Archiv für den Monat Februar 2015

Michel Houellebecq – Unterwerfung

Unterwerfung

Ich habe dieses Buch gelesen und möchte mich nun in die lange Schlange derer einreihen, die keine Ahnung, dafür aber eine Meinung haben. Dabei habe ich nicht vor, mir mehr Mühe mit diesem Beitrag zu geben als der Autor mit seinem Buch. Los geht’s.

Der Plot ist in aller Munde, bedarf daher keiner großen Vorstellung mehr: Im Frankreich des Jahres 2022 herrscht eine muslimische Partei, was zu der ein oder anderen Veränderung führt, die der Protagonist, ein mäßig erfolgreicher Experte für die Werke Joris-Karl Huysmans und also Literaturwissenschaftler, beobachtet. Abschließend träumt dieser im Konjunktiv von einer Konversion zum Islam, die ihm mehrere Frauen und eine gut bezahlte Wiederaufnahme seiner Arbeit an der Universität ermöglichen würde. Würde er diesen Schritt vollziehen, so „hätte“ er „nichts zu bereuen“. Houellebecq wäre natürlich nicht Houellebecq, wenn das allein schon bedeuten würde, dass der Protagonist damit eben auch glücklich wäre.

Denn schließlich durchzieht den ganzen Roman dann doch die alte Houellebecqsche Leier: Sein armer alter Penis macht ihm zu schaffen, die Frauen sind auch nicht zufriedenstellend, außerdem hat der arme Kerl keine echten Probleme und langweilt sich ganz furchtbar. Kurzum: In der Welt des Kapitalismus mit seinen Versprechen der individuellen Freiheit, der Selbstverwirklichung und des individuellen Glücks findet Houellebecq malwieder nichts als Einsamkeit, die Erzeugung unerfüllbarer Erwartungen und somit Enttäuschung sowie Leid. Und dann soll man auch noch Verantwortung für sich selbst übernehmen, was für eine Zumutung. Eben das ist das, was mich mal vor mehr als zehn Jahren sehr für Houellebecq eingenommen hat: Seine Fähigkeit zur Zeitdiagnose, also den Finger auf die Wunde der modernen Zivilisation zu legen. Das ist und bleibt nach wie vor seine Stärke, aber irgendwie hat er doch jetzt darüber schon etliche Bücher geschrieben, ohne dass da mal eine Erkenntnis dazugekommen wäre. Vielleicht bin ich auch einfach langsam raus aus der Pubertät. Wer weiß. Freilich ist es damit eben auch nicht verwunderlich, dass gerade Houellebecq quasi den „Roman der Stunde“ geschrieben hat, denn trotz allem kann man ihm eine Gabe zur Beobachtung und Diagnose der Verhältnisse nicht absprechen. Aber das Geheule geht mir – und ich war bisher ein großer Fan – inzwischen doch auch auf die Nerven.

Politisch wie weltanschaulich ist das alles derselbe reaktionäre Käse, den Houellebecq sonst auch schreibt. Freilich ist er intelligent, hat viel gelesen und das Buch gibt einem zahlreiche Denkanstöße – das ist mehr, als man von vielen anderen Büchern behaupten kann. Aber es ist und bleibt hat reaktionärer Käse. Ulkig übrigens, dass sich zwar einige darüber aufgeregt haben, dass der Protagonist seine Bücher bei amazon bestellt, statt sie im stationären Buchhandel zu erwerben – über das krude Frauenbild Houellebecqs dagegen regt sich kaum einer mehr auf. Vielleicht deswegen, weil es eben derselbe alte Wein in neuen Schläuchen ist, den man immer bei Houellebecq liest. Verlässlichkeit ist ja auch was Schönes.

Bestimmt sind die Referenzen zu Huysmans literaturwissenschaftlich interessant, und hier zeigt sich gewiss auch der Intellektuelle Houellebecq, der er ja auch ist, auf der Höhe seines Könnens. Natürlich habe ich davon aber keine Ahnung und daher bringen mir diese Referenzen als Leser auch nichts. Das Buch hat mich auch nur in Maßen dazu animiert, mich vertiefter damit auseinandersetzen, denn, und das ist das, was mich am meisten gestört hat: Houellebecq hat sich mit seinem Roman nicht eben viel Mühe gegeben. Er hat – wie so oft – einen Thesenroman geschrieben, in dem er vor allem seine Sichtweise zur sozialen Lage an den Mann (und die gut kochende Frau, die zum Zwecke der geistreichen Unterhaltung ihres Gatten ab und an ein Buch lesen darf) bringen will. In seinen anderen Romanen ist es ihm aber für mein Empfinden wesentlich besser gelungen, seine Theorien und Behauptungen in eine Handlung einzuflechten – hier dagegen packt er sie einfach in ellenlange Gespräche oder innere Monologe. So wirkt das Buch aber auf mich nicht wirklich zu Ende geschrieben, die Handlung selbst ist ja vollkommen austauschbar mit den Handlungen seiner anderen Romane (ein Mann ist traurig, weil er alleine ist und also keinen Sex hat) und nur mäßig mit dem gedanklichen Inhalt verbunden. Das wäre weniger ärgerlich, wenn Houellebecq es nicht besser könnte – kann er aber. Hatte aber wohl keine Lust. Dann eben nicht.

Insgesamt ist „Unterwerfung“ eben leider kein gut gemachter Roman. Dennoch ist er – wie so oft bei Houellebecq – wenigstens hier und da witzig. Zudem enthält er immerhin eigene Gedanken und Denkanstöße (auch wenn sich diese gelegentlich auf das Anstoßen des Gedankens „So ein Quatsch“ beschränken). Das ist mehr, als man von vielen anderen Büchern behaupten kann. Insgesamt ist „Unterwerfung“ also trotz allem lesenswert.

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