Archiv für den Monat Juni 2016

Stefanie Sargnagel – In der Zukunft sind wir alle tot

Sargnagel ZukunftEs ist gar nicht so leicht, über Stefanie Sargnagels neues-altes Buch „In der Zukunft sind wir alle tot“ zu schreiben – wenn man da ernsthaft heranginge und es als Literatur im klassischen Germanistikstudiums-Sinne behandeln würde, würde man dem Ganzen nicht gerecht, denn eine Autorin, die selbst nie irgendwas ernsthaft macht (oder sich so inszeniert), kann wohl kaum wollen, dass sie ernsthaft analysiert wird. Man kann sie schon zur Aphoristikerin verklären, man kann aber auch einfach schreiben: Da ist eine junge Frau, die einen riesen Spaß dran hat, so zu tun, als wäre ihr alles richtig egal, da ist eine junge Frau, die sich selbst zur Kunstfigur macht, und dabei so witzig und klug ist, wie es der ein oder andere Journalist, der über sie schreibt, und vor allem ihre Kritiker gerne wären.

Da ist zum einen dieses Buch, das bereits 2014 erschienen ist und nun vom Mikrotext-Verlag in einer aktualisierten, erweiterten Fassung veröffentlicht wird und dessen Titel ja nach wie vor großartig ist, weil er genau diese Brechung vollzieht, die Stefanie Sargnagel ständig bemüht: Da wird das Große, Hoffnungsvolle, die „Zukunft“ aufgegriffen und gleich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: „sind wir alle erfolgreich“ wäre positiv, „sind wir alle unglücklich“ wäre weinerlich, „sind wir alle tot“ ist einfach eine nicht ganz angenehme Tatsache, die man aber wohl nicht abstreiten kann. Diese kurzen, in sich gebrochenen Kommentare hat Stefanie Sargnagel so weit perfektioniert, dass sie mit ihnen nicht nur eine recht große Fangemeinschaft auf facebook um sich sammeln, sondern inzwischen auch eben drei Bücher damit veröffentlichen konnte. Wie auch die anderen Bücher besteht auch „In der Zukunft sind wir alle tot“ aus gesammelten Facebook-Statusupdates, thematisch sortiert nach solchen, die um die Tätigkeit Stefanie Sargnagels im CallCenter kreisen und (also neuen, erweiterten Teil des Buches) solchen, die um die sog. „Flüchtlingskrise“ 2015 herum entstanden sind. Im ersten Teil, „Rufnummernauskunft, Stefanie Fröhlich, was kann ich für Sie tun?“, sind Statusupdates von 2013 bis 2014 versammelt, in denen Sargnagel abwechselnd ihren Lebensstil und ihren Job als einzig möglichen feiert oder als „Todesstrafe“ und „Hölle“ beklagt. Sie bringt damit wohl – wie schon in den letzten Büchern – durchaus treffend das Lebensgefühl und Dilemma einer Situation, in der viele aus dem einen oder anderen Grund in miesen Jobs feststeckende Jungakademiker sich befinden, auf den Punkt. Viele dieser hier gesammelten Nachrichten sind witzig, andere leider ein bisschen zu selbstmitleidig. Insgesamt macht Sargnagel hier genau das, was sie im Vorwort bereits ankündigt: Sie stellt einerseits fest, dass ein normaler 40-Stunden-Job „mein persönlicher Untergang gewesen“ wäre, andererseits bezeichnet sie ihre Lohnarbeit eben als „Sweat Shop“. Das ist alles so lesenswert, wie ihre vorherigen Bücher, aber eben auch auf Dauer ein bisschen langweilig, weil das, was Sargnagel macht, wenig Überraschendes und wenig Varianten zulässt. Dass man aber das, was Stefanie Sargnagel eben wirklich bis zur Kunstform perfektioniert hat, verkennen würde, würde man es als bloße Witzelei abtun, wird an solchen Zweizeilern deutlich, die zeigen, dass Sargnagel eine in ihrem Spott durchaus scharfe Beobachterin und Analytikerin ihrer Generation ist:

„Ok, ich probier auch mal irgendetwas zu unserer Generation zu sagen: Sie ist mit dem Irrglauben aufgewachsen, man hätte die Pflicht, im Leben glücklich zu sein.“ (S. 68)

Sehr viel besser und variantenreicher, großartig beobachtet und wirklich witzig ist der zweite Teil des Buches, „Refugee McMoments“, der Statusupdates aus dem Jahr 2015 versammelt und hier eine Willkommenskultur kommentiert, die Flüchtlingshilfe zum lifestyle-Happening macht – freilich ohne die Willkommenskultur an und für sich abzulehnen. Da sind zum einen die, die ihr eigenes Helfen permanent selbst dokumentieren und im Internet herumposaunen müssen, für die Sargnagel ein

„Ich mach T-Shirts ‚Flüchtlingsstrom 2015 – ich war dabei‘“ (S. 81)

und ein

„Ich will auch einen 15-jährigen Mohammed kennenlernen und mich anfreunden oder einer traurigen Oma Taschentücher geben oder ein Kinderlachen auslösen und so was, wie das, was ihr alle postet. Oida, ich verpass alle Refugee McMoments die ganze Zeit wegen meiner 50 Jobs“ (S. 81)

übrig hat. Und da sind die, die sich in dieser Situation, wo eben auf einmal alle sich mal kurzfristig nahezu darum streiten, auch mal ein Wasserfläschchen reichen zu dürfen, damit brüsten, dass sie ja schon viel länger Flüchtlingshilfe leisten und deswegen viel besser sind als alle anderen:

„Ich mochte Flüchtlingshilfe lieber, als sie noch mehr Underground war.“ (S. 96)

Und da sind natürlich die, die die Willkommenskultur ablehnen, die eine bedrohliche Zukunft durch zuwandernde IS-Terroristen oder wachsenden Rechtsradikalismus beschwören, die Sargnagel auch nicht besser wegkommen lässt:

„Ich weiß jetzt auch nicht mehr, ob man jetzt zum Salafismus oder zum Nationalsozialismus wechseln muss, um eine halbwegs komfortable Zukunft zu haben. Ich üb erst mal Landschaftsmalen.“ (S. 96)

Wie Sargnagel hier rundum Watschen verteilt, ohne dabei irgendwann politisch fragwürdig zu werden, ist schon wirklich lesenswert, und zeigt, dass Sargnagel eben dann, wenn es nicht um sie selbst und ihr Leben, sondern Politik und Gesellschaft geht, zu ihrer wirklichen Form aufläuft. Daher ist es sehr erfreulich, dass Mikrotext die alte Ausgabe von „In der Zukunft sind wir alle tot“ um eben diese Anmerkungen zur sog. „Flüchtlingskrise“ erweitert hat.

Und da ist ja aber eben nicht nur das von Sargnagel Geschriebene, da ist auch sie selbst, als den Kulturbetrieb vorführende Kunstfigur. Da sind Journalisten, die meinen, sie sähen schlauer aus als sie, wenn sie versuchen, ihr möglichst „krasse“ Geschichten zu entlocken, und da sind Kulturmenschen, die meinen, sie wären irgendwie intellektuell überlegen und witziger als sie, wenn sie sie zum Bachmannpreis einladen, über den sie sich letztes Jahr schrieb, er sei wie „Deutschland such den  Superstar für Streber“. Wer ihr Vorstellungsvideo gesehen hat, weiß, dass sie eigentlich jetzt schon gewonnen hat, und dass eine 20-minütige Jurydiskussion über ihren Text, sollte dieser im Stile des Videos gehalten sein, eigentlich nur peinlich für die Jury werden kann, denn entweder man redet darüber gar nicht oder die Interpretationen werden ähnlich unfreiwillig komisch wie bei Hape Kerkelings „Hurz“. Was zumindest die Kunstfigur Stefanie Sargnagel von Literatursendungen hält, kann man ebenfalls in „In der Zukunft sind wir alle tot“ lesen:

„Gestern habe ich wieder diese Literatursendung ‚er.lesen‘ geschaut. Das ist so eine Sendung, in der sich alte affige Männer treffen und ihre Lieblingsthemen sind, dass ‚Neger‘ ein tolles Wort ist und Feminismus irgendwie lächerlich.“ (S. 35)

Vielleicht hat Stefanie Sargnagel aber auch einen ernst gemeinten Text beim Bachmannpreis eingereicht. In Wahrheit kann das niemand einschätzen, weil sie eben einfach macht, was sie will. Auch deswegen hat sie schon jetzt gewonnen.

Wenn Dana Buchzik Ende letzten Jahres über Sargnagel schrieb, ihre Bücher würden nicht verlegt werden, wenn sie 20 Jahre älter wäre, so unterschätzt sie diese Figur, die eben über generationsbezogene Themen hinaus durchaus eine politisch-gesellschaftliche Beobachtungsgabe hat und der man auch eine Fähigkeit zur Weiterentwicklung zusprechen sollte. Stefanie Sargnagel ist eine großartige Kommentatorin. „In der Zukunft sind wir alle tot“ ist eine Sammlung witziger, bissiger und genauer Analysen zum beginnenden 21. Jahrhundert. Ich weiß noch nicht, ob es Literatur ist oder eher ein Zeitdokument. Aber das muss ja nichts schlechtes sein, im Gegenteil: Pointiertere Kommentare zum Zeitgeschehen findet man in keiner Zeitung, schon gar nicht in den Onlinezeitungen, die eigentlich genau für die Generation gemacht wären, zu der Sargnagel gehört.

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag Mikrotext als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.

Siegfried Lenz – Der Überläufer

Lenz ÜberläuferTatsächlich ist die deutsche Literaturgeschichte gar nicht so reich an Soldatenfiguren, obwohl es ja durchaus immer genug Soldaten gegeben hätte und die vermutlich auch immer ausreichend Erzählstoff geboten hätten. Dass wir vor 1900 Soldatenfiguren – als Soldaten, nicht als edle Heerführer wie Wallenstein oder als Vertreter der (preußischen) Oberschicht – fast nur bei Jakob Michael Reinhold Lenz und bei Büchner finden, hat wohl poetologisch-ästhetische Gründe: Deren Elend war dann doch zu elendig für die betuchtere, gebildete Leserschaft. Literatur, die sich mit dem Krieg selbst und den Soldaten darin beschäftig, entsteht dann vor allem mit den beiden Weltkriegen, insbesondere Borcherts „Draußen vor der Tür“, aber auch Bölls „Wo warst du, Adam?“ sind inzwischen nahezu klassische Beispiele dafür. Praktisch zeitgleich zu dem Titel Bölls entstand um 1951 der eigentlich zweite Roman von Siegfried Lenz, „Der Überläufer“.

Und dessen Entstehungsgeschichte, die im Nachwort des Bandes dargestellt wird, ist fast spannender als der Roman selbst: Das Manuskript wurde nämlich deswegen trotz eines existierenden Verlagsvertrages nicht gedruckt und dann im Archiv vergessen, weil die Geschichte um einen deutschen Soldaten der Wehrmacht, der an der Ostfront zur Roten Armee überläuft, um sein Leben zu retten, und der später aus der Sowjetzone in den Westen flieht, um abermals sein Leben zu retten „im politischen Klima der Adenauer-Zeit und angesichts der bedrohlichen Verhärtung zwischen den Westmächten und dem Ostblock schlicht unvorstellbar ist“ (S. 347). Gerade angesichts dieser Handlung ist es aber bedauerlich und nicht ganz nachvollziehbar, warum in der nun gedruckten Fassung der von Lenz selbst sehr treffend hinzugefügte Untertitel „Der Tod macht die Musik“ (S. 358) weggelassen wurde, trifft dieser doch genau das Verhalten der Überläuferfigur, um die es geht: Walter Proska eignet sich nicht dafür, für irgendwelche Ideen heroisch in den Tod zu gehen, sondern sein Verhalten wird maßgeblich von dem Versuch geleitet, den eigenen Tod zu vermeiden. Deswegen erschießt er andere Soldaten, bevor sie ihn erschießen können – ganz im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten in der Wehrmacht, Willi, den alle nur als „Schwein“ bezeichnen und der durchaus auch einfach aus Grausamkeit und Verrohung heraus tötet – und deswegen läuft er über, als ihm keine andere Möglichkeit bleibt.

Keiner der Soldaten, auf die man in Lenz‘ Roman trifft, scheint sonderlich von hehren Propagandaidealen, wie sie das Naziregime ja gerne vermitteln wollte, beeindruckt – keiner weiß so recht, warum er in diesem Krieg ist – im Gegensatz zu den entschlossen wirkenden russischen Partisanen -, keiner fühlt sich der „Klicke“, die für diesen Krieg verantwortlich ist, irgendwie verpflichtet oder gar verbunden – Proska bezeichnet sie sogar ganz offen als „böse“, und schiebt ihr damit all das Böse zu, das er tut –, jeder wäre lieber wo anders und vor allem: Eigentlich geht keiner von ihnen davon aus, den Krieg zu überleben. Lenz stellt hier mit all seiner Sprache, die sich einerseits durch eine große Einfachheit, gleichzeitig aber durch einen an manchen Stellen nahezu expressionistischen Bilderreichtum auszeichnet, der dann doch wieder an „Draußen vor der Tür“, das ja auch expressionistische Züge hat, erinnert, Krieg und seine Folgen für die Soldaten so dar, wie er ist: Trostlos, hoffnungslos und verrohend, als Trauma, das man, auch wenn man es überlebt, nie wieder los wird:

„Wir werden immer hier bleiben, Baffi. Und wenn man uns zurückholt, werden wir uns an kein anderes Nest gewöhnen können. Wer die Rokitno-Sümpfe geschluckt hat, kann sie nie wieder ausspucken. Wer diese Luft einmal geatmet hat, dem bleibt sie in den Lungen stecken. Wir werden nie mehr freikommen, nie mehr.“ (S. 127)

Nicht alle Soldaten werden dadurch aber zu Überläufern. Zu dem sich anpassenden, biegsamen Proska stellt der so groß gewachsene wie geradlinige Zwiczosbirski eine Gegenfigur dar. Er hat seinen eigenen Willen und seine eigenen Entscheidungen, für die er auch Konflikte mit seinen Vorgesetzten einzugehen bereit ist, er hat sich trotz des Krieges menschliche Gefühle wie Freundschaft und Solidarität bewahrt, immer wieder wird auf seine Gutmütigkeit hingewiesen. Wie wenig er bereit ist, eine einmal getroffene Entscheidung zurückzunehmen, und welchen Preis er dafür zu zahlen auch bereit ist, wird in seinem Kampf mit einem alten Hecht deutlich, den er unbedingt fangen will. Diesen Kampf kann und will er auch dann nicht aufgeben, wenn er sich selbst dadurch in Lebensgefahr bringt, und er führt in den vorübergehenden Wahnsinn. Proskas Überläufertum steht hier geradliniger Wahnsinn gegenüber. Im Gegensatz zu Proska scheint Zwiczosbirski nicht zur Roten Armee überzulaufen, sondern in Kriegsgefangenschaft zu geraten – Jahre später sieht Proska ihn oder glaubt, ihn zu sehen, allerdings lehnt dieser jeden Versuch der Kontaktaufnahme durch Proska ab. Der Überläufer Proska ist sozial von dem, dessen Trauma er teilt, isoliert, wie er von allen Menschen in der Sowjetzone isoliert ist. Wer selbst keine Solidarität zeigt, erfährt auch keine – und so ist es erstaunlich, dass er durch seine Mitarbeiter vor der Verhaftung gewarnt wird und so in den Westen fliehen kann.

Vervollständigt wird diese soziale Isolation durch die Trennung von der Schwester, dem einzigen noch lebenden Familienmitglied. Der Versuch, zu ihr Kontakt auszunehmen, ihr eine große Schuld zu gestehen, die Proska auf sich geladen hat, scheitert: Der Brief mit dem Geständnis, den Proska ihr schickt, hält er bald wieder als unzustellbar in den Händen – der „Assistent des Gewissens“ (S. 298) kann sein Gewissen nicht erleichtern.

„Der Überläufer“ ist ein Buch über den Krieg und seine psychischen wie sozialen Folgen, darüber, wie man überlebt, wenn man ständig den Tod vor Augen hat. Wer Lenz mag und sich dafür interessiert, wie Literatur mit existentiellen Krisen umzugehen vermag, wird hier ein sehr interessantes Buch finden. Wer eine flotte Geschichte mit viel Gefühl und Spannung erzählt bekommen will, wird enttäuscht werden.

Schade, dass der Roman nicht 1952 veröffentlich wurde – er wäre für die damalige Zeit interessanter gewesen, als er es vielleicht für die heutige ist.