Irmgard Keun (1905-1982) und der Blick hinter die Fassaden

Humor kann eine Waffe gegen die Realität sein. Für viele Autorinnen, etwa Louise Aston oder Franziska zu Reventlow, war er das gewesen – und vermutlich sah auch Irmgard Keun das so. Und doch stand hinter ihrem Humor, hinter der bissigen Satire, mit der sie sich gegen die Welt zur Wehr setzte, etwas anderes als bei Luise Aston oder Franziska zu Reventlow. Sie hatte nicht nur einen ganz anderen Charakter, sie kam vor allem auch aus anderen Verhältnissen und lebte in einer ganz anderen Zeit: Was Aston und zu Reventlow nicht mehr miterleben musste, den Nationalsozialismus, hat in Keuns Leben drastische Spuren hinterlassen, obwohl sie zunächst weder aus politischen noch aus rassistischen Gründen Verfolgung ausgesetzt war. Politisch wurde sie erst durch ihre Zeit.

Im Gegensatz zur adeligen Franziska zu Reventlow kam diese Schriftstellerin aus bürgerlichen Verhältnissen: Geboren wurde Irmgard Charlotte Keun am 6. Februar 1905 in Berlin als Tochter des Kaufmanns Eduard Ferdinand Keun und von Elsa Charlotte, geb. Haese. Die Kindheit verlief wohl – abgesehen von der Geburt des Bruders Gerd 1910, den sie nicht leiden konnte – recht unbeschwert, der Vater war liberal, die Mutter fürsorglich, die finanzielle Lage der Familie war günstig. Tatsächlich sollten die Eltern bis ins hohe Alter immer wieder der wichtigste soziale wie finanzielle Rückhalt der Schriftstellerin sein. 1913 zog die Familie nach Köln, wo Irmgard Keun im selben Jahr noch im evangelischen Mädchenlyzeum Teschner eingeschult wurde. In Köln fühlte sie sich zwischen anderen Kinder oft als Außenseiterin, gerade unter den Kindern, die die Volksschule besuchten und sie wegen des Besuchs einer höheren Schulform ausgrenzten. Oft machte die Familie Urlaub in Ostende in Belgien – an diesem Ort sollte Keun später ein paar Jahre leben. Doch zunächst schloss sie die Schule 1921 mit der Mittleren Reife ab, besuchte dann ein dreiviertel Jahr lang ein Pensionat im Harz, um Haushalts- und Gartenarbeit zu lernen sowie ihre Fremdsprachenkenntnisse zu pflegen, die sie danach in Köln auf der Berlitz-school erweiterte. Zudem erhielt sie Privatunterricht in Stenographie und Schreibmaschine und arbeitete dann ein halbes Jahr lang als Stenotypistin, dem typischen Beruf der „neuen Frau“ der Weimarer Republik, der sowohl in mehreren Romanen von Vicki Baum als auch in den ersten beiden Romanen Irmgard Keuns zu eine Rolle spielt. Und es erging Irmgard Keun wie so vielen Stenotypistinnen ihrer Zeit: Dieser Beruf, von dem man nicht mal leben konnte, war nicht ihr Wunschberuf. Nachdem sie ihn ein halbes Jahr lang ausgeübt hatte, durfte sie endlich das machen, was sie wollte: Sie durfte 1925-27 die Kölner Schauspielschule besuchen. In diesem Kontext lernte sie auch den 23 Jahre älteren Schriftsteller und Regisseur Johannes Tralow kennen, für den sie jetzt schon schwärmte – zu einer Beziehung und zu einer Ehe sollte es allerdings erst später kommen, erst 1932 heirateten die beiden. Und so wurde Irmgard Keun, die von Freundinnen als auffallende, charmante und witzige junge Dame beschrieben wurde, Schauspielerin: Zunächst in Hamburg, dann in Greifswald. Doch leider ohne durchschlagende Erfolge – 1929 kehrte sie zu ihren Eltern nach Köln zurück, wohl eher weil sie das wollte, als weil sie musste. Das Leben und Arbeiten am Theater machten ihr laut eigener Aussage keine Freude mehr.

Dafür begann sie nun etwas Neues: Sie begann zu schreiben. Ermutigt hatte sie dazu wohl unter anderem Alfred Döblin, der zu Irmgard Keun gesagt haben soll, wenn sie so schreibe, wie sie spreche, würde sie eine hervorragende Schriftstellerin werden. Und das wurde sie: 1931 erschien ihr erster Roman „Gilgi, eine von uns“. Der Roman machte Irmgard Keun auf einen Schlag berühmt, er wurde in den folgenden Jahren in mehrere Sprachen übersetzt und sogar von Paramount verfilmt. Er erzählt von der 21-jährigen Gilgi – und als 21-jährig gab sich nun auch Irmgard Keun aus, die sich damit auf Dauer um fünf Jahre jünger machte. Gilgi ist eine ehrgeizige Stenotypistin, also eine der „neuen Frauen“ der Zeit, die sich mit Fleiß und Disziplin ein Leben aufgebaut hat, das jäh durch die Liebe und eine ungewollte, uneheliche Schwangerschaft aus den Fugen gerät. Ganz ähnlich wie Vicki Baum in „stud. chem. Helene Willfüer“ schrieb Irmgard Keun hier also über die Angestelltenkultur der Weimarer Zeit und schrieb damit nicht nur einen wichtigen Roman der literarischen Strömung der „Neuen Sachlichkeit“, sondern auch weltweit beachtete und diskutierte Literatur. Dasselbe gilt für den zweiten Roman Keuns, der 1932 erschien: „Das kunstseidene Mädchen“. Auch dieser Roman wurde nicht nur in Deutschland ein Erfolg, sondern auch in vielen anderen Ländern – er ist ein Stück Weltliteratur. In ihm vertraut die 18-jährige Doris ihrem Tagebuch ihre Versuche an, sich nicht nur finanziell über Wasser zu halten, sondern auch den eigenen Wünschen und Träumen danach zu folgen, etwas aus dem eigenen Leben zu machen, das über ein Leben für die Arbeit hinaus geht. Doris will einfach nur ein bisschen glücklich sein, sie will ein bisschen etwas abhaben vom Leben – ein kleiner Wunsch, der um 1930 mitunter so schwer zu verwirklichen war wie heute. Stenotypistinnen stammten – so wie Doris – häufig aus der Arbeiterschicht oder dem verarmten Mittelstand, sie verdienten aber in der Regel nicht genug, um davon selbstständig leben zu können, geschweige denn, dass das Gehalt für einfache Vergnügungen wie Kino oder Theater ausgereicht hätte. Junge Frauen in diesem Beruf waren damit praktisch schon finanziell darauf angewiesen, sich einen Freund oder Mann zu suchen, der mehr Geld verdient als sie. Da Doris eine Verwirklichung im eintönigen, schlecht bezahlten Beruf unmöglich ist – wie vielen Frauen in diesem Roman –, sucht sie nach Erfüllung und Glück in der Liebe. Doch auch hier hatten Frauen zu dieser Zeit mitunter schlechte Karten:

„Ich habe mir überlegt, wo Hubert hier wohnt – ob bei seinen Verwandten, und daß es besser ist, ich sehe ihn gar nicht wieder. Denn mit sechzehn fing ich das Verhältnis an, und er war der erste und sehr schüchtern – trotzdem schon fast Ende zwanzig. Und erst wollte er nicht, aber nicht aus Edelmut und so, sondern einfach aus Feigheit, weil er dachte, das gibt Verpflichtungen, so ein ganz und gar unschuldiges Mädchen. Und das war ich. Aber natürlich glaubte er nicht, daß er einfach ein feiges Schwein war, sondern hielt sich für enorm edel und hätte alles mögliche getan außer dem einen. […] Und hab ihn dann richtig rumgekriegt. Aber er dachte, er hätte mich verführt, und riskierte riesiges Gerede von Gewissensbissen, aber im Grunde wollte er die haben und kam sich als kolossaler Kerl vor – und bei dem Glauben läßt man ja dann auch einen Mann. Und ein ganzes Jahr war ich mit ihm zusammen und nie mit einem andern, denn dazu hatte ich keine Lust, weil ich doch nur an Hubert denken mußte. Aber dann hatte er seinen Doktor und war fertig studiert – Physik und so was. Und ging nach München, wo seine Eltern wohnten, da wollte er heiraten – eine aus seinen Kreisen und Tochter von einem Professor – sehr berühmt, aber nicht so wie Einstein, von dem man ja Photographien sieht in furchtbar viel Zeitungen und sich nicht viel darunter vorstellen kann. […] Also ich hatte nichts dagegen, daß er eine nehmen wollte mit Pinke und so – aus Ehrgeiz und wegen Weiterkommen, wofür ich immer Verständnis habe. Trotzdem mir damals olle vergammelte Ölsardinen mit Hubert auf seiner Bruchbude besser geschmeckt haben als todschickes Schnitzel toll garniert mit Käsemann in ausgesprochen feudalen Restaurants. Von mir aus hätte es auch bei Ölsardinen bleiben können. Aber ich habe mich, wie gesagt auf Huberts Ehrgeiz hin umgestellt. Da kamen dann seine großen Gemeinheiten. Erstens, daß er drei Tage vor meinem Geburtstag abhaun wollte […]. Das war die eine Gemeinheit, und die andere bestand darin, daß er mir alles auf moralische Weise eröffnete. Wir saßen in einem Lokal, fängt er mir auf einmal von seiner Münchner Spinatwachtel an. Ich nicke nur und arbeite innerlich an meiner Umstellung und denke: schließlich hat er seine Gründe, aber lieben tut er nur dich.

Legt er auf einmal los – ganz rot und verlegen, weil ihn irgendwo sein Gewissen zwackte, und das machte ihn feindlich gegen mich: „Wenn ein Mann heiratet, will er eine unberührte Frau, und ich hoffe, meine kleine Doris…“ und sprach so gesalbt, als wenn er eine ganze Dose Niveacreme aufgeleckt hätte: „Mein gutes Kind, ich hoffe, daß ein anständiges Mädchen aus dir wird, und als Mann rate ich dir, dich keinem Mann hinzugeben, bevor du verheiratet bist mit ihm…“

Was er noch sagen wollte, weiß ich nicht, denn es kam über mich, als er sich so aufspielte mit öliger Stimme und großer Moral und erschauerte vor sich selbst und hatte eine gequollene Haltung mit Brust raus und Schultern nach hinten gekugelt wie ein oberster General auf der Kanzel. Und das mir! – von einem, den ich nahezu dreihundertmal in Unterhosen gesehen habe und noch weniger an – mit einer Sommersprosse auf dem Bauch und Haare an den X-Beinen! Und hätte mir sagen können als guter Freund, daß er eine will mit Geld und darum nicht mich. Aber triefen vor Rührung über seine Fabelhaftigkeit, weil er mich nicht zu arm, sondern nicht anständig genug findet, weil ich mit ihm… also bei so was kann ich nicht mit, da setzt mein Verstand aus und es überkommt mich. Und ich kann es nicht so erklären, was mir so Wut machte, jedenfalls langte ich ihm eine ganz offiziell, was ich meistens nur selten tue, und das knallte so, daß der Ober dachte, ich hätte ihm ein Zeichen zum Zahlen geben wollen.“

Doris ist in ihrer Beziehung zu Hubert, den sie geliebt hatte, über die Ungerechtigkeiten ihrer Zeit, also das Gefälle zwischen Mann und Frau und zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten gestolpert. Das passiert ihr im Roman leider noch ein paar Mal…

Der Roman, der international auf Begeisterung stieß und über den Kurt Tucholsky anerkennend schrieb „Eine schreibende Frau mit Humor. Hurra!“, stieß bei der nun schon sehr erstarkten Rechten in Deutschland auf wenig Liebe: Kurt Herwart Ball etwa schrieb in der Zeitschrift „Der Hammer“ 1932, Doris sei kein Vorbild für deutsche Frauen, und: „Wenn Irmgard Keun uns etwas zu sagen hat, dann möge sie deutsch schreiben, deutsch reden und deutsch denken und die z. T. nahezu gemeinen Anwürfe gegen die deutsche Frau sich versagen.“

Entsprechend fand Irmgard Keuns enorme, aber sehr kurze Karriere als Schriftstellerin schon wieder ein jähes Ende: Obwohl sie sich in ihren Romanen nicht politisch geäußert hatte – was ihr wiederum auch von links angelastet worden war – wurden beide Romane 1933 als „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“, als „häßliche Angriffe gegen die bürgerliche Moral und das Deutschtum“ aus die „Schwarzen Listen“ gesetzt, an denen sich Leihbibliotheken und Buchhandel orientieren sollten. Damit wurde ihrem Leben auch finanziell die Grundlage genommen. Der neue Roman „Der hungrige Ernährer“, den sie 1933 weitgehend fertiggestellt hatte, scheiterte an der veränderten politischen Situation. Der Verlag und der Reichsverband Deutscher Schriftsteller, der die Vorläuferorganisation zur Reichsschrifttumskammer war, verlangten Veränderungen, die Keun nicht vornehmen wollte. In einem späteren Brief der Reichsschrifttumskammer vom 1. November 1935 heißt es diesbezüglich rückblickend:

„Sie haben sich s.Zt. in Gegenwart des Geschäftsführers, Herrn Linhard, ostentativ geweigert, Änderungen in dem Manuskript Ihres Romans: ‚Der hungrige Ernährer‘, der den Verfall einer Familie zum Hauptthema hatte, vorzunehmen, trotzdem Ihnen Herr Richter sagte, dass ein derartiges Thema mit den nationalsozialistischen Aufbautendenzen nicht zu vereinbaren wäre.“

Eine Aufnahme in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller war damit auch verhindert – eine Mitgliedschaft in diesem Verband war aber ab November 1933 notwendig, um Texte veröffentlichen zu können. Irmgard Keun versuchte dennoch, hier und da kleinere Erzählungen in Zeitungen zu veröffentlichen, was diesen Bedingungen entsprechend nur schlecht gelang. An Arnold Strauss schrieb sie am 13. Juni 1934, ihre Texte seien „momentan thematisch nicht genehm. Irgendeine neckische Scheiße ist leichter loszuwerden.“

Arnold Strauss kannte Irmgard Keun da noch gar nicht so lange – er sollte aber in den kommenden Jahren ein wichtiger Bezugspunkt in ihrem Leben sein. Sie hatte ihn in der Berliner Charité kennengelernt, auch wenn er dort aufgrund seiner jüdischen Herkunft als Assistenzarzt leider schon gekündigt worden war. Eine Freundin hatte die Dichterin aufgrund ihres Alkoholkonsums zu ihm geschickt, er solle ihr helfen. Das gelang ihm nicht, stattdessen verliebten sich die beiden ineinander, obwohl Irmgard Keun zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein Jahr lang mit Johannes Tralow verheiratet war. Die beiden hielten ihre Beziehung im Briefkontakt aufrecht, nachdem Strauss nach Amerika emigriert war, der Kontakt hielt bis 1940 – immer wieder hat Strauss wesentlich dazu beigetragen, Irmgard Keun finanziell abzusichern, immer wieder war er ihr Ansprechpartner in guten wie in schlechten Zeiten. Und schlechte Zeiten gab es leider im Leben der Dichterin immer wieder, denn die Sorgen ihrer Freundin wegen ihres Alkoholkonsums waren nicht aus der Luft gegriffen. Ebenfalls an Arnold Strauss schrieb Keun am 24. Januar 1934:

„Ich neige nun einmal zu etwas krankhaft ausgeprägten Depressionen – und Lust- und Unlustgefühle sind bei mir stärker als bei gesunden Durchschnittsmenschen und streifen leicht das Gebiet des Pathologischen. Daher wohl auch die Neigung zum Alkohol, die aber nicht das Primäre, sondern eine reine Sekundärerscheinung ist. Ich bin manchmal traurig und ängstlich, wenn ich darüber nachdenke, daß ich so abgrundtief scheußliche, irrenhausreife Depressionen habe.“

Die Dichterin, die von ihrem Umfeld gemeinhin als charmant und witzig wahrgenommen wurde, deren literarischer Erfolg sich insbesondere auch ihrem Humor verdankte, war hinter dieser Fassade oft todtraurig. Und trank deshalb.

Und ihre Situation in Deutschland verschlechterte sich weiter: 1935 wurden beide Romane auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt, womit sie als Schriftstellerin in Deutschland endgültig erledigt war. In dieser Lage stellte Irmgard Keun am 6. Januar 1936 einen Aufnahmeantrag in die Reichsschrifttumskammer, um wieder veröffentlichen zu können – dies verschwieg sie später, wenn sie über ihre Biografie sprach. Sie schilderte ihre Biografie später – so wie sie schon ihr Alter um fünf Jahre verändert hatte – als die einer verfolgten Widerständlerin, erfand Gestapohaft, Verhör und Folter, die sich nicht belegen lassen, und behauptete, Deutschland schon 1935 verlassen zu haben. Und auch an anderen Stellen hat sie später immer wieder Wahrheiten verzerrt und ausgeschmückt – autobiografische Aussagen von Irmgard Keun sind mit Bedacht zu behandeln.

Dennoch: Auch wenn sie ihre Biografie im Nachhinein in eine Richtung geglättet und überzeichnet hat, auch wenn sie den Versuch, sich mit den Nationalsozialisten zu arrangieren, später verschwiegen hat, so wurde sie doch in den kommenden Jahren tatsächlich zu einer Autorin im antifaschistischen Widerstand. Am 1. April 1936 wurde ihr Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer abgelehnt, am 11. April unterzeichnete sie einen Vertrag mit dem Exilverlag Allert de Lange in Amsterdam und am 4. Mai verließ sie Deutschland und zog nach Ostende in Belgien, an den Ort, der ihr vertraut war, weil sie als Kind dort Urlaub gemacht hatte. Hermann Kesten, einer der Leiter der deutschen Abteilung des Verlags Allert de Lange, beschrieb in einem Vorwort zum späteren Roman von Keun „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“ ihr erstes Zusammentreffen so:

„In der Halle des Hotels Métropole fand ich ein hübsches junges Mädchen, blond und blauäugig, in einer weißen Bluse, das lieb lächelte und wie ein Fräulein aussah, mit dem man gleich tanzen gehen möchte.

Aber wir saßen noch nicht am Tisch, bei einer Tasse Kaffee und einem Glas Wein, da sprach sie schon von Deutschland, mit blitzenden Augen und roten, witzigen Lippen. Mit vorsichtig gesenkter Stimme und gewaltsamem, lachendem Zorn erzählte sie von tausend täglichen Tollheiten unserer guten Mitbürger, die zu Narren und Sklaven wurden, in jeder Stunde, freiwillig und unfreiwillig. […] Ihre weiße Bluse und ihre blonden Haare flatterten wie in einem wilden Wind, ihre Augen und Hände schienen mitzusprechen, und es sprachen ihr Verstand und ihr Herz. Sie war naiv und brillant, witzig und verzweifelt, volkstümlich und feurig, und kein Fräulein mehr, mit dem man tanzen gehen wollte, sondern eine Tochter, die sich ihrer Väter und Brüder schämt, eine Prophetin, die anklagt, ein Prediger, der schilt, ein politischer Mensch, der eine ganze Zivilisation sich verschlämmen sah.“

Irmgard Keun war politisch geworden. Kurz nach ihrer Ankunft in Ostende schrieb sie am 5. Mai 1936 an Arnold Strauss:

„Es mag dir pathetisch klingen, aber ich betrachte es als heilige Aufgabe mitzuhelfen in meiner Art im Kampf gegen Nazitum, menschliche Sturheit, Schlappheit und Barbarei. So viele, die rausgegangen sind, sind lasch und zufrieden geworden, wenn sie nur ihr persönliches Auskommen hatten. […] Vergessen sind die Abertausende, die täglich, stündlich in den Konzentrationslagern zugrunde gehen. Vergessen sind die zu Tode Gequälten, deren Art zu denken einem vertraut war. Was in Deutschland geschieht, geht die ganze Menschheit an. Man darf da nicht bequem werden und die Augen schließen.“

Und so schrieb sie „Nach Mitternacht“, auch wenn es sie einige Überwindung kostete, über ein Deutschland zu schreiben, in dem – so nannte sie es später in „Bilder und Gedichte aus der Emigration“ (1947) – „Kolonialwarenhändler und Feldwebelwitwen Nietzsches Philosophie vollstrecken.“ Und „Nach Mitternacht“ war politisch so eindeutig, dass der Roman nicht ohne Weiteres veröffentlicht werden konnte. Die Gründe dafür könnten in Passagen wie diesen liegen, in denen die Erzählerin des Romans eine Parade anlässlich eines Besuchs Hitlers in der Stadt beschreibt. Als dessen Auto in Sichtweite ist, beschreibt sie ihn so:

„Und langsam fuhr ein Auto vorbei, darin stand der Führer wie der Prinz Karneval im Karnevalsanzug. Aber er war nicht so lustig und fröhlich wie der Prinz Karneval und warf auch keine Bonbons und Sträußchen, sondern hob nur eine leere Hand.“

Allert de Lange widerrief den Vertrag mit Irmgard Keun, man wollte sich politisch nicht so exponieren – die Dichterin wechselte zum anderen Amsterdamer Exilverlag Querido, der ein deutlich politischeres Profil hatte und in dem etwa auch Anna Seghers veröffentlichte. 1937 erschien „Nach Mitternacht“, ein satirischer Roman über das nationalsozialistische Deutschland, mit dem sich Keun nicht nur klar als antifaschistische Autorin positionierte, sondern der sie auch erneut zur international bekannten Erfolgsautorin machte: Diese „best satirical novel on Nazi Germany“, wie Arthur Koestler den Roman nannte, war ein Stück Weltliteratur, ein Roman aus dem bürgerlichen Nazi-Deutschland, wie ihn noch keiner zuvor geschrieben hatte. Das wusste Keun, und genau diesen Roman hatte sie schreiben wollen, auch wenn sie sich deswegen Sorgen nicht nur um die eigene Sicherheit, sondern auch die ihrer Eltern in Deutschland machte.

Johannes Tralow, der auch nach wie vor in Deutschland lebte, wurde wegen seiner Frau mit beruflichen Einschränkungen belegt, ihm drohte der Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer – er klagte daraufhin im März 1937 auf Scheidung von seiner Frau, als Gründe dafür gab er deren Emigration, ihr Schreibverbot durch die Reichsschrifttumskammer und ihre beleidigenden Äußerungen gegen den gegenwärtigen Staat an. Im Juni wurde die Scheidung rechtskräftig.

Doch Irmgard Keun hatte sich ohnehin längst einen neuen Bekanntenkreis im Exil aufgebaut: Sie pflegte dort Kontakt zu Egon Erwin Kisch, Stefan Zweig und insbesondere zu Joseph Roth. Mit Roth lebte sie von 1936 bis Ende 1937 in einer Lebensgemeinschaft, die beiden verreisten zusammen, beispielsweise nach Frankreich, Polen und Österreich. Sie schrieben aber auch zusammen – und tranken zusammen. Beide hatten ein Alkoholproblem. Egon Erwin Kisch schrieb am 20. November 1936 an seinen Bruder Paul nach Wien: „Wenn Du sie kennenlernst, werde ich mich sehr freuen, aber besauf Dich nicht dabei, die beiden saufen wie die Löcher.“ Und: Die Dichterin hatte nach wie vor Kontakt zu Arnold Strauss, der sie dazu drängte, zu ihm nach Amerika zu kommen und ihr immer wieder Geld schickte. Er wollte sie heiraten, sie aber hatte Angst vor dem bürgerlichen Leben als Arztfrau in Amerika und hing an ihrem freien Schriftstellerleben. 1938 – im selben Jahr waren auch die Romane „D-Zug dritter Klasse“ und „Kind aller Länder“ erschienen – besuchte sie Strauss kurz in Virginia Beach, kehrte aber dann wieder nach Holland zurück, zumal es ihr nicht gelang, ein dauerhaftes Visum zu bekommen. Dabei war sie auch in den USA als Schriftstellerin bekannt. Bis 1940 hielt der Kontakt zu Arnold Strauss noch, der nach wie vor hoffte, irgendwann mit Irmgard Keun zusammenleben zu können – Keun dagegen forderte nur noch, sie war nun hektisch um Ausreise und Visum bemüht, zudem wieder einmal knapp bei Kasse. Strauss fühlte sich nach all den Jahren, in denen er sich umsonst bemüht hatte, sie zur Ausreise zu bewegen, in denen er um sie geworben hatte, wohl hingehalten und benutzt, brach 1940 den Kontakt ab und heiratete im Jahr darauf eine andere Frau. Damit endete einer der wichtigsten und konstantesten Kontakte im Leben der Dichterin. Und im selben Jahr endete auch ihr Exil in Belgien: Im Mai 1940 kapitulierte Belgien vor den Nationalsozialisten, damit war nun auch ihre Karriere als Exilschriftstellerin beendet, denn nun waren ihre Bücher auch hier verboten. Sie tauchte unter. Am 16. August 1940 brachte der „Daily Telegraph“ eine Nachricht über den Selbstmord zweier deutscher Schriftsteller: Walter Hasenclever und Irmgard Keun haben sich umgebracht.

Tatsächlich hatte Hasenclever Selbstmord begangen. Keun dagegen lebte. Sie hatte sich als „Charlotte Tralow“ falsche Papiere besorgt und war nach Köln zurückgekehrt, wo sie in einer eigenen Wohnung in der Nähe der Eltern, die sie auch finanzierten, untergetaucht lebte. Da sie sich versteckte, durfte sie auch nicht arbeiten – sie wusste nicht, dass die deutschen Behörden durchaus von ihrer Rückkehr wussten. Warum man nichts gegen die Schriftstellerin, die so offen Kritik an Deutschland geübt hatte, unternahm, ist ein Rätsel. Sie überlebte. Nach Kriegsende galt Irmgard Keun als verschollen. Max Burghardt, der Intendant beim Nordwestdeutschen Rundfunk war, stöberte sie wieder auf. In seinen Erinnerungen „Ich war nicht nur Schauspieler“ erzählte er davon:

„Wir stiegen über herabstürzende Steinbrocken zu dem stallartigen Anbau. Daß dies armselige Gebilde, mit Dachpappe notdürftig abgedeckt, eine menschliche Behausung sein sollte, hielt ich für unmöglich. Ein sackartiger Vorhang vor der Luke, die nur wenig Luft einließ. […] Eine Frau saß auf einer Kiste vor einem Tisch, auf dem eine Schreibmaschine stand. Sie tippte. Ich blieb an der Tür stehen. […] Die braungelockte, junge, notdürftig bekleidete Frau ließ sich bei der Arbeit nicht stören. […] Das also war die berühmte Autorin des ‚Kunstseidenen Mädchens‘.“

Man bot ihr an, für den Rundfunk zu arbeiten. Keun lehnte zunächst ab – sie höre genau, dass man die heimgekehrten Emigranten hier nicht haben wolle. Burghardt gibt ihre Reaktion mit diesen Worten wieder: „Nein, ich bleibe hier, das ist mein Platz. Wozu bin ich nach Deutschland gekommen? Um mich dem Trümmerelend zu entziehen? Nein, das hier ist das wahre Deutschland. Alles andere ist Lüge. Hier bleibe ich.“ In den folgenden Jahren sollte genau das ein Problem für Keun darstellen: Sie sah immer hinter die Fassade des Nachkriegsdeutschlands, sie konnte nicht vergessen und ignorieren, dass viele ihrer Mitmenschen Nazis und Mitläufer gewesen waren. Am 10. September 1946 schrieb sie an Hermann Kesten: „Die Menschen in Deutschland sind genau wie sie immer waren. Sie tragen keine Hakenkreuze mehr am Anzug, aber sonst hat sich nichts an ihnen geändert.“ Ein besonderes Beispiel für diese Haltung stellte für sie ihr Ex-Mann Johannes Tralow dar, inzwischen war er in der CSU, in einem undatierten Brief ebenfalls an Kesten schrieb sie über ihn:

„Der blöde Tralow (mein früherer Ehemann) arbeitet auch am ‚Wiederaufbau‘. Er will den deutschen Pen-Club neu ins Leben rufen und ist ekelhaft emsig und repräsentiert ‚das andere Deutschland‘. 1937 hat er sich von mir scheiden lassen, ‚weil es einem aufrechten National-Sozialisten nicht zugemutet werden konnte mit einer Frau von der politischen Gesinnungslosigkeit der Beklagten‘ (laut Scheidungsurteil) verheiratet zu sein.“

Solch opportunes Verhalten war ihr unerträglich. Schließlich nahm sie das Angebot, für den Rundfunk zu arbeiten, doch an, und schrieb genau darüber: Sie verfasste vor allem Sketche und Kabarett für den Rundfunk, in denen sie die deutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit satirisch aufs Korn nahm. Das tat sich auch in ihrem letzten Roman „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“ (1950), der vom Nachkriegsdeutschland aus der Perspektive eines Heimkehrers aus der Kriegsgefangenschaft erzählt. Ein großer Erfolg wurde der Roman nicht, was Hermann Kesten in einem Brief an Gerd Roloff vom 24. November 1974 so erklärt: Der Roman

„hätte einen großen Erfolg verdient, und war besser als das meiste, was an ersten Nachkriegsromanen erschienen ist. Die Keun wurde von der Nachkriegskritik und der jungen Nachkriegsliteratur zur Seite geschoben und unterdrückt, wie der größte Teil der Exilliteratur. Man erklärte die Stunde Null, weil man selbst auf dem Nullpunkt der Literatur stand. Ein Teil der Kritik, des Buchhandels, der Verleger, der maßgebenden Autoren waren Leute, die im dritten Reich kräftig mitgemacht hatten, Mitläufer, oder zumindest geschwiegen hatten. Die scharfen Angriffe der Keun, ihr böser Witz war diesen unerträglich, sie schwiegen sie tot. Literarische Ignoranz und eine recht seltene Karrierebesessenheit der neuen literarischen Generation kamen hinzu. Die innere Emigration, die Gruppe 47, der führende Literaturkritiker, Sieburg, ein alter Nazi, die Verfemung der Exilliteratur bei Germanisten und politischen Parteien, das führte nicht zum Nachlassen des Erfolgs von Keun, sondern es hat diesen Erfolg abgeschnitten, gewaltsam verhindert.“

Es war Irmgard Keuns letzter Roman, fortan schrieb sie nur noch kürzere Texte und zog sich zunehmend ins Private zurück. Die Gründe dafür sind einerseits erfreulicher, andererseits trauriger Natur. Zum einen wurde Irmgard Keun 1951 Mutter: Sie bekam eine Tochter, die sie sehr liebte und allein aufzog – die Identität des Vaters hat sie nie verraten. Seit der Geburt zog sich Keun aus dem literarischen Leben zurück. Der andere Grund dürfte aber ihre nach wie vor andauernde Abhängigkeit von Alkohol und Medikamenten gewesen sein. Schon 1946 hatte sie zwei Tage im Bonner Landeskrankenhaus verbringen müssen, wo man ihren Alkohol- und Medikamentenmissbrauch auf ihre labile Psyche zurückführte. 1962 ging sie ein halbes Jahr lang für einen Entzug in die Klinik, während dieser Zeit starb ihre Mutter, der Vater war schon 1955 gestorben. Damit hatte die Schriftstellerin vor allem ihren sozialen, aber auch ihren finanziellen Rückhalt verloren. Sie hatte nur noch einzelne Freunde und ihre Tochter, für die die Situation freilich auch äußerst belastend gewesen sein dürfte. Ab 1966 war Keun wieder wegen Medikamentenmissbrauchs in der Klinik, bis 1972 blieb sie in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses Bonn – die Tochter lebte in dieser Zeit in Internaten. Wie hätte auch jemand, der erlebt hatte, was Irmgard Keun erlebt hatte, nicht beschädigt sein sollen? Nelly Sachs litt ein Leben lang unter der Zeit, die sie erleben musste, Marieluise Fleißers Karriere war zerstört worden, so ging es auch Irmgard Keun. Ab 1972 lernte sie langsam und mit Hilfe einer Freundin, bei der sie dann auch lebte, wieder selbstständig zu leben, im Dezember 1972 wurde sie entlassen. Freundschaften und die Beziehung zur Tochter halfen ihr, aber schreiben konnte sie nicht mehr.

Ein letztes Mal wurde sie wiederentdeckt: 1977 machte Gerd Roloff ihr Werk zum Gegenstand der Literaturwissenschaft, die Schriftstellerin Ursula Krechel setzte sich intensiv mit ihrem Werk auseinander und schrieb darüber. Der Journalismus entdeckte sie wieder, es entstanden große Reportagen und Interviews, ihre Werke wurden neu aufgelegt, in Deutschland wie im Ausland. Plötzlich war sie wieder berühmt, hielt Lesungen und hatte wieder Geld. Zur Feier ihres 70. Geburtstags, der eigentlich ihr 75. war, hielt die Schriftstellerin Elfriede Jelinek eine Rede, 1981 erhielt Keun den Marieluise-Fleißer-Preis der Stadt Ingolstadt. Zur Preisverleihung konnte sie nicht kommen, „Alter ist zum Kotzen“ schrieb die Münchner Zeitung „tz“ am 6. April 1981 als Überschrift über ein großes Interview mit ihr. Wie Keuns Biografin Hiltrud Häntzschel bemerkt, hatte Irmgard Keun mal wieder nur wenige Jahre etwas von ihrem Erfolg – so wie es in ihrem Leben immer wieder gewesen war. Am. 5. Mai 1982 starb Irmgard Keun an einem Lungentumor in Köln.

 

Werke:

Berühmt geworden ist Irmgard Keun mit ihren Romanen und Erzählungen „Gilgi, eine von uns“ (1931), „Das kunstseidene Mädchen“ (1932), „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ (1936), „Nach Mitternacht“ (1937), „D-Zug dritter Klasse“ (1938), „Kind aller Länder“ (1938), „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“ (1950). Sie veröffentlichte aber auch die autobiografischen „Bilder und Gedichte aus der Emigration“ (1947) sowie kleinere Artikel und Geschichten: „Scherzartikel“ (1951), „Wenn wir alle gut wären. Kleine Begebenheiten, Erinnerungen und Geschichten“ (1954) und „Blühende Neurosen. Flimmerkisten-Blüten“ (1962). Posthum erschienen ausgewählte Briefe aus dem Briefwechsel mit Arnold Strauss unter dem Titel „Ich lebe in einem wilden Wirbel“ (1988). 2017 ist das ganze Werk Irmgard Keuns in der „Bibliothek Wüstenrot Stiftung. Autorinnen des 20. Jahrhunderts“ in drei Bänden herausgegeben worden.

 

Verwendete Literatur:

  • Kerstin Barndt: „Eine von uns?“ Irmgard Keuns Leserinnen und das Melodramatische, in: Walter Fähnders/Helga Karrenbrock (Hrsgg.): Autorinnen der Weimarer Republik, 2. Aufl., Bielefeld 2008, S. 137-162
  • Hiltrud Häntzschel: Irmgard Keun, Reinbek bei Hamburg 2001
  • Renate Wall: Art. Irmgard Keun, in: Dies.: Lexikon deutschsprachiger Autorinnen im Exil 1933-1945, Gießen 2004, S. 190-195
  • Edda Ziegler: Verboten, verfemt, vertrieben. Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, rev. und erw. Neuausg., München 2010, S. 49-63

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