Martin Beyer – Und ich war da

Und ich war da Buch von Martin Beyer versandkostenfrei bei Weltbild.de

Als Martin Beyer 2019 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur einen Auszug aus „Und ich war da“ vorgelesen hat, stieß er damit auf die heftige Kritik der Jury: So, wie er da über die Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl schreibe, dürfe man über so etwas nicht schreiben, der Text sei klischiert, auf Effekt geschrieben, die historischen Figuren seien bloße Staffage, der Text sei zudem unentschieden.

Leider muss ich, nachdem ich „Und ich war da“ jetzt ganz gelesen haben, sagen, dass all diese Vorwürfe stimmen. Beyer erzählt in „Und ich war da“ von August, einem 1919 geborenen jungen Mann, dem im Laufe der Jahre 1936-1943 dreimal der Tod begegnet. Durch diese Figur versucht der Text zu ergründen, was für ein Mensch so ein Mitläufer zur Zeit des Nationalsozialismus gewesen ist, was ihn dazu gebracht hat, andere Menschen zu erniedrigen und zu töten. Und man kann dem Roman vielleicht eher weniger vorwerfen, dass er auf diese Frage, wie man zum Mitläufer wird, eben Antworten anbietet, die so banal sind wie die Realität es vermutlich selbst oft ist: August ist ein ungebildeter junger Mann, der ohne emotionale Bezugsperson – die Mutter ist früh gestorben – beim gewalttätigen Vater aufwächst, der ihn schlägt und erniedrigt. So schon früh traumatisiert, wird er eben schon früh zum Mitläufer, dem psychisch wie intellektuell die Ressourcen fehlen, um Autorität (und als Autorität akzeptiert er so ziemlich jeden) zu hinterfragen. Und also tut er das auch eben nicht, sondern er tut einfach, was man ihm sagt, und wird so zum Handlanger des Regimes, nicht nur als Soldat, sondern auch bei Massenerschießungen der SS und schließlich bei der Hinrichtung der Geschwister Scholl.

Vermutlich ist es historisch gar nicht so falsch, das als die Geschichte eines Mitläufers zu erzählen, auch wenn es fraglich ist und bleibt, warum Figuren in Romanen, die in dieser Zeit verortet sind, eigentlich immer irgendwie doch gar nichts für die Schweinereien können, die sie so durchgeführt haben, sondern nur irgendwie aus irgendwelchen Gründen Mitläufer gewesen sind. Das Erzählen vom Nationalsozialismus bildet so doch immer wieder nur einen Teil der Realität ab – vielleicht hat das auch erzähltechnische Gründe, es ist vielleicht zu schwierig, mit einer Hauptfigur zu erzählen, die wirklich überzeugt nationalsozialistisch und rassistisch denkt, weil das Sympathielenkung und Identifikation vermutlich erheblich erschwert. Aber ob auch bei diesen Mitläuferfiguren wirklich nationalsozialistische Ideologie immer so wenig eine Rolle gespielt hat wie bei der Hauptfigur des Romans „Und ich war da“, der ja letztlich gar nichts denkt, rassistische Gedanken nur als bewusste Provokation ausspricht und also angeblich doch eine innere Distanz zum Nationalsozialismus hat, ist doch fraglich. Und fraglich ist damit auch, ob man es sich so einfach machen kann als Autor.

Denn der Autor – und natürlich auch alle anderen an der Entstehung dieses Buches beteiligten Personen – haben es sich schon recht leicht gemacht. Tatsächlich ist der Text das, was schon dem Ausschnitt aus ihm beim Bachmannpreis vorgeworfen worden ist: Unentschieden. Und er ist weder zu Ende konzipiert noch zu Ende geschrieben. Denn diese Unentschiedenheit wird deutlich am Erzählaufbau: Erzählt wird in lose zusammenhängenden Einzelszenen, zwischen denen es mehrfach Zeitsprünge in die Vergangenheit und die Zukunft gibt, es gibt also letztlich keine richtig zusammenhängende Erzählung, gleichzeitig gibt es aber einen Erzählbogen, der sich vom Anfang zum Ende des Romans spannt, der Roman beginnt und endet mit einem verhinderten Selbstmordversuch der Hauptfigur.

Einerseits will man also die Geschichte eines gedanken- und gewissenlosen Mitläufers erzählen, der wirklich schreckliche Dinge getan hat. Aber gleichzeitig will man dann andererseits doch auch nicht einfach von einem gedanken- und gewissenlosen Mitläufer erzählen, also häuft man nicht nur allerlei psychologische Ursachen für dieses Mitläufertum und Folgen davon auf, sondern lässt diese Figur dann am Ende, beeindruckt durch die gefasste Haltung der Geschwister Scholl bei ihrer Hinrichtung, eine Wandlung durchmachen: Plötzlich wird August klar, was er getan hat und er bereut alles.

Einerseits wird die Geschichte von August in Einzelszenen erzählt, hier gibt es keinen Zusammenhang, er ist eben Mitläufer, stolpert in die Situationen hinein und tut, was man ihm sagt. So zerfetzt, wie die Anlage des Romans, ist die Figurenbiografie. Andererseits will man diese Figur dann doch eine Entwicklung durchmachen lassen, ihr Verhalten nicht nur eben erklären, sondern dann vor allem auch in Reue und einem scheiternden Selbstmordversuch auflösen.

Damit drückt sich der Roman davor, tatsächlich Mitläufertum auszuerzählen, tatsächlich Gedanken- und Gewissenlosigkeit auszuhalten, sich zu entscheiden zwischen Kontingenz oder einem Zusammenhang. Und was erzählt dieses Buch also vom Nationalsozialismus? Letztlich das: Dass der Nationalsozialismus irgendwie schon Zufall gewesen ist, da sind Leute halt so reingestolpert, die sind ja auch mit der Härte der Jahrhundertwende-Erziehung erzogen worden und also emotional verkümmert, außerdem autoritätshörig. Also jedenfalls sind da die Leute, für die die Hauptfigur hier steht, eben so reingestolpert, und am Ende hatten sie dann ihr großes Bekehrungserlebnis und haben alles bereut. Das ist vielleicht doch, zumal es diese Erzählung schon so oft gibt, vielleicht ein bisschen zu einfach. Überzeugte Nationalsozialisten tauchen in diesem Roman nur als am Rande erwähnte, nicht ausgezeichnete Nebenfiguren auf, selbst der Major, dem August als Soldat im Krieg unterstellt ist, ist kein Nationalsozialist, sondern Kritiker des Regimes, der die Untaten der Nationalsozialisten verurteilt. Der Scharfrichter, der die Geschwister Scholl mit Augusts Hilfe hinrichtet, ist ein gedanken- und gewissenloser Geschäftsmann, aber dass er Nationalsozialist wäre, wird nicht deutlich. Nazis, so erzählt dieser Roman, gab es zu dieser Zeit nur am Rande, alle anderen sind da so reingeraten oder sind im scheiternden Widerstand. Die Kriegsgefangenen, die am Hof von Augusts Vater arbeiten, werden natürlich wie Freunde behandelt. Das kann man schon alles so erzählen, aber welchen Erkenntniswert hat das?

Und wirklich alle Figuren hier sind austauschbar (in den jeweiligen Kategorien, für die sie stehen, also: Opfer, Täter), das scheint mir auch beabsichtigt: Wiederholt werden historisch tatsächlich existierende Figuren aufgerufen, die aber dann letztlich keine Rolle spielen, weder die Jugendbewegung der Falken, noch die Geschwister Scholl. Es ist für den Erzählverlauf völlig unerheblich, am Ende hätte die Wandlung in der Hauptfigur durch jede Figur, die irgendwie besonders gefasst in den Tod geht, ausgelöst werden können. Und exakt das sagt der Roman selbst auch, wenn er zum einen Hans Scholl dem Protagonisten gegenüber sagen lässt, es hätte keinen Unterschied gemacht, wenn sie sich früher getroffen hätten und zum anderen dann alle diese Figuren sich in Augusts Wandlung ohnehin auflösen:

„In der schlaflosen Nacht zum 23. Februar erwachte in mir etwas, das ich lange erwartet hatte, ohne zu wissen, was genau es sein würde. Jetzt war es da, und in gewisser Weise war ich froh darüber. Allein in meiner Kammer öffnete sich etwas in mir, und der Schmerz trat herein, und er war mir willkommen, weckte einen fiebrigen Furor in mir, der bis zum Morgengrauen andauern sollte. Wie im Lazarett, wie in der Gegenwart von Hans Scholl erschienen mir Gesichter und diese Gesichter waren verzerrt, Spinnen wanderten über ihre Wangen, Stirne und Augen; Zecken verbissen sich in die Haut; saure, stumme Schreie lagen auf den Lippen, die sich mit einem Mal in Schnäbel verwandelten: schwarze, rote, blaue Federn um mich herum. Marussia, jetzt hatte ich meine Vogelschar wieder, und die Vögel sangen nicht, tirilierten nicht, sie stellten stumm immer nur dieselben Fragen: Warum hast du nicht, warum bist du nicht, warum warst du nicht da? Der Schmerz dieser Vogelgesichter übertrug sich auf mich: Isas Schmerz, Pauls Schmerz, Andreis Schmerz (der nebenan im Stell schlief), der Schmerz des Majors, der Schmerz des Maifräuleins, des Bruders, der Schmerz Johann Reichharts, der Schmerz des Mädchens, das mir die Kugel in den Arm geschossen hatte, der Schmerz von Sophie Scholl und von Hans Scholl und der Schmerz von Christoph Probst – dieser Schmerz brach mir die Wirbel, und gleichzeitig verlieh er mir eine seltsame Kraft, er schenkte mir Klarheit darüber, was nun zu tun sei.“ (S. 177f.)

Alle Figuren hier lösen sich also am Ende auf, niemand spielt am Ende als Individuum irgendeine Rolle – August war da und war es eben doch nicht. Freilich wird in der Aussage von Hans Scholl noch etwas anderes deutlich: Wenn sie sich früher getroffen hätten, hätte das keinen Unterschied gemacht. August konnte also gar nicht anders, als Mitläufer und Mörder werden, Hans konnte nicht anders, als Widerstandskämpfer werden – wie praktisch, dass man also gar nichts dafür oder dagegen kann, dann ist man ja auch nicht verantwortlich. Wie oben schon geschrieben, kann man sich schon fragen, ob man so wieder und wieder von dieser Zeit erzählen muss. Vor allem aber muss sich der Text doch die Rückfrage gefallen lassen, warum er dann, wenn diese Figuren nicht wichtig sind, historische Figuren aufruft und als Effekt nutzt. Das ist schon a bisserl unschön.

Und es macht die Sache nicht besser, dass der Roman eben durchgehend irgendwelche Figuren aufruft, die dann keine Rolle spielen, auch historisch erfundene: Irgendwann gibt es Zeitsprünge in die Zukunft, man erfährt von einer Ex-Frau und einer Psychologie studierenden Tochter, die ihren Vater in die Technik des luziden Träumens einführt, damit er sich endlich seinen Traumata stellt. Diese Figuren spielen dann nirgends mehr eine Rolle, sie werden als Erzählkitt eingeführt, damit der Roman aus Einzelszenen zusammengestückelt werden kann. Über weite Strecken liest sich der Roman so, als wären eben nur einzelne Kapitel des Romans geschrieben worden, den Rest hat sich der Autor dann halt gespart.

Und damit – und das merkt man leider ja auch an dem eben zitierten Ausschnitt – geht dann noch etwas einher: Leider ist „Und ich war da“ weder frei von Redundanzen noch von Klischees, zusätzlich hat er immer wieder einen Hang zum Esoterischen. Die lose zusammenhängenden Einzelszenen werden nicht nur durch plötzlich aufgerufene und dann im Nichts verschwindende Figuren verbunden, sondern auch durch sich wiederholende Formulierungen und Erlebnisse, insbesondere im Kontext der Nahtoderfahrungen von August. Insbesondere im Mittelteil, in dem sich August durch luzides Träumen mit seinen Kriegserfahrungen auseinandersetzt, ist das redundant und einfach ein bisschen langweilig.

Es ist alles doch irgendwie schade, Martin Beyer kann ja schreiben, aber „Und ich war da“ ist einfach leider kein guter Roman. Zumindest ich habe ihn weder gerne und noch mit Gewinn gelesen.

[Beitragsbild von Cristina Glebova auf unsplash.com]


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