen.

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