Tijan Sila – Krach

Krach - Tijan Sila | Kiepenheuer & Witsch

Der mit Abstand ungeschickteste Flirtversuch, den ich je erlebt habe, ereignete sich um die 00er-Jahre herum im Flex, einer Münchner Punk-Kneipe, wo mich ein junger Mann, der mich eben angesprochen hatte, nach nur wenigen Sätzen damit zu beeindrucken versuchte, dass er urplötzlich und ohne jeden für mich ersichtlichen Kontext seine Zähne aus dem Mund nahm und mir erzählte, seine echten Zähne habe er bei einer Schlägerei mit Faschos verloren. Das hat natürlich jede weitere Annäherung vollständig unmöglich gemacht, gar nicht vorwiegend deswegen, weil er in jungen Jahren ein Gebiss getragen hat – wir waren alle Punks, die 90er waren gerade im Ausklingen, er war nun wirklich nicht der einzige, der einen oder mehrere Zähne durch Faschos verloren hatte, wir hatten alle unsere Geschichten von Faschos zu erzählen – sondern weil so offensichtlich war, warum er das tat: Um Männlichkeit zu beweisen, um cool zu sein, sieh her, ich bin nicht weggelaufen, ich habe kassiert, ich stecke was weg – und dadurch wurde es leider sofort uncool und albern. Na ja, gut, und ein bisschen eklig war es schon auch, dass er so aus dem Nichts seine Zähne in der Hand hatte, vielleicht sollte man sich schon ein bisschen kennen, bevor man gleich sein Inneres nach außen kehrt.

Wir hätten alle beide sehr gute Figuren des Romans „Krach“ von Tijan Sila abgegeben können, denn alles, was in diesem Roman erzählt wird, ist wahr, ist genau so gewesen, habe ich zumindest – wenn auch eben aus der Perspektive einer jungen Frau in dieser Szene, die zwangsläufig eine andere ist – genau so erlebt.

Tijan Sila erzählt in „Krach“, seinem dritten Roman, von Gansi, einem Teenager und Kind bosnischer Einwanderer kurz vor dem Abitur, der in den 90ern in Calvusberg in der Pfalz aufwächst, seinen Platz in Punkrock und einer Punkband gefunden hat, sich keinen anderen Platz für sich vorstellen kann und doch dort nicht bleiben kann. Und das Tolle an dem Roman ist, dass all das wirklich erzählt wird, dass es wirklich eine Geschichte mit echten, auserzählten, lebendigen und liebenswerten Figuren darin gibt, die trotzdem ständig über sich hinausweist, ohne zu erklären, ohne zu belehren, ohne hölzerne Dialoge, in denen der Autor dem Publikum etwas beibringen will. Es ist schlichtweg ein sehr gut erzählter und auserzählter Roman. Das gibt es ja auch gar nicht so oft – und das bringt leider in der deutschsprachigen Literaturlandschaft dann schnell die Gefahr mit sich, dass er als Roman zu wenig ernst genommen wird, dass er als zu unterhaltend gilt. Aber das ist „Krach“ nicht. Das ist kein leichter Roman, trotz seines Humors, trotz seines Tempos: Hier geht es um ganz wesentliche Fragen, es geht um Identität, um Zugehörigkeit, um Freundschaft, um Liebe.

„Mein Volk sind die Coolen!“ (S. 217)

Gansi sperrt sich in dem Roman dagegen, sich auf ethnische Zugehörigkeiten festschreiben zu lassen, im Gegensatz zu seinem älteren Bruder und seiner Freundin, deren Vater Franzose und deren Mutter Sinti ist, interessieren ihn Gespräche über dieses Thema oder Fragen der Diskriminierung gar nicht weiter, oder eher: Er blockt sie ab mit dem Satz: „Mein Volk sind die Coolen!“ (S. 217)

Und Coolness spielt für Gansi, so wie er sich eben als den Punk Gansi erfunden hat (und nicht umsonst hat Gansi einen Namen nur in dieser Subkultur, während er in seiner Familie und von seiner Freundin Budo oder Sabahudin genannt wird), eine extrem hohe Rolle. All die Unsicherheiten, die er als junger Heranwachsender mit sich trägt, und die deutlich werden, wenn er etwa stundenlang über sein Outfit und dessen Wirkung nachdenkt oder seine Platten so sortiert, dass sie Besucher beeindrucken, kann er durch Punkrock und durch die Identität, die die Szene ihm ermöglicht, verdecken und so an dem Teilhaben, was junge Leute eben so machen in den 90ern: weggehen, saufen, sich prügeln, Musik hören. Ohne diese geliehene Identität, die ihn zu einem Gleichen unter anderen gleichen Punks macht, hätte er das vielleicht alles nicht gekonnt, hätte zu viel Angst gehabt, alleine in der Ecke stehen zu bleiben. Aber so ist er Punk, und bei Punk kann jeder mitmachen, der die Regeln kennt und beherrscht, und die sind einfach genug: Man muss die richtigen Klamotten tragen, die nicht mal teuer sind, die richtigen Platten hören und so tun, als wär man nicht der elende Wicht, der man eigentlich ist. Und schon kann man mit seinen Freunden unter Leute, denn „wir, die coolen Punks, wollten uns gar nicht absondern. Sich unter normale Leute zu mischen, gab einem die Chance, ein Pfau unter Truthähnen zu sein. Sie liebten unsere Frisuren, unsere Uniformen. Wir sahen aus wie eine Gang, die aus einem anderen Jahrzehnt in die Neunziger gestürzt war, aber man wusste nicht, ob dieses Jahrzehnt in der Vergangenheit oder der Zukunft lag.“ (S. 63) Solang du die Szenecodes beherrscht und solang du dich deinen Freunden gegenüber wie ein Freund verhältst, gehörst du zum Volk der Coolen. So einfach ist das, wenn man jung ist.

Es ist dieser Traum, den man nur als Jugendlicher (nicht umsonst ist dem Roman ein Zitat von Turgenjew über den Größenwahn der Jugend vorangestellt), vielleicht nur in einer Jugendkultur eine Zeit lang träumen kann: Dass man seine Rolle und seine Identität wählen und erfinden kann, dass all die sozialen und politischen Strukturen, die einen umgeben, einfach nicht da sind, wenn man sie einfach nicht anerkennt. Das führt natürlich auch zu einer bemerkenswerten politischen Ignoranz, die vielleicht heute gar nicht mehr möglich ist, wo für viele Themen und Fragen auch durch das Internet schon bei Jugendlichen ein ganz anderes Bewusstsein vorhanden ist. Aber in den 90ern und den frühen 00ern ging das.

Und obwohl Punk der Ort ist, an dem man sich eine Identität erfinden und an dem man sich mit geliehener Selbstsicherheit bewegen kann, reicht das nicht, kann man dort nicht bleiben: Auch davon erzählt „Krach“. Denn all diese Identität ist eben ja nur geliehen und sie passt nicht an allen Stellen: Gansi ist nicht nur cool, er ist auch ein sehr verletzlicher, unsicherer, liebevoller Junge. Für diese Seite ist in der Jugendkultur wenig Platz. Es ist Katja, die später seine Freundin wird, die ihm Raum gibt, er selbst zu sein: Als er nach einer Schlägerei mit sichtbaren Blessuren im Kunstunterricht auftaucht, reagiert er auf ihr Erschrecken mit einer Pose, die unter Punks genügt hätte: Er betont, dass er dem anderen auch eine mitgegeben habe. Das beeindruckt Katja wenig, vielmehr lehnt sie diese inszenierte Männlichkeit ab und wendet sich von ihm ab. Erst als er einräumt, dass er gelogen habe, niemanden verprügelt habe, sondern lediglich zu stolz gewesen sei, das zuzugeben, wendet sie sich ihm wieder zu: „Mich musst du nicht anlügen, Budo“ (S. 163). Und hier ist der Ort, wo Gansi er selbst werden kann, weil er keine Pose einnehmen muss. Aber: Möglich ist diese Offenheit erst, weil er in der Subkultur ein Selbstbewusstsein erlangt hat, von dem aus der jetzt weiterwachsen kann.

„nur war es eben nicht alles.“ (S. 217)

Denn Gansi ist – wie alle Figuren in „Krach“ – eine Figur mit vielen Facetten. Er ist Punk, er ist cool, er prügelt sich, er hat merkwürdig-männliche Vorstellungen von Stolz und Ehre – und er ist unsicher, er ist sensibel, er hat nach Prügeleien schreckliche Gewissensbisse und wäre seinen nervigen Schwestern gern ein liebevoller großer Bruder. Auf den oben bereits zitierten Satz, dass sein Volk die Coolen seien, folgt wenig später der Satz: „Dabei wusste ich wohl, woher ich kam und was es bedeutete, nur war es eben nicht alles.“ (S. 217) Und alles, was man über Sabahudin/Budo/Gansi erfährt, ist mehrdeutig, widersprüchlich, zerrissen – so wie es echte, lebendige Menschen eben auch sind.

Dasselbe gilt für Beppo, den Schlagzeuger von Gansis Band und seinen besten Freund: Er ist genauso wie Gansi ein ganz schön cooler Mackermann – und gleichzeitig ein liebevoller Kindskopf. Ursel, Beppos Schwester und die Gitarristin, in die Gansi so lange unglücklich verliebt ist, ist hart, ungerecht, gemein und gleichzeitig fürsorglich, solidarisch, fair, gerecht. Und es ist kein Zufall, dass Ursel nahezu denselben Satz, den Gansi über sich selbst denkt, über ihren Bruder Uwe, einen Nazi-Hooligan, sagt. Als Beppo ihr vorhält, der gemeinsame Bruder Uwe sei ein asozialer Nazi, antwortet sie: „Uwe ist mehr als nur das, und er ist doch auch dein Bruder.“ (S. 247). Alle Figuren hier sind so widersprüchlich, wie es das Leben nun einmal ist, und sie ringen alle damit, ihre Widersprüche auszuhalten und zu verteidigen.

Das versteht eine Figur wie Yukio, der Vorsteher eines Jugendzentrums, in dem Gansi mit seiner Band einen Auftritt hat, nicht – und wer in seiner Jugend in Jugendzentren war oder überhaupt mit linken Kreisen zu tun hatte, wird diese Figur, wie so viele im Roman, lieben, weil es diese Leute ja wirklich gibt. Yukio, ein typisch deutscher linker Szenemacker, der sich durch sein politisches Bewusstsein, das er lautstark predigend vor sich herträgt, das er selbst aber nicht in die Praxis umzusetzen gewillt ist, wird von Gansis Band und ihren Freunden aufgezogen. Denn Yukio ist kein Japaner, sondern von seiner Mutter, einer Lehrerin, nach Yukio Mishima benannt worden, und wenn nun ein Mensch, der Vorträge darüber hält, dass das Private politisch ist, nach gerade diesem Schriftsteller benannt worden ist, muss das natürlich für Witze genutzt werden. Yukio verteidigt sich, indem er darauf verweist, dass Mishima eine „ambivalente Figur“ (S. 243) sei und greift daraufhin Ursel an: Sie sei genauso eine ambivalente Figur, schließlich lasse er sie hier mit ihrer Punkband spielen, obwohl ihr Bruder ein Nazi-Hool sei. Zurecht wird er daraufhin mit noch mehr Spott überzogen: Yukio versteht in seiner Selbstgerechtigkeit nicht, dass es einen Unterschied macht, ob man wie Mishima selbst Faschist ist oder ob man wie Ursel einen Bruder hat, der Fascho ist. Er versteht das so wenig, wie er versteht, dass er wie eine Witzfigur aussieht, wenn er von Feminismus spricht, Küchenarbeit im AZ aber Frauen überlässt.

Und wenn wir hier schon bei Geschlechterrollen sind: Wie die Mehrdeutigkeiten der Figuren gelagert sind, hängt mit der Frage zusammen, ob sie männlich oder weiblich sind. Gansi ist keine brutale Figur wie etwa Uwe oder andere im Roman auftauchende Figuren, die Gewalt wirklich zelebrieren. Aber hat er Züge dessen, was man toxische Männlichkeit nennt – und gleichzeitig fühlt er sich genau damit unwohl. Er weicht Gewalt nicht aus, lässt seine Freunde nicht im Stich, wenn sie droht, all das würde gegen seine Vorstellungen von Ehre und Stolz verstoßen; gleichzeitig hat er nach jeder Schlägerei aus vielen Gründen schwere Gewissensbisse. Auch deswegen: Kann er in der Jugendkultur, in seinem Freundeskreis, in dieser geliehenen Rolle an seinem Wohnort nicht auf Dauer bleiben.

Genauso interessant ist hier vielleicht auch Ursel, die auf ihre Weise eine ganz andere Form von Härte erfährt und sie mit Härte beantwortet: Als Mädchen kommt sie in all den Szenen, in denen es um körperliche Gewalt geht, nicht vor (das war in den 90ern auch wirklich so ein Ding: Wir wussten damals, wenn wir Faschos gesehen haben, dass wir in den allermeisten Fällen höchstens angespuckt werden als Mädchen. Gerannt sind wir trotzdem, und als Mädchen durften wir das auch. Wir wussten auch: Richtig eng ist es für uns nur, wenn die Faschos auch Renees dabeihaben – denn Frauen dürfen Frauen schlagen, so will es das alberne Fascho-Gesetz. Also sind wir noch schneller gelaufen, wenn wir Renees gesehen haben.). Was Ursel aber ständig widerfährt, ist die Reduktion darauf, eine Frau zu sein: Ganz egal, wo sie hingeht, ganz egal, wo sie mit ihrer Band spielt – sie wird ständig angegraben, sie kann sich gar nicht durch die Räume bewegen, durch die die männlichen Bandmitglieder sich selbstverständlich ganz anders bewegen können, ohne ständig mit dem männlichen Blick auf sie konfrontiert zu werden. Die Folge ist eine spezifische Form der Härte im Umgang mit Männern, die sich im Roman mehrfach zeigt, weil sich dieses Maß an Zudringlichkeit und Abwertung nur durch ein ebenso hohes Maß an Härte und Abwertung zurückweisen lässt. All das ist hier wahnsinnig gut beobachtet und erzählt, wenn man sich in der Punkszene bewegt hat, dann erkennt man all das wieder – die Punkszene ist dominant männlich, noch deutlicher wird das im Bereich Hardcorepunk (wer es nicht glaubt, kann ja hier mal auf diese Fotos von Livekonzerten unterschiedlicher Bands klicken und Frauen im Publikum zählen, viele sind es nicht; oder: Monster Squad, also eine Punkband, 2018 in Berlin, fast nur Männer), und wenn man zu den 10 bis 20 Frauen gehört, die in einer Stadt zu dieser Subkultur gehören (in einer Kleinstadt sind es dann noch einmal deutlich weniger), dann muss man sich nicht nur ständig übergriffigen Scheiß und schlechte Annäherungsversuche anhören, sondern dann hört man eben auch ständig lustige Sachen wie: „Mädchen haben auf der Bühne nichts verloren“, „Mädchen haben vor der Bühne nichts verloren“, „Mädchen stehen auf Shows hinten und halten die Jacken ihrer Männer.“ Als Frau entwickelt man da entweder irgendwann eine große Klappe und eine gewisse Kaltschnäuzigkeit, oder man bleibt halt weg.
Und gleichzeitig ist Ursel als Figur sensibel und fürsorglich, wenn es um ihren Partner Pirmin geht, der so gar keine Züge toxischer Männlichkeit zeigt – und vielleicht ist ihr das gerade darum hier möglich. Wenn Gansi sich fragt, warum sie mit ihm so mies umgegangen ist, während sie Pirmin wie einen Zuckerwürfel behandelt, den sie mit den Händen vor Regen schützt, kann er genau das nicht sehen: Dass er selbst genauso mies mit Frauen umgeht, wenn er sie aus spätpubertärer Unbedachtheit nach einer Drüberrutschskala bewertet; und dass Pirmin dergleichen eben nicht tut.

Nicht zuletzt ist „Krach“ auch ein Roman über Klasse. So unterschiedlich die Figuren sind, so sehr sich ihre Erfahrungen durch Geschlecht oder musikalische Vorlieben unterscheiden: Ursel, Beppo, Gansi und Katja sind alle Kinder aus Arbeiterfamilien. Zwischen ihnen gibt es ein Verständnis füreinander und eine Solidarität, zu der eine Figur wie der oben bereits benannte Yukio keinen Zugang hat.

Immer wieder zeigen sich diese Parallelen zwischen den Familien in Beschreibungen von Wohnverhältnissen aber auch von Verhaltensweisen: Katja und Gansi wissen um die Arbeit, die die Eltern leisten, die körperliche Belastung und die Verantwortung, die sie tragen. Gansi versteht, warum Katja voll Stolz von der Arbeit ihres Vaters spricht – und warum ihre Eltern ihr vor einem Date mit ihm sagen, dass er in Ordnung sei, weil seine Eltern ihre Rechnungen immer am nächsten Tag bezahlen. Erzählt wird auch vom Aufstiegswunsch der Eltern für ihre Kinder: Während Gansis großer Bruder diesen Wunsch erfüllt hat, während Katja, Beppo und Ursel ihn erfüllen wollen, hadert Gansi noch mit ihm.

Wenn über „Komplett Gänsehaut“ von Sophie Passmann meiner Ansicht nach zu Unrecht geschrieben worden ist, das Buch würde einen Regalmeter soziologischer Gegenwartsliteratur ersetzen, so kann man das über „Krach“ von Tijan Sila mit einigem Recht sagen: Alles hier ist genau beobachtet und leicht erzählt, ganz egal, ob es um Popkultur, um Klasse, um Geschlecht geht. Und dazu schlägt dieser Roman einen Ton an, der auf eigene und glaubwürdige Weise Dialekt, Jugendsprache und Slang verbindet.

Es ist ein Jammer, dass dieser Roman vom Feuilleton weithin ignoriert wird. Vielleicht ist er einfach zu gut geschrieben.

[Beitragsbild von Natalie Parham auf unsplash.com]


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