Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

StuckradBarre Panikherz„Aber für einen Fan ist all das wunderbarerweise völlig egal. Diese Musik, die wirkliche Herzensmusik eines Menschen, hatte eine Funktion innerhalb der Biographie, es zählt nur, wann, wobei und durch wen man diese Musik lieben gelernt hat, und diese Musik, die ist es dann und wird es für immer sein. Erst durch das Echo in der eigenen Biographie kann sie individuell bedeutend werden.“ (S. 498)

So und so ähnlich resümiert Stuckrad-Barre in seiner Autobiographie „Panikherz“ immer wieder den Zusammenhang von Biographie und Diskographie: Bestimmte Songs, die für uns in irgendeiner Phase unseres Lebens von Bedeutung waren, werden uns auch immer an diese Phasen erinnern und diese zu hören ist dann eine Zeitreise zu eben dieser Phase, eine Befreiung aus dem Jetzt.

Und das Schöne an „Panikherz“ ist, dass es als Buch in Ungefähr dasselbe leistet für jemanden, der heute zwischen 30 und 40 ist und die Popkultur seiner Jugend mitgelebt hat: In den ersten Kapiteln, in denen Stuckrad-Barre von seiner eigenen Jugend und seinem Aufwachsen erzählt, erzählt er eben von all diesen Bands und Ereignissen, die für die eigene Jugend auch wichtig waren, und seine Reise zurück in die Zeit ist damit auch die Reise des Lesers. Das ist sehr schön zu lesen. Weniger schön sind dann natürlich die darauf folgenden Jahre der Bulimie und der Drogenabhängigkeit, dankenswerter Weise wird aber auch von diesen sehr unterhaltsam und vor allem ohne jedes Selbstmitleid erzählt. Soweit ist „Panikherz“ ein wirklich gelungenes Buch. Leider recht langweilig und irgendwie mittelmäßig sind die letzten gut hundert Seiten, Stuckrad-Barre ist nüchtern und kann das logischerweise nur bleiben, wenn er sich mäßigt. Und das ist alles schön und gut, muss aber wirklich nicht in eine Selbstbeweihräucherung der eigenen Mittelmäßigkeit wie hier münden:

„Ja, verdammt, jetzt SIND wir eben so alt. Aber an so einem Abend darf gesagt werden: Wir sind okay, und hin und wieder machen wie das Beste daraus.“ (S 551)

Der Versuch, das eigene Altern mit „wie sind okay“ irgendwie okay zu reden, ist schon an sich ein bisschen traurig, ebenso wie der Versuch auf diesen letzten hundert Seiten, ewig auf einem Zitat von Fitzgerald herumzukauen, um dem eigenen erzwungenermaßen spießbürgerlichen Lebensstil noch ein literarisches Konzept abzuringen. Die letzten hundert Seiten hätten gut und gerne um 70 Seiten gekürzt werden können. Sonst ist das aber ein wirklich nett zu lesendes Buch, kein wichtiges Buch, keine ganz große Literatur, aber dennoch eine wirklich bereichernde LEKTÜRE (vielleicht übernehme ich diese Art, besonders groteske Deutschlehrer-Begriffe groß zu schreiben, einfach aus dem Roman). Und Stuckrad-Barre kann ja nun auch vermutlich nichts dafür, dass die Verfilmung seines Debüts „Soloalbum“ Matthias Schweighöfer und Nora Tschirner mit zum Durchbruch verholfen hat, die uns nun alle permanent aus allen Bildschirmen der Welt heraus mit ihrem Doppelhaushälften-Humor anblödeln.

Interessant ist, wie hier Popkultur permanent zur Religion verklärt wird: Da ist der Garten des Hotels Charteau Marmont das Paradies und das Gucci-Billboard darüber der Stern von Bethlehem (S. 66f.), Kurt Cobain ist Jesus (S. 112f.), Popmusik wird durch die Apple Cloud transzendent wie Gott (S. 300) und Gottvater selbst Udo Lindenberg. Man könnte jetzt natürlich was von Amüsement als Verlängerung der Arbeit schreiben und das Buch kulturindustrie- und ideologiekritisch lesen, aber das Buch erhebt ja gar nicht den Anspruch darauf, auf eine solche Art analysiert zu werden, also spare ich mir das, und weise lieber darauf hin, wie großartig es ist, wenn Stuckrad-Barre „Authentizität“ als Kriterium für Qualität oder für sonst irgendetwas von sich weist, und stattdessen ein Loblied auf die Künstlichkeit singt. Denn gerade die Künstlichkeit, die Möglichkeit, in Plastikwelten aller Art fliehen zu können, macht nicht nur das Leben erträglich, sondern gibt tatsächlich auch dem Individuum Freiheit. Aber pssst, verratet das nicht den Thoreau-Lesern und Jack-Wolfskin-Jüngern, die meinen, die echte Wirklichkeit, die fände man nur in der guten alten selbsterarbeiteten Magenverstimmung, die man vom letzten Wanderurlaub mitgebracht hat. Schön finde ich auch, wie Stuckrad-Barre in dem Kapitel „Spießertrance“ auf nicht mal 20 Seiten das ganze Buch von Ronja von Rönne besser schreibt als diese. Und schön ist, dass es ein Buch ist, das nahezu danach schreit, danach all die erwähnten Bücher und Platten (wieder)zulesen und (wieder)zuhören. Nervig ist dafür Stuckrad-Barres Drang, dem Leser ständig alles zu erklären, jeden Wortwitz, jede Anspielung – aber da gewöhnt man sich dran.

Mit Udo Lindenberg kann ich immer noch nichts anfangen, obwohl sich „Panikherz“ wie eine Imagekampagne für diesen liest, vermutlich bin ich dafür doch zehn Jahre zu jung. Aber immerhin ist es eine gut geschriebene, unterhaltsame Imagekampagne, die man schon mal lesen kann.

Und vermutlich weiß Stuckrad-Barre auch nicht so recht, wie er in die derzeitige Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch geraten konnte, die ja zu ganzen Feldstudien zur deutschen Seelenlage einläd, gerade wenn man bedenkt, wie teuer die Schmuckausgabe, Verzeihung, kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ eigentlich ist:

SpiegelBestsellerSachbuch070516

Ein bisschen Rechtpopulismus, ein bisschen Natur, ein bisschen Religion, ein bisschen Reichtum für alle, aber Hände weg von unserem Geld. Da kann man schon mal zum Panikherz werden.

 

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12 Gedanken zu „Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Benjamin von Stuckrad-Barre – Panikherz – #Literatur

  2. SätzeundSchätze

    Ach ja, du umreißt in etwa das, warum ich überhaupt keine Lust habe, das Buch zu lesen: Popkultur als Religion. Und das wird jetzt alles so abgenudelt derzeit, rauf und runter.
    Ich warte mal, bis die Popliteraten unserer Tage Klassiker sind (ich mach ja derzeit viel in Goethe und Schiller – der war der Popliterat seiner Zeit), mal sehen, ob dann uns Benjamin überhaupt noch bekannt ist. Wenn, dann lese ich vielleicht auch Panikherz. Bis dahin behalte ich ein ruhiges Herz und ignoriere diesen Kult.

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Na ja, wenn man Schule und Deutschbücher für diese als Kanonisierungsinstanz ernst nimmt, was man wohl muss, dann sind Kracht und Stuckrad-Barre schon Klassiker. Zumindest stehen sie als Beispiele für die neueste Literatur bzw. die Popliteratur in Oberstufendeutschbüchern. Und wenn sie da mal drin sind, ist der Rest recht vorprogrammiert.

      Antwort
      1. SätzeundSchätze

        Im Ernst? Die sind im Deutschunterricht? Na, zumindest werden die Lehrpläne offenbar etwas moderner – ob das dann bei der Jugend ankommt, steht auf einem anderen Blatt. Egal: Der Deutschoberstufenkurs bildet wohl selten die Leser von morgen heran … wer liest, der liest auch ohne (oder trotz) Schule und findet seins. Wobei ich damit nicht den Wert der Bildung (und v.a. das Recht auf Bildung – das bei uns ja immer noch sehr mit sozialem Status gekoppelt ist – Kinder aus ärmeren Familien haben in der BRD schlechtere Bildungschancen, so der Armutsbericht der Wohlfahrtsverbände) herabmindern will – es sind nur meine subjektiven Erfahrungen mit Deutschlehrern, die hier aus mir sprechen …sowohl aus persönlicher Sicht als auch aus dem, was ich im Umfeld erlebte.

      2. kulturgeschwaetz Autor

        Ja, Kracht war ja auch schon verpflichtende Abiturlektüre in NRW. Es geht ja gar nicht darum, ob der gymnasiale Deutschunterricht Leser heranbildet (der Musikunterricht bildet auch keine Musiker heran, der Sportunterricht keine Sportler und der Religionsunterricht keine frommen Kirchenbesucher), sondern es geht darum, welche Autoren in kulturelles Grundwissen im Sinne von „der ist wichtig, den muss man kennen, weil jeder den kennt“ übergehen, und da ist und bleibt die Schule die zentrale Kanonisierungsinstanz.

      3. SätzeundSchätze

        Stimmt natürlich … ich hab hier nur mal so schnell subjektiv herausgeblubbert … (meine Nichte machte gerade Deutsch-Abi in BW, da musste ich mir einiges anhören). Aber aus objektiver Warte: Natürlich, Kanonisierungsinstanz – und damit ist eben mancher Autor, manche Epoche ausgeklammert.

      4. kulturgeschwaetz Autor

        Ja, aber das ist ja in allen Fächern so und hat ja auch praktische Gründe. Nur weil du es erwähnt hast: Ich finde übrigens die Forderung, die Schule wäre tatsächlich für die Ausbildung von persönlichen Vorlieben der Schüler verantwortlich, recht totalitär. Nein, es muss nicht jeder Schüler ein begeisterter Leser sein und es ist mitnichten Aufgabe der Schule, Schüler dazu zu machen, denn das hieße, dass die Schule die Aufgabe hat, Schüler auch hinsichtlich ihrer persönlichen Vorlieben zu formen. Und eben das ist wenig demokratisch.

      5. SätzeundSchätze

        Wollte ich vorhin noch hinzusetzen: Im Grunde ist jeder Leser immer auch eigenverantwortlich – keiner muss sich an Kanons halten, ob die nun die Schule oder Marcel Reich-Ranicki vorgibt – da sind wir vollkommen d`accord.

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  5. Bri

    So, jetzt bin ich auch noch mal hier … habe doch das Buch so lange beiseite gelegt und vor allem so lange für eine Besprechung gebraucht … und wenn das alles noch in meinem Kopf steckt, dann lese ich paralell dazu keine Rezensionen. Jetzt aber schon. Das, woran Du Dich gewöhnen konntest, dieses immer deutlich erklärende, war für mich mehr als nervig. Ich denke gerne selbst mit … das ging hier nicht. Aber manchmal hilft die Musik … in diesem Fall auch. Da konnte ich wenigstens meinen Frieden mit dem Buch machen. LG, Bri

    Antwort

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