Frauen lesen? Ohne Digitalisierung unmöglich.

Durch engagiert betriebene Hashtags und Initiativen wie #Frauenzählen, #Vorschauenzählen und #Frauenlesen haben zum einen die fehlende Repräsentation von Autorinnen in Medien und Verlagsprogrammen eine gewisse Öffentlichkeit bekommen, zum anderen ist es leichter geworden, auf Autorinnen und ihre Werke aufmerksam zu werden, die sonst aufgrund eben dieser fehlenden Repräsentation unsichtbar bleiben würden. Schon deswegen hat das Internet es sehr viel leichter gemacht, divers und ausgeglichen zu lesen – und schon deswegen gilt: Frauen lesen? Ohne Internet unmöglich.

In einem Bereich, der in den aktuellen Debatten noch etwas außen vor ist, da sich das Zählen vorwiegend auf aktuelle Programme und aktuelle Medienangebote und also auf Gegenwartsliteratur richtet, ist die Digitalität für das Lesen von Frauen aber besonders entscheidend – und zwar dann, wenn man versucht, bereits verstorbene Autorinnen zu lesen.

An unterschiedlichen Stellen, auch in einigen Beiträgen von mir, ist das Problem der fehlenden Klassikerpflege bei weiblichen Autorinnen und der fehlenden Editionen bereits angesprochen worden, wie frappierend dieses Problem jedoch ist, habe ich besonders beim Schreibprozess an „Dichterinnen & Denkerinnen“ gemerkt: Die absolute Mehrzahl der von mir dort vorgestellten Autorinnen sind heute nur noch deswegen lesbar, weil es eBooks und Print on Demand gibt. Sonst gibt es eben noch ein bisschen was antiquarisch. Leicht zugängliche, erschwingliche, gut erarbeitete, etwa gar kommentierte Ausgaben ihrer Werke? In der Regel: Fehlanzeige.

Nehmen wir etwa das Werk einer gar nicht so unbekannten vergessenen Autorin wie Johanna Schopenhauer: Wie man schon mit einer simplen Wikipedia-Recherche herausfinden kann, war sie eine recht produktive Autorin. Wer nun auf eine beliebige Plattform, auf der man Bücher bestellen kann, geht, und mal nach „Johanna Schopenhauer“ sucht, wird feststellen, wie viel davon eben nur als eBook, Print on Demand oder antiquarisch zu bekommen ist: Letztlich alles. Aber immerhin: Hier kann man einen großen Teil des Werkes bekommen und lesen, wenn man bereit ist, eBooks zu lesen oder vergleichsweise viel Geld für vergleichsweise schlecht gemachte Print on Demand-Bücher auszugeben.

Noch schlimmer ist es bei einer eigentlich mal zumindest in zweiter Reihe recht gut kanonisierten und anerkannten Autorin wie Ricarda Huch. Das wirklich breite, alle Gattungen fiktionaler wie nicht-fiktionaler Literatur umfassende Werk Huchs ist inzwischen, wie man mit einer Recherche auf einer beliebigen Plattform zum Kauf von Büchern feststellen kann, auf ein paar lieferbare Bücher, die noch aktuell aufgelegt werden, zusammengeschrumpft. Von den historischen Schriften der promovierten Historikerin sind noch „Der dreißigjährige Krieg“ bei Anaconda und die beiden berühmten Bände „Die Romantik“ in Der anderen Bibliothek zu haben, aus dem belletristischen Werk eine kleine Auswahl ihrer Lyrik, Briefe und Prosatexte unter dem Titel „Mein Herz, mein Löwe“, herausgegeben von Katrin Lemke bei der Weimarer Verlagsgesellschaft, sowie die Romane „Der Fall Deruga“ bei Insel Taschenbuch und „Der letzte Sommer“ bei Kampa. Einen Auszug aus „Der letzte Sommer“ habe ich in „Dichterinnen & Denkerinnen“ als Beispiel aus dem Werk Huchs zitiert – weil dieses Buch eben wenigstens noch problemlos zu haben ist. Allerdings habe ich das nicht ohne Bedenken getan, denn was mit Huch passiert ist, ist symptomatisch: Verfügbar sind von ihr nur noch zwei unterhaltsame Nebenwerke, eben mit „Der Fall Deruga“ ein Kriminalroman und mit „Der letzte Sommer“ ein Buch, das sie innerhalb von ein paar Tagen im Anschluss an eine Wette geschrieben hat. Ihre komplexen frühen Romane, mit denen sie einmal als Schriftstellerin berühmt geworden ist, wie „Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren“ oder „Michael Unger“ legt keiner mehr auf – die Autorin wird so auf ihr Nebenwerk im Bereich der Genreliteratur verkürzt, Klassikerpflege findet hier nicht statt. Die letzte Ausgabe ihrer gesammelten Werke, meines Wissens in den 1970er Jahren bei KiWi erschienen, ist seit Jahrzehnten vergriffen und nur noch antiquarisch in einzelnen Bänden zu bekommen. Die Werke der 1947 verstorbenen Autorin sind inzwischen urheberrechtsfrei. Gedruckt werden sie trotzdem nicht.

Kein normaler Lesender wird sich unter diesen Bedingungen die Mühe machen, verstorbene Autorinnen als Klassiker wiederzuentdecken. Wenn keine günstigen und gut gemachten Editionen der Werke von Frauen vorliegen, werden sie in der Schule nicht gelesen werden, ich vermute, an der Universität wird es ähnlich sein, denn zumindest in der Schule liegt die Schmerzgrenze für Lektüren bei 10 Euro. Es gibt keine Ausgaben, es gibt keine Erinnerungskultur, es gibt keine Unterrichtsmodelle – jeder Versuch, an verstorbene Autorinnen zu erinnern, wird im Nichts verpuffen, wenn ihre Bücher nicht verfügbar sind.

Es gibt im Wesentlichen fünf Verlage, die sich wirklich sehr verdienstvoll darum bemühen, Texte verstorbener Autor*innen in verlässlicher und günstiger Form auf dem Markt zu halten: Reclam, Hamburger Lesehefte, Suhrkamp, dtv und Fischer. Wie es hier mit der Repräsentation von verstorbenen Autorinnen aussieht, kann man leicht mit einem Blick auf die erschienen Titel bei Reclam, Hamburger Leseheften, Suhrkamp BasisBibliothek, dtv Klassik und Fischer Klassik überprüfen. Für die Schule gibt es weitere Reihen mit Textausgaben klassischer Schullektüren, die keinen Deut anders aufgestellt sind, wie mit einem Blick auf die Reihe EinfachDeutsch Textausgaben festgestellt werden kann.

Wer Hebbel, Eichendorff oder Keller günstig lesen will, hat bequem die Auswahl zwischen mehreren gut aufgearbeiteten und günstigen Ausgaben unterschiedlicher Verlage. Ähnliches wird Autorinnen des 19. Jahrhunderts nur zuteil, wenn sie Annette von Droste-Hülshoff oder Marie von Ebner-Eschenbach heißen, und auch bei letzterer ist das umfangreiche Werk verkürzt auf einige wenige: „Das Gemeindekind“, „Lotti, die Uhrmacherin“, „Krambambuli“, „Unsühnbar“ und die Aphorismen. Dass das Gefälle im englischsprachigen Sprachraum durchaus nicht so groß ist wie im deutschsprachigen, dass es also auch anders gehen kann, zeigt sich mit einem Blick auf das Verhältnis von Autorinnen und Autoren in der Penguin English Library. Und interessanterweise: Die Autorinnen, die im englischsprachigen Sprachraum als Klassiker gepflegt werden, sind dann auch in Übersetzung bei Fischer Klassik oder dtv Klassik zu bekommen – aber die deutschsprachigen Autorinnen pflegt man selbst nicht. George Eliot ist auf dem deutschsprachigen Buchmarkt fast präsenter als Bettine von Arnim. Es geht mir gar nicht darum, den genannten Verlagen einen Vorwurf zu machen, immerhin bemühen sie sich wirklich sehr verdienstvoll überhaupt darum, große Literatur erschwinglich zugänglich zu halten. Und eine Reihe mit deutschsprachigen Autorinnen könnte jeder Verlag, der sich der Sache annehmen wollen würde, auf den Weg bringen, wenn es ihm eben die Sache wert wäre.

Wer dieses Jahr – ich wies bereits vor ein paar Wochen darauf hin – den Geburtstag von Hegel feiern will, kann sich über drei umfassende Biografien Hegels aus diesem und dem letzten Jahr freuen. Wer den Geburtstag von Hölderlin feiern will, hat die Auswahl zwischen zwei Biografien aus dem letzten Jahr. Wer den Geburtstag von Celan feiern will, hat die Auswahl zwischen mindestens drei Titeln, die letztes Jahr erschienen sind oder dieses Jahr erscheinen und sich mit unterschiedlichen Aspekten seiner Biografie oder seines Werkes auseinandersetzen. Wer dagegen den Geburtstag von Marlen Haushofer feiern will, kann beruhigt sein, dass immerhin Biografien existieren und dass ihre Werke noch gedruckt werden. Bei Sophie Mereau, ebenfalls dieses Jahr Geburtstagskind, ist nicht mal das der Fall.

Ich hoffe sehr, dass sich wirklich etwas bzgl. der Repräsentation von Autorinnen in Feuilleton und Verlagsprogrammen ändern wird, auch wenn manche den Eindruck haben, schon seit Jahren auf der Stelle zu treten. Vielleicht ändert sich etwas. Aber damit sich auch etwas in der Schule, in der Literaturgeschichtsschreibung und in der Klassikerpflege tut, müssten sich erst einmal Verlage finden, die die Werke von verstorbenen Autorinnen erschwinglich auf dem Markt halten. So lange das nicht passiert, kann man an verstorbene Autorinnen erinnern und zu ihrer Wiederentdeckung einladen, so viel man will – es wird nichts bringen, weil die interessierten Leser*innen dann an der Beschaffung von deren Werken scheitern werden, auch wenn sie sie lesen wollen. Es sei denn, sie haben einen eBook-Reader. Sonst ist das alles ein Schuss in den Ofen. Viele werden allein deswegen vermutlich keine Bücher verstorbener Autorinnen lesen.

[Das Beitragsbild stammt von Aliis Sinisalu auf unsplash.com]


8 Gedanken zu “Frauen lesen? Ohne Digitalisierung unmöglich.

  1. Liebe Katharina,
    danke für diesen Artikel. Dass es um die Sichtbarkeit von Frauen in der Literatur grundsätzlich nicht gut steht, wusste ich; dass die Werke verstorbener Autorinnen so ignoriert werden, war mir in diesem Umfang neu. Aber wie können Leserinnen und Leser etwas dagegen tun?
    LG
    Ina

    1. Liebe Ina,
      Vielen Dank! Ich denke, es gibt zwei Sachen, die sie tun können: Indem sie sich einen eBook-Reader kaufen und diese AutorInnen trotzdem lesen und über sie reden. Und indem sie Anfragen an Verlage stellen bzgl deren Programmgestaltung, ohne Kritik von außen wird sich auch hier nie etwas ändern… leider. Liebe Grüße!

  2. Den Droschl-Verlag und AvivA sollte man noch als löbliche Ausnahmen nennen. KiWi ist besonders bitter, nicht nur wegen Ricarda Huch, sondern auch weil sie die Rechte an Vicki Baums Romanen hätten und sie nicht mal als E-Book zur Verfügung stellen.

    1. Unbedingt, ja, gerade AvivA macht wirklich wichtige, tolle Arbeit – die Ausgaben sind aber leider recht teuer, was verständlich ist bei so einem kleinen Verlag. Schöffling hat sich um die Wiederentdeckung von Tergit auch sehr verdient gemacht. Aber wie schön wäre es eben, wenn Autorinnen gar nicht erst wiederentdeckt werden müssten, weil ihr Werk gepflegt wird… na ja. Aber klar: Tolle Verlage!

  3. Liebe Katharina, vielen Dank für diesen Beitrag. Bisher hatte ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht. Ich nutze zum Lesen übrigens keinen Reader, sondern die Kindle App. Da habe ich mir beispielsweise schon einige Werke von Johanna Spyri runtergeladen, die man sonst auch nur auf Heidi reduziert. Es lohnt sich. Danke für den Denkanstoß. Susann

  4. Vielen Dank für diesen interessanten Überblick! Ähnliches gilt übrigens sehr wohl auch für die männlichen deutschsprachigen Autoren, die vor mehr als 70 Jahren gestorben sind, zumindest die nicht allerberühmtesten.
    Ich bin kein Verlagsexperte, vermute aber folgenden Hintergrund: Die Texte dieser Autorinnen sind gemeinfrei, also sind die wichtigeren davon inzwischen gratis im Netz vorhanden. Folglich kann kein Verlag mit soliden Ausgaben solcher Autorinnen ein Geschäft machen. Die Flut zu Phantasiepreisen angebotener Ausgaben, die lediglich die aus dem Internet „gesaugten“ Texte in Papierform liefern, natürlich ohne jeden editorischen Aufwand, sind logischer Weise kein Ersatz für gut edierte Klassikerausgaben.
    Anders ist es mit Übersetzungen: Hier kann man zumindest noch mit Neuübersetzungen einen gewissen Verkaufserfolg erzielen, da diese Bücher wegen der Übersetzung urheberrechtlich geschützt sind.
    Insgesamt eine traurige Situation, was Texte längst verstorbener deutschsprachiger Autorinnen und Autoren betrifft. Zum Glück kursieren noch viele alte Ausgaben im Antiquariatsmarkt. Frakturschrift gefällt mir ohnehin immer besser 😉
    buchwolf

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