Ein Weihnachtsmärchen für die plurale Gesellschaft? Stephen King – Erhebung (feat. Isolde Charim: Ich und die Anderen; René Girard: Das Heilige und die Gewalt; und ein bisschen Charles Dickens)

„Wir leben in einer pluralisierten Gesellschaft. Das ist nicht nur ein relativ neues Faktum. Das ist auch ein unhintergehbares Faktum: Es gibt keinen Weg zurück in eine nicht-pluralisierte, in eine homogene Gesellschaft. Das ist eine einfache Feststellung. Nicht ganz so einfach ist die Klärung der Frage, was das genau bedeutet: Was ist eine pluralisierte Gesellschaft? Welche Auswirkungen hat das für jeden von uns? Oder anders gefragt: Was heißt es eigentlich, in einer solchen Gesellschaft zu leben?“

(Charim: Ich und die Anderen, S. 11)

 

charim ich und die anderenMit diesen Fragen eröffnet Isolde Charim ihren 2018 erschienenen, bedenkenswerten Essay „Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert“. Es sind drängende Fragen des Zusammenlebens in einer Gesellschaft, die in viele Gruppen zu zerfallen scheint, in der ein kollektives „Wir“ zu fehlen scheint, die nicht nur Charim beschäftigen: Auch Tristan Garcia beschäftigt sich in „Wir“ mit ähnlichen Themen, genauso und mit ganz anderem Ansatz Leander Scholz in „Zusammenleben“. Und: Sie beschäftigen auch Stephen King in seiner sehr kurzen neuen Erzählung „Erhebung“.

Diese Erzählung, die gewissermaßen eine Fortsetzung zu „Gwendys Wunschkasten“ ist, ist erneut in der Kleinstadt Castle Rock verortet, und diese Kleinstadt ist gespalten: Explizit zur Zeit der Präsidentschaft Trumps bewegt sich der Protagonist Scott durch eine kirchlich und republikanisch geprägte Kleinstadt, die nicht nur mit einer progressiven Minderheit, sondern jetzt explizit auch mit einem homosexuellen Ehepaar, zwei Frauen, konfrontiert wird, die ein vegetarisches Restaurant eröffnet haben. Die beiden Frauen werden ausgegrenzt, wie sie denken auch von Scott. Und Scott verliert jeden Tag an Gewicht – und bemüht sich darum, ein besseres Verhältnis zu seinen beiden Nachbarinnen Deirdre und Missy, eben diesem Ehepaar, aufzubauen, was sich als gar nicht so einfach erweist.

Ästhetisch ist hier vieles leider recht simpel, die Symbole sind leider an einzelnen Stellen zum Augenrollen, und ich weiß wirklich nicht, durch welches Lektorat dieser Satz durchrutschen konnte:

„Eine noblere Adresse, als ihm lieb war, aber Nora hatte dort hinziehen wollen, und er hatte Nora wollen.“

(King: Erhebung, S. 22)

Aber: Sprachlich-ästhetische Innovation ist nicht das Ziel von King und darum nicht der Maßstab, an dem „Erhebung“ gemessen werden sollte. King schreibt plot-zentriert und muss entsprechend beurteilt werden, die Frage ist also vielmehr: Funktioniert der Plot? Ist der Text inhaltlich innovativ? Ist er inhaltlich dem zeitkritischen Anspruch, den die Erzählung erhebt, gewachsen? Und das ist er, zumindest ist er dahingehend doch ernst zu nehmen und zu diskutieren. Abgesehen davon beherrscht King Sympathielenkung fantastisch, aber das ist ja auch bekannt.

 

King ErhebungAls „hochpolitisches Weihnachtsmärchen“ hat Irene Binal „Erhebung“ von Stephen King bezeichnet, weil die Handlung um Weihnachten herum, eigentlich von Spätsommer bis Winter, verortet ist, und weil die Erzählung den Leser daran erinnert, „dass Dinge sich verändern können – und dass jeder einzelne in seinem Umfeld mehr erreichen kann, als er vielleicht glauben mag“. Das mag ein bisschen dünn sein, um die Erzählung nun unbedingt mit Weihnachten zu verbinden, schließlich wird doch das ganze Jahr über ständig behauptet, dass jeder irgendwie alles ändern und erreichen kann, was in der Regel ideologischer Blödsinn ist, die meisten sind ja froh, wenn sie die Arbeitswoche überstehen.

Trotzdem ist die Zuordnung zutreffend, denn „Erhebung“ bedient sich nicht nur dem Christentum entliehener Motive, sondern hat auch ein Thema, das tatsächlich im Christentum als „weihnachtlich“ gilt: Es geht um Versöhnung, um das Herstellen von Gemeinschaft, natürlich hier in säkularer Form, und ja, die Erzählung beinhaltet einen moralischen Appell an den Leser, durchaus auch in Fortführung eines Gedankens der biblischen Weisheitsliteratur, nämlich des Gedankens, dass man im Angesicht der eigenen Sterblichkeit Prioritäten richtig setzen und hier bei King: entsprechend überflüssige Konflikte beilegen sollte (vgl. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“, Ps 90,12).

Damit steht „Erhebung“ von King in der Tradition des vermutlich – ein dutzend Verfilmungen sei Dank – berühmtesten Weihnachtsmärchens: Von Charles Dickens „A Christmas Carol“, das ja ganz ähnliche Lehren bereit hält. Ebenezer Scrooge, ein misanthroper Greizkragen, wird bekanntlich von ein paar Geistern besucht, die ihn durch Glanz, vor allem aber Elend von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft führen, ihm so nicht nur das Elend der Armen, sondern schließlich vor allem auch den eigenen Tod vor Augen stellen. Scrooge, so geläutert, wird ein freigebiger, glücklicher Menschenfreund – auch hier werden nicht nur diverse Versatzstücke des Christentums, insbesondere christlicher Ethik, verwendet, sondern „A Christmas Carol“ beschäftigte sich eben auch in klar sozialkritischer Stoßrichtung mit einem zentralen gesellschaftlichen Problem seiner Zeit: Armut und Missstände in der Armenfürsorge.

Liest man nun das Weihnachtsmärchen von King, haben sich die Probleme verschoben, oder vielleicht auch dupliziert: Es geht um die Anerkennung von Lebensformen, um den Umgang mit Pluralismus. Aber nicht nur: Denn neben der Anerkennung der Ehe von Deirdre und Missy, geht es auch um deren ökonomische Existenz – weil die anderen Bewohner von Castle Rock die beiden ausgrenzen, besuchen sie auch nicht deren Restaurant, folglich droht diesem das Aus. Die Ausgrenzungs- bzw. Unterdrückungsformen durch die Mehrheitsgesellschaft in Castle Rock überlappen sich also.

Scrooge hat den Weg in die Gesellschaft und ein besseres Leben gefunden, indem er freigebiger und offener geworden ist, indem er seine Fehler erkannt hat. Wie lässt sich aber das Problem des Zusammenlebens in einer pluralen Gesellschaft lösen, noch dazu von einem, der zunächst unbeteiligt an der Ausgrenzung der beiden Frauen zu sein scheint?

Girard Heilige und Gewalt

Es gibt ein altes Muster, nach dem in früheren Gesellschaftsformen im Konfliktfall Einheit wiederhergestellt worden ist, als narratives Muster hat es sich in Mythen und Erzählungen niedergeschlagen: René Girard hat es u.a. in „Das Heilige und die Gewalt“ untersucht. Im Rahmen seiner mimetischen Theorie geht Girard davon aus, dass Konflikte mit der Zeit dazu führen, dass der Grund des Konfliktes in den Hintergrund tritt und die Kontrahenten zu Doppelgängern werden: Auf einen Schlag folgt ein Gegenschlag, die Rivalen werden im Austausch von Gewalt einander gleich. Zudem kommt es mit der Zeit zu einer Entdifferenzierung des Konfliktes: Die Rivalität und Gewalt wird mit der Zeit jeweils auf die Umgebung der Rivalen ausgeweitet, mehr und mehr stehen Gruppen im Konflikt miteinander, die die Spirale von Gewalt und Gegengewalt nicht durchbrechen können. Durchbrochen werden kann sie erst durch den Sündenbockmechanismus: Die in verfeindete Gruppierungen zerbrochene Gesellschaft kann erst wieder dadurch zusammengeschlossen werden, dass sie einen gemeinsamen Feind findet, den Sündenbock:

„wenn jeder der Doppelgänger […] seines Gegenspielers wird, wenn alle Doppelgänger gleich sind, dann kann irgendeiner von ihnen zu irgendeinem Zeitpunkt der Doppelgänger aller anderen werden und so Gegenstand einer umfassenden Faszination und eines umfassenden Hasses sein.“

(Girard: Das Heilige und die Gewalt, S. 120)

Der Sündenbock kann eine Einzelperson oder eine Minderheit sein, gegen diese richtet sich nun die Gewalt aller anderen, die durch diese Gewalt wieder zu einer Einheit werden. Der Sündenbock wird geopfert oder opfert sich scheinbar freiwillig selbst – gefunden wird er nicht entsprechend rationaler, sondern intuitiver Gründe: er ist in irgendeiner Art und Weise normabweichend, beispielsweise besonders schön oder besonders hässlich. Dies führt zu Ausgrenzung, Verfolgung, Opferung und anschließender Sakralisierung, sofern das Herstellen der neuen Einheit der Gesellschaft erfolgreich war – Girard belegt seine Theorie an zahlreichen Mythen und Verfolgungstexten, eines der prominentesten Beispiele dürfte wohl die Figur Jesus sein, er weist diese Mechanismen aber eben auch typischerweise in Erzählungen von Hexenverfolgungen oder Judenverfolgungen nach.

Ist dieses Muster, das insbesondere Texten vormoderner Gesellschaften entnommen worden ist, noch auf einen Text und auf die Gesellschaft am Anfang des 21. Jahrhunderts übertragbar? Teils. Tatsächlich gibt es auch in „Erhebung“ verhärtete Fronten: Die Stadtgemeinschaft schließt das lesbische Ehepaar aus, diese Reagieren ihrerseits mit schroffer Abwertung, insbesondere Deirdre ist zu Beginn der Erzählung eine äußerst unsympathische, arrogant wirkende Figur. Verfolgung und Opferung laufen freilich in einem Rechtsstaat anders ab: Den beiden werden eben Anerkennung und finanzielle Unterstützung entzogen, bis sie gehen müssen, sie werden unsichtbar gemacht, Plakate, auf dem sie zu sehen sind, werden nicht aufgehängt oder ausgetauscht. Körperliche Übergriffe sind bislang ausgeblieben, verbale Übergriffe dagegen finden statt. In westlichen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts wurde der Lynchmob durch Abwertung, Unsichtbarkeit mit ihren ökonomischen Folgen ersetzt. Und die Einheit der Gesellschaft könnte wieder hergestellt werden, wenn die beiden ihr Restaurant aufgeben würden und Castle Rock verlassen würden – was von beiden schon als unabwendbares Schicksal akzeptiert worden ist.

Die Erzählung zeigt aber einen anderen Weg auf, die Spirale von Ausgrenzung und Abwertung zu durchbrechen. Sie zeigt dies an der Figur Scott, einem amerikanischen Jedermann, leicht übergewichtig, Programmierer – und also Vertreter des Medienmilieus. Explizit müsste er nicht in Castle Rock arbeiten, kann dies aber Dank globaler Vernetzung tun. Dass King eine Figur aus diesem Milieu wählt, ist vielleicht so geschickt wie ungeschickt: Zum einen bedient er damit das Stereotyp von den globalen Tech-Eliten, die eben einfach kosmopolitischer denken als die Arbeiter – eine homophobe Äußerung, die beinahe zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit Scott führt, der die Frauen verteidigt, stammt explizit von einem Arbeiter, der damit ebenfalls zum Klischee seiner Schicht wird – und darum offener sind für andere Formen der Lebensführung. Vor allem ist es halt leider mal wieder ein Mann, der Frauen rettet – solang der Jedermann aber halt mehrheitlich schlicht als männlich gedacht wird, ist das vermutlich aber einfach eine pragmatische Entscheidung. Auf der anderen Seite ruft King damit eben auch symbolisch genau diese globalen Tech-Eliten, die realiter lieber nirgends ihre Steuern zahlen, aber überall Geld machen, zu ihrer lokalen Verantwortung. Immerhin gelingt es King in jedem Fall durch diese Stereotypisierung – Scott ist ja keine individuelle Figur, so wie keine Figur in diesem Märchen eine individuelle ist, sie stehen alle symbolisch für Gruppen und Verhaltensweisen – auch typische Probleme dieses Medienmilieus zu thematisieren: Scott hält sich für etwas Besonderes, erdichtet gerne Werbeslogans mit dem Wort „Inspiration“, und er kann es sich nicht leisten, krank zu werden, da er unter Termindruck steht.

Aber er wird eben „krank“. Er verliert an Gewicht, jeden Tag ein bisschen, mit der Zeit immer mehr. Die Umstände sind mysteriös: Egal, wie viel er isst, sein Gewicht nimmt ab. Egal, ob er sich mit zusätzlichen Gewichten auf die Waage stellt oder nackt, sein Gewicht nimmt ab. Dabei bleiben seine Muskeln aber erhalten – für ihn haben die Dinge weiterhin ihr Gewicht, aber sie wiegen nichts mehr, wenn er sie trägt. Bald geht er davon aus, dass dieser Prozess immer weiter gehen und zu seinem Tod führen wird. Wie Scrooge wird also auch Scott mit seinem Ende konfrontiert. Und es verändert sein Verhalten.

Hat er zuvor im Zwist mit seinen Nachbarinnen gelebt, weil deren Hunde ihre Geschäfte immer auf seinem Rasen erledigen, so bemüht er sich jetzt, das Verhältnis zu beiden zu verbessern. Und das, obwohl speziell Deirdre es ihm nicht einfach macht: Auf jeden Versöhnungsversuch reagiert sie mit Unterstellungen, Zurückweisungen und Beleidigungen. Aber Scott reagiert eben nicht spiegelbildlich, er wird nicht zu ihrem Doppelgänger – er probiert es einfach immer wieder neu. Er steigt aus der Gewaltspirale aus:

[Deirdre:] „Wieso ist Ihnen das eigentlich so wichtig? Liegt es daran, dass ich – oder wir – irgendwie eine Bedrohung für Ihre Männlichkeit darstellen?“
Nein, das liegt daran, dass ich nächstes Jahr sterben werde, dachte er, und vorher möchte ich wenigstens noch eine Sache ins Lot bringen.

(King: Erhebung, S. 82)

Er hört plötzlich auf, homophobe Beleidigungen den Frauen gegenüber zu überhören, zeigt Zivilcourage – obwohl er dafür wieder Kritik von Deirdre erntet – und gesteht sich ein, die Ausgrenzung lange einfach ausgeblendet zu haben. Er geht mit einem Freund in das Restaurant der beiden, bringt sie mit dessen Frau Myra, die diverse wichtige Posten in der Kirchengemeinde inne hat, an einen Tisch. Die Frauen entdecken Gemeinsamkeiten, eine neue Gemeinschaft entsteht und wird möglich, weil Scott auf mysteriöse Weise an Gewicht verliert.

Auf dem Höhepunkt seiner Bemühungen um die Herstellung einer funktionierenden pluralen Gesellschaft nimmt Scott mit Deirdre an einem Marathon teil – bezeichnenderweise regnet es auf den letzten Metern, Deirdre und Scott rennen durch eine reinigende „Sintflut“ (Erhebung, S. 96), am Ende entsteht ein Foto, das in allen lokalen Zeitungen abgedruckt werden und eine enorme Wirkung auf die Stadtbewohner entfalten wird, bei dem Deirdre und Missy sich umarmen, Scott steht dahinter mit geöffneten Armen, als würde er entweder an der Umarmung teilhaben oder diese segnen. Gegen Ende der Erzählung heißt es explizit an einer Stelle „und es war vollbracht.“ (Erhebung, S. 140), womit die letzten Worte Jesu am Kreuz zitiert sind. Scott wird zum Sündenbock, er nimmt die Aggressionen der anderen Bewohner von Castle Rock auf sich, wenn er Zivilcourage zeigt, er wird durch seine „Krankheit“ zum Außenseiter, zum Unberührbaren, zur – wie er es selbst sagt – „Monstrosität“, und schließlich werden gerade Deirdre und er enge Freunde, weil sie versteht, wie er sich daher fühlt und warum er sich verhält, wie er sich verhält. Er hat also tatsächlich mehrere Eigenschaften der Ausgegrenzten übernommen – allerdings wurde er dafür nicht von der gespaltenen Gesellschaft ausgewählt, sondern es scheint sein mysteriöses Schicksal zu sein. Auch das hilft, die Ausgrenzungs- und Abgrenzungsspirale zu durchbrechen, und entsprechend stellt sich die Frage, ob „Erhebung“ jetzt deswegen durchdacht ist oder eben auch gerade nicht: Soll die Moral von der Geschicht‘ dann sein, dass es nicht in der Hand des Einzelnen liegt, aus eben dieser Spirale auszusteigen, dass es dazu eine höhere Macht braucht, und überhaupt, was soll diese komische Gewichtsabnahme?

Der erste Teil dieses Vorwurfs würde die Absicht solcher Märchen verkennen: Dickens wollte wohl auch kaum zum Ausdruck bringen, dass ein Scrooge nur dann seinen Lebenswandel verändern kann, wenn eine höhere Macht ihm ein paar Geister schickt – er ging davon aus, dass die Lesenden am symbolischen Beispiel Scrooges lernen, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren. Ähnlich dürfte King hier mit Scott verfahren. Aber wofür steht die Gewichtsabnahme? Zum einen sehr offensichtlich für so etwas wie Erlösung, Versöhnung: Scott wird, obwohl er davon ausgeht, bald sterben zu müssen, immer fröhlicher und optimistischer, eine anfängliche Angst legt er bald ab. Scott denkt an einer Stelle, an der auch der Titel geklärt wird:

„Alles führt hierher, dachte er. Zu dieser Erhebung. Wenn sich auch das Sterben so anfühlt, sollte jeder froh sein, dass er hingehen kann.“

(King: Erhebung, S. 96)

Zum anderen steht die Gewichtsabnahme für die Beschwernis, für das Gewicht, das Scott durch sein Handeln vor allem von den Schultern der beiden Frauen, aber auch von anderen Mitgliedern der Stadtgesellschaft nimmt: Mehrere Bewohnerinnen und Bewohner bedanken sich bei Scott, Myra ganz besonders, die einräumt, dass sie ohne Scott töricht und vorurteilsbelastet geblieben wäre, und Missy teilt Scott schließlich in Bezug auf Deirdre mit:

„Du hast ihr ein Gewicht von der Schulter genommen. Es war ein schweres Gewicht, und jetzt kann sie wieder aufrecht gehen.“

(King: Erhebung, S. 133)

Und eben hierin ist Scott tatsächlich ein klassischer Sündenbock im Sinne Girards: Er nimmt die Last der zersplitterten Gesellschaft auf sich, indem er Gewicht verliert, verliert sie ihre Gewicht – und für ihn behalten alle Dinge ihr Gewicht. Wie in christlichem Verständnis – und mit Girard als Sündenbockmechanismus deutbar – Jesus die Sünden der Menschheit auf sich genommen hat, nimmt Scott die Belastungen der Menschen auf sich und nimmt ihnen ihr Gewicht. Aber welche Lehre sollte denn jetzt der Leser daraus parallel ziehen können? Während des Marathons, den er mit Deirdre läuft, erklärt Scott sein beschwingtes Gefühl und nennt es, dem Titel entsprechend, „Erhebung“:

„Das Gefühl, dass man über sich hinausgegangen war und trotzdem noch weiter gehen konnte.“

(King: Erhebung, S. 94)

Eigentlich ist „die Moral von der Geschichte“ also eine klassische aufklärerische Forderung: Selbstüberwindung, Selbstdistanzierung. Man findet sie bei Kant, man findet sie in der ästhetischen Theorie der Weimarer Klassik. Scott stellt im Laufe seiner Gewichtsabnahme sich und seine Emotionen zunehmend zurück – erkennbar auch daran, dass er eben nicht auf Deirdres Provokationen reagiert – und erkennt den Wert von Freundschaft und Gemeinschaft neu, vor allem aber den Wert von Verantwortung. In der Annahme, bald sterben zu müssen, regelt er all seine letzten Dinge. Indem er – symbolisch durch die Gewichtsabnahme, auf der Handlungsebene real durch sein Verhalten – sich selbst und seine alten Verhaltensmuster überwindet, ermöglicht er das auch für andere: Für Deirdre, die offener wird, Missy, die mutiger wird, für Myra, die ihre Vorurteile überwindet, schließlich für die ganze Stadt, die lernt, plural miteinander zu leben, weil alle auf einen Teil ihres alten Ichs verzichten. Erhebung ist Selbstüberwindung – und vielleicht so gar nicht so weit vom „Erhabenen“ weg.

Und damit könnte Scott eine Symbolfigur für das sein, was Isolde Charim als das „pluralistische Subjekt“ bezeichnet: Identität ist für das einzelne mündige Subjekt in einer pluralen Gesellschaft nicht mehr als volle Identität zu haben, sondern nur noch als eine, die um ihre Relativität weiß.

„Der dritte Individualismus hingegen (also der Individualismus der Pluralisierung) bedeutet die Spaltung des Individuums, die Erfahrung der Kontingenz, die Erfahrung der Ungewissheit, der prinzipiellen Offenheit also. Anders gesagt: Der dritte Individualismus bedeutet die Einführung der Kontingenz ins Herz dessen, was gegen die Kontingenz im eignen Leben gerichtet sein sollte – ins Herz der Identität.“

(Charim: Ich und die Anderen, S. 47)

Hinter diesen Zustand zurück gibt es für das mündige pluralistische Subjekt keinen Weg – zumindest eben: keinen mündigen. Das Individuum muss in einer pluralen Gesellschaft mit einem Weniger-Ich leben lernen, damit, dass seine Identität gleichberechtigt neben anderen Identitäten steht, dass Identität per se offen steht und stehen muss. So wenig, wie Scott etwas gegen seine Gewichtsabnahme tun kann, kann der einzelne Pluralismuskritiker den Pluralismus wegzetern – wer vernünftig in der pluralen Gesellschaft leben will, lebt mit dem Aufwand, von sich selbst zu abstrahieren, Selbstdistanz aufzubringen, ein Minus-Ich zu sein. Wenn Kings „Erhebung“ ein Weihnachtsmärchen ist, dann ist vermutlich das seine Botschaft.

(Beitragsbild von Roman Kraft auf unsplash.com)


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