Archiv für den Monat Februar 2017

Ha Jin – Verraten

img_3174Ha Jin ist quasi eine literarische Jugendliebe von mir, als ich so 17 oder 18 war, habe ich viele seiner Bücher gelesen und sehr gerne gemocht. Als dann „Verraten“ 2015 erschien, habe ich mich darüber sehr gefreut, es gleich gekauft und dann natürlich ewig lange nicht gelesen. Irgendwas ist ja immer. Aber jetzt habe ich es endlich geschafft.

„Verraten“ ist die Geschichte von Gary Shang und seinen Familien, denn Gary führt gezwungenermaßen ein Doppelleben: Er hat sich in jungen Jahren als Spion für die chinesische kommunistische Partei in die amerikanische Botschaft eingeschlichen, und als sich diese mit dem Sieg der Kommunisten in China erst nach Japan und schließlich nach Nordamerika zurückzieht, geht Shang auf Befehl der Partei mit, um schließlich als wichtiger Spion innerhalb der CIA China zu dienen. Seine chinesische Frau, mit der er, kurz bevor er seine Arbeit in der amerikanischen Botschaft aufgenommen hat, durch seine Eltern verheiratet worden ist, hat er nur wenige Tage lang kennengelernt und dann, trotz einiger Versuche und wiederholter Bitten an die Parteiführung, nie wiedergesehen. Dass sie ihm Zwillinge geboren hat, hat die Partei Shang lange verheimlicht, dafür hat sie ihm empfohlen, in Amerika eine neue Familie zu gründen, was Shang dann auch getan hat. Die Tochter aus dieser Ehe ist die Erzählerin des Romans, die zum einen von ihren Recherchen über ihren Vater und ihrem Leben, zum anderen aber ausgehend von Tagebüchern des Vaters dessen Leben erzählt.

Und so erhält der Leser einen Überblick über die Geschichte Chinas seit den 1950er Jahren bis heute. Man erfährt sowohl von den Kämpfen der kommunistischen Partei, der Kollektivierung und der durch den „Großen Sprung nach vorn“ ausgelösten Hungersnot wie von dem angespannten Verhältnis Chinas zu Sowjetunion und USA wie von aktuellen Problemen Chinas: Belastete Lebensmittel und giftiges Milchpulver kommen hier genauso vor wie die Benachteiligung der chinesischen Landbevölkerung, Korruption und die Kritik junger Chinesen an dem zensierten Internet.

pine2c_plum_and_cranesVon alle dem erzählt Ha Jin in der ihm eigenen, sehr kargen Sprache, die mich immer an die alten chinesischen Gemälde, die man so kennt, erinnert: Mit ein paar klaren Pinselstrichen entstehen in diesen Landschaften, so wie Ha Jin mit ein paar wenigen, ruhigen Worten Geschichten zeichnet. Manche Formulierungen (die ich mir leider nicht notiert habe) sind leider etwas redundant oder schief, wobei man hier vermutlich die Übersetzung zumindest mitverantwortlich machen muss.

Wer einen spannenden Spionageroman oder gar einen Thriller erwartet, kennt Ha Jin nicht: Er entwirft – wie in allen seinem Romanen – Gesellschaftsbilder, dabei geht es weder um Spannung noch um Rührung. Und wie auch in „Warten“ und in „Kriegspack“ zeigt er auch in „Verraten“ vor allem, wie individuelles Lebensglück durch den chinesischen Staat zerstört wird, trotz aller Langmut und aller Redlichkeit der Figuren. „Verraten“ ist vor allem ein Buch, das sich sehr deutlich gegen einen unkritischen chinesischen Patriotismus wendet:

„Sei kein blinder Patriot wie Gary“ (S. 260),

ist der Rat, den die Erzählerin ihrem Neffen gibt – und ist die Botschaft, die Ha Jin durch sein Buch zieht. Gary Shang, zerrissen zwischen zwei Ländern und zwei Familien, hat sein Leben lang loyal und geduldig einem Land gedient, das ihn willentlich ausgenutzt und um sein Lebensglück gebracht hat, das ihn „verraten“ hat. Freiheit und Unabhängigkeit ist in diesem Roman dann auch für junge Chinesen nur zu haben, wenn sie China verlassen und sich von diesem Land lösen. Insofern ist das Buch auch ein Votum für Amerika, seine Freiheit und seinen Individualismus. Hier spiegelt sich vielleicht auch ein bisschen die Biografie des Autors – Ha Jin war ja selbst während der Kulturrevolution Soldat in China und emigrierte später in die USA.

Angesichts der nach wie vor herrschenden Verhältnisse in China, die ja eben auch thematisiert werden, ist „Verraten“ ein gutes, mutiges und wichtiges Buch, das so von Ha Jin wohl kaum hätte veröffentlicht werden können, wenn er noch in China leben würde. Wer sich für die jüngste Geschichte Chinas interessiert und noch keine großen Vorkenntnisse hat, dem sei dieser Roman empfohlen. So gut wie „Warten“ ist es leider nicht, aber trotzdem: Ein gutes Buch, das ich gern gelesen habe. Bei dem ich mir aber fast sicher bin, dass viele es – eben weil es ein sehr ruhiges, nüchternes Buch ist – langweilig finden würden. So habe ich es aber nicht wahrgenommen.

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Blogbuster: Leseprobe aus „Air“ von Lukas Vering

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Inzwischen sind stehen ja drei Titel für die Longlist des Blogbuster-Preises 2017 fest – der Kaffeehaussitzer hat sich entschieden und heute auch Mareike von Bücherwurmloch – und da Lukas Vering und ich trotzdem vor haben, auf dem Glücksschwein nach vorn zu reiten (ja, stellt euch das ruhig bildlich vor!), hat Lukas Vering nicht nur hier ein handgemaltes Video als Teaser für seinen Roman zur Verfügung gestellt, sondern auch erlaubt, dass ich eine Leseprobe aus dem Roman online stelle.

Hier könnt ihr also in den Anfang des Romans „Air“ von Lukas Vering reinlesen:

LESEPROBE 1

Eine zweite Leseprobe aus der zweiten Hälfte des Romans wird im März kommen.

Und dann reiten wir auf dem Glücksschwein nach vorn!

 

 

 

 

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Blogbuster: Lukas Vering stellt sich vor (2)

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Wie bereits im ersten Teil angekündigt, hier nun der zweite Teil des Fragebogens, mit dem sich Blogbuster-Longlist-Autor (Komposita, Komposita!) Lukas Vering vorstellt. Ich habe dabei unter anderem das schöne Wort „pläsieren“ gelernt, das ich ab sofort in meinen aktiven Wortschatz aufnehmen werde, weil es mir so pläsiert. Los geht’s:

Worum geht es in deinem Roman „Air“?

Es geht um eine fiktive Zukunft, in der unsere immer aktueller werdenden Trends von Entmündigung und Entfremdung durch Technologie handfeste Realität geworden sind. Entwicklungen, die Menschen mehr Freiheit und Unabhängigkeit von natürlichen Ressourcen versprechen, bekommen hier den fahlen Beigeschmack der Dystopie. Und dann sind da noch Hauptfiguren und Nebencharaktere und solch Beiwerk.

Was hat dich dazu angetrieben, diesen Roman zu schreiben?

Der Prozess ist unnachvollziehbar. Die Grundgerüste des Zukunftsentwurfs stammen aus einem anderen Manuskript, das es nicht übers zweite Kapitel hinaus geschafft hat – das hieß übrigens „Keine Elefanten“, so wie jetzt der zweite Teil der Haupthandlung. Dann kam irgendwann die Idee mit der künstlich hergestellten Luft dazu und das Ganze hat sich weiter und weiter gesponnen. Ich will mit dem Roman niemanden zum Technologieskeptiker erziehen, mich fasziniert einfach nur das Spiel mit Zukunftsentwürfen und was wir aus diesen Fiktionen für unser eigenes Hier und Jetzt ziehen können.

Kann Literatur die Welt verändern?

Jeder kann die Welt verändern. Literatur hat immer und immer wieder meine Welt, meine Ansichten, mein Vermögen zu Verstehen verändert. vering_lukas

Ist die Welt überhaupt noch zu retten?

Das Literatur (und ähnliche Spielformen) für den Mainstream immer dummer werden, heißt wohl auch, dass oben erwähnte Bereicherungen für die eigene Perspektive und Fähigkeit, Zusammenhänge anders zu verstehen und aufzugreifen und neue Verbindungen herzustellen, verkümmern. Unser aktuelles Bildungssystem lenkt ebenfalls nicht ein – Kinder werden viel mehr zu funktionierenden Einheiten für die Wirtschaft erzogen. Und schon sind wir nur drei Schritte von der Welt von „Air“ entfernt…

Warum sind Dystopien in den letzten Jahren so beliebt?

Dazu zitiere ich aus „Mailverkehrt Kulturgeschwätz-Vering, die erste“: „Sicher ist das Genre der Anti-Utopien und Dystopien momentan nicht nur durch hochwertige Kost wie Eggers, sondern auch durch all die Filme und TV-Serien mit ähnlichem Themengebiet etwas strapaziert, andererseits denke ich, befinden wir uns in einer Zeit, in der all diese Ausblicke in mögliche Versionen unserer Zukunft spannender denn je sind. Die Welt steht uns technologisch offen, so gut wie alles ist möglich oder zumindest denkbar – kein Wunder also, dass die Leute sich mit möglichen Varianten der Zukunft auseinander setzen wollen.“

Was unterscheidet „Air“ von anderen Dystopien?

„Air“ hat sicher viel, was sich auch in anderen Dystopien finden lässt – das Buch denkt ja vorhandene Tendenzen und Technologien einfach nur weiter. Eine Nuance hat „Air“ aber, die wohl kaum eine andere Dystopie aufweist und vermutlich auch kaum ein Leser aufschnappt: „Air“ spielt im Ruhrgebiet der Zukunft.

Was fasziniert dich an Genre-Literatur?

Genres sind mir egal. Ich stehe aber auf die kleinen, unheimlichen Ausblicke, die etwa die Science Fiction uns in die Zukunft gewährt. Horror pläsiert mir nicht wegen Blut und Gedärmen, sondern wegen der heimlichen Botschaften, die Monster und Mörder durch ihre Schandtaten flüstern.

Hast du ein Lieblings-Genre?

Erotische Teenage-Werwolf Novellen

Liest du auch literarische Klassiker?

Wann ist ein Klassiker ein Klassiker, frage ich und zucke mit den Schultern. Gelesen habe ich dank Studium der Literaturwissenschaften den ein oder anderen.

Wenn du dich medienwirksam für eine Sache einsetzen könntest, was wäre das?

Für die Umverteilung von Kapital – ich bin immer wieder baff, in was für einem ungerechten System wir leben und wie blind wir es akzeptieren. Und wenn wir dann noch alle der Massentierhaltung abschwören, dürfen wir vielleicht auch noch ein paar Jahre länger die Erde bewohnen.

 

Blogbuster: Lukas Vering stellt sich vor (1)

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Ich schrieb vor einiger Zeit, dass und warum ich mich beim Blogbuster 2017 für den Roman „Air“ von Lukas Vering entschieden habe. Und weil ich ihn als Autor noch nicht kenne (und ihr vermutlich auch nicht), stellt er sich hier mit einem kleinen Steckbrief vor, der in den nächsten Tagen nochmal fortgesetzt werden soll. Los geht’s:

Name: Lukas Vering

Alter: 28

Seit wann schreibst du?

Eine meiner ersten freien Schreibaufgaben in der Grundschule handelte von einem Vampir in einer Küchenbank. Die anderen Kinder haben beschrieben, wie sie sich mit dem Vampir angefreundet haben – mein Vampir musste in den Backofen gesteckt und verbrannt werden, bevor er jemanden tot beißen kann. Da wusste ich es… hör niemals auf zu schreiben.

Warum schreibst du?

Einerseits, weil es das einzige Hobby ist, dass über all die Jahre hinweg überlebt hat. Andererseits, weil ich seit dem ersten halbgaren Romanversuch nicht mehr aufhören kann zu versuchen, der Welt etwas zu sagen. Irgendwas.

Was ist dir beim Schreiben wichtig? vering_lukas

Ich will dem Leser zeigen, wie die Welt aussieht, klingt, riecht und schmeckt, die ich mir ausgedacht habe. Außerdem ist mir wichtig, dass mein Text eine Aussage hat, die jeder Leser auf seine Art verstehen kann.

Was machst du, wenn du nicht schreibst?

Filme gucken, Fotos machen und Party like a Rockstar (naja)

Wenn du nicht schreiben würdest, würdest du…?

Malen

Wenn du nicht du wärst, wärst du gerne…?

Robin (von Batman und Robin)

Beschreibe dich in fünf Büchern:

Station Eleven (Emily St. John Mandel), Spieltrieb (Juli Zeh), The Year of the Flood (Margaret Atwood), Schiffbruch mit Tiger (Yann Martel), Harry Potter und ääähh .. der Feuerkelch? (J.K. Rowling)

Welches Buch sollte jeder gelesen haben und warum?

Brave New World von Aldous Huxley, weil es dich für viele Dinge sensibilisiert und dir gutes Werkzeug an die Hand gibt, um skeptisch auf Fortschritt, Technologie, Religion, Kultur und Identität zu schauen

Was würdest du machen, wenn du beim Blogbuster gewinnen würdest?

Meine Freizeit kündigen und nur noch neue Bücher schreiben.

Man muss die Menschheit mögen, denn…

…sie ist so herrlich hilflos wie ein Pinguin auf dem Glatteis.

giphy