Die 2010er in Büchern

[ich mache nach wie vor Pause, eigentlich poste ich das hier gar nicht wirklich]

Auch wenn die Dekade erst nächstes Jahr endet, die Jahre, die mit 201* beginnen, sind bald Geschichte – und was ist in diesen Jahren eigentlich passiert? Ein (fragmentarischer) Rückblick in Büchern und Listen:

2010

51XCYrcMO5LMit diesem Jahr begann etwas, das noch das ganze Jahrzehnt prägen sollte, erkennbar ist dies insbesondere am Spiegel Jahres-Bestseller in der Kategorie „Sachbuch“: Auf Platz eins stand Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Richard David Prechts Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“, 2007 als Hardcover erschienen, schaffte es 2010 in der Taschenbuchausgabe immerhin noch auf Platz sieben der Jahres-Bestseller „Sachbuch“, sein 2010 aktuelles Buch „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ auf Platz fünfzehn – als Erbe der späten Nullerjahre konnte Precht sich auch in den 2010ern in der Öffentlichkeit behaupten und hatte seither zu praktisch allem eine Meinung. Ansonsten zeigt ein Blick auf die Spiegel Jahres-Bestseller „Sachbuch“: 2010 war Benedikt XVI. noch Papst, Gauck hat noch nicht Bundespräsident, hat aber schon gegauckt, und Roger Willemsen hat noch gelebt. Genauso wie Helmut Schmidt, der Anfang der 2010er Jahre noch rauchend in vielen Talkshows saß. Margot Käßmann hat auch einen Bestseller geschrieben, ansonsten war 2010 wohl nicht ihr Jahr, musste sie doch aufgrund eines Verkehrsdeliktes von ihrem Posten als Ratsvorsitzende der EKD zurücktreten.

Im Bereich der Spiegel Jahres-Bestseller „Belletristik“ stand 2010 irgendwo unter den Sternen von Tommy Jauds „Hummeldumm“, Jussi Adler-Olsens „Erbarmen“ und natürlich Stephenie Meyers „Bis(s)“-Reihe, die in diesem Jahr mit einem Spin-Off zu einem Ende kam. Der Hype um die Glitzer-Vampire sollte noch zwei bis drei Jahre anhalten. Jonathan Franzen schaffte es mit „Freiheit“ auf Platz vierzehn der Jahresbestseller, und eine andere Person, ganz ähnlich wie Richard David Precht ein Erbe der späten 00er-Jahre, konnte ihren literarischen Erfolg fortsetzen, der die 10er-Jahre begleiten sollte: Ferdinand von Schirachs zweites Buch „Schuld“ erschien und verkaufte sich offensichtlich sehr gut.

41kgVBD6tkLAch ja, und dann war 2010 noch Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“, das Anfang des Jahres auch in der Kategorie „Belletristik“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden ist, neben diesen Titeln:

  • Georg Klein – Roman unserer Kindheit
  • Jan Faktor – Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
  • Helene Hegemann – Axolotl Roadkill
  • Lutz Seiler – Die Zeitwaage
  • Anne Weber – Luft und Liebe

Den Preis erhielt dann Georg Kleins Roman. Ein Blick auf die Sachbuch-Nominierungen macht zudem deutlich, dass auch Frank Schirrmacher 2010 noch gelebt hat:

  • Ulrich Raulff – Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben. Eine abgründige Geschichte
  • Michael Hampe – Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück
  • Steffen Martus – Die Brüder Grimm. Eine Biographie
  • Frank Schirrmacher – Payback: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen
  • Wolfgang Ullrich – Raffinierte Kunst. Übung vor Reproduktionen

Gewonnen hat dann der Titel von Ulrich Raulff.

Beim Deutschen Buchpreis einigte man sich 2010 auf folgende Longlist:

  •  Alina Bronsky – Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
  • Nino Haratischwili – Juja
  • Thomas Hettche – Die Liebe der Väter
  • Michael Kleeberg – Das amerikanische Hospital
  • Michael Köhlmeier – Madalyn
  • Mariana Leky – Die Herrenausstatterin
  • Nicol Ljubić – Meeresstille
  • Kristof Magnusson – Das war ich nicht
  • Andreas Maier – Das Zimmer
  • Olga Martynova – Sogar Papageien überleben uns
  • Martin Mosebach – Was davor geschah
  • Hans Joachim Schädlich – Kokoschkins Reise
  • Andreas Schäfer – Wir vier
  • Joachim Zelter – Der Ministerpräsident

Und diese Shortlist:

  • Jan Faktor – Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
  • Thomas Lehr – September. Fata Morgana
  • Doron Rabinovici – Andernorts
  • Peter Wawerzinek – Rabenliebe
  • Judith Zander – Dinge, die wir heute sagten

Gewonnen hat dann: Melinda Nadj Abonji – Tauben fliegen auf.

Den Büchnerpreis erhielt Reinhard Jirgl, den Nobelpreis für Literatur Mario Vargas Llosa.

2011

51tAOsn2rlL__SX327_BO1,204,203,200_In diesem Jahr starb Steve Jobs und damit verlor die Marke Apple ein bisschen an Glanz im Vergleich zu den 00er Jahren. Seine Biografie wurde zum Spiegel Jahres-Bestseller in der Kategorie „Sachbuch“. Viel diskutiert wurde zudem über Helmut Kohls Privatleben, nicht zum ersten Mal, aber diesmal auch aufgrund der Sachbuchveröffentlichung seines Sohnes Walter KohlHelmut Kohl hat 2011 noch gelebt. Margot Käßmann hat ein Buch geschrieben, das sich gut verkauft hat, wie im Jahr zuvor auch und sonst eigentlich auch immer, insgesamt ohnehin viel Kontinuität zu 2010: Sarrazin, Precht, Schmidt verkaufen sich einfach weiter und prägen öffentliche Debatten.

Aber der Tod von Steve Jobs ist nicht der einzige, der sich in Sachbuchform in der Bestsellerliste niedergeschlagen hat: 2011 starb mit Loriot auch eine Legende humoristischer Auseinandersetzung mit der alten Bundesrepublik – was allerdings an seinen Sketchen lustig sein soll, hat sich 2011 denen, die die alte Bundesrepublik nicht mehr richtig erlebt haben, schon nicht mehr ganz erschlossen, zumindest viele meiner Mitstudierenden konnten über Loriot schon nicht mehr lachen. Seine Gespräche schafften es in diesem Jahr auf Platz 19 der Jahres-Bestseller.

Auch in den Spiegel Jahres-Bestsellern „Belletristik“ gab es Kontinuitäten zum Vorjahr: Adler-Olssen, Tommy Jaud, Ferdinand von Schirach waren wieder vertreten. Charlotte Roche konnte mit „Schoßgebete“ an den Erfolg des Vorgängers „Feuchtgebiete“ recht gut anschließen und mit Rita Falks Debütroman „Winterkartoffelknödel“, der eigentlich schon 2010 veröffentlicht worden war, hatte nun eine Autorin den Sprung in die Jahres-Bestsellerlisten geschafft, die gekommen war, um die ganzen 2010er über zu bleiben. Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, ein autobiografischer Familienroman über die Geschichte der DDR, hatte sich sehr gut verkauft, ebenso wie Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“, eine literarischen Auseinandersetzungen mit Demenz, auf die in diesem Jahrzehnt noch weitere folgen sollten.

41P1dA4AiDL__SX304_BO1,204,203,200_Sowohl Ruge als auch Geiger waren 2011 auch für publikumswirksame Buchpreise nominiert, so Geiger etwa für den Preis der Leipziger Buchmesse 2011:

  • Clemens J. Setz – Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes
  • Anna Katharina Fröhlich – Kream Korner
  • Arno Geiger – Der alte König in seinem Exil
  • Wolfgang Herrndorf – Tschick
  • Peter Stamm – Seerücken

Gewonnen hat den Preis „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ von Clemens Setz, damit gelang diesem Autor auch der Durchbruch zu einem breiteren Lesepublikum, das er auch in den Folgejahren halten sollte. In Erinnerung ist vielleicht trotzdem vielen eher Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ geblieben, das dann in der Taschenbuchausgabe auch zügig zur Schullektüre wurde – schon 2010 hatte der Autor nach seiner Krebsdiagnose mit seinem Blog „Arbeit und Struktur“ begonnen.

In der Kategorie „Sachbuch“ wurden für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert:

  •  Henning Ritter – Notizhefte
  • Patrick Bahners – Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift
  • Andrea Böhm – Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo
  • Karen Duve – Anständig essen. Ein Selbstversuch
  • Marie Luise Knott – Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt

Den Preis erhielt „Notizhefte“ von Henning Ritter. Die Debatte um den Islam, 2010 prominent und breitenwirksam von Sarrazin begonnen, hatte sich also schon 2011 im Literaturbetrieb niedergeschlagen, der sich mit der Nominierung der Streitschrift von Bahners recht klar gegen Sarrazin positionierte – wenn man solche Nominierungen so lesen darf. Auch die Wiederentdeckung des Denkens von Hannah Arendt war bereits in vollem Gange.

Für den Deutschen Buchpreis standen 2011 folgende Titel auf der Longlist:

  • Volker H. Altwasser – Letzte Fischer
  • Alex Capus – Léon und Louise
  • Wilhelm Genazino – Wenn wir Tiere wären
  • Navid Kermani – Dein Name
  • Esther Kinsky – Banatsko
  • Doris Knecht – Gruber geht
  • Peter Kurzeck – Vorabend
  • Ludwig Laher – Verfahren
  • Thomas Melle – Sickster
  • Klaus Modick – Sunset
  • Astrid Rosenfeld – Adams Erbe
  • Judith Schalansky – Der Hals der Giraffe
  • Jens Steiner – Hasenleben
  • Antje Rávic Strubel – Sturz der Tage in die Nacht

Ergänzt durch die Shortlist: 81uOINcnY4L

  • Jan Brandt – Gegen die Welt
  • Michael Buselmeier – Wunsiedel
  • Angelika Klüssendorf – Das Mädchen
  • Sibylle Lewitscharoff – Blumenberg
  • Marlene Streeruwitz – Die Schmerzmacherin

Den Preis erhielt Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, das, wie oben schon gezeigt, auch enormen Publikumserfolg hatte. Auf dieser Shortlist finden sich zudem einige Buchpreis-Nominierungs-Evergreens: Streeruwitz, Lewitscharoff, Klüssendorf – auch in den Folgejahren immer wieder nominiert, nie prämiert.

Den Büchnerpreis erhielt Friedrich Christian Delius, den Nobelpreis für Literatur Tomas Tranströmer.

2012

547d1b75e270beb69c8c592656c098c2v1_max_470x353_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a22012 sehnte man sich dann nach all dem Sarrazin-Unfug nach klarem Denken: Die Spiegel Jahres-Bestsellerliste „Sachbuch“ wurde angeführt von Rolf Dobellis „Die Kunst des klaren Denkens“. Von Dobelli ließ man sich, wie Platz vier deutlich macht, aber auch gerne hinsichtlich der „Kunst des klugen Handelns“ beraten. Ob es was gebracht hat? Zumindest politisch sollte es erst in ein paar Jahren richtig rund gehen, langfristig scheinen diese Bestseller also weder zu klarerem Denken noch zu klügerem Handeln geführt zu haben. Aber wer weiß, vielleicht lag es auch daran, dass Sarrazin schon den nächsten Bestseller („Europa braucht den Euro nicht“) nachgelegt hatte – zu dem Thema, das vor 2015 prominent die AfD bedient hatte. Thea Dorn schaffte es mit dem Thema, das sie ab 2010 beackterte – Deutschland und deutsch sein und alles rund herum – auf die Bestsellerliste, ihr unter Einbezug von Richard Wagner verfasstes „Die deutsche Seele“ andete auf Platz 19. Und spätestens mit „1913“ von Florian Illies, Sachbuch Jahres-Bestseller Platz acht, kam das nun die 2010er begleitende Schreiben von Jahreszahlenbüchern voller Jahresanekdoten zum Durchbruch. Peter Scholl-Latour stellte publikumswirksam fest, dass die Welt aus den Fugen war – da lebte Peter Scholl-Latour noch. Und Joachim Gauck war auch wieder in der Jahres-Bestsellerliste, nun mit „Freiheit“, dem Buch zu seinem Programm als Bundespräsident, denn in dieses Amt war er nun gewählt worden. Auch eine Biografie über ihn wurde ein Jahres-Bestseller.

31nfgxd06AL__SX334_BO1,204,203,200_In der Spiegel Jahres-Bestsellerliste „Belletristik“ wurde nun auch die Erinnerung an Stephenie Meyers Glitzer-Vampire endgültig vertrieben von Suzanne Collins‚ „Die Tribute von Panem“, die jetzt  den Young Adult-Markt dominierten. Und zwar gleich mit allen drei Bänden auf einmal. Und wer 2012 nicht Suzann Collins las, las „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green (Platz zehn). Adler-Olssen war wieder mal da, ach ja, und „Er ist wieder da“ von Timur Vermes passte gut in den Zeitgeist, wenn man schon eh im Sachbuch so viel über Deutschland nachdachte, wollte man auch in der Belletristik mal über Hitler lachen. Das Buch zog recht aufgeregte Debatten nach sich zu der Frage, inwiefern man Adolf Hitler zu einer humoristischen Figur machen dürfe. Schon hier zeichnete sich ab, dass nun in neuer Weise um Erinnerungskultur und um die Art des Erzählens über den Nationalsozialismus gerungen werden würde. Daneben Rückzug in Fantasiewelten, magischen Realismus und Coelho-Eso-Gedöns. Passt ja aber auch irgendwie zu Richard Wagner.

Der Preis der Leipziger Buchmesse war da ganz wo anders als auf den Jahres-Bestsellerlisten unterwegs. 2012 waren in der Kategorie „Belletristik“ nominiert:

  • Wolfgang Herrndorf – Sand
  • Anna Katharina Hahn – Am Schwarzen Berg
  • Thomas von Steinaecker – Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen
  • Sherko Fatah – Ein weißes Land
  • Jens Sparschuh – Im Kasten

Ausgezeichnet wurde „Sand“ von Wolfgang Herrndorf. Im der Kategorie „Sachbuch“ fanden sich kaum Bezüge zu aktuellen Debatten:

  • Jörg Baberowski – Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt
  • Carolin Emcke – Wie wir begehren
  • Manfred Geier – Aufklärung. Das europäische Projekt
  • Lothar Müller – Weiße Magie. Die Epoche des Papiers
  • Wilfried F. Schoeller – Alfred Döblin. Eine Biographie

Ausgezeichnet wurde Baberowskis „Verbrannte Erde“ – deutlich mehr Bekanntheit erlangte der Autor allerdings dann 2015 mit seiner Positionierung zur Flüchtlingspolitik. Mit Lothar Müllers „Weiße Magie“ wurde zudem die „Epoche des Papiers“ historisiert – dass die Digitalität mediale Gewohnheiten verändern würde, war längst deutlich, auch wenn die aufgeregteren Debatten um Buchverkaufszahlen und den Einfluss des Lesemediums auf das Lesen erst noch so richtig folgen sollten.

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis umfasste folgende Titel:

  • Bernd Cailloux – Gutgeschriebene Verluste
  • Jenny Erpenbeck – Aller Tage Abend
  • Milena Michiko Flašar – Ich nannte ihn Krawatte
  • Rainald Goetz – Johann Holtrop
  • Olga Grjasnowa – Der Russe ist einer, der Birken liebt
  • Bodo Kirchhoff – Die Liebe in groben Zügen
  • Germán Kratochwil – Scherbengericht
  • Dea Loher – Bugatti taucht auf
  • Angelika Meier – Heimlich, heimlich mich vergiss
  • Sten Nadolny – Weitlings Sommerfrische
  • Christoph Peters – Wir in Kahlenbeck
  • Michael Roes – Die Laute
  • Patrick Roth – Sunrise
  • Frank Schulz – Onno Viets und der Irre vom Kiez

Ergänzt um die Shortlist:9783990270240

  • Ernst Augustin – Robinsons blaues Haus
  • Wolfgang Herrndorf – Sand
  • Clemens J. Setz – Indigo
  • Stephan Thome – Fliehkräfte
  • Ulf Erdmann Ziegler – Nichts Weißes

Den Preis erhielt „Landgericht“ von Ursula Krechel.

Den Büchnerpreis erhielt Felicitas Hoppe, den Nobelpreis für Literatur Mo Yan.

2013

Marcel_Reich-Ranicki,_during_the_ceremony_of_the_Boerne-Preis,_2007Ende diesen Jahres starb eine Legende, der vielleicht wie kein anderer die Bedeutung, die das Feuilleton mal hatte, verkörpert hat: Am 13. September 2013 starb Marcel Reich-Ranicki. Eine öffentliche Person, die in gleicher Weise kluge Literaturkritik und Literaturvermittlung verbinden konnte und damit eine enorme kulturelle Prägekraft entwickelt hat, fehlt seither – und fehlte eigentlich schon in den letzten Jahren vor seinem Tod, in denen sich Reich-Ranicki, seinen legendären Auftritt bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2008 ausgenommen, sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Mit dem „Kritikerpapst“, wie man ihn da schon so nannte, zog sich auch der katholische Papst Benedikt XVI., der noch 2010 in den Bestsellerlisten vertreten gewesen war, von seinem Amt zurück und schlug mit diesem noch nie dagewesenen Vorgang ein neues Kapitel in der katholischen Kirchengeschichte auf. Wolfgang Herrndorf ging in den Freitod.

Apropos „Bestsellerlisten“ – damit wird es ab 2013 schwierig, die Listen wurden ab Ende 2012 feiner untergliedert und entsprechend übersichtliche pdfs finden sich nun im Internet nicht mehr ohne Weiteres, weswegen ich mich nun nach der Übersicht auf literaturkritik.de richte. Schon im Vorjahr durch Florian Illies „1913“ eingeleutet, setzte man sich dann auch 2013 mit dem ersten Weltkrieg auseinander, vor allem anhang von Christopher Clarks „Die Schlafwandler“. Spätestens jetzt sah man in den 2010er Jahren ständig eine ganz klare historische Parallele zu den 1910ern, ab 2015 dann zu den 1920ern. Frank Schirrmacher schrieb über das „Ego“, Richard David Precht über die Schule, Harald Welzer rief zu etwas auf, was in diesen und den kommenden Jahren sowieso jeder für sich beanspruchte „Selber denken“ und „Widerstand. Und Safranski schrieb über Goethe.

Shades of GreyGeheimes Verlangen von E L JamesIm Bereich Bellestristik war Timur Vermes „Er ist wieder da“ wohl immernoch da, dafür wurde Suzanne Collins‘ „Tribute von Panem“ schon wieder vertrieben von E. L. James‚ „Shades of Grey“. Ferdinand von Schirach war auch wieder da, wie immer eben, und Daniel Kehlmann hatte mit „F“ wieder einen Roman geschrieben, den viele mochten, nur die Literaturkritik war sich nicht so sicher, ob das nicht doch einfach zu gut ist.

Für den Preis der Leipziger Buchmesse waren 2013 in der Kategorie „Belletristik“ nominiert:

  • David Wagner – Leben
  • Ralph Dohrmann – Kronhardt
  • Lisa Kränzler – Nachhinein
  • Birk Meinhardt – Brüder und Schwestern
  • Anna Weidenholzer – Der Winter tut den Fischen gut

lebenAusgezeichnet wurde „Leben“ von David Wagner. In der Kategorie Sachbuch gewann Helmut Böttiger, nominiert waren insgesamt:

  • Helmut Böttiger – Die Gruppe 47
  • Götz Aly – Die Belasteten. Euthanasie 1939–1945
  • Kurt Bayertz – Der aufrechte Gang
  • Hans Belting – Faces. Kulturgeschichte des Gesichts
  • Wolfgang Streeck – Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus

Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises standen:

  • Ralph Dutli – Soutines letzte Fahrt
  • Thomas Glavinic – Das größere Wunder
  • Norbert Gstrein – Eine Ahnung vom Anfang
  • Daniel Kehlmann – F
  • Judith Kuckart – Wünsche
  • Olaf Kühl – Der wahre Sohn
  • Dagmar Leupold – Unter der Hand
  • Jonas Lüscher – Frühling der Barbaren
  • Joachim Meyerhoff – Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war
  • Thomas Stangl – Regeln des Tanzes
  • Jens Steiner – Carambole
  • Uwe Timm – Vogelweide
  • Nellja Veremej – Berlin liegt im Osten
  • Urs Widmer – Reise an den Rand des Universums

Ergänzt durch die Shortlist:

  • Mirko Bonné – Nie mehr Nacht
  • Reinhard Jirgl – Nichts von euch auf Erden
  • Clemens Meyer – Im Stein
  • Marion Poschmann – Die Sonnenposition
  • Monika Zeiner – Die Ordnung der Sterne über Como

Ausgezeichnet wurde „Das Ungeheuer“ von Terézia Mora.

Den Büchnerpreis erhielt Sibylle Lewitscharoff, den Nobelpreis für Literatur Alice Munro, was auch für ein neues Interesse an Kurzgeschichten sorgte.

2014

2014 starben Frank Schirrmacher und Peter Scholl-Latour, letzterer war auch auf der Spiegel Jahres-Bestsellerliste 2014 in der Kategorie „Sachbuch“ vertreten. 2014 ging fand man mit Hape Kerkeling „Der Junge muss an die frische Luft“ und suchte mit Wilhelm Schmid nach „Gelassenheit“, dachte mal wieder über Helmut Kohl nach, während Roger Willemsen den Blick lieber auf die Gegenwart lenkte. Ach ja, und die Toten Hosen, irgendwie sowas wie der Helmut Kohl des Punkrock, haben sich selbst historisiert, damit einen Bestseller gelandet und sich dann leider nicht aufgelöst, aber was hilft es.

DistelfinkDie Top Ten der Jahres-Bestseller „Belletristik“ ist voller Krimis, außerdem sprach Jan Weiler tausenden Eltern eines „Pubertiers“ aus der Seele und Jonas Jonasson veröffentlichte mit „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ einen weiteren Bestseller mit langem Titel. Immerhin: „Der Distelfink“ von Donna Tartt erschien, was nicht nur deswegen erwähnenswert ist, weil es ein sehr guter Roman ist, sondern auch deswegen, weil das bedeutet, dass vielleicht 2024 mal wieder ein Roman von Donna Tartt erscheinen könnte.

Sofern diese Angaben zu den Jahres-Bestsellerlisten 2014 stimmen, finden sich dort keine Überschneidungen mit den durch Buchpreise ausgezeichneten Titeln aus diesem Jahr.

Für den Preis der Leipziger Buchmesse waren in der Kategorie „Belletristik“ nominiert:

  • Saša Stanišić – Vor dem Fest
  • Fabian Hischmann – Am Ende schmeissen wir mit Gold
  • Per Leo – Flut und Boden: Roman einer Familie
  • Martin Mosebach – Das Blutbuchenfest
  • Katja Petrowskaja – Vielleicht Esther

Ausgezeichnet wurde „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić. In der Kategorie „Sachbuch“ waren nominiert:

  • Helmut Lethen – Der Schatten des Fotografen
  • Diedrich Diederichsen – Über Pop-Musik
  • Jürgen Kaube – Max Weber: Ein Leben zwischen den Epochen
  • Barbara Vinken – Angezogen: Das Geheimnis der Mode
  • Roger Willemsen – Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament

Wobei „Der Schatten des Fotografen“ von Helmut Lethen ausgezeichnet wurde.

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2014 umfasste die Titel:

  • Lukas Bärfuss – Koala
  • Ulrike Draesner – Sieben Sprünge vom Rand der Welt
  • Antonio Fian – Das Polykrates-Syndrom
  • Franz Friedrich – Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr
  • Esther Kinsky – Am Fluss
  • Michael Köhlmeier – Zwei Herren am Strand
  • Martin Lechner – Kleine Kassa
  • Charles Lewinsky – Kastelau
  • Matthias Nawrat – Unternehmer
  • Christoph Poschenrieder – Das Sandkorn
  • Saša Stanišić – Vor dem Fest
  • Marlene Streeruwitz – Nachkommen
  • Feridun Zaimoglu – Isabel
  • Michael Ziegelwagner – Der aufblasbare Kaiser

Ergänzt durch die Shortlist:

  • Thomas Hettche – Pfaueninsel
  • Angelika Klüssendorf – April
  • Gertrud Leutenegger – Panischer Frühling
  • Thomas Melle – 3000 Euro
  • Heinrich Steinfest – Der Allesforscher

Prämiert wurde „Kruso“ von Lutz Seiler.

Den Büchnerpreis erhielt Jürgen Becker, den Nobelpreis für Literatur Patrick Modiano.

2015

41830980zEin weiteres Urgestein der alten Bundesrepublik starb 2015: Helmut Schmidt. „Was ich noch sagen wollte“ wollten da doch viele noch wissen – sein Sachbuch landete auf Platz fünf der Spiegel Jahres-Bestseller „Sachbuch“. Außerdem ging es mit Peter Wohlleben in den Wald, „Das geheime Leben der Bäume“ erkunden, und während man so durch den Wald spazierte, sich weiter mit Wilhelm Schmid „Gelassenheit“ wünschte, auf weise Worte des Dalai Lama hören, mit glücklichen Elefanten und Kühen auf die Suche nach höheren Weisheiten oder mit dem Papst und Navid Kermani nach christlichen Werten gehen wollte, tobte das politische Leben doch auch in der Sachbuch-Bestsellerliste zunehmend: Jürgen Todenhöfer war „Inside IS“, Mohammed Hamed Abdel-Samad verfasste „Eine Abrechnung“ und mit „Gekaufte Journalisten“ von Udo Ulfkotte war ein „Lügenpresse, Lügenpresse“-Bestseller aus dem Kopp-Verlag viel zu oft über den Ladentisch gegangen.

UnterwerfungAm deutlichsten schlug sich diese sich nun aufheizende Stimmung auf der Spiegel Jahres-Bestsellerliste „Belletristik“ in dem auf Platz vier gelisteten Titel nieder: „Unterwerfung“ von Michel Houllebecq. Davon abgesehen: Viel Fitzek, viel Adler-Olssen, ein bisschen Donna Leon und Kerstin Gier, die nun unvermeidliche Jojo Moyes und mit „Altes Land“ von Dörte Hansen ein Überraschungserfolg, der eigentlich alle gefreut hat. Obwohl mit „Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick und „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler zwei deutschsprachige Autoren der Gegenwartsliteratur auf der Jahres-Bestsellerliste waren, gab es erneut keine Überschneidungen zu den von Buchpreisen nominierten und ausgezeichneten Titeln.

Das ist aber nicht so schlimm, denn mit dem Preis der Leipziger Buchmesse geschah in diesem Jahr etwas, was lange nicht geschehen und das überfällig war. Denn aus den in der Kategorie „Belletristik“ nominierten Titeln:

  • Jan Wagner – Regentonnenvariationen. Gedichte
  • Ursula Ackrill – Zeiden, im Januar
  • Teresa Präauer – Johnny und Jean
  • Norbert Scheuer – Die Sprache der Vögel
  • Michael Wildenhain – Das Lächeln der Alligatoren

51oQcxz7K+L__SX344_BO1,204,203,200_wurde mit „Regentonnenvariationen“ von Jan Wagner ein Gedichtband ausgezeichnet. Die dauerhaft medial unterrepräsentierte Gegenwartslyrik bekam damit ein wenig mehr Aufmerksamkeit. In der Kategorie „Sachbuch“ waren nominiert:

  • Philipp Ther – Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa
  • Philipp Felsch – Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960 bis 1990
  • Karl-Heinz Göttert – Mythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik
  • Reiner Stach – Kafka. Die frühen Jahre
  • Joseph Vogl – Der Souveränitätseffekt

Ausgezeichnet wurde der Titel von Philipp Ther – Europa rückte hier neu in den Fokus des Interesses.

Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 umfasste die Titel:

  • Alina Bronsky – Baba Dunjas letzte Liebe
  • Ralph Dutli – Die Liebenden von Mantua
  • Valerie Fritsch – Winters Garten
  • Heinz Helle – Eigentlich müssten wir tanzen
  • Gertraud Klemm – Aberland
  • Steffen Kopetzky – Risiko
  • Peter Richter – 89/90
  • Clemens J. Setz – Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
  • Anke Stelling – Bodentiefe Fenster
  • Ilija Trojanow – Macht und Widerstand
  • Vladimir Vertlib – Lucia Binar und die russische Seele
  • Kai Weyand – Applaus für Bronikowski
  • Christine Wunnicke – Der Fuchs und Dr. Shimamura
  • Feridun Zaimoglu – Siebentürmeviertel

Die Shortlist hingegen:

  • Jenny Erpenbeck – Gehen, ging, gegangen
  • Rolf Lappert – Über den Winter
  • Inger-Maria Mahlke – Wie Ihr wollt
  • Ulrich Peltzer – Das bessere Leben
  • Monique Schwitter – Eins im Andern

Ausgezeichnet wurde ein Buch mit langem Titel, nämlich Franz Witzels „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Der politisch aktuelleste Titel aus der Liste war wohl „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck, der auch international einige Aufmerksamkeit erhielt. Überhaupt war es im Jahr 2015 und 2016 erstaunlich, wie viele Romane, die ja lange zuvor geschrieben worden waren, sich mit Migration beschäftigten, im Februar 2016 folgte ja Abbas Khiders „Ohrfeige“, um nur einen Titel zu nennen, der viel gelesen wurde – das Thema hatte für aufmerksame Beobachter/innen der Zeit wohl schon Jahre zuvor deutlich in der Luft gelegen. 2015 war es dann allgegenwärtig.

Den Büchnerpreis erhielt Rainald Goetz, den Nobelpreis für Literatur Swetlana Alexijewitsch.

2016

Roger Willemsen starb.

StuckradBarre PanikherzUnd die Spiegel Jahres-Bestsellerliste „Sachbuch“ 2016zeigte vor allem große Kontinuitäten zu 2015: Viel Christentum, ob mit Navid Kermani oder mit Ildikó von Kürthy oder dem Papst oder Reiner Schiessler, ein bisschen Dalai Lama, viel Tier- und Pflanzenkunde mit Peter Wohlleben, daneben Jürgen Todenhöfers IS-Buch, schon wieder Thilo Sarrazin (mit „Wunschdenken“, das er freilich anderen unterstellt), und, von vielen freilich als schlechtes Zeichen gedeutet, die kommentierte neuausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Ein bisschen sehen die Sachbuch-Bestseller nun schon danach aus, als zögen die einen sich immer mehr aufs Beschauliche und Spirituelle zurück, während nebenan der politische Diskurs heißlief. Währenddessen fanden sich viele Kinder der 1990er in Stuckrad-Barres „Panikherz“ wieder, wer wird da gleich an Nostalgie denken.

51Dn5XMM3GLWeniger homogen als in den Vorjahren dagegen zeigt sich die Spiegel Jahres-Bestsellerliste „Belletristik“ 2016: J. K. Rowling führt diese mit „Harry Potter und das verwunschene Kind“ an, Jojo Moyes ist wieder dabei, weiterhin hat „Altes Land“ von Dörte Hansen großen Erfolg, zudem setzt das „Ferrante-Fieber“ ein: „Meine geniale Freundin“ erreichte Platz sechs. Gefolgt auf Platz sieben von Benedict Wells mit „Vom Ende der Einsamkeit“. Dass es Siegfried Lenz mit „Der Überläufer“ in die Bestsellerliste schaffen würde, hatte wohl niemand erwartet, ein paar Plätze weiter hinten auf der 14 folgt Joachim Meyerhoff mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, direkt gefolgt von Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“.

Letzterer war auch für den Preis der Leipziger Buchmesse 2016 in der Kategorie „Belletristik“ nominiert gewesen, den „Frohburg“ von Guntram Vesper gewann. Nominiert waren:

  • Guntram Vesper – Frohburg
  • Marion Poschmann – Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien
  • Roland Schimmelpfennig – An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
  • Nis-Momme Stockmann – Der Fuchs
  • Heinz Strunk – Der goldene Handschuh

In der Kategorie „Sachbuch“ waren nominiert:

  • Jürgen Goldstein – Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt
  • Christoph Ribbat – Im Restaurant. Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne
  • Ulrich Raulff – Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung
  • Werner Busch – Adolph Menzel. Auf der Suche nach der Wirklichkeit
  • Hans Joachim Schellnhuber – Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff

Ausgezeichnet wurde „Georg Forster“ von Jürgen Goldstein. Und der Klimawandel war, wie der Titel von Schellnhuber zeigt, hier schon ein Thema im Sachbuch – in zwei Jahren sollte dieses Thema dann das 2016 dominierende Thema „Migration“ verdrängen.

Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016 standen:

  • Akos Doma – Der Weg der Wünsche
  • Gerhard Falkner – Apollokalypse
  • Ernst-Wilhelm Händler – München
  • Michael Kumpfmüller – Die Erziehung des Mannes
  • Katja Lange-Müller – Drehtür
  • Dagmar Leupold – Die Witwen
  • Sibylle Lewitscharoff – Das Pfingstwunder
  • Joachim Meyerhoff – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
  • Hans Platzgumer – Am Rand
  • Arnold Stadler – Rauschzeit
  • Peter Stamm – Weit über das Land
  • Michelle Steinbeck – Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch
  • Thomas von Steinaecker – Die Verteidigung des Paradieses
  • Anna Weidenholzer – Weshalb die Herren Seesterne tragen

Auf der Shortlist:

  • Reinhard Kaiser-Mühlecker – Fremde Seele, dunkler Wald
  • André Kubiczek – Skizze eines Sommers
  • Thomas Melle – Die Welt im Rücken
  • Eva Schmidt – Ein langes Jahr
  • Philipp Winkler – Hool

Ausgezeichnet wurde „Widerfahrnis“ von Bodo Kirchhoff.

Den Büchnerpreis erhielt Marcel Beyer, den Nobelpreis für Literatur Bob Dylan – eine Entscheidung, die kontrovers diskutiert wurde, die aber zumindest Bob Dylan relativ egal war.

2017

33223033__UY302_SS302_Mit Helmut Kohl starb „Der Kanzler der Einheit“ just in dem Augenblick, als die bleibenden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, die Fehler und Versäumnisse der Wende nicht nur immer klarer vor Augen standen, sondern auch immer stärker öffentlich thematisiert wurden. Auf dem Sachbuch-Markt schlug sich das erst später nieder, aber weiterhin bereitete Peter Wohlleben der Klimabewegung in der Sachbuch Jahres-Bestsellerliste des Spiegels den Boden – und das gestiegene Interesse für alternative Medizin, vermutlich der freundliche keine Bruder der Impfkritik, schlug sich ebenfalls deutlich in den meist verkauften Sachbuchtitel nieder. Noch war man aber eher damit beschäftigt, die Vorjahre zu verarbeiten: Der verstorbene Roger Willemsen ist mit „Wer wir waren“ auf Platz vier vertreten gewesen, das nach wie vor dominierende Thema „Migration“ mit „Die Getriebenen“ von Robin Alexander.

4118pmf4SxLDa waren die Jahres-Bestseller „Belletristik“ thematisch schon einen Schritt weiter: Mit „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde stand hier ein Titel auf Platz eins, der schon deutlich das Thema Klimawandel aufgegriffen hat. Daneben wieder einige übliche Verdächtige (Dan Brown, Ken Follett, Adler-Ohlsen, Fitzek). Daniel Kehlmann hat mit „Tyll“ einen neuen Roman geschrieben, der auf Platz drei der Jahres-Bestseller stand und den dann doch fast auch einige Literaturkritiker/innen beinahe ganz gut fanden, und Elena Ferrante hielt sich in den Bestsellerlisten. Mit Robert Menasses „Die Hauptstadt“ schaffte es ein von einem Buchpreis ausgezeichneter Roman auf die Jahres-Bestsellerliste (Platz nein).

Zunächst aber die Nominierten und Ausgezeichneten beim Preis der Leipziger Buchmesse 2017. In der Kategrie „Belletristik“:

  • Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol
  • Lukas Bärfuss – Hagard
  • Brigitte Kronauer – Der Scheik von Aachen
  • Steffen Popp – 118
  • Anne Weber – Kirio

Ausgezeichnet wurde „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin. In der Kategorie „Sachbuch“:

  • Barbara Stollberg-Rilinger – Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit
  • Leonhard Horowski – Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts
  • Klaus Reichert – Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen
  • Jörg Später – Siegfried Kracauer. Eine Biographie
  • Volker Weiß – Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes

Wobei „Maria Theresia“ von Barbara Stollberg-Rilinger ausgezeichnet wurde.

Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises standen:

  • Mirko Bonné – Lichter als der Tag
  • Monika Helfer – Schau mich an, wenn ich mit dir rede!
  • Christoph Höhtker – Das Jahr der Frauen
  • Jonas Lüscher – Kraft
  • Birgit Müller-Wieland – Flugschnee
  • Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten
  • Kerstin Preiwuß – Nach Onkalo
  • Robert Prosser – Phantome
  • Sven Regener – Wiener Straße
  • Ingo Schulze – Peter Holtz
  • Michael Wildenhain – Das Singen der Sirenen
  • Julia Wolf – Walter Nowak bleibt liegen
  • Christine Wunnicke – Katie
  • Feridun Zaimoglu – Evangelio

48070670zDazu auf der Shortlist:

  • Gerhard Falkner – Romeo oder Julia
  • Franzobel – Das Floß der Medusa
  • Thomas Lehr – Schlafende Sonne
  • Marion Poschmann – Die Kieferninseln
  • Sasha Marianna Salzmann – Außer sich

Wobei der oben erwähnte Roman „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse ausgezeichnet wurde.

Den Büchnerpreis erhielt der zwei Jahre zuvor mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnete Jan Wagner, was Helmut Maier so geärgert hat, dass dieser den Alternativen Büchnerpreis an Wolf Wondraschek verlieh, die 50 000 Euro Preisgeld hat er dafür mal eben selbst bezahlt. Den Nobelpreis für Literatur erhielt Kazuo Ishiguro.

2018

51TPtr8WTVLDie Spiegel Jahres-Bestseller für das Jahr 2018 sind wieder etwas schwer zugänglich, wenn man kein Buchreport-Abo hat – daher nur ein Blick auf die jeweils ersten fünf Plätze. Michelle Obamas „Becoming“ war der meistgelesene Titel 2018 im Sachbuch, vielleicht auch befeuert durch den Wunsch, die Obamas, nicht die Trumps würden die USA nach wie vor politisch repräsentieren – auch mit Trump beschäftigte sich einer der Sachbuch-Bestseller. Stephen Hawking, der 2018 starb, gab „Kurze Antworten auf große Fragen“, man beschäftigte sich mit Bas Kast mit Ernährung, kein Wunder, schon wieder der nächste Bestseller von Thilo Sarrazin konnte einem ja auch auf den Magen schlagen.

In der Belletristik waren vorwiegend alte Bekannte: Fitzek hatte mal wieder ein Buch geschrieben, das sich gut verkauft hatte, also wie jedes Jahr, genauso wie Jojo Moyes. Frank Schätzings „Die Tyranei des Schmetterlings“ hatte sich ebenfalls sehr gut verkauft, auch keine große Überraschung, Dörte Hansen konnte mit „Mittagsstunde“ an alte Erfolge anknüpfen, Nele Neuhaus‚ Erfolg hat wohl auch niemanden wesentlich überrascht. Aber so ein bisschen Stabilität schadet ja auch nie, und vielleicht wäre auf den folgenden Plätzen mehr Abwechslung geboten gewesen.

Und Stabilität konnte der Buchmarkt auch brauchen, wurde doch 2018 wie selten zuvor über die immer weiter sinkenden Buchkäuferzahlen debattiert.

Für den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 waren in der Kategorie „Belletristik“ nominiert:

  • Esther Kinsky – Hain: Geländeroman
  • Isabel Fargo Cole – Die grüne Grenze
  • Anja Kampmann – Wie hoch die Wasser steigen
  • Georg Klein – Miakro
  • Matthias Senkel – Dunkle Zahlen

Wobei „Hain“ von Esther Kinsky ausgezeichnet wurde. In der Kategorie „Sachbuch“:

  • Karl Schlögel – Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt
  • Martin Geck – Beethoven. Der Schöpfer und sein Universum
  • Gerd Koenen – Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus
  • Andreas Reckwitz – Die Gesellschaft der Singularitäten
  • Bernd Roeck – Der Morgen der Welt

Der Preis ging an Karl Schlögel – das nachhaltigste Echo erhielt wohl Andreas Reckwitz.

Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018 standen:

  • Carmen-Francesca Banciu – Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!
  • Susanne Fritz – Wie kommt der Krieg ins Kind
  • Arno Geiger – Unter der Drachenwand
  • Franziska Hauser – Die Gewitterschwimmerin
  • Helene Hegemann – Bungalow
  • Anja Kampmann – Wie hoch die Wasser steigen
  • Angelika Klüssendorf – Jahre später
  • Gert Loschütz – Ein schönes Paar
  • Gianna Molinari – Hier ist noch alles möglich
  • Adolf Muschg – Heimkehr nach Fukushima
  • Eckhart Nickel – Hysteria
  • Josef Oberhollenzer – Sültzrather
  • Matthias Senkel – Dunkle Zahlen
  • Christina Viragh – Eine dieser Nächte

514lH0tdrWLDazu auf der Shortlist:

  • María Cecilia Barbetta – Nachtleuchten
  • Maxim Biller – Sechs Koffer
  • Nino Haratischwili – Die Katze und der General
  • Susanne Röckel – Der Vogelgott
  • Stephan Thome – Gott der Barbaren

Die Preisträgerin war Inger-Maria Mahlke mit „Archipel“.

Den Büchnerpreis erhielt Terézia Mora, der Nobelpreis für Literatur wurde 2018 aufgrund von Vorfällen, die im Kontext der #MeToo-Debatten aufgedeckt worden waren, nicht vergeben. Er wurde 2019 rückwirkend an Olga Tokarczuk verliehen.

2019

Die Spiegel Jahres-Bestsellerlisten 2019 liegen wohl noch nicht vor, aber immerhin gab es dieses Jahr kein Buch von Thilo Sarrazin. Insgesamt hat sich der Buchmarkt 2019 etwas stabilisiert, insgesamt etwa 300 000 Kund/innen mehr haben ein Buch gekauft. Das ist ein kleiner Schritt, aber immerhin. Insbesondere der Sachbuchmarkt hat sich stabilisieren können. In der Belletristik wurde Anfang des Jahres insbesondere über „Stella“ von Takis Würger, in der Mitte des Jahres über „Miroloi“ von Karen Köhler und am Ende des Jahres über Peter Handke debattiert.

Für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 waren in der Kategorie „Belletristik“ nominiert:

  • Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen
  • Kenah Cusanit – Babel
  • Matthias Nawrat – Der traurige Gast
  • Jaroslav Rudiš – Winterbergs letzte Reise
  • Feridun Zaimoglu – Die Geschichte der Frau

u1_978-3-7371-0013-7Wobei „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling den Preis erhalten hat und in der Folge Einzug in die Bestsellerlisten hielt. In der Kategorie „Sachbuch“ waren

  • Harald Jähner – Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955
  • Frank Biess – Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik
  • Marko Martin – Das Haus in Habana. Ein Rapport
  • Lothar Müller – Freuds Dinge. Der Diwan, die Apollokerzen & die Seele im technischen Zeitalter
  • Kia Vahland – Leonardo da Vinci und die Frauen. Eine Künstlerbiographie

nominiert worden, der Preis ging an „Wolfszeit“ von Harald Jähner.

Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 standen:

  • Nora Bossong – Schutzzone
  • Jan Peter Bremer – Der junge Doktorand
  • Andrea Grill – Cherubino
  • Karen Köhler – Miroloi
  • Angela Lehner – Vater unser
  • Emanuel Maeß – Gelenke des Lichts
  • Alexander Osang – Die Leben der Elena Silber
  • Katerina Poladjan – Hier sind Löwen
  • Lola Randl – Der Große Garten
  • Eva Schmidt – Die untalentierte Lügnerin
  • Marlene Streeruwitz – Flammenwand
  • Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter
  • Norbert Zähringer – Wo wir waren
  • Tom Zürcher – Mobbing Dick

Hinzu kommen auf der Shortlist:stanisic herkunft

  • Raphaela Edelbauer – Das flüssige Land
  • Miku Sophie Kühmel – Kintsugi
  • Tonio Schachinger – Nicht wie ihr
  • Norbert Scheuer – Winterbienen
  • Jackie Thomae – Brüder

Der Preis ging an „Herkunft“ von Saša Stanišić.

Der Büchnerpreis wurde an Lukas Bärfuss vergeben, nicht ohne Kontroverse blieb die Entscheidung, den Nobelpreis für Literatur an Peter Handke zu verleihen.

 

[Beitragsbild von Vernon Raineil Cenzon auf unsplash.com]


5 Gedanken zu “Die 2010er in Büchern

  1. Vielen Dank für diese umfangreiche Liste. Das hat doch sicher viel Zeit gekostet, alles zusammen zu tragen. Ich habe bei der Gelegenheit feststellen können, dass ich etwa 10 % der aufgeführten Bücher gelesen habe und weitere 10 % noch immer auf meiner Wunschliste stehen. Immer wieder kommen Bücher dazwischen, die sich vordrängen.

  2. Vielen Dank für diese tolle Übersicht! Was da alles wieder hochplöppt, wenn man so viele Jahre vorwiegend literarisch Revue passieren lässt … Auf den neuen von Donna Tartt freue ich mich auch, hoffentlich kommt er etwas früher. Ein schönes neues Jahr und herzliche Grüße!

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