Asal Dardan – Betrachtungen einer Barbarin

Weil nur so wenige Leute Essays lesen wollen, weil sie Angst haben, dass das sehr anstrengend wird, drängen manche Verlage ihre Autor*innen, sobald diese Essaybände veröffentlichen wollen, diese Essays doch lieber in einen Roman umzuschreiben. Das führt dann in der Regel zu Romanen, die literarisch nicht so gut funktionieren, weil sie etwas erklären wollen, statt etwas zu erzählen.

Zum Glück hat der Verlag Hoffmann und Campe die Autorin Asal Dardan ihren Essayband „Betrachtungen einer Barbarin“ wirklich als Essayband veröffentlichen lassen, denn an diesem Band können jetzt alle, die Sorge haben, Essays könnten irgendwie anstrengend oder trocken sein, lesend erfahren, wie unbegründet solche Sorgen sind. Denn die Essays von Asal Dardan sind einfach wirklich sehr schön und sehr klug, sie verbinden Erzählung und Reflexion so mühelos und gewinnbringend, dass man sie gleich noch einmal lesen möchte, wenn man fertig ist. Tatsächlich liest man hier manche Stellen mehrmals – aber eher, weil sie so klug und so schön sind, nicht weil man erst die Haupt- von den Nebensätzen trennen und fünf sehr komplizierte Fremdwörter googeln muss.

Und das liegt daran, dass diese Essays zum einen sehr persönlich und ehrlich, zum anderen aber mutig genug sind, um auf sich selbst und den Lesenden zu vertrauen und also darauf zu vertrauen, dass man lesend schon merkt, dass hier klug und fundiert nachgedacht wird und dass hier jemand etwas zu sagen hat. Asal Dardan zeigt in ihren Essays, wie privat das Politische ist. Vielleicht müsste ich sogar weiter gehen und schreiben: Ihre Essays zeigen, wie persönlich das Politische ist. Denn der Ausgangspunkt ist immer nicht nur etwas, das die Autorin erlebt hat, was ja für Essays ganz gängig wäre, sondern der Ausgangspunkt ist wirklich auch das persönlichste Empfinden der Autorin, von dem sie dann große Linien zeichnet hin zu politischen, sozialen Zusammenhängen. Und so gelingt es ihr, klare Gedanken und klare Meinungen zu formulieren, mit sich und anderen ins Gericht zu gehen, ohne dabei je hart zu werden. Es ist, das ist vielleicht das Schönste an diesen Essays, nicht nur ein kluges, sondern auch ein sehr menschliches Buch, das nicht einfach mehr Menschlichkeit fordert, sondern genau das quasi selbst vollzieht. Im zweiten der Essays denkt Dardan über die biblische Geschichte von Jakobs Kampf mit dem Engel nach und schreibt:

„So wie sich Jakob seinem Schatten stellt, so sollten wir individuell und als Gesellschaft die Bereitschaft aufbringen, uns immer und immer wieder in den Ringkampf mit uns selbst zu begeben. Das kann nicht ordentlich und auch nicht kontrolliert verlaufen, und genau aus diesem Grund ist es ein menschenwürdiger Weg.“ (S. 33)

Und genau diesen Weg geht der Essayband selbst.

Dardan geht dabei aus von ihrer eigenen Ortlosigkeit, die aus der gemeinsamen Flucht mit ihren Eltern aus dem Iran im Kleinkindalter folgt. Der erste Essay endet mit dem Gedanken, dass das „Leben zwischen mehreren Welten“ einem nur „aus Phantasien und Sehnsüchten gebaute Fastorte“ (S. 18) bietet, keine ganzen Orte. Und ausgehend von diesem Gedanken schreitet Asal Dardan in chronologisch-biografischer Reihenfolge unterschiedliche Orte, an denen sie gelebt hat, ab und denkt ausgehend von diesen Orten über Erfahrungen und das (Zusammen)Leben nach, das dort möglich oder unmöglich war. Und an alle diese Orte bin ich ihr lesend gerne gefolgt und kam mit einem ganzen Blumenstrauß (jaja!) schöner Sätze und Gedanken beschenkt zurück: Über Familie, über das, was man Heimat nennen kann, über Diskriminierung, über Mutterschaft, über Pubertät. Auch wenn ich mich mit diesen Themen schon immer mal wieder beschäftigt habe, so schön, so ehrlich, so von Mensch zu Mensch habe ich das noch nicht gelesen.

Einige dieser Essays werde ich bestimmt wieder lesen. Es ist, glaube ich, ein Buch, in dem man ruhig mehrfach lesen kann. Immer dann, wenn das Leben und der Ton zu hart werden oder wenn man sich und andere nicht mehr versteht: Weil es einen dann an das erinnert, was wichtig ist zwischen Menschen.

P.S.: AUSSERDEM MAG ASAL DARDAN „WARTEN AUF DIE BARBAREN“ VON COETZEE GENAUSO GERNE WIE ICH UND DAS IST EIN SUPERBUCH UND DAS IST JA WOHL SCHON GRUND GENUG BEIDE ZU LESEN!

(Beitragsbild von Ahmed Zayan auf unsplash.com)


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