Franz Grillparzer – Der arme Spielmann

Der arme Spielmann von Franz Grillparzer — Gratis-Zusammenfassung

Die Darstellung von Kindheit in der Literatur ist paradox. Einerseits wird sie, insbesondere in Lyrik und Aphoristik, als glücklicher Zeitraum und Zustand verklärt, andererseits wird sie, insbesondere in Prosa und Drama, selten als glücklicher Zeitraum dargestellt. Der Regelfall ist vielmehr das Ringen der Kinder mit ihren Eltern, deren Ansprüchen und Vorstellungen oder mit den Ansprüchen und Normen der Gesellschaft überhaupt. Die Söhne rebellieren, die Töchter werden umgebracht oder bringen sich um. Das ist schon im 18. und frühen 19. Jahrhundert so: Wilhelm Meister läuft davon, Ferdinand bringt sich und Luise mit Limonade um, Faust blickt nur kurz auf seinen Vater, einen Mörder, zurück, Emilia lässt sich umbringen. Und bis in das frühe 20. Jahrhundert wird das nicht viel besser: Hans Giebenrath zerbricht an den Anforderungen und Wünschen seiner Umwelt, Wendla stirbt bei einer Abtreibung, Ludwig Thomas Magdalena wird vom Vater erstochen, Gregor Samsa wird zum Käfer und stirbt umgeben von Unrat. Allein Hasenclevers Sohn deutet an, dass die Macht der Väter, und die elterliche Autorität ist bis in diese Zeit gleichbedeutend mit der Macht der Väter, ihrem Ende zugeneigt ist.

Und dazwischen? Sieht es auch nicht viel besser aus, auch hier sterben Romeo und Julia auf dem Dorfe. Es gibt aber auch die Figuren, aus denen trotz ihrer Eltern etwas wird. Marie von Ebner-Eschenbachs Gemeindekind Pavel Holub zum Beispiel, der den sozialen Aufstieg schafft. Oder Franz Grillparzers Jakob, der auf ganz eigene Weise zu einem geachteten Menschen wird.

Dieser Weg ist aber in Grillparzers berühmtester Erzählung „Der arme Spielmann“ verbunden mit einem radikalen sozialen Abstieg. Geboren als Sohn eines reichen und mächtigen Hofrates enttäuscht Jakob alle Erwartungen, die sein Vater an ihn hat: Er versagt in der Schule, er versagt im Beruf, selbst sein Geigenspiel ist unerträglich. Und als diese Figur, die so völlig in ihrer eigenen Realität lebt, dann auch noch Kontakt zu Barbara, der Tochter eines benachbarten Ladenbesitzers, aufnimmt, wirft ihn der Vater kurzerhand aus dem elterlichen Wohnhaus. Diese so pedantische wie einfältige Figur scheitert an allem, was sie anfängt, und landet schließlich völlig verarmt in einer Mietsstube, die sie sich mit zwei anderen Personen teilen muss.

Sein Geld verdient Jakob nun eher schlecht als recht als Geiger, der am Straßenrand spielt – beziehungsweise: auf der Geige herumkratzt, denn auch als Künstler ist Jakob gescheitert, sein Geigenspiel scheint schwer zu ertragen zu sein. Und dennoch macht es ihm Freude. Und dennoch wird es ertragen, dennoch achten seine Nachbarn ihn trotz des schrecklichen Geigenspiels, das sie ständig hören müssen, und dennoch findet er immer wieder Menschen und Freunde, die ihn achten und unterstützen. Und am Ende der Erzählung ist er ein Held, geachtet und geliebt von Nachbarn und Freunden. Nicht weil er reich und mächtig oder weil er ein großer Künstler gewesen wäre. Sondern weil er ein ehrlicher, zugewandter, feiner Mensch gewesen ist.

Es ist dieser ganz typische Zug, der sich in epischen Texten realistischer Strömungen immer wieder findet, ob bei Gottfried Keller, bei Marie von Ebner-Eschenbach oder eben bei Grillparzer: Ein Mensch ist dann groß, wenn er ein ehrliches Leben in zugewandter Verbindung zu den Menschen, die ihn umgeben, führt. Manche der Figuren dieser Autorinnen und Autoren müssen das erst auf einem harten Weg lernen, anderen – wie dem armen Spielmann Jakob – dagegen sind die entsprechenden Charakterzüge schon in die Wiege gelegt: Der Geiger kann nicht unehrlich sein, weil er in mancherlei intellektueller Hinsicht auf dem Entwicklungsstand eines Kindes bleibt.

Und damit, mit ihrer inneren schlichten Größe und all dem Elend, das ihr äußerlich widerfährt, hat diese Figur Literaturgeschichte geschrieben: Sie hat einzelne Erzählungen in Adalbert Stifters „Bunte Steine“ beeinflusst, die ersten Erzählwerke von Marie von Ebner-Eschenbach, Franz Kafka schätzte die Erzählung sehr und John Irving spielt in „Garp und wie er die Welt sah“ auf sie an. Und so ist Jakob dann doch noch zu Ruhm und Ehre gekommen: Nicht als großer Künstler, sondern als Außenseiter und Getretener, der nie zurücktritt.

Ihre Kindheit hängt vielen Figuren in den Knochen, manche scheitern an ihr, andere wachsen über sie hinaus, andere versuchen vergebens, ihren Verhältnissen zu entkommen. Gerade jetzt, wo Herkunft, Kindheit und die Einflüsse der Bedingungen des Aufwachsens wieder neu erzählt werden, lohnt es sich doch auch, noch einmal Franz Grillparzers „Der arme Spielmann“ zu lesen.

[Das Beitragsbild stammt von Joel Wyncott auf unsplash.com]


4 Gedanken zu “Franz Grillparzer – Der arme Spielmann

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