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Tobias Wolff – Der Kasernendieb

Vor ein paar Monaten habe ich mich mit einem Bekannten unterhalten, der eine Laufbahn als Offizier bei der Bundeswehr hinter sich hat. Er hat diesen – ja, und da fängt es schon an, kann man so eine Tätigkeit, hinter der so eine schwerwiegende Entscheidung steht, man haftet dafür ja mit dem Leben, eigentlich „Beruf“ nennen? – Beruf schon länger aufgegeben, aus unterschiedlichen Gründen, und in unserem Gespräch sagte er zu mir sinngemäß: Die meisten vergessen, dass wir ganz viele Leute aus einfachen oder armen Verhältnissen und Bildungsaufsteiger bei der Bundeswehr haben, weil die sich so das Studium leisten können, das können die sonst nicht so einfach. Ich kenne dazu keine empirischen Daten, habe auch nur wenig über die Zusammensetzung der Rekruten gefunden und habe in meinem Umfeld auch nur eine recht überschaubare Zahl an Menschen, die bei der Bundeswehr verpflichtet waren, aber auf die trifft das mehrheitlich zu. Das sind oft Leute, denen die Bundeswehr sozialen und ökonomischen Aufstieg ermöglicht hat, ein paar haben so ihr Studium finanzieren können, mehrere haben dort Führerscheine gemacht, die sonst sehr teuer gewesen wären und die sie jetzt – als Fahrlehrer, als Kraftfahrzeugfahrer – beruflich nutzen. Vielleicht ist da also was dran, spannend ist aber doch in jedem Fall die Frage, für wen die Bundeswehr als Arbeitgeber interessant ist und aus welchen (ökonomischen wie ideellen) Gründen.

Wolff KasernendiebUnd diese Frage spielt auch eine zentrale Rolle in Tobias Wolffs Novelle „Der Kasernendieb“, (hier übersetzt von Frank Heibert). 1984 erschienen, wurde sie meines Wissens (ich bin aber keine Anglistin) vor allem als Novelle über die Angst, die der Vietnamkrieg unter Rekruten verbreitet hat, gelesen. Die Handlung ist im Jahr 1967 verortet, in Fort Bragg absolvieren Philip, Hubbard und Lewis eine Ausbildung zu Fallschirmjägern und warten mit dem Rest ihrer Kompanie auf den Einsatzbefehl für Vietnam. Die drei werden eher notgedrungen Freunde, bis ein Dieb in der Kaserne umgeht, der andere Soldaten bestiehlt, was zu Misstrauen und Zwist führt. In der mir bekannten Deutung steht hinter den Entfremdungserfahrungen, die die drei Rekruten erleben, vor allem die Angst vor dem Krieg, die sie erst Freunde werden lässt, die dann aber zum Scheitern dieser Freundschaft führt, da menschliche Nähe unter unmenschlichen Bedingungen unmöglich ist. Weiterlesen

Siegfried Lenz – Der Überläufer

Lenz ÜberläuferTatsächlich ist die deutsche Literaturgeschichte gar nicht so reich an Soldatenfiguren, obwohl es ja durchaus immer genug Soldaten gegeben hätte und die vermutlich auch immer ausreichend Erzählstoff geboten hätten. Dass wir vor 1900 Soldatenfiguren – als Soldaten, nicht als edle Heerführer wie Wallenstein oder als Vertreter der (preußischen) Oberschicht – fast nur bei Jakob Michael Reinhold Lenz und bei Büchner finden, hat wohl poetologisch-ästhetische Gründe: Deren Elend war dann doch zu elendig für die betuchtere, gebildete Leserschaft. Literatur, die sich mit dem Krieg selbst und den Soldaten darin beschäftig, entsteht dann vor allem mit den beiden Weltkriegen, insbesondere Borcherts „Draußen vor der Tür“, aber auch Bölls „Wo warst du, Adam?“ sind inzwischen nahezu klassische Beispiele dafür. Praktisch zeitgleich zu dem Titel Bölls entstand um 1951 der eigentlich zweite Roman von Siegfried Lenz, „Der Überläufer“.

Und dessen Entstehungsgeschichte, die im Nachwort des Bandes dargestellt wird, ist fast spannender als der Roman selbst: Das Manuskript wurde nämlich deswegen trotz eines existierenden Verlagsvertrages nicht gedruckt und dann im Archiv vergessen, weil die Geschichte um einen deutschen Soldaten der Wehrmacht, der an der Ostfront zur Roten Armee überläuft, um sein Leben zu retten, und der später aus der Sowjetzone in den Westen flieht, um abermals sein Leben zu retten „im politischen Klima der Adenauer-Zeit und angesichts der bedrohlichen Verhärtung zwischen den Westmächten und dem Ostblock schlicht unvorstellbar ist“ (S. 347). Gerade angesichts dieser Handlung ist es aber bedauerlich und nicht ganz nachvollziehbar, warum in der nun gedruckten Fassung der von Lenz selbst sehr treffend hinzugefügte Untertitel „Der Tod macht die Musik“ (S. 358) weggelassen wurde, trifft dieser doch genau das Verhalten der Überläuferfigur, um die es geht: Walter Proska eignet sich nicht dafür, für irgendwelche Ideen heroisch in den Tod zu gehen, sondern sein Verhalten wird maßgeblich von dem Versuch geleitet, den eigenen Tod zu vermeiden. Deswegen erschießt er andere Soldaten, bevor sie ihn erschießen können – ganz im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten in der Wehrmacht, Willi, den alle nur als „Schwein“ bezeichnen und der durchaus auch einfach aus Grausamkeit und Verrohung heraus tötet – und deswegen läuft er über, als ihm keine andere Möglichkeit bleibt.

Keiner der Soldaten, auf die man in Lenz‘ Roman trifft, scheint sonderlich von hehren Propagandaidealen, wie sie das Naziregime ja gerne vermitteln wollte, beeindruckt – keiner weiß so recht, warum er in diesem Krieg ist – im Gegensatz zu den entschlossen wirkenden russischen Partisanen -, keiner fühlt sich der „Klicke“, die für diesen Krieg verantwortlich ist, irgendwie verpflichtet oder gar verbunden – Proska bezeichnet sie sogar ganz offen als „böse“, und schiebt ihr damit all das Böse zu, das er tut –, jeder wäre lieber wo anders und vor allem: Eigentlich geht keiner von ihnen davon aus, den Krieg zu überleben. Lenz stellt hier mit all seiner Sprache, die sich einerseits durch eine große Einfachheit, gleichzeitig aber durch einen an manchen Stellen nahezu expressionistischen Bilderreichtum auszeichnet, der dann doch wieder an „Draußen vor der Tür“, das ja auch expressionistische Züge hat, erinnert, Krieg und seine Folgen für die Soldaten so dar, wie er ist: Trostlos, hoffnungslos und verrohend, als Trauma, das man, auch wenn man es überlebt, nie wieder los wird:

„Wir werden immer hier bleiben, Baffi. Und wenn man uns zurückholt, werden wir uns an kein anderes Nest gewöhnen können. Wer die Rokitno-Sümpfe geschluckt hat, kann sie nie wieder ausspucken. Wer diese Luft einmal geatmet hat, dem bleibt sie in den Lungen stecken. Wir werden nie mehr freikommen, nie mehr.“ (S. 127)

Nicht alle Soldaten werden dadurch aber zu Überläufern. Zu dem sich anpassenden, biegsamen Proska stellt der so groß gewachsene wie geradlinige Zwiczosbirski eine Gegenfigur dar. Er hat seinen eigenen Willen und seine eigenen Entscheidungen, für die er auch Konflikte mit seinen Vorgesetzten einzugehen bereit ist, er hat sich trotz des Krieges menschliche Gefühle wie Freundschaft und Solidarität bewahrt, immer wieder wird auf seine Gutmütigkeit hingewiesen. Wie wenig er bereit ist, eine einmal getroffene Entscheidung zurückzunehmen, und welchen Preis er dafür zu zahlen auch bereit ist, wird in seinem Kampf mit einem alten Hecht deutlich, den er unbedingt fangen will. Diesen Kampf kann und will er auch dann nicht aufgeben, wenn er sich selbst dadurch in Lebensgefahr bringt, und er führt in den vorübergehenden Wahnsinn. Proskas Überläufertum steht hier geradliniger Wahnsinn gegenüber. Im Gegensatz zu Proska scheint Zwiczosbirski nicht zur Roten Armee überzulaufen, sondern in Kriegsgefangenschaft zu geraten – Jahre später sieht Proska ihn oder glaubt, ihn zu sehen, allerdings lehnt dieser jeden Versuch der Kontaktaufnahme durch Proska ab. Der Überläufer Proska ist sozial von dem, dessen Trauma er teilt, isoliert, wie er von allen Menschen in der Sowjetzone isoliert ist. Wer selbst keine Solidarität zeigt, erfährt auch keine – und so ist es erstaunlich, dass er durch seine Mitarbeiter vor der Verhaftung gewarnt wird und so in den Westen fliehen kann.

Vervollständigt wird diese soziale Isolation durch die Trennung von der Schwester, dem einzigen noch lebenden Familienmitglied. Der Versuch, zu ihr Kontakt auszunehmen, ihr eine große Schuld zu gestehen, die Proska auf sich geladen hat, scheitert: Der Brief mit dem Geständnis, den Proska ihr schickt, hält er bald wieder als unzustellbar in den Händen – der „Assistent des Gewissens“ (S. 298) kann sein Gewissen nicht erleichtern.

„Der Überläufer“ ist ein Buch über den Krieg und seine psychischen wie sozialen Folgen, darüber, wie man überlebt, wenn man ständig den Tod vor Augen hat. Wer Lenz mag und sich dafür interessiert, wie Literatur mit existentiellen Krisen umzugehen vermag, wird hier ein sehr interessantes Buch finden. Wer eine flotte Geschichte mit viel Gefühl und Spannung erzählt bekommen will, wird enttäuscht werden.

Schade, dass der Roman nicht 1952 veröffentlich wurde – er wäre für die damalige Zeit interessanter gewesen, als er es vielleicht für die heutige ist.

Kevin Powers – Die Sonne war der ganze Himmel

IMG_0794 Große Katastrophen sind ein interessanter Stoff für Literatur: Warum schreibt ein Autor über etwas, das so schlimm ist, dass es eigentlich nicht in Worte gefasst werden kann? Das Akt des Erzählens wird bei solchen Stoffen zu einem Akt des Ordnens, ein Stück weit zu einem Akt des Bearbeitens, vielleicht sogar des Bewältigens – wenn die Katastrophe überhaupt bewältigt werden kann.

Obwohl Kevin Powers selbst als Soldat im Irak war, ist „Die Sonne war der ganze Himmel“ nicht einfach ein Erfahrungsbericht, es ist ein schmerzvolles Kunstwerk, bei dem auch gar nicht das Entscheidende ist, ob das Erzählte exakt so passiert ist – eben weil es exakt so passiert sein kann und ständig so passiert. Der Roman ist Reflexion auf ein Trauma, es ist der Versuch, weiterzumachen, wenn man das Unerträglichste gesehen und getan hat: Zwei junge amerikanische Soldaten, der 21-jährige John Bartle und der 18-jährige Daniel Murphy, werden gemeinsam mit dem 24-jährigen Sergeant Sterling zum Kriegseinsatz in den Irak geschickt – und nur einer von ihnen kehrt zurück. Nun muss John Bartle in einen Alltag zurückfinden, in den er nicht mehr hineinpasst, in eine Gesellschaft, der er nichts mehr sagen kann, weil er alles Menschliche hinter sich lassen musste, um zu überleben. Wie soll man da zurückfinden in die Normalität?

Den Verlust der menschlichen Normalität und das Ringen darum, diese zumindest im Kleinen wiederzuerlangen strukturiert Powers in kapitelweisen Vor- und Rückblenden, wobei abwechselnd von der Zeit vor bzw. nach dem Einsatz im Irak im Jahr 2004 und von dem Einsatz selbst erzählt wird. Dabei bedient Powers alles Stereotype, die man von einem amerikanischen Kriegsroman erwartet: Männlichkeit, Fluchen, gutaussehende Sanitäterinnen – er psychologisiert sie aber so, dass nichts von Kriegsromantik bleibt, und er verwendet derart gezielt eine poetische, anfangs fast lyrische Sprache, die vor allem eine Aussage des Protagonisten unterstreicht: Dass man das, was im Krieg geschieht, unmöglich in Worte fassen kann. John Bartle kann nach seiner Rückkehr aus dem Irak die Fragen seiner Mutter nicht beantworten und Kevin Powers gehen die Metaphern aus – der Protagonist verliert seine Menschlichkeit, wird zur Kriegsmaschine, und ebenso verliert die Sprache ihre Blumigkeit. Der Krieg hat nichts, was man schönreden könnte – eine Aussage, die der Roman inhaltlich wie sprachlich vermittelt. Die Katastrophe kann nicht bewältigt werden, weil man ihr keinen Sinn geben kann, auch und schon gar nicht im Nachhinein.

Ein berührendes, wichtiges Buch, vielleicht eines der besten, die ich dieses Jahr gelesen habe.