Archiv für den Monat Januar 2014

Helene Hegemann – Jage zwei Tiger

IMG_0363

Dass man langsam alt wird, erkennt man daran, dass einen Dinge nerven, die man vielleicht vor fünf Jahren noch nicht einmal bemerkt hätte. Oder daran, dass man manche Dinge nicht mehr versteht, die jüngere Menschen so von sich geben oder tun. Dann seufzt man leise und fühlt sich ein bisschen müde. So ging es mir leider auch mit Helene Hegemanns „Jage zwei Tiger“. Eigentlich wollte ich mich ja mit dieser Lektüre selbst eines Besseren belehren, schließlich gehört meine ablehnende Haltung Helene Hegemann gegenüber fest zu meinen Vorurteilen. Zumindest das konnte ich aber relativieren.

Ich habe dieses Buch extra auf eine lange Zugfahrt mitgenommen, damit ich auch wirklich gezwungen bin, das zu lesen. War wohl auch ganz gut so, sonst hätte ich nach den ersten Seiten aufgehört. Erzählt wird die einzige Geschichte, die Helene Hegemann anscheinend erzählen kann, nämlich die von Jugendlichen und Wohlstandsverwahrlosung: Drei Teenager werden durch unterschiedliche Umstände aus ihren Lebenszusammenhängen gerissen – oder aber diese Lebenszusammenhänge haben nie wirklich existiert – und begeben sich auf die Suche nach Halt, Sinn, einem Ankommen. Dass mir das Buch daher inhaltlich nicht viel gesagt hat, mag vielleicht am Plot liegen – allerdings gibt es Bücher, die sich um ähnliche Probleme bemühen (z.B. Krachts „Faserland“), welche ich sehr schätze, da ihnen das gelingt, was eben guter Literatur gelingen sollte: Sie stellen grundsätzliche Fragen. Das gelingt Hegemann nicht, eher spiegelt das Buch eben Gedanken eines jugendlichen Menschen, der auf einmal die Metaphysik für sich entdeckt hat und sich jetzt wahnsinnig tiefsinnig fühlt. Ist man aber mal Ende 20, so sind diese Erkenntnisse nicht mehr neu und die eigenen Probleme haben sich verändert, man bleibt bei diesem Buch dann mit dem Gefühl zurück, dass so etwas eben nur jemand am Ende seiner Teenagerzeit denken und schreiben konnte und dass auch nur jemand in diesem Alter derartig begeistert sein kann darüber, was er sich da aber jetzt schlaues gedacht hat. Ist man aus der Spätpubertät raus, bleibt dazu eigentlich nur ein gelangweiltes Achselzucken.

Zudem setzt Hegemann mehr auf den Effekt, den das schnelle Vorantreiben der Handlung sowie der ständige Wechsel zwischen den Figuren erzeugt, als auf Dauer zu setzen. Tatsächlich ist das Buch dort am besten, wo die Handlung mal über geschätzt 80 Seiten den Geschehnissen um Cecile folgt. 80 Seiten machen aber kein gutes Buch. Generell ist es ein Problem von „Jage zwei Tiger“, dass Hegemann sehr auf Effekte setzt, die aber eben in dieser Ballung kein gutes Buch ergeben, sondern zu Ermüdung führen. So wird Hegemann u.a. aufgrund ihrer Mischung von Slang und extrem hypotaktischem Satzbau als „sprachgewaltig“ bezeichnet, zumindest ich fand diese Sprache aber bereits auf Seite 3 ermüdend. Zudem springt einem aus jedem Satz förmlich entgegen, wie sehr sich die Autorin selbst zu ihrem Sprachstil applaudiert. Ähnlich wie bei Taiye Selasis „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ hat man das Gefühl, dass einem das Ego der Autorin aus jeder Seite entgegenschlägt. Dazu kommt die ständige Verwendung von Insiderwissen, bei dem man mit der Zeit das Gefühl hat, dass es Hegemann mehr darum ging, ihre eigenen Kenntnisse zu präsentieren, als ein gutes Buch zu schreiben. Dass der Leser manche Dinge vielleicht selbst überdenken und deuten möchte, ist Hegemann egal: Sie deutet konsequent alles was passiert selbst aus, der Leser könnte ja zu dumm dazu sein. Insgesamt bleibt beim Lesen das Gefühl, dass Helene Hegemann sich für ziemlich schlau, den Leser aber für ziemlich blöd hält. Das macht das Buch nicht besser.

Sicher hätte Helene Hegemann das Zeug dazu, eine wirklich gute Autorin zu sein. Soweit hat sich mein Vorurteil relativiert. Dazu müsste sie aber erst einmal wirklich schreiben und nicht nur sich selbst präsentieren wollen. Permanent hat man vor allem das Gefühl, dass Hegemann wirken will: Als besonders cool, als besonders reflektiert, als besonders schlau. Dadurch erreicht sie aber genau das alles nicht. Im Auge behalten kann man sie allemal, vor allem bleibt abzuwarten, ob Hegemann auch noch über irgendetwas anderes schreiben kann als über reiche, verwahrloste Jugendliche. „Jage zwei Tiger“ ist schrill, aber kein gutes Buch.

Advertisements

Norbert Gstrein – Eine Ahnung vom Anfang

GstreinEineAhnungvomAnfang

Geschichten mit Bombendrohungen können bestimmt spannend sein. Diese ist es nicht. Und trotzdem gehöre ich zu denen, die dieses fürchterlich langweilige Buch gelesen haben, als wäre es eben genau das nicht: langweilig. Zugegebenermaßen habe ich über gut die ersten 80 Seiten gedacht, dass ich das Buch lieber im Zug liegen lasse, weil es so fürchterlich langweilig ist. Aus irgendeinem Grund, der mir auch nicht ganz klar ist, hat es mich dann aber gepackt. Diese ganzen Figuren, die ich fürchterlich abstrus finde, waren auf einmal interessant, dieser Daniel, auf den ich als sein Mitschüler mit U-Hakerln geschossen hätte, hat mich tatsächlich beschäftigt. Und das ist doch nun wirklich kurios. Kurios, wenig aussagekräftig und irgendwie wirr wird auch diese „Rezension“, schuld daran ist natürlich das Buch, um das es geht.

Norbert Gstreins „Eine Ahnung vom Anfang“ handelt von einem Lehrer, der versucht, über den Selbstmord seines Bruders hinwegzukommen, unter anderem indem er seinen Lieblingsschüler Daniel in einem „Experiment“ mit denselben Büchern versorgt, die er auch seinem Bruder zu lesen gab. Selbiger Lieblingsschüler beschäftigt aber nicht nur ihn, sondern auch den Religionslehrer und insbesondere einen missionarischen Reverend aus Amerika. Alle gemeinsam oder auch alle ohneinander suchen sie nach tiefen Wahrheiten, nach Sinn, nach sich selbst. Als Jahre später eine Bombendrohung mit einem Aufruf zur Umkehr am Bahnhof des Dorfes gefunden wird, sind sich alle schnell einig, dass nur Daniel dahinter stecken kann. Sein Lehrer wird angefeindet, er soll Daniel mit seinen Büchern auf den falschen Weg gebracht haben.

Das ist ja nun das erste zentrale Thema des Romans: Es ist ein Roman über das Lesen, über die Macht von Büchern. So glaubt der Protagonist doch selbst, seinen Bruder durch die Lektüre, die er ihm empfohlen hat, in den Selbstmord getrieben zu haben und vermutet er daher doch, wie andere auch, dass die Bücher auch schuld sind an Daniels wirrem Lebensweg. Das zweite Thema ist die Suche nach einem übergeordneten Sinn, nach sich selbst, nach einer höheren Macht. Und diese Suche wird – so lese ich den Roman – enttäuscht. Das Leben ist nun mal leider erstaunlich banal, die großen Katastrophen gehen vorbei und danach geht es weiter wie zuvor – auch für den Lehrer, der am Ende des Buches sein Leben am Fluss wieder aufnimmt, wiederum in Begleitung eines Jungen, dessen er sich annimmt. Anscheinend haben seine Bücher weder seinen Bruder in den Tod, noch Daniel auf Abwege geführt. Gemeinsam ist den männlichen Figuren des Romans – dem Lehrer, Daniel, dem Reverend – ihr Bedürfnis nach Überinterpretation der Wirklichkeit und ihrer eigenen Bedeutung. Alles, was geschieht, wird bis zur Verschwörungstheorie gedeutet, die Wirklichkeit wird grundsätzlich auf die eigentliche Wirklichkeit dahinter hin befragt und natürlich hat alles etwas mit einem selbst zu tun. Unvorstellbar, dass die Bombenandrohung einfach einen banalen Hintergrund haben könnte, nein, selbstverständlich war es der Lieblingsschüler Daniel, der noch dazu von irgendjemandem auf diesen (Ab)Weg geführt wurde. Und so badet der Lehrer in narzisstischer Selbstschau, alles hat mit ihm zu tun, alles ist interpretationsbedürftig, sogar das Verhalten der Kollegen und Schüler: Wenn sie sich auffällig verhalten, wollen sie ihm damit etwas sagen, wenn sie sich unauffällig verhalten, wollen sie ihm selbstverständlich auch etwas sagen, da sie sich ja dann auffällig unauffällig verhalten.

Dem entspricht eine übertriebene, stellenweise fast schon gestelzte Sprache, die die einfachsten Dinge völlig übersteigert beschreibt: Vom Entkorken einer Weinflasche bis zum Hinunterlaufen einer Straße gibt es nichts, was man nicht vollkommen übertrieben umschreiben könnte.

Und somit ist die Gegenfigur zum Lehrer, die so oft gesucht wird, meiner Lektüre nach weder der Reverend (so der Spiegel) noch Agatha (so hier), sondern Daniels Jugendliebe Judith, die in Bezug auf ihren Sohn vom Lehrer fordert: „Keine Bücher, die er unbedingt lesen muss. Keine Theorien über Sinn und Unsinn des Lebens. Keine unnötigen Kompliziertheiten, wenn im Grunde alles einfach ist. […] Du nimmst alles viel zu ernst. […] Vielleicht kannst du irgendwann einsehen, dass es Dinge gibt, für die du nicht verantwortlich bist und die vielleicht nicht einmal etwas mit dir zu tun haben.“

Am Ende steht eine Absage an den tieferen Sinn und die permanente Interpretation der Wirklichkeit. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders gemeint. Man wird aus diesem Buch nicht ganz schlau. Unabhängig davon, ob es sich bei „Eine Ahnung vom Anfang“ um ein wirklich gutes Buch handelt – um das beurteilen zu können, verwirrt es mich zu sehr –, eines ist das Buch sowie sein Autor bestimmt: Unterbewertet.