Thomas Brussig – Das gibts in keinem Russenfilm

Brussig Russenfilm

Thomas Brussig, ein Autor, der offensichtlich nichts dagegen hat, wenn sein Verlag im Klappentext die Information für wichtig hält, dass er „der einzig lebende deutsche Schriftsteller [ist], der sowohl mit seinem literarischen Werk als auch mit einem Kinofilm und einem Bühnenwerk [gemeint ist das Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“] ein Millionenpublikum erreichte“, als ob Massen zu erreichen ein Kriterium für irgendwas wäre, gibt sich in seinem neuen Roman „Das gibt’s in keinem Russenfilm“ ganz selbstironisch-selbstverliebt. Dass ich dieses Buch tatsächlich ganz gelesen habe, und vor allem dass diese Buch tatsächlich zum Glück irgendwann auch ein Ende hatte, kann ich noch nicht ganz fassen.

Thomas Brussig lässt hier den Schriftsteller Thomas – ein Schelm, der dahinter nicht ein Alter-Ego des Autors vermutet – in einer DDR leben und schreiben, die bis heute fortexistiert und wirtschaftlich dank Windenergie und Elektroautos auf dem Vormarsch ist. Die Wiedervereinigung hat demnach nie stattgefunden. Das hätte ja spannend sein können.

Bemerkenswert ist allerdings an diesem Buch nur, wie langweilig und belanglos jemand über ein Unrechtssystem und sein ständiges Fortexistieren daherplaudern kann. Bei Brussig lesen sich sogar Stasi-Verhörszenen, die es im Roman durchaus gibt, irgendwie so nebensächlich-locker, dass auch der letzte DDR-Nostalgiker das schön finden kann. Dabei versucht er sich sogar an der Kritik der Systeme, allerdings gelingt das nur so dümmlich, das er das vielleicht besser gelassen hätte, schließlich kommt Thomas, die Hauptfigur des Romans, von seiner ersten Reise aus der demokratischen BRD in die DDR zurück, um dabei auf diesem Niveau zu sinnieren:

Ich kam aus dem Land zurück, das – auch von mir – mit „Freiheit“ assoziiert wurde. Aber ich fühlte mich nicht berauscht. Daß ein Leben in Freiheit von jedem einzelnen immer wieder aufs Neue zu erbeuten und zu verteidigen ist, war schon immer mein Verdacht. Daß eine freie Gesellschaft nicht automatisch freie Menschen hervorbringt, begriff ich in den nächsten Wochen. […] Du brauchst nicht die Pressefreiheit, die Versammlungs- oder Meinungsfreiheit, um das Erlebnis der Freiheit zu haben. Der Weg in die Freiheit führt nach innen, und was ansonsten und insbesondere im US-Verständnis unter Freiheit läuft, ist eigentlich nur die Freiheit, Geld zu verdienen, andere über den Tisch zu ziehen, rücksichtslos zu sein. (S. 252)

Da kann eben noch der letzte DDR-Fan, der sich gar nicht vorstellen kann, dass das da so totalitär und das mit der Stasi wirklich so schlimm war, schließlich hatte die DDR ja auch ihre guten Seiten, mit dem Köpfchen nicken und sich über den bösen Kapitalismus ärgern.
Kapitalismuskritik ist wichtig, aber das hier ist dumm, weil es Dinge gleichsetzt, die eben grundverschieden sind und damit den Totalitarismus der DDR verharmlost und die Wichtigkeit von Grundrechten als Nebensächlichkeit ausgibt.

Da hilft es auch nichts, dass das Auftreten diverser Personen des öffentlichen Lebens – Gysi, Heiner Müller, Wagenknecht etc. – in einem historisch anderen Kontext ganz nett ist und dass Brussig im Mund einiger dieser Figuren genau das formuliert, was man ihm vorwerfen muss, nämlich dass seine Bücher belangloses Geplaudere sind. Das wirkt nicht selbstironisch, schon gar nicht selbstkritisch, denn am Ende gibt sich Brussig dann doch immer selbst Recht, indem er permanent im Roman seinen eigenen riesigen Erfolg beim Publikum und die schrulligen Marotten anderer Künstler und Schriftsteller inszeniert.

Der zweite bemerkenswerte Punkte ist, dass Brussig tatsächlich 380 mit Wörtern gefüllt hat, ohne irgendetwas von Belang zu sagen oder irgendetwas Interessantes passieren zu lassen. Selbst das Auftauchen von Kindern, von denen der Autor bislang nichts wusste, liest sich so, dass man dabei denken muss: „Ach so, hm, na ja, egal“.

Es ist ein schrecklich überflüssiges Buch, an dem nichts Gewicht hat und von dem nichts bleibt.

Advertisements

3 Gedanken zu „Thomas Brussig – Das gibts in keinem Russenfilm

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Thomas Brussig – Das gibts in keinem Russenfilm – #Literatur

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s