Archiv für den Monat Juli 2019

Katerina Poladjan – Hier sind Löwen

„T.B.D.“ ist unter Risikomanagern ein Kürzel, das für nicht absehbare Risiken steht – „there be dragons“. Es geht zurück auf den Hunt-Lenox Globus, auf dem die Gebiete der damals unbekannten Welt mit der Aufschrift „hic sunt dracones“ – „hier sind Drachen“ – versehen worden sind. Auf anderen frühen Karten zeichnete man in der Regel Ungeheuer in die nicht erforschten Gebiete der Welt ein. Diese Gebiete zu bereisen barg Risiken, die man nicht absehen konnte. Drachen zum Beispiel. Vielleicht.

Poladjan Hier sind LoewenAuf diese Formulierung spielt der Titel von Katerina Poladjans neuem Roman „Hier sind Löwen“ deutlich an – der Satz „Hic sunt leones“ fällt sogar mehrfach, wird jeweils von einem Freund der Ich-Erzählerin ausgesprochen, schließlich sogar mit dem Ziel, die Löwen in den unbekannten Gebieten, den ländlichen anatolischen Gebieten, zu vertreiben. Und davon erzählt dieser bemerkenswerte, ganz ruhig und bescheiden geschriebene Roman: Von Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen auf nicht absehbare Risiken einlassen, unbekannte Gegenden bereisen, um schließlich die Löwen dort zu verabschieden. Weiterlesen

Krankheit, keine Metapher (Ruth Schweikert: Tage wie Hunde; Mira Mann: Gedichte der Angst; Tabea Hertzog: Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer)

1977 erschien Susan Sontags Essay „Illness as Metaphor“, ein Jahr später erschien er auch auf Deutsch unter dem Titel „Krankheit als Metapher“ (übers. von Karin Kersten und Caroline Neubaur). Geschrieben hatte ihn Sontag nicht nur unter dem Eindruck der eigenen Krebsdiagnose, sondern auch unter dem der in den 1970er Jahren an Popularität gewinnenden sog. Krebs-Literatur. Diese literarisierte die Krankheit in der Regel, indem sie sie psychosomatisch deutete – wer Krebs bekam, hatte auch eine „Krebs-Persönlichkeit“, war in irgendeiner Art gehemmt, seine Gefühle zu zeigen und ihnen entsprechen zu leben, was zu einer Wucherung im eigenen Körper führen sollte. Dieses Krankheitsbild, wie sie typisch für die Krebs-Literatur 1970er und 1980er war, leistete mehreres:

„Es stellt die Krankheit in den Horizont von Schuld und Selbstverantwortlichkeit. Damit wird ihre Auffassung als Schicksal verabschiedet – und dies angesichts der geringen medizinischen Heilungskompetenz. Die Entmächtigung des Schicksals erweist sich als Ermächtigung des Subjekts, das nun, dem literarischen Subjektivitätsschub der Zeit durchaus entsprechend, als das Entfesselte und Sich-Entfesselnde, in seinem Wachstum von keiner Grenzerfahrung in irgendeiner Weise Gehemmte zutage tritt.“ (Christa Karpenstein-Eßbach: Krebs – Literatur – Wissen, S. 239)[1]

Einher ging all dies mit Metaphern von Krebs als Eindringling, der militärisch bekämpft, beispielsweise mit Strahlen beschossen, werden musste. Und vor allem ging diese Ermächtigung des Subjekts über die Krankheit auch damit einher, dass das Subjekt nun eben an der Krankheit selbst schuld sein konnte und die Verantwortung dafür sich selbst zuschreiben musste.

Gegen all dies, gegen die Behauptung einer „Krebs-Persönlichkeit“, gegen eine Krebs-Metaphorik, die die Krankheit zum erdrückenden Mythos macht, wandte sich nun Susan Sontag in ihrem Essay: „Zeigen will ich, daß Krankheit keine Metapher ist und daß die ehrlichste Weise, sich mit ihr auseinanderzusetzen – und die gesündeste Weise, krank zu sein – darin besteht, sich so weit wie möglich von metaphorischem Denken zu lösen, ihm größtmöglichen Widerstand entgegenzusetzen.“ (Susan Sontag: Krankheit als Metapher, S. 5) Denn nicht zuletzt besteht „das Interesse an der Metapher eben darin, daß sie sich auf eine Krankheit bezieht, die von Mystifikationen so überlagert und von der Phantasie des unentrinnbaren Verhängnisses so belastet ist“ (ebd., S. 93). Ist eine Krankheit behandel- und heilbar, wird sie auch nicht mehr als Metapher verwendet – dies zeigt Sontag am Beispiel der Tuberkulose, einer Krankheit, die in der Literatur Jahrhunderte lang mit Metaphern überlagert und zum Mythos eines unentrinnbaren Schicksals aufgebaut wurde, bis sie eben kein unentrinnbares Schicksal mehr war. Erst eine Krankheit, die nicht mehr zum Mythos eines unentrinnbaren Schicksals aufgebaut wird, mutet es dem Subjekt nicht mehr zu, ihr entweder ohnmächtig gegenüber zu stehen oder aber sich die Verantwortung für sie selbst zuzuschreiben. In Metaphern also, oder zumindest in den Metaphern der 1970er Jahre, kann man von dieser Krankheit nicht sprechen. Aber wie dann? Weiterlesen