Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew

Cover Kapitelman Eine Formalie in KiewDieses Buch ist eine große Enttäuschung. Auf Twitter wurde vom Autor versprochen, dass die ersten 500 000 Vorbesteller eine sibirische Katze bekommen und ich bin mir sehr sicher, dass ich zu den ersten 500 000 Vorbestellern gehöre, aber mein Buch kam ohne Katze bei mir an.

Derart enttäuscht habe ich dann beschlossen, dieses Buch sehr schlecht zu finden.

Und die nächste Gemeinheit ist dann gewesen, dass ich das nur ein paar Seiten lang durchhalten konnte, irgendwann spätestens ab S. 40 oder so ging das nicht mehr. Gemeinerweise ist das nämlich ein wirklich gutes Buch (aber ohne Katze).

In „Eine Formalie in Kiew“ reist der Ich-Erzähler nach Kiew, um, nun, eine Formalie zu erledigen. Seit seinem achten Lebensjahr lebt er in Deutschland, seine Eltern und er haben als sog. Kontingentflüchtlinge die Ukraine verlassen, und als wäre es nicht genug, in dieser Art und Weise von den Eltern von einem Staat in einen anderen umgesiedelt zu werden, wird der inzwischen erwachsene Ich-Erzähler von der Mutter aus der Familie und aus ihrem Reich, einem von vielen Katzen bewohnten Haus, ausgebürgert, indem sie ihn zum Deutschen macht und damit zu jemandem, der einer anderen Nationalität angehört als sie selbst und der Rest der Familie:

„Die Krim war schon immer russisch! Die Menschen auf der Krim wollen das“, schrie meine Mutter mir entgegen. „Alles, was man diesen diebischen Ziegenböcken in Kiew wegnimmt, ist etwas Gerettetes! Aber das verstehst du Deutscher ja nicht!“

An jenem Treppentag im März wurde mir schlagartig klar, dass ich es gar nicht mehr verstehen wollte. Dass ich im Gegenteil den deutschen Pass begehre, um mich von Vera und Leonid abzugrenzen. (S. 28)

Der Reaktion ist also klar: Von den Eltern aus der Ukraine und aus der Familie ausgebürgert, beschließt der Erzähler, die Einbürgerung in Deutschland zu beantragen. Das zieht viel Bürokratie und eben vielen Formalien nach sich, die ihn auch nach Kiew führen, wo er das – so glaubt er – Unmögliche möglich machen soll: Er soll auf einem Amt ein Dokument beschaffen. Dass das innerhalb der kurzen, ihm gegebenen Frist und ohne Bestechung funktionieren kann, glaubt niemand so recht, aber hier beginnt nun das, was den ganzen Roman durchzieht: Der Erzähler wird überrascht.

Nach allem, was mit über die Ukraine eingevorurteilt wurde, fürchte ich haarige Fiesfünfziger in Uniform, die in dunklen Kammern hinter Panzerglas hocken und ab und an mit dollarzeichenförmigen Schlangenzungen ans Glas schlagen. In Kabinett 4 sitzen aber drei junge Frauen. (S. 44)

Und: Diese jungen Frauen sind nicht bestechlich. Alles kommt immer anders in diesem Roman – im Guten wie im Schlechten. Und damit kommt auch für den Leser alles anders: Erwartete ich noch bis S. 40, hier einen Roman über Migration und Bürokratie zu lesen, habe ich hier einen Familienroman gelesen, in dem es schon auch um Migration und Bürokratie geht, aber vor allem doch um Familie. Es geht eben nicht nur um Formalien, es geht darum, was mit einer Familie passiert, die durch Migration in ein Früher und ein Heute zerrissen worden ist und wie ein junger Erwachsener damit umgeht, wenn er feststellen muss, dass ein ganz anderes Früher und Heute auch biologisch in seinen Eltern bemerkbar wird, weil sie alt geworden sind. Wie ein junger Erwachsener damit umgeht, dass die Eltern abbauen, hilflos werden und dass er vom Kind, das die Verantwortung trotzig bei seinen Eltern sehen kann, zu einem Erwachsenen, der die Verantwortung für die eigenen Eltern übernehmen muss, werden muss.

Der ganze Roman erzählt davon: Von Grenzen, zwischen Nationalitäten, zwischen Menschen, zwischen Generationen, zwischen unterschiedlichen „Frühers“ und „Heutes“ – und davon, wie die Grenzmauern zwischen alledem, die mit der Zeit entstanden sind, wieder fallen können. Und das alles wird so genau, so brillant sprachschöpferisch und gleichzeitig so leicht-schwer (jaja, wirklich, es ist alles ganz leicht und trotzdem zentnerschwer) formuliert, dass man diesen Roman gegen alle guten Vorsätze, ihn schlecht zu finden (keine Katze!), nur sehr gut finden kann.

Wie genau dieser Roman sprachlich operiert, sieht man (Vorsicht, ich spoilere jetzt a bisserl!) etwa, wenn es um die „Grenzmauer“ zwischen Mutter und Sohn geht, die unüberwindbar scheint:

Ich weiß nicht, was es ist, dass mich diese Grenzmauer zu meiner Mutter nicht überwinden lässt. (S. 147)

Und durch all die Dinge, die in diesem Roman anders kommen, als der Erzähler und der Leser das erwartet hätten, durch all diese Ent-Täuschungen, fällt diese Grenzmauer, hin zu der Formulierung:

Manchmal blicke ich in ihr Gesicht und sehe, dass es zu klein geworden ist für ihr Leben. Es kann all das Schwere kaum mehr halten. Glücklicherweise ist mein Gesicht wie aus ihrem geschnitten. So kann sich Mama stets vor Augen halten, wo noch Lebensraum für sie, für mich, für uns ist. (S. 174)

Wenn alle Grenzen zwischen Mutter und Sohn gefallen sind, gibt es nur noch einen gemeinsamen Lebensraum, ein gemeinsames Gesicht, ein „uns“. Das ist so genau formuliert, da sind Bildebenen rund um Formalien, Grenzen, Zeitebenen derart konsequent durch den ganzen Roman geführt, wie soll man dem Roman da böse sein, dass sein Autor einem eine Katze verspricht, die man nicht bekommen hat?

Auf 170 Seiten kann man hier einen ganz konzentrierten und sprachlich ganz großartigen Roman über eine Familie lesen, dem man die Arbeit an der Sprache, die dahinterstecken muss, nicht anmerkt. Das wirkt alles ganz leicht erzählt, wie dahergequatscht, und ist es nicht. Nicht einmal der Humor in diesem Roman hat mich gestört und ich hasse Humor in Büchern bekanntlich so gut wie fast eigentlich immer. Weil man durch diese Blödelei die große Trauer, die der Erzähler eben wie sein Vater durch Blödelei verdeckt, um so stärker durchspürt. Und weil es einfach ein Roman mit einem großen Herzen ist, wenn es sowas gibt und das jetzt nicht zu kitschig klingt.

Vielleicht klingt es zu kitschig. Damit müssen wir jetzt alle leben.

Kauft „Eine Formalie in Kiew“, lest „Eine Formalie in Kiew“, das einzige, was ihr bereuen werdet, ist, dass keine Katze mitgeliefert worden ist.

[Beitragsbild von Karina Vorozheeva auf unsplash.com]


Ein Gedanke zu “Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew

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