Archiv für den Monat April 2017

Hier ist jetzt Schluss, weiter geht’s auf 54books

Wie ihr in diesem schönen Blogbeitrag auf 54books nachlesen könnt, gebe ich Kulturgeschwätz auf und schreibe in Zukunft auf 54books. Vielen Dank allen, die mir hier gefolgt sind, die irgendwie mit mir interagiert haben, ihr seid die schönsten und klügsten Menschen im ganzen Internet!

Der Blog hier bleibt aus Nostalgiegründen stehen, meine alten Beiträge werden aber nach und nach auf 54books neu veröffentlicht.

Ich würde mich freuen, wenn die eine oder der andere von euch auch weiterhin mein Geschreibe lesen würde, mit mir diskutieren würde, mir lustige Mails schreiben würde – dann sehen wir uns sehr gerne wieder auf 54books!

10 Gründe, warum „Air“ von Lukas Vering den Blogbuster 2017 gewinnen sollte.

blogbuster-logoDer Blogbuster-Preis 2017 neigt sich dem Ende zu, in ein paar Tagen – am 11.4. – wird die Shortlist bekannt gegeben. Um der Fachjury etwas die Entscheidung zu erleichtern, habe ich mal zehn gute Gründe zusammengestellt, die dafür sprechen, dass „Air“ von Lukas Vering gewinnen sollte:

  1. Der Roman schafft etwas, was nicht viele Romane schaffen: Er erzeugt eine – in diesem Fall beklemmende – Stimmung, die er auch bis zum Schluss aufrechterhält.
  2. In „Air“ geht es mindestens genauso sehr um uns und die Art, wie wir leben und wie wir unsere Welt gestalten, wie um die Figuren in dem Roman.
  3. Es ist ein Roman, der etwas zu sagen hat.
  4. Das Ende ist so gut!
  5. Wie in der Realität auch so sind auch in der Zukunft, die „Air“ entwirft, nicht alle Menschen heterosexuell. Diversity und so, ne.
  6. Die Nebenhandlungen beleuchten die Welt aus „Air“ nochmal aus anderen Blickwinkeln, und zeigen damit, dass man Dinge auch immer ganz anders sehen kann
  7. Lukas Vering hat eine wahnsinnig komplexe, in sich bis ins Detail stimmige Welt entworfen.
  8. Der Autor ist ein superguter Typ.
  9. Nach dem Lesen sieht man Luft anders.
  10. Last but not least: „Air“ mag auf den ersten Blick aussehen wie „schon wieder eine Dystopie“. Aber ich habe beim Lesen nicht das Gefühl gehabt, „schon wieder eine Dystopie“ zu lesen, die irgendwie austauschbar wäre. Ich erinnere mich noch Monate nachdem ich „Air“ gelesen habe an den Roman. Und das ist vielleicht das wichtigste.

Und dann gibt es noch einen weiteren wichtigen Grund: Wir haben als einzige einen formschönen Hashtag. #loveisintheAir

Fatma Aydemir – Ellbogen

Aydemir EllenbogenDieses Buch habe ich leider nicht verstanden. Ich bemühe mich ja wirklich, erst zu verstehen, worauf ein Roman raus will, um ihn dann danach zu beurteilen, aber hier: Keine Chance. Ich weiß nicht, welchen Anspruch die Autorin hier verfolgt, ich entnehme den Danksagungen am Ende des Romans, dass sie aufgrund ihrer Fragen einen Roman geschrieben hat, nicht weil sie Antworten hat. Dass es ihr darum gegangen wäre, Fragen aufzuwerfen, kann vielleicht der Grund für meine Verwirrung sein, und wenn das wirklich das Ziel war, dann ist das gelungen. Um ehrlich zu sein hatte ich aber leider eher den Eindruck, dass meine Verwirrung mehr daran lag, dass hier einiges nicht zu Ende gedacht worden ist.

„Ellbogen“ erzählt in drei Abschnitten von der jungen „Deutschtürkin“ Hazal aus Wedding, die in ihrem Leben vor allem die Erfahrung gemacht hat, wie ein Fußabstreifer behandelt zu werden – von Deutschen wie von ihrer Familie. Die Wut, die sich darüber in ihr anstaut, entlädt sich an ihrem 18. Geburtstag, nachdem sie mit zwei Freundinnen nicht in einen Club gelassen wurde, nachdem also wieder eine Tür vor ihr verschlossen und nicht geöffnet wurde. Ihre Wut trifft einen deutschen Studenten, von dem sie sich erniedrig fühlt. Hazal und ihre Freundinnen verprügeln ihn, Hazal stößt ihn aus dem Affekt auf die Gleise und daraufhin tut Hazal eigentlich für den Rest des Romans, und das dürften so ungefähr 2/3 des Romans sein, nur noch eins: Weglaufen. Erst vom Unfallort, dann nach Istanbul, dann von ihrem Freund, dann vor ihrer Tante, dann vor dem Putschversuch gegen Erdogan. Und da liegt dann auch mein Problem, das ich mit dem Roman habe.

Einblicke

Dabei ist vieles an „Ellbogen“ sehr gut gemacht, und da sieht man auch, dass Aydemir eine tolle Schriftstellerin wäre: Den ganzen zweiten Teil des Romans fand ich gut. Die Darstellung von Hazals Innenleben, ihrer Wut und der Gründe dafür, ihre Wahrnehmung einer Welt, die ihr keine Möglichkeiten lässt, sind fantastisch und ich bin froh, dass sowas mal so erzählt wurde. Man merkt auch, dass Aydemir ihre Figur mag, auch wenn diese Figur an einigen Punkten unsympathisch ist – damit kann Fatma Aydemir definitiv schon mal mehr als Juli Zeh.

Dass der Film „Gegen die Wand“, der im Roman auch erwähnt wird, ein Vorbild war, ist sehr deutlich: Hazal teilt mit Sibel aus diesem Film den Wunsch nach Freiheit, den Junkie-Mann, die Selbstmordversuche, die eigentlich nicht auf den Tod sondern das Leben abzielen, und Istanbul als Fluchtort. Da ist es bei einigem sehr offensichtlich, wo es herkommt, aber das macht ja nichts.

Vieles wurde auch sonst wahnsinnig gut beobachtet und erzählt, um nur ein paar Beispiele von sehr vielen zu nennen: Der sehr deutsche Umgang des Ladendetektivs mit Hazal, als diese beim Stehlen erwischt wurde, und er ihr mit Abschiebung droht – und wie sehr sie das trifft. Die Misogynie gerade auch von Frauen in einigen türkischen Communitys und misogyne Strukturen in der Türkei, wenn Hazals Großmutter den Vorwurf, dass ihr nur noch ein Penis fehle, um sie zum Mann zu machen, da sie so schlecht über Frauen spricht, als Kompliment sieht, oder wenn eine Frau in der Türkei ihren Mann, der sie verprügelt hat, irgendwann umgebracht hat, weil die Polizei ihr nie helfen wollte. Oder die Art und Weise wie auch in der Türkei von einigen (hier Gözde) weiße Haut als Schönheitsideal gesehen wird, das dunklerer Hautfarbe übergeordnet wird. Solche Dinge zu erzählen und ohne die Figur selbstmitleidig wirken zu lassen eben das zu erzählen, was das mit einer jungen Frau macht, das macht „Ellbogen“ zu einem wirklich lesenswerten Buch. Und ich hätte ja gerne eine Lobeshymne geschrieben, aber da ich – wie oben geschrieben habe – leider nicht verstanden habe, was die Autorin hier will, kann ich das Buch eben nur noch  an meinen Maßstäben messen, die aber eben dem Werk äußerliche sind.

Ausblicke

Bemerkenswert an „Ellbogen“ ist ja, dass Deutsche kaum vorkommen, obwohl es ja eben nicht nur Hazals Familie ist, die eine Ursache ihrer Wut ist, die sie erniedrigen und ihr die Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben nehmen, es sind ja insbesondere Strukturen der deutschen Gesellschaft, die sozialen Aufstieg für sie unmöglich machen. Das kommt aber eben nur am Rande vor: Hazal hat keinen Schulabschluss, weil die deutschen Lehrer alle rassistisch sind oder eben nicht ganz richtig im Kopf sind, so Hazal selbst und ihre Tante, Hazal konnte nicht Raumausstatterin werden, weil Deutsche nicht auf den Geschmack von Türken vertrauen. Das kommt vor, aber das sind eben nur einzelne Sätze am Rande, während die Schilderung des Familienlebens viel Platz einnimmt. Es ist nun nicht Aydemirs Schuld, dass ich glaube, dass deutsche Leser der post-Sarrazin-Zeit damit nicht alle werden vernünftig umgehen können, dass da einige das Buch zuschlagen und sich denken „Ach, Mensch, diese Türken, wie die aber auch mit ihren Frauen umgehen, kein Wunder, dass die so werden.“ Dafür kann Aydemir nichts, es ist auch nicht Aufgabe ihres Romans, das zu ändern, aber ich hätte es doch schön gefunden, wenn man es Lesern, die denken, Integration bedeute, dass die anderen sich anpassen, nicht so leicht gemacht hätte. Zumal sich das eben dadurch verschärft, dass eigentlich nur zwei Deutsche merklich auftreten: Der Ladendetektiv und der Student, der ermordet wird. Wer dann noch überlesen will, dass Hazal der Mord durchaus nicht egal ist und ihren Worten, dass ihr das egal sei, Glauben schenkt, kann hier seine xenophoben Klischees schon bestätigt finden. Will sagen: Der Roman spart für mein Empfinden die Verantwortung der deutschen Gesellschaft für Hazals Verhalten zu sehr aus, lässt dann aber einen Deutschen Opfer der Gewalt, die die Folge vor allem von Hazals Sozialisation ist, werden. Dafür kann Aydemir nichts, das ist auch nicht die Aufgabe von Kunst, aber: Das macht es halt deutschen Lesern sehr leicht, ihren Anteil an dem Problem nicht zu reflektieren, und das bestätigt auch Klischees, die eben nach wie vor virulent sind.

Und das Problem ist ja, dass diese Klischees nicht gebrochen werden, zumindest habe ich den Bruch nicht entdeckt. Hazal wirkt in einigen Punkten unsympathisch, ihre Familie wirkt unsympathisch – aber das ist ja hier für einige Leser sicher kein Bruch sondern im Gegenteil die Bestätigung des Klischees. Und das schreibe ich jetzt nicht, weil ich es witzig finde, sondern weil es für mich leider der Leseeindruck war: Der ganze erste Teil des Romans, der Hazals Leben in Wedding bis zum Mord an dem Studenten schildert, hat mich leider an diese Vorstellungs-Filmchen aus der Doku-Soap „Die Mädchengang“ erinnert, die vor ein paar Jahren auf RTL II lief. Ich will gar nicht bestreiten, dass die Realität halt oft ziemlich klischeehaft ist, aber: Wenn man nicht gerade ein Autor des Naturalismus ist, kann es nicht der Anspruch der Kunst sein, Klischees zu bestätigen, nur weil sie in der Realität auch vorkommen. (Mal abgesehen davon ist die Literatur des Naturalismus natürlich sehr sozialkritisch gewesen und hat auch eben nicht einfach Klischees stehen lassen.) Vor allem nicht in Post-Sarrazin-Pegida-Deutschland, vor allem nicht, wenn es auch so viele Familien gibt, in denen es nicht so ist, von denen dieses Buch aber vollständig schweigt. Ich wünsche dem Buch sehr viele sehr kluge Leser, aber wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin: Ich war doch auch bei einigen Lesungen von Autoren sog. „Migrationsliteratur“ und ich hatte nicht den Eindruck, dass das alles superkluge Leute sind, die ihre Privilegien reflektiert und ihre Klischees im Griff hätten. Da ist zwar viel guter Wille, aber wenig Selbstreflexion bei einigen, und ich weiß nicht, was diese Leute lesen, wenn sie das Buch lesen.

Wenn jedenfalls ein Spiegel-Rezensent in dem Buch „viel Wiedererkennbares aus dem Leben von Menschen mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten“ zu erkennen meint, dann weiß ich nicht, ob das nun etwas ist, was ihn und den Roman auszeichnet, aber es überrascht zumindest nicht. Aber: Dafür kann Aydemir nichts. Und es ist nicht die Aufgabe von Literatur, den Leuten die Klischees auszutreiben. Aber schön wäre es eben schon, wenn sie zumindest nicht bestätigt würden.

Laut Klappentext stellt sich „Fatma Aydemirs Debütroman eine große Frage: Was kann in dieser Welt aus einem Mädchen wie Hazal schon werden? Und gibt eine ebenso große Antwort: Alles.“ Die Frage habe ich in dem Roman schon gesehen, aber diese Antwort habe ich tatsächlich nirgendwo gelesen. Prinzipiell finde ich sehr gut, dass der Roman eben nicht damit endet, dass sich Hazal an irgendeine Gesellschaft – die deutsche oder die türkische – einfach anpasst, dass sie versucht, ihren eigenen Weg mit eigenen Entscheidungen zu gehen. Nur funktioniert eben das ja gar nicht, weil die Figur das ja gar nicht tut, denn sie bleibt den ganzen Roman über eine rein reagierende Figur, sie fällt gar keine eigenen, freien Entscheidungen. Sie läuft davon, sie übernimmt nicht die Konsequenzen für ihr Handeln, und die einzige Antwort, die der Text dafür anbietet, ist: Das liegt an ihrer Sozialisation. So macht der Text selbst die Protagonistin zum Opfer ihrer Verhältnisse und gibt ihr keine Möglichkeit, daraus zu entkommen. Der Leser kann dann zwischen einem paternalistisch-mitleidigem oder einem verachtendem oder einfach einem verwirrten Blick auf die Figur wählen. Ich habe mich für den letzteren Entschieden, und einfach mal angenommen, dass hier eben einfach nicht zu Ende gedacht wurde, was das bewirkt, wenn man die Figur eben immer nur reagieren lässt, wenn man sie lieber in ihrer großen Gefängniszelle Türkei, wie sie ihre Situation selbst an einer Stelle benennt, vor allem davonlaufen lässt, als sie sich selbst und damit auch ihre Sozialisationsbedingungen überwinden zu lassen. Wenn der Roman zeigen will, dass aus Hazal „alles“ werden kann, dann ist zumindest das wirklich nicht gelungen. Es ist doch kein Zeichen von Freiheit und Selbstständigkeit, dass sie sich den Konsequenzen ihres Handelns nicht stellt und stattdessen in der Türkei zu jobben anfängt, da die Ursachen für diese Entscheidung ja genau die sind, die in ihrem Inneren durch ihre Sozialisation bewirkt wurden. Der Grundsatz, dass eben Scham schlimmer als Angst sei, ist ja eine Folge der Art und Weise, wie sie aufgewachsen ist. Und darüber kommt sie nicht hinaus.

„Bei den ersten drei Zügen fühlt sich die Welt ganz flauschig an.“ (S. 266)

Und dann ist da auch noch dieser dritte Teil des Romans, mit dem es dann vollends dahin geht: Hier erlebt Hazal die Nacht des Putsches gegen Erdogan. Ohnehin scheitern auch an anderen Stellen die Versuche weitgehend, in den Roman Politik einzubeziehen, da Hazal als Figur das einfach nicht leisten kann, sie macht da auch selbst keinen Hehl daraus: Sie hat sich eben nie für Politik interessiert und versteht darum einiges gar nicht, anderes nur oberflächlich. Entsprechend versteht sie aber auch gar nicht, was während des Putsches vor sich geht – der Hintergrund hat einfach keine erkennbare Funktion für die Handlung, es wirkt so, als habe die Autorin hier noch schnell etwas ganz aktuelles einbeziehen wollen.

Zudem wirkt dieser Teil des Romans dann auch noch wirklich schlampig geschrieben: Der eigene Jargon, der von Aydemir für den Roman entwickelt wurde, funktioniert den Roman über weitestgehend. Da werden Mütter gefickt, Kartoffeln, Kanaken und Fluchtis unterschieden und „Opfer“ und „Muschis“ bemüht. Aber jetzt, im dritten Teil, sind manche Formulierungen einfach schlecht: Da fühlt sich die Welt „flauschig“ an und „das Wasser unter ihm glänzt, als hätte Gül ihr Glitzerpuder draufgekippt“ (S. 250). Und dann noch so abgedroschene Vergleiche wie „das hier so ist, als würde ich in einem Sarg Probe liegen“ (S. 268). Der dritte Teil des Romans, insbesondere die letzten 20 Seiten, sind entweder zu schnell geschrieben oder schlecht lektoriert worden, der Teil fällt aus dem Roman zu sehr raus und liest sich schlicht holprig. Das ist ziemlich schade, denn so ganz unwichtig wäre das Ende vermutlich nicht gewesen.

Wie geschrieben: Ich hätte das Buch gerne an seinen eigenen Maßstäben gemessen, dazu war ich aber leider nicht in der Lage, weil ich nicht weiß, worum es hier gehen soll. Deswegen tut es mir leid, wenn ich eher äußerliche Maßstäbe anlege, die der Sache vielleicht nicht gerecht werden. Fatma Aydemir ist eine tolle Schriftstellerin, ich würde ein Buch, für das sie sich wirklich Zeit gelassen hat und das dann auch ordentlich lektoriert wurde, sehr gerne lesen. Auch „Ellbogen“ kann man ruhig lesen, der mittlere Teil des Romans hat mir wirklich gut gefallen, ich finde – wie oben erwähnt – viele Sachen, die hier erzählt werden, wichtig und gut getroffen. Und ich bin mir sicher, dass der Roman besser ist als das, was einige Leser aus ihm vielleicht machen werden, und vor allem ist der Roman viel, viel besser als sein Klappentext: „Man will Hazal helfen, man will mir ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mir ihr und uns allen weitergeht.“

Aber dieser Klappentext ist eben verräterisch: Hazal wird hier zu einer hilfsbedürftigen Figur erklärt (wie oben gesagt: paternalistisch-mitleidiger Blick), der Figur wird zugemutet, dass sie irgendwas über „uns alle“ zu sagen hätte. Dabei ist sie als Figur eben nicht verallgemeinerbar für „die Frau mit Migrationshintergrund“. Ich bin mir fast sicher, dass Aydemir dieses Ergebnis nicht gewollt hat – was sie gewollt hat, weiß ich ja aber eben leider nicht. Aber es kommt schon nicht von ungefähr, dass der Verlag das auf das Buch schreibt. Der Text selbst macht Hazal zu etwas, was sie als Figur gar nicht sein will: zu einem „Opfer“.