Hans-Ulrich Treichel – Tagesanbruch

Treichel TagesanbruchUnd dann gibt es ja Bücher, die aus irgendeinem Grund kaum besprochen werden, weder von Blogs, noch von etablierten Medien. So ein Buch ist „Tagesanbruch“ von Hans-Ulrich Treichel, und das völlig zu Unrecht, vermutlich ist es um einiges besser als einige der viel besprochenen Bücher. Zudem ist es ein wenig überraschend, Treichel ist ja nun nicht gerade ein unbekannter Debütautor, und wenn Schlink ein neues Buch veröffentlicht, sind doch eigentlich auch alle bei Fuß. Vielleicht liegt es daran, dass Treichel hier – mal wieder – um die Themen kreist, die eben schon mehrfach Inhalt seiner Romane waren: Der Schatten des zweiten Weltkrieges, den dieser durch Flucht und Wiederaufbau hindurch auf die Zeit ab 1945 wirft. Dennoch verpasst derjenige, der jetzt abwinkt und „ach, schon wieder das“ sagt, ein Buch, das vielleicht lesenswerter ist, als manche anderen der derzeitigen Neuerscheinungen (man könnte ja auch NOVITÄTEN schreiben), denn dieses Buch ist nicht deswegen kurz (ca. 80 Seiten), weil es nichts zu erzählen hätte, sondern weil hier eben das passiert, was das Wort „Dichtung“ ja schon nahe legt: Verdichtung.

Die Erzählung besteht aus einem Monolog einer Frau, die im Morgengrauen Abschied von ihrem eben an Krebs verstorbenen Sohn nimmt, den sie zu Hause gepflegt hat. Sie hat ihm noch etwas zu sagen, bevor es Tag wird und sie den Arzt anruft, um ihn über den Tod des Sohnes zu informieren, etwas, das sie ihm zeitlebens verschwiegen hat und das ihr nun auszusprechen auch schwerfällt: Die Geschichte ihrer Flucht als Wolhyniendeutsche und die Geschichte der damit zusammenhängenden Traumatisierung.

Das Trauma und das Schweigen

Dabei werden die unterschiedlichen Teile der Erzählung – sie ist in zwei Teile gegliedert, die sich vor allem in ihrer Nähe zum Sohn unterscheiden, dazu später mehr – und Zeitebenen der Erzählung mehr von Motiven als von einer Handlung zusammengehalten. Eine Handlung gibt es ja ohnehin nur in der Erzählung, in der Vergangenheit, in der Gegenwart, in der erzählt wird, ist alles tot, erstarrt, gibt es nur das Warten auf den neuen Tag, der vielleicht einen Neuanfang bieten könnte, da mit dem Sohn auch die Verbindung zur Vergangenheit gestorben und mit dem Erzählen der Vergangenheit diese ausgesprochen ist: Zumindest plant die Erzählerin, am kommenden Tag geringe Veränderungen in der Wohnung vorzunehmen, einiges soll wegeräumt werden, so das Aquarium oder das Bild der Vogeluhr, ein Geschenk des verstorbenen Mannes und damit auch ein Teil der Vergangenheit.

Ein solches Motiv, das besonders deutlich den ersten Teil der Erzählung durchzieht, ist die Ankündigung des Anrufens des Arztes bei Tagesanbruch, wobei der Zeitpunkt für diesen immer weiter nach hinten verschoben wird, denn vor Tagesanbruch will die Erzählerin ihre Geschichte erzählt haben, was ihr deutlich schwer fällt und was daher immer weiter hinausgezögert wird: Ihre Geschichte muss in Anwesenheit ihres Sohnes, der das lebendige Zeichen der Vergangenheit war, erzählt werden, und somit bevor der Arzt den Leichnam abtransportieren lässt. Auch der zweite Teil wird durch ein solches Motiv zusammengehalten, das mit dem ersten in Verbindung steht, es ist der Satz „Man muss alles aussprechen“, der immer wieder in mitunter leichten Variationen aufgegriffen wird. Allerdings scheitert die Erzählerin bei ihrem Versuch, ihr Trauma auszusprechen, sie kann es nicht aussprechen: Im ersten Teil der Erzählung in direkter räumlicher Nähe zum Sohn gelingt es gar nicht, im zweiten Teil nur schriftlich:

„Man muss alles aussprechen. Und wenn man es nicht aussprechen kann, dann muss man es aufschreiben. Ich habe alles aufgeschrieben. Auch wenn die Hand zittert.“ (S. 83f.)

Auch wenn die Vergangenheit also zum Ausdruck gekommen ist, wurde sie doch bis zum Ende nicht ausgesprochen, dem Leser gegenüber nicht, dem toten Sohn gegenüber nicht und erst recht dem lebendigem Sohn gegenüber nicht, denn:

„Es gibt ja auch nichts zu reden. Ich wusste ohnehin alles, den ganzen Schrecken. Den der anderen und unseren. Das haben wir dir alles nicht erzählt, zumindest nicht im Einzelnen, man muss nicht alles mit seinen Kindern bereden. Man kann auch nicht alles erklären. Man kann nicht nur seinen Kindern nicht alles erklären, man kann auch sich selbst nicht alles erklären. Das Schlimme ohnehin nicht. Aber das weniger Schlimme manchmal auch nicht.“ (S. 13)

Treichel fixiert damit das Schweigen der traumatisierten Kriegsgeneration, der Fluchtgeneration, und also der Generation meiner Großeltern, das Schweigen, das ein Loch in Familiengeschichten und Geschichtsschreibung reißt und das ja außer von Treichel von kaum jemandem literarisch bearbeitet wird. Die groben Daten, die kennt man – Opa war im Krieg, danach in Russland in Kriegsgefangenschaft, dort war es kalt – aber mehr weiß man über diese Jahre bei den eigenen Familienmitgliedern nicht. Und eben dieses Schweigen wird hier ausgesprochen. Diese Generation spricht nicht einmal untereinander über das, was während des Krieges passiert ist, als der Bruder der Erzählerin als einziger von ehemals zwölf Geschwistern nach dem Krieg und Jahren der Kriegsgefangenschaft wieder bei ihr auftaucht, redet sie mit ihm weder über die Jahre in Russland, noch fragt sie ihn, was er im Krieg gemacht habe:

„Zehn Jahre Kriegsgefangenschaft in Russland, was soll man dazu sagen?“ (S. 30)

Verlust, Aufstieg und Furcht

Das, was verschwiegen wird, sind Traumatisierung und Verlust durch den Krieg, die Flucht und das, was während der Flucht geschah: Die Erzählerin und ihr Mann verloren ihre Heimat, ihre Familie und ihre Würde. Und als Folge davon verliert die Frau ihren Glauben – auch dies ein Motiv, das die ganze Erzählung durchzieht, bis hin zu dem gerahmten Druck der betenden Hände von Dürer, die stellvertretend für die Erzählerin beten sollen (vgl. S. 87) und als Folge des Krieges und der Verlustes eines Armes verliert der Mann im wahrsten Sinne des Wortes sein Gleichgewicht:

„Der Rücken, der Bauch, alles musste mit Hilfe des Korsetts gestützt und gehalten werden. Als ob der fehlende Arm auch den Rücken und den Bauch aus dem Gleichgewischt gebracht hätte.“ (S. 9)

Und so, wie der Mann hier sein Gleichgewicht verloren hat und nur noch künstlich aufrecht gehalten wird, so ist das Ehepaar auf der Flucht aus dem Gleichgewicht geraten und wird in der Zeit des Wirtschaftswunders künstlich durch die Arbeit aufrecht gehalten: Die beiden führen ein Textilgeschäft, erleben einen bescheidenen wirtschaftlichen wie sozialen Aufstieg, können sich ein Haus kaufen, ohne jedoch ein Zuhause kaufen zu können:

„Endlich ein Zuhause, hat er immer wieder gesagt. Ich habe ihm zugestimmt und mich zugleich in unserem Zuhause gefürchtet.“ (S. 55)

Und auch wenn der Mann hier das Haus als Zuhause bezeichnet, so findet doch auch er immer wieder keinen Schlaf (vgl. S. 57) und beginnt, schlafzuwandeln – was von der Frau auf die ständigen Sorgen, die blieben, zurückgeführt wird. Der materielle Wohlstand führt nicht zu Wohlgefühl, die materielle Sicherheit nicht zu einem Sicherheitsgefühl, sondern zu Furcht. Das Klavier, das das Ehepaar für den Sohn kauft, ist gleichermaßen nicht nur Zeichen des sozialen Aufstiegs und Prestigeobjekt – beide sind stolz, ein solches Markeninstrument, wie immer wieder betont wird, gekauft zu haben – sondern auch Symbol der Funktionslosigkeit der Bemühungen, Wünsche und Träume der Eltern: Der Sohn, für den das Klavier gekauft wurde, will nicht Klavier spielen. Trotzdem wird das Klavier weiter regelmäßig gestimmt, es wird also künstlich funktionsfähig gehalten, so wie der Mann künstlich durch ein Korsett gestützt wird.

Wie wenig materieller Aufstieg und Wohlbefinden miteinander korrelieren wird deutlich, wenn die Erzählerin immer wieder berichtet, im kalten, ungeheizten Wohnzimmer die Buchführung für das Geschäft erledigt zu haben – wirtschaftlicher Aufschwung und soziale Kälte sind unmittelbar verbunden.

Einsamkeit und das Fremde

Grund für das die Furcht, die Sorge und das Fehlen des Gefühls, zuhause zu sein, ist die Einsamkeit und Entfremdung.

„Man muss nicht vertrieben und besitzlos sein, um sich heimatlos und verloren zu fühlen, das kann einem auch auf eigenem Grund und Boden geschehen“ (S. 55),

wie die Erzählerin über die vereinsamte Vorbesitzerin des Hauses berichtet. Vor dem Krieg, im Schutze der Großfamilie, kannte die Erzählerin die Furcht nicht, denn „wir waren so viele, was sollte mir dort passieren.“ (S. 57). Es sind die Flucht und die Traumatisierung während der Flucht, die die Erzählerin und ihren Mann dauerhaft von sich selbst und voneinander entfremden und in die Einsamkeit verbannen, die aber auch zu einer dauerhaften Einsamkeit und Fremdheit unter Leuten derselben Nationalität führt: Es sind gerade die Deutschen um sie herum, denen gegenüber sich die Erzählerin fremd fühlt: In ihrer Umgebung waren sie und ihr Mann die einzigen Geflohenen (vgl. S. 22), bald hatten die Leute kein Verständnis mehr für die vom Krieg Versehrten (vgl. S. 24). Endgültig führt die Krankheit des Sohnes zu einer Entfremdung von der Umwelt: Es wird nicht als normal angesehen, dass sie ihren Sohn zu Hause pflegt, die Hospizhelferin macht Mutter und Sohn Vorwürfe

„[w]eil wir das nicht vollkommen normal gefunden haben, dass du sterbenskrank bist. Wie müssen alle mal sterben, hat sie immer nur gesagt.“ (S. 20)

Vor allem aber stört es sie, wenn Fremde in die Wohnung kommen, die sie über die Krankheit des Sohnes ausfragen, um die eigene Neugier zu besänftigen. Erneut führt das zu einem Verstummen der Erzählerin, die es leid ist, das Schicksal des Sohnes zu erklären:

„Deine Krankheit sollte nicht dazu dienen, allen anderen Erleichterung darüber zu verschaffen, dass das Schicksal sie bisher verschont hatte. Denn darauf lief diese ganze Anteilnahme letztlich hinaus.“ (S. 50)

Die Vereinsamung mitten unter Menschen ist Folge fehlender Kommunikation und echter Anteilnahme am Schicksal des anderen: Man kann nichts erklären und man will auch nichts erklären. Im Kontrast zu diesen Leuten stehen die Nachbarn der Erzählerin, eine Familie aus Tunesien, mit denen sie sich anfreundet: Die Frau aus dieser Familie hilft bei der Pflege des Sohnes, die Erzählerin passt manchmal auf deren Tochter auf, sie wird von der tunesischen Familie zu ihrer Freude „Mutter der Mütter“ genannt. Hier findet die Erzählerin ein Familienkonzept und ein Verständnis von gegenseitiger Anteilnahme und Fürsorge, das ihrem gleicht – als die tunesische Großmutter zu Besuch kommt, versteht sich die Erzählerin mit ihr aufgrund ihrer echten Anteilnahme am Schicksal des kranken Sohnes sofort, trotz oder vielleicht gerade deswegen, weil eine sprachliche Verständigung mit ihr nicht möglich ist. Auch die vietnamesischen Supermarktbetreiber werden wegen ihrer Hilfsbereitschaft und Höflichkeit positiv betrachtet. Verbindend sind für die Erzählerin also bestimmte Verhaltensweisen im Umgang miteinander, gegenseitige Fürsorge, die ihr ihre Furcht nehmen – nicht gemeinsame Nationalzugehörigkeit. Und das ist ja durchaus auch eine Botschaft, die auch eine heutige tagespolitische Stoßrichtung hat: Nicht das sprachlich oder geographischer Herkunft nach Fremde, die Zugewanderten, sind fremd, sondern die Deutschen, die einander entfremdet leben, sind hier fremd.

Der Schluss, dass für diese sozial erkaltete Gesellschaft allegorisch das Aquarium der Erzählerin steht, in dem die Fische sich trotz bester Versorgung mit Futter und frischem Wasser gegenseitig aufzufressen begonnen haben, liegt nahe.

Doch Flucht, Verlust und Traumatisierung führen nicht nur zu einer Entfremdung von der deutschen Nachkriegsgesellschaft, sondern auch vom eigenen Sohn: Der Sohn lehnt den Lebensweg der Eltern – das Klavier, die Kirchbesuche, die Einrichtung der Mutter, die als kitschig verlacht wird – ab, er will seinen eigenen Weg gehen, zieht sich zurück, kommt selten zu Besuch. Die Mutter reagiert mit Rücksichtnahme und Verständnis, aufgrund der Vorgeschichte, die sie dem Sohn nie verraten hat, immer in gewisser Fremdheit und Unsicherheit dem Sohn gegenüber. Erst als der Sohn tot ist, will sie die Entfremdung zwischen ihm und ihr aufheben, will die Vergangenheit aussprechen: Im ersten Teil der Erzählung hält sie seinen Leichnam auf ihrem Schoß und in dieser Nähe scheitert ihr Versuch, zu erzählen. Erst im zweiten Teil, der eine räumliche wie innerliche Entfernung vom toten Sohn bedeutet – sein Gesicht erscheint ihr nun verzerrt, er wird immer schwerer, während sie ihn zuvor leicht hat hochheben können, ist er nun beinahe zu schwer, sie verlässt den Raum, in dem sein Leichnam liegt, der im ersten Teil mit „du“ Angesprochene kommt nun nur noch als „er“ vor –, also erst in der Entfernung von der personifizierten Vergangenheit, gelingt das Aufschreiben. Und erst nach dem Aufschreiben, das kein Aussprechen ist, kann der Arzt gerufen und vielleicht die Vergangenheit zur Seite geräumt werden.

Gerade wenn man noch nie etwas von Treichel gelesen hat (aber auch wenn man das mal gemacht hat), sollte man „Tagesanbruch“ ruhig einmal lesen, denn es erzählt in einer konzeptionell, atmosphärisch wie sprachlich außergewöhnlichen Dichte von dem Schweigen, dass die Nachkriegszeit bis heute durchzieht: In Wahrheit wissen die meisten, die von Nachkriegsdeutschen abstammen, nur sehr vage, was während und kurz nach dem Krieg in der eigenen Familie passiert ist.

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17 Gedanken zu „Hans-Ulrich Treichel – Tagesanbruch

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Hans-Ulrich Treichel – Tagesanbruch – #Literatur

  2. Marina Büttner

    Spannend. Ich habe mich auch gewundert, dass ausgerechnet Treichel so wenig besprochen wird. Vielleicht sind seine Themen vielen wirklich zu unbequem? Vielleicht, weil es diesmal nur so ein kurzes Bändchen ist? Ich mag ihn sehr, habe Tagesanbruch kürzlich gelesen und schreibe auch noch auf literaturleuchtet darüber, muss aber noch die richtige Stimmung dazu finden.
    Viele Grüße!

    Antwort
  3. SätzeundSchätze

    Ein interessanter Tipp, danke. Ich kenne Treichel bislang nur als Lyriker – die „Verdichtung“ ist ihm also wohl eine gute Übung. Die ausgewählten Zitate, dein Fazit deiner Besprechung – es scheint etwas zu sein, das ich lesen will.

    Antwort
  4. Claudia

    „Tagesanbruch“ liegt schon hier und wartet darauf, gelesen zu werden. Es wird mein erster Treichel sein, ich bin schon gespannt. Auch nach Deinem beitrag, der uns das Buch ja nachdrücklich zur Lektüre empfiehlt. In der Sz hat es am vergangenen samstag (glaube ich) auch eine Besprechunge gegeben, ähnlich positiv im Fazit. Manchmal braucht ein Buch vielleicht auch ein bisschen Zeit bis es – neben dem vielen Getöse um andere Bücher – in die Wahrnemung vordringt.
    Viele Grüße, Claudia

    Antwort
      1. Claudia

        Es wird aber noch dauern…. Ich habe gerade ungefähr tausend Bücher, die ich meine, gleichzeitig zu lesen (wahrscheinlich sind es nur zwei). Aber dann…

  5. Pingback: Woanders – Mit einem Kamel, einem Treichel und anderem |

  6. Tania Folaji

    Gute Rezension. Schöne Schlagworte, wie Schlaglichter, die auf den Inhalt und die Art des Erzählens in Tagesanbruch verweisen. Ich stelle gerade Urlaubslektüre zusammen, danke!

    Antwort
  7. Pingback: Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch - Peter liest ...

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