Amos Oz – Judas

Oz Judas

„Judas“ von Amos Oz wird ja derzeit überall besprochen, gelobt und empfohlen, und das natürlich vollkommen zu Recht. Hier geht es um den am Anfang des Romans von den eigenen Denkweisen überzeugten Schmuel Asch, der – nachdem er von seiner Freundin verlassen wurde und sein Studium aufgrund von Finanzierungsproblemen an den Nagel gehängt hat – eine Stelle bei dem gebildeten, behinderten Gerschom Wald sowie dessen eigenbrötlerischer, kluger und schöner Mitbewohnerin Atalja Abrabanel antritt. Schmuel soll den älteren Herren nicht körperlich, sondern geistig pflegen, er wird dafür bezahlt, mit ihm zu sprechen. Demgemäß ist der Roman nicht eben reich an äußerer Handlung, dafür umso mehr an innerer, insbesondere gedanklicher. Diskutiert werden die Fragen, wie nahe Liebe und Verrat beieinander liegen, ob Frieden und Nächstenliebe möglich sind und letztlich auch die, ob die historische Entwicklung der letzten 2000 Jahre wohl die Opfer, die sie gefordert hat, wert war.

Oz spielt unterschiedliche Arten des Verrats durch: Judas Verrat an Jesus Christus, der nach Oz Deutung aus echtem christlichen Glauben erwuchs, der als Verrat wahrgenommene Einspruch Schealtiel Abrabanels während der Staatengründung Israels, Schmuels Verrat an Gerschom Wald. Stets kommt Oz dabei zu dem Schluss, dass Verrat immer aus Liebe erwächst. Dabei spaziert Oz nicht nur mit seinem Leser mehrfach sehr stimmungsvoll durch das Jerusalem der 1960er, sondern verknüpft auch auf hohem Niveau die Geschichte Jesu mit der Staatengründung Israels – ein geschichts- wie kulturübergreifendes Unterfangen also. Dabei zeichnet er ganz wunderbar plastische Figuren, man gewinnt sie mit der Zeit tatsächlich etwas gern. Das ist auch gut so, denn wenn man sich wie in meinem Fall mit Theologie/Religionswissenschaft und also mit den Fragen des Romans schon mal länger als fünf Minuten beschäftigt hat, sind viele der Einsichten und Vorschläge desselben gar nicht mehr so bahnbrechend. Nachdem das Buch daneben aber eben wenig Handlung bietet, die zum Weiterlesen anregt, war es gut, dass ich immerhin die Figuren so gern mochte, dass ich trotzdem weitergelesen habe.

Hinzu kommt die wirklich schöne, bilderreiche Sprache. So charakterisiert Oz beispielsweise Schmuel zu Anfang des Romans über dessen Art zu Laufen:

Belebte Straßen überquerte er diagonal, schnell, mit Todesverachtung, ohne nach rechts oder links zu schauen, als stürze er sich in ein Handgemenge, den Kopf mit den Locken vorgestreckt, als freue er sich auf einen bevorstehenden Kampf, den Oberkörper nach vorn gebeugt, sodass der Eindruck entstand, seine Beine würden panisch dem Körper und der Körper dem Kopf hinterherlaufen und als hätten die Beine Angst, Schmuel könne um die Straßenecke verschwinden und sie allein zurücklassen. (S. 11)

Diesen etwas unbedachten, von der Dringlichkeit und Richtigkeit der eigenen Vorhaben und Sichtweisen überzeugten Gang wird Schmuel im Laufe des Romans einbüßen – nicht umsonst endet das Buch damit, dass Schmuel stehen bleibt und überlegt.

„Judas“ ist ein kluger Roman voller liebenswerter Figuren. Leider hat er auch seine Längen, wenn man sich auch sonst mit den darin diskutierten Fragen beschäftigt. Wohltuend aber ist, dass hier keine Antworten gegeben, sondern lediglich viele Fragen aufgeworfen werden. Der Leser ist am Ende genauso ratlos wie Schmuel – aber hoffentlich genauso wie dieser auch ein wenig offener. Das Lesen lohnt sich also auf jeden Fall, denn vielleicht lernt man dadurch, seltener den eigenen Überzeugungen hinterherzurennen und öfter einmal stehen zu bleiben und zu überlegen.

Advertisements

9 Gedanken zu „Amos Oz – Judas

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Amos Oz – Judas - #Literatur | netzlesen.de

  2. Stephanie Jaeckel

    Die Ausgangsthese, Verrat aus Liebe, ist ja schon mal eine ziemlich steile These! Und dann sind Bücher ja oft so: es gibt welche,die einen begeistern, aber gar nicht mal so gut sind, und es gibt welche, die tief gehen, obwohl man sich beim Lesen hier und da langweilt oder sogar auch mal ärgert. Ich bin also mal gespannt! Danke für den Tipp.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s