Jenny Erpenbeck – Gehen, ging, gegangen

Erpenbeck

Dieses Jahr hat sich die Realität ja entschieden, sich an einigen erscheinenden Büchern von Autoren, die auf „k“ enden, zu orientieren, seien diese nun von Houellebecq oder von Erpenbeck. Wenn das im nächsten Jahr so weitergeht, wäre ich den Verlagen dankbar, wenn sie nur Bücher mit angenehmer Realität drucken würden.

In „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck engagiert sich ein alle Klischees erfüllender emeritierter Professor in Berlin für eine Gruppe männlicher afrikanischer Flüchtlinge. Aus welchem Grund er dies tut, ist ihm wohl selbst nicht ganz klar, zunächst wohl aus akademischem Interesse, dann zunehmend aus einer diffusen Gefühlslage heraus.

Leider kommt das Buch über eine Ansammlung von Anekdoten ehrenamtlicher Arbeit mit Flüchtlingen nicht wesentlich hinaus. Interessant ist es aber wohl für unterschiedliche Leser trotzdem, vielleicht gerade wegen dem vergleichsweise losen Zusammenhang, den diese Anekdoten haben: Wer Bücher liest, weil er meint, darin etwas zu lernen, wird hier meinen, etwas über Flüchtlinge zu lernen. Wer Bücher liest, weil er in ihnen (kritische?) Auseinandersetzung mit der Realität sucht, wird hier eine (kritische?) Auseinandersetzung mit dem Akademikermilieu oder mit der Bürokratie oder mit dem Thema „Flüchtlinge“ oder mit Vorurteilen über irgendwas oder weiß der Kuckuck mit was zu finden meinen. Ob diese Offenheit beabsichtigt ist oder nicht, weiß wohl nur Erpenbeck selbst.

So oder so: Die Perspektive ist vorgegeben, letztlich sieht man die Geflüchteten eben immer durch die Augen eines weißen Mannes aus dem Westen, der sich in seinem Verhältnis zu diesen Menschen vorwiegend für sich selbst und das eigene Fühlen interessiert. Eine meiner liebsten Stellen war die, in der die Asylsuchenden in eine andere Unterkunft verlegt werden sollen und Richard, der Protagonist des Romans, sich darüber aufregt, weil man in den Behörden wohl nicht wisse, was es für ihn als Wissenschaftler bedeutet, wenn seine Studien so gestört werden. Wie das Ganze für die Geflüchteten ist, interessiert ihn hier noch nicht. Dies wird sich freilich ein Stück weit wandeln: Richard entwickelt sich, er denkt über ein paar Dinge nach, wirklich weit kommt er dabei aber nicht, denn von der eigenen Nabelschau entfernt er sich bis zum Schluss nicht, entsprechend endet das Buch auch damit.

Dies soll natürlich keine Kritik daran sein, dass der Roman nicht die Wirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität umfassend darstellt und das dieser oder jener Aspekt, dieser oder jener Blickwinkel fehlt. Es ist ein Roman, kein Sachbuch, und die Perspektive ist eben die eines Privilegierten.

Literarisch frage ich mich nach knapp 350 Seiten aber schon, was die Autorin mir da eigentlich erzählen wollte, so ganz hat sich mir das nämlich leider nicht erschlossen. Es geht um einen mäßig interessanten Protagonisten, der eine geringe und mäßig spektakuläre Entwicklung durchläuft (ich könnte nicht einmal sagen, wohin) und allerlei Anekdoten mit Geflüchteten erlebt. Die Figur Richards blieb für mich zu dünn, um wirklich als Rückgrat des Romans herhalten zu können. Letztlich bleibt von diesem Buch für mich nichts, ich lese es fertig, klappe es zu und habe es vergessen. Die einzelnen Geschichtchen sind aus weißer Perspektive treffen beobachtet, auch der ein oder andere Ehrenamtliche dürfte sich hier manchmal wiedererkennen. Aber darüber hinaus finde ich in diesem Buch nichts, das für mich bleibt, ich hätte es eigentlich auch nicht lesen können.

Und das ist doch ein bisschen schade.

Dass Erpenbeck schreiben kann, brauche ich ja aber nicht zu erwähnen. Lesen kann man das schon, man muss aber nicht.

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4 Gedanken zu „Jenny Erpenbeck – Gehen, ging, gegangen

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